Eis essen wollten wir eigentlich. In der Weinregion Saale-Unstrut sind wir mit dem Rad unterwegs, immer an der Saale entlang, mit Stopp in Bad Kösen.

Doch statt im Eiscafé finden wir uns vor einem riesigen, hölzernen, nun ja, Ding wieder. Oder wie soll man das nennen, was sich da vor uns ausstreckt: ein gigantischer, von Dutzenden Baumstämmen gestützter und mit Reisig verkleideter Wall.

„Ein trojanisches Pferd!“, ruft eine aus unserer Radgruppe. Sie hat wohl gerade „Odysseus“ im Kino geschaut. „Gradierwerk“ steht auf den Schildern. Und was ist das? Bevor wir Google fragen können, mischen sich zwei Frauen ein, die auf einer Bank vor dem Holzmonstrum sitzen.

Sie haben gerade eine Führung hinter sich, sagen sie, und geben ihr Wissen gern weiter: Über das 320 Meter lange Holzgestell läuft Sole, salzhaltiges Wasser. Es tröpfelt über Schwarzdornreisig nach unten, ein Teil des Wassers verdunstet und der Salzgehalt erhöht sich, zugleich lagern sich Verunreinigungen der Sole an den Dornen ab.

„Gradierung der Sole“ nannte man dieses uralte Verfahren zur Kochsalzgewinnung. Mit „Gradierung“ ist die Erhöhung der Salzkonzentration gemeint. Solche Gestelle zur Salzherstellung setzten sich ab dem 16. Jahrhundert durch – in Reichenhall, Kreuznach, Salzuflen und, ab 1779, auch hier in Kösen.

325 Meter lang und bis zu 20 Meter hoch: Dieses hölzerne Monstrum in Bad Kösen ist ein Gradierwerk

„Und dann“, sagen die gut informierten Damen auf der Bank, „hat man festgestellt, dass alle, die in dem Gradierwerk arbeiteten, weniger oft krank waren als andere Leute. Weil die salzhaltige Luft so gesund ist.“

Deshalb ist Kösen, wie so viele andere Orte mit Gradierwerken, zur Bäderstadt avanciert, mit Kurgarten, Therme und illustren Gästen. Der Maler Edvard Munch etwa kurte hier. Bädertourismus statt Salzgewinnung! Das Gradierwerk freilich blieb, die „Freiluftinhalation“ wurde zum Renner. Und deshalb, so die freundlichen Frauen, säßen auch sie jetzt hier: „Man muss ja nur tief einatmen, das tut richtig gut!“

Stimmt: Wenn man nah an das Gradierwerk herangeht, hört man das Rieseln des Wassers. Die Luft ist kühler, feuchter – und es riecht wie an der Ostsee. „Wer hätte das gedacht, Saale-Unstrut liegt am Meer“, murmelt eine aus unserer Gruppe.

Staunend umrunden wir das Gradierwerk, das man zu bestimmten Zeiten auch von innen besichtigen kann. Uns reicht der Blick auf die 20 Meter hohen, dunkel verkrusteten Wände, von denen das Wasser tropft, das dank einer ausgeklügelten Kombination von Wasserrad, Kurbeln und Gestänge aus der Saale hochgepumpt und über ein hölzernes Viadukt weitergeleitet wird. Alles ohne Strom und ohne Motor, reine Mechanik. Unglaublich, was man sich für so ein bisschen Salz alles hat einfallen lassen.

Tief beeindruckt von so viel Erfindergeist und Beharrlichkeit steigen wir wieder auf die Räder. Vielleicht ist es um die Menschheit doch nicht so schlecht bestellt, wenn sie solche Dinge auf den Weg bringen kann.

„Und solche Kuchen backen“, ergänzen wir etwas später. Das Eiscafé hatte zu, was aber kein Unglück war, denn so sind wir im schönen „Café Schoppe“ am Marktplatz gelandet, dessen Tortenvielfalt uns mehr als einmal schwach werden lässt. Aber das weiß man ja: Seeluft zehrt.

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