„Reisende kaufen das Abenteuer, schließen aber gleichzeitig Reiseversicherungen ab“
Der 2024 erschienene und nun als Taschenbuch neu aufgelegte Essay „Auf Reisen verzichten“ der Philosophin Juliette Morice ist eine philosophische Betrachtung, die die Mythen hinterfragt, die unseren Wunsch nach Reisen in die Fremde begleiten.
In Ihrem Buch geht es bei dem Verzicht auf Reisen, den Sie befürworten, nicht darum, dass man nicht mehr fliegen sollte. Worum geht es dann?
Juliette Morice: Man sollte sich nicht einfach nur auf einen Titel und dessen Aussage konzentrieren, sondern auch die Untertitel lesen: Es ist eine philosophische Betrachtung. Ein skeptischer Blickwinkel und kein strafendes Plädoyer, das nun den völligen Verzicht auf das Reisen vorschreibt. Mein Ziel besteht in einer Analyse dessen, was wir meinen, wenn wir vom Reisen sprechen, und darin, die Paradoxien aufzuzeigen, die dieser in uns so tief verankerten Praxis zugrunde liegen.
Juliette Morice ist Philosophin und beschäftigt sich mit dem ReisenWorauf sollten wir also verzichten?
Morice: Auf Vorurteile und Klischees, die mit dem Begriff des Reisens verbunden sind. Wie zum Beispiel der Gedanke, nachdem uns das Reisen glücklich macht, es uns ermöglicht, uns selbst zu entdecken oder andere Menschen zu treffen. Dieses Buch ist eine Fortsetzung meiner wissenschaftlichen Arbeit über den Zweck des Reisens. Diese Fragen stellt man sich bereits seit der Antike, von Platon über die Stoiker bis zu den Schweizer Autoren der Renaissance. Die Beziehung eines Menschen zu dem Raum, in dem er sich bewegt, war schon immer problematisch.
Der Reisende von heute will Abenteuer erleben, gleichzeitig aber Risiken vermeiden. Ist das nicht paradox?
Morice: Bis Ende des 18. Jahrhunderts fürchtete man sich vor Abenteuern, die Reisenden versuchten mit allen Mitteln, den Zufall und dessen mögliche verhängnisvolle Folgen zu vermeiden. Heutzutage kauft sich der Reisende das Abenteuer, schließt aber gleichzeitig Reiserücktritts- und Rücktransportversicherungen ab, als Garantie, dass er unterwegs nicht ums Leben kommt. Man sehnt sich nach einem besonderen Ereignis, weil man dem Alltag entfliehen möchte, erwartet aber gleichzeitig, dass dieses Erlebnis keinerlei Gefahren mit sich bringt.
Ist ein Abenteuer ohne Überraschungen überhaupt noch ein Abenteuer?
Morice: Eine Reise bringt natürlich immer Anstrengung, Müdigkeit und auch Unannehmlichkeiten mit sich. Eigentlich ist es ein seltsames Unterfangen: Man ist bereit, eine Menge Geld dafür auszugeben, dass man sich in unbequeme Situationen begibt. Wie sieht eine gelungene Reise aus? Ein Aufenthalt, bei dem alles nach Plan verläuft? Wenn dem so ist, dann ist die Überraschung im Grunde gleich null. Oder wie Nicolas Bouvier es beschreibt: Eine wirkliche Reise verläuft eben nicht so wie geplant, sie wirft einen aus der Bahn und erfordert eine ständige Neuorientierung. Eine wahre Reise unterscheidet sich grundlegend von der, die man sich vorgestellt hat.
Das Reisen wird heutzutage oft als Gelegenheit „sich selbst zu finden“ beschrieben. Ist es nicht schrecklich naiv zu glauben, dass man sich selbst gerade dann besser verstehen lernt, wenn man Tausende von Kilometern von zu Hause entfernt ist?
