Nach dem Abitur wollte Leo Zillmann raus aus Hamburg. Den Kopf freikriegen. Er entschied sich für den Jakobsweg. Als er in Spanien ankam, war der Pilgerweg streckenweise völlig überlaufen, und Zillmann fand eine Lösung.

„Ich hatte eigentlich nie einen Moment, wo ich keinen anderen Pilger gesehen habe, während ich pilgern war“, erzählt der heute 20-Jährige. In Frankreich war auf den Pilgerwegen „nicht so viel los“, aber das änderte sich, je näher Leo Zillmann dem Ziel kam.

„Es war teilweise ein Wettrennen um die Schlafplätze. Manchmal waren ab 14 Uhr alle Herbergsbetten belegt. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich wollte zur Ruhe kommen und die Natur genießen.“

Overtourism nennen Fachleute das Phänomen, bei dem beliebte Reiseziele durch zu großen Ansturm in Mitleidenschaft gezogen werden. Ein Problem, das auch auf beliebten Pilgerstrecken vorkommt.

Klaus Herbers, seit 2016 ist er Präsident der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft, kennt den berühmten Pilgerpfad noch aus anderen Zeiten. Als er die Strecke in den 1970er Jahren zum ersten Mal ging, war sie noch ein Geheimtipp.

Als man sich auf dem Jakobsweg noch verlieren konnte

„Wir mussten uns durchfragen und konnten ab und zu mal in einem Pfarrheim schlafen“, erinnert sich der Historiker. „Als wir im Kloster in Santiago de Compostela ankamen, waren da vielleicht zehn andere Pilger, wenn man von den Tagesbesuchern absieht.“ Damals, so sagt Klaus Herbers, konnte man sich auf dem Jakobsweg noch verlieren. Das sei „heute nicht mehr möglich“, und er hängt mit einem Lächeln ein „leider“ an.

Auch Michael Kaminski kennt den Jakobsweg sehr gut. Er kommt aus Bayern und organisiert für die evangelische Landeskirche Pilgertouren. Mehr als 20.000 Kilometer hat er schon zu Fuß zurückgelegt. Er war erst vor Kurzem auf dem Jakobsweg, genauer auf dem Camino Frances, dem wichtigsten Teilstück. Überfüllt sei die Strecke nicht, meint er.

Dort aber, das weiß er aus Erfahrung, seien sehr viele Tagespilger aus Spanien unterwegs. „Da sind Familien unterwegs und Schulklassen. Ich habe sogar mal den Betriebsausflug einer Kreissparkasse aus Galizien auf diesem Teilstück getroffen.“ Er gibt zu bedenken: „Freilich ist es so, dass die letzten 100 Kilometer die berühmtesten sind.“

Wem das dort dann zu viel wird, dem empfiehlt der Experte eine Route abseits des Camino Frances. Denn der Jakobsweg ist ein Netzwerk, mit vielen unterschiedlichen Abschnitten und Wegen. „Es gibt den Camino de Levante, der von Valencia über Toledo und Avila führt. Auf 1300 Kilometern bin ich dort vier Pilgern begegnet“, berichtet Michael Kaminski. Sein Tipp für alle, die Einsamkeit und Ruhe suchen.

Ausweichen auf andere Routen

Das war auch die Lösung für Leo Zillmann, der den Fußweg von Genf in der Schweiz bis ins nordspanische Santiago de Compostela geplant hatte. Fast fünf Monate wollte er sich Zeit lassen.

Populärer Abschnitt Camino Frances: Pilger auf dem Jakobsweg in der Nähe von Sarria, rund 100 Kilometer vor Santiago

Als der Hauptweg zu voll wurde, suchte er sich eine Pilgerstrecke etwas abseits, den sogenannten Camino del Norte. Dort fand der junge Hamburger, was er suchte: Natur, Ruhe und die Chance, den Kopf freizukriegen.

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