Wo tonnenschwere Kolosse akrobatische Luftnummern darbieten
Nein, niemand muss hier Angst haben, von einem Wal verschluckt zu werden“, sagt Alexandre Durand-Rapp und lacht. „Aber die Chancen, dass wir einem oder sogar mehreren der Tiere begegnen, stehen nicht schlecht.“ Es ist ein sonniger Morgen am kanadischen Sankt-Lorenz-Strom. Der Guide schiebt gerade sein tomatenrotes Kajak ins eisige Meerwasser.
Seit 2025 ein Youtube-Video viral ging, das zeigt, wie ein Buckelwal einen jungen Kajakfahrer in Chile scheinbar versehentlich verschluckt und sogleich wieder ausspuckt, muss der Guide öfter erklären, dass Quebecs Meeresgiganten gänzlich sanftmütige Riesen sind.
Heute auch: Seine Urlaubergruppe, darunter eine Familie mit aufgeregten siebenjährigen Zwillingen, hofft zwar inständig, den Walen beim Paddeln ganz nah zu kommen – aber wie der Prophet Jona im Bauch eines Meeresungeheuers enden? Das wollen sie natürlich nicht.
Durand-Rapp ist mit den potenziellen Walbeobachtern auf einer Paddeltour am Cap-de-Bon-Désir unterwegs. Die kühlen Gewässer um den felsigen Küstenabschnitt dieses Kaps sind bei Walen und Menschen gleichermaßen beliebt: Die Meeressäuger finden hier ein überreiches Nahrungsangebot aus Krill, Plankton und kleinen Fischen sowie einen sicheren Rastplatz, was die Gegend wiederum zu einem Top-Spot für Walbeobachtungen weltweit macht.
Die größten und schwersten Tiere der Welt
Kaum irgendwo sonst bekommt man so viele Walarten – bis zu 13 – zu Gesicht wie im Saguenay-Sankt-Lorenz-Meerespark im Osten Kanadas. Das Schutzgebiet, zu dem auch Cap-de-Bon-Désir zählt, liegt rund zweieinhalb Autostunden nordöstlich von der gleichnamigen Hauptstadt der französischsprachigen Provinz Quebec. Der beste Zeitraum für Walsichtungen sind die Monate Juni bis Oktober.
Ziemlich einzigartig ist hier die Möglichkeit, von der Felsküste um Tadoussac, das Cap-de-Bon-Désir und Les Escoumins nicht nur verspielte schneeweiße Belugas zu beobachten, für die man sonst in die Arktis reisen muss. Mit etwas Glück lassen sich sogar Blauwale sichten, die größten und schwersten Tiere der Welt.
Nur Nebendarstellerin, wenn der Fokus auf Walen liegt: Kegelrobbe in TadoussacWeil die Küste hier an einigen Stellen ungewöhnlich steil abfällt, lassen sich die Giganten der Meere oft sogar von Land aus beobachten – oder auf einer Kajaktour. Fast lautlos paddelt Durand-Rapp jetzt mit seiner Gruppe an der Küste entlang, wo dichter Mischwald über riesige Felsbrocken wuchert. Seehunde aalen sich mit runden Bäuchen am Ufer in der Sonne.
Nicht weit davon haben auch ein paar Eiderenten eine Ruhepause eingelegt. Eine Kegelrobbe steckt den Kopf durch die Wellen und ist gleich wieder verschwunden. Ein Wal will sich aber vorerst nicht blicken lassen.
Kopfgeld auf Belugas
„Bei Walbegegnungen gilt grundsätzlich, dass wir nicht auf sie zupaddeln und ausreichend Abstand halten“, sagt der Guide, „manchmal begegnen wir hier jedoch kleinen Gruppen von Belugas, die ganz neugierig sind und sehr nahe an die Kajaks herankommen.“ Für die maximal fünfeinhalb Meter langen und bis zu 1500 Kilogramm schweren Tiere wäre es ein Leichtes, die Touristen aus ihren Kajaks zu kippen. Doch Belugas sind äußerst friedliebende Wesen.
„Wir haben hier die südlichste Population weltweit“, sagt Durand-Rapp, „man schätzt, dass es rund 1500 Tiere im Sankt-Lorenz-Strom sind, die von den Gruppen in der Arktis ganzjährig getrennt sind.“ Vor hundert Jahren soll es noch etwa 10.000 Belugas in der Region gegeben haben. „Die Fischer sahen die Tiere jedoch als Konkurrenz an und töteten sie. Auf Belugas wurde von der Regierung zeitweise sogar ein Kopfgeld ausgesetzt. In den 30er-Jahren ließ sie viele Tiere selbst von Flugzeugen aus umbringen.“
Noch mehr setzte der Mensch dem Atlantischen Nordkaper zu, einer weiteren bedrohten Walart, die im Sankt-Lorenz-Strom zu Hause ist. „Weil Nordkaper nur sehr langsam schwimmen und wegen ihrer dicken Fettschicht, die zu Tran verarbeitet wurde, gehören sie bei Walfängern zur begehrtesten Beute“, erklärt der Guide.
Mit nur noch etwa 350 Tieren zählt der Atlantische Nordkaper heute zu den seltensten Walen überhaupt. Seit 1935 steht er bereits unter weltweitem Schutz, 1979 hat Kanada auch die Jagd auf Belugas verboten.
Jubel bricht aus
Plötzlich durchdringt ein aufgeregtes Jauchzen die Stille. Die Zwillinge haben tatsächlich einen Wal entdeckt, der direkt auf die Paddler-Gruppe zuschwimmt. In einiger Entfernung sind erst seine Atemfontäne, dann seine Finne zu sehen, bevor er wieder abtaucht. „Es ist ein Minkwal auf Beutezug“, sagt Durand-Rapp.
Als das Tier plötzlich nur wenige Meter vor den Kajaks der Familie erneut auftaucht, bricht noch einmal Jubel aus. Zwar werden die Tiere, die auch Zwergwale genannt werden, nur selten über zehn Meter lang. Dennoch sind die Kajakfahrer euphorisch, sie in unmittelbarer Nähe zu beobachten. Es muss ja auch nicht gleich beim ersten Paddelabenteuer ein Blauwal im Fahrwasser sein!
Überwältigend: Am Sankt-Lorenz-Strom sieht man Wale sogar von Land ausAuf den größten aller Wale hoffen die Urlauber anderntags bei einem Ausflug mit dem Zodiac. Die Schweizer Meeresbiologin Christine Stadelmann begleitet die Touristengruppe an diesem Morgen. Die Sichtungsquote ist befriedigend: Zunächst zeigt sich ein Minkwal. In einiger Entfernung lässt sich kurz darauf ein Buckelwal sehen – und er zeigt mehr als nur die Flosse.
„Manchmal springen sie fast mit dem ganzen Körper aus dem Wasser“, erklärt Stadelmann. Sie scheinen ihre Lebensfreude gern mit besonders eindrucksvollen akrobatischen Luftnummern zur Geltung zu bringen.
In den weiten und tiefen kanadischen Gewässern scheint die Welt für die Buckelwale noch in Ordnung zu sein. Ganz anders als für ihren Artgenossen Timmy, der sich im Frühjahr in die viel zu flache Ostsee verirrt hatte: Dessen trauriges Schicksal – er starb trotz wochenlanger Rettungsaktion – bewegte im Frühjahr gefühlt ganz Deutschland.
Bedrohung der Meeresgiganten
Für andere Walarten scheinen die Aussichten jedoch nach wie vor nicht glänzend zu sein – selbst im Sankt-Lorenz-Strom. „Wir forschen noch immer, warum zum Beispiel die Population der Belugas weiterhin nicht anwächst oder sogar leicht sinkt“, so Stadelmann. Dafür gebe es verschiedene Gründe: „Der Klimawandel ist natürlich ein Problem“, es gebe weniger Eis, weniger Eisalgen, weniger Krill, weniger Nahrung.
Schnappschuss der Schwanzflosse: Ein Buckelwal posiert unbewusst für die Touristen im Gummiboot„Das Wasser der Großen Seen an der Grenze zwischen Kanada und den USA endet im Sankt Lorenz – es wird wärmer, die untere Schicht hat fast keinen Sauerstoff mehr. Aber auch der Schiffsverkehr und sein Motorenlärm schaden den Tieren.“ Zudem spiele die Meeresverschmutzung eine Rolle.
Im CIMM, einem Informationszentrum für Meeressäuger in Tadoussac unweit der Stelle, wo der Saguenay-Fjord in den Sankt-Lorenz-Strom mündet, möchten die Wissenschaftler auch Touristen für die Bedrohung der Meeresgiganten sensibilisieren.
Hier können Urlauber riesige Skelette von verschiedenen Arten bestaunen und sogar anfassen, Barten und Zähne von Walen in die Hand nehmen und in einem Kinosaal eindrucksvolle Walaufnahmen heimischer Arten sehen. „Sogar Kinder lernen so ganz spielerisch etwas über das Leben der Wale und wie wir sie schützen können.“
Sichtung von Land aus
Auch vom Zodiac aus lassen sich heute keine Blauwale sichten, Stadelmann versichert jedoch, dass man die Tiere mit etwas Glück sogar von Land aus sichten könne. „Einmal konnten wir sogar einen ganz in der Nähe von meinem Büro beobachten“, sagt sie. „Das war schon sehr beeindruckend.“
Währenddessen hält am Cap-de-Bon-Désir, etwa 30 Kilometer von Tadoussac entfernt, ein Ranger der kanadischen Naturschutzbehörde Parcs Canada mit dem Fernglas nach Walen Ausschau. Wie an fast jedem warmen Tag sitzen auch an diesem Abend überall kleine Touristengruppen auf den Felsen.
Familien und Liebespaare blicken gebannt auf das Wasser des Sankt-Lorenz-Stroms, das heute fast wellenlos vor ihnen liegt. Immer wenn die Finne eines Mink- oder Buckelwals in der Nähe