Morice: Um die sogenannte Selbstfindung rankt sich eine beeindruckende Mythologie, als sei ein einfacher Ortswechsel bereits dazu in der Lage, uns unsere innere Wahrheit zu offenbaren. Das ist eine uralte Frage. Seneca sagte einmal in Anlehnung an Socrates, es sei sinnlos anzunehmen, dass eine Reise unsere Probleme lösen würde, da wir ja grundsätzlich mit uns selbst auf Reisen gehen.
Und doch bringt uns die Reise irgendwo anders hin, weit weg von unserem Zuhause und unserer Alltagsroutine.
Morice: Ich denke dabei an eine Anekdote der amerikanischen Reporterin Martha Gellhorn. Sie beobachtete in den Siebziger Jahren in Eilat in Israel eine Gruppe von jungen Hippies, die gekommen waren, um „sich selbst zu finden“. Ironisch meinte sie: Ist unser „Ich“ so etwas wie ein Manschettenknopf oder ein Ohrring, der unter das Bett gerollt ist und den man einfach nur wieder aufheben muss? Wenn man es so ausdrückt, klingt es absurd. Und doch wirkt das Reisen dadurch, dass es uns mit neuen Dingen und einer gewissen Orientierungslosigkeit konfrontiert, wie ein Weg zur Selbstfindung. Es deckt keine verborgene Identität auf, sondern ist ein Test für unsere Anpassungsfähigkeit. Es ist so etwas wie eine Prüfung, die unsere Ressourcen angesichts des Unbekannten zum Vorschein bringt.
Wir neigen dazu, den vulgären und einfach mitlaufenden Touristen dem noblen und nach Authentizität strebenden Reisenden gegenüberzustellen. Diese Unterscheidung ist Ihrer Ansicht nach eine Art bürgerlicher und snobistischer Strategie, um sich von der Masse abzuheben. Wie meinen Sie das?
Morice: Diese Geringschätzung stammt aus der Zeit, als der moderne Tourismus aufkam, also im 19. Jahrhundert. Sie basiert auf der Vorstellung, dass es einen grundlegenden Unterschied gibt zwischen dem authentischen, einsamen und romantischen Reisenden und dem mitlaufenden, passiven Touristen. Hinter dieser vehementen Ablehnung der Figur des Touristen steckt sehr oft eine Art verinnerlichter Hass auf sich selbst. Und zwar weil wir ja selbst Touristen sind und uns dieser Umstand unangenehm ist – also kritisieren wir ihn an anderen.
Abgesehen vom Snobismus und der Lächerlichkeit dieser Unterscheidung: Welche negativen Folgen kann sie nach sich ziehen?
Morice: Sie führt zu einer Verwässerung der ökologischen Verantwortung. Wenn er behauptet „Ich reise anders“, rechtfertigt sich der mit hohem kulturellem Kapital ausgestattete Mensch gegenüber dem Massentourismus und weigert sich, seine ausbeuterischen Praktiken zu überdenken.
Im Grunde ist man ja immer für „irgendjemanden ein Tourist“. Warum tun wir uns so schwer, dieses Etikett zu akzeptieren?
Morice: Weil der Spiegeleffekt enorm ist. Was geschieht in uns, wenn wir am anderen Ende der Welt, während unserer Suche nach dem Andersartigen plötzlich einem Landsmann begegnen, der dieselben Kleider trägt, dasselbe soziologische Gepäck mitbringt und dieselbe Kamera in der Hand hat? Der große Mythos der Begegnung mit dem Anderen, dem Fremden, fällt in sich zusammen und macht Platz für das wenig schmeichelhafte Spiegelbild unserer eigenen Banalität und unseres Herdentriebs. Statistisch gesehen sind übrigens die Personen, die man unterwegs am häufigsten trifft, nicht etwa Einheimische, sondern andere Touristen.
Die Tourismusbranche hat sehr wohl erkannt, dass Touristen andere Touristen nicht ausstehen können.
Morice: Das ist richtig. Sie bietet uns Möglichkeiten, uns von der Masse abzuheben, Orte abseits der üblichen Touristenpfade und alternative Ziele. Die Tourismus-Industrie macht aus dieser Einzigartigkeit ihr bestes Verkaufsargument. Doch durch die Vermarktung des Abenteuers oder des Unbekannten vereinheitlicht sie es in einem Maße, dass eine „banale“ Reise letztendlich doch wieder originell wird.
Ist ein Reisender auf der Suche nach den sogenannten „authentischen“ Erfahrungen nicht in Wirklichkeit ein Gefangener eines kommerziellen Exotismus?
Morice: Unsere Einstellung zu diesem Exotismus ist manchmal naiv. Unter den Anthropologen gibt es ein wohlbekanntes Phänomen, das man „Auto-Exotisierung“ nennt. Ob nun bewusst oder unbewusst, spielt die einheimische Bevölkerung letztendlich genau die Rolle, die der westliche Betrachter sich von ihnen erwartet, und zwar weil sich das gut verkauft. Und so liefern sie das „authentische“ Produkt, das vom Reisenden verlangt wird. Gleichermaßen wird oft ein grundlegender Aspekt der Beziehung zum anderen außer Acht gelassen: Sie wird normalerweise völlig einseitig wahrgenommen. Man rühmt sich zwar, man wolle „auf den anderen zugehen“, hat sich jedoch so gut wie nie die Frage gestellt, ob der andere überhaupt den Wunsch nach einer solchen Begegnung hat? Diese Einstellung erhält, unter dem Anschein des Wohlwollens, dadurch die Dynamik einer neokolonialen Dominanz.
Sind wir also dazu verdammt, enttäuscht zu werden? Schließlich verändert ja schon unsere bloße Anwesenheit als Beobachter aus dem Westen die Realität.
Morice: Diese Modifizierung der Wirklichkeit durch die einfache Anwesenheit eines Beobachters stellt eine enorme epistemologische Sackgasse dar. Ich zitiere diesen schwindelerregenden Gedanken oft, indem ich mich auf Georges Perec beziehe: Der Ethnograf, der einen Nomadenstamm studiert und dabei versucht zu verstehen, warum dieser ständig umherzieht, nur um schließlich fassungslos festzustellen, dass dieser Stamm in Wirklichkeit vor seiner eigenen Anwesenheit flieht! Claude Lévi-Strauss beschreibt in „Tristes Tropiques“ (traurige Tropen) auf hervorragende Art und Weise diese Melancholie des Forschers: Unser Drang, andere Menschen zu entdecken, trägt etwas grundlegend Unreines in sich, eine Neugier, die das Objekt seiner Studien verändert.
Heutzutage kauft sich der Reisende das Abenteuer, schließt aber gleichzeitig Reiseversicherungen abMuss man deshalb aufhören, sich für die Welt zu interessieren?
Morice: Nein. Doch der gesündeste Ansatz besteht sicherlich darin, große Zurückhaltung zu beweisen und die Illusion einer vollkommenen Beziehung aufzugeben. Man muss akzeptieren, dass es immer ein gewisses Unverständnis und unechte Authentizität geben wird. Der schlimmste Reisende ist derjenige, der davon überzeugt ist, eine Beziehung zu den Einheimischen hergestellt zu haben und dabei weder die wirtschaftlichen noch die strukturellen Nachteile seiner Präsenz für sie beachtet. Wahre Alterität bedeutet anzuerkennen, dass der andere nicht einfach nur ein Objekt unserer Beobachtung ist, sondern ein Subjekt, das das Recht hat, uns den Zutritt zu verweigern, seine Gebühren und Quoten festzulegen und angesichts der Überflutung durch den Massentourismus zu schweigen.
Dieses Interview erschien zuerst in „Tribune de Genève“, wie WELT Mitglied der „Leading European Newspaper Alliance“ (LENA). Aus dem Französischen übersetzt von Bettina Schneider.
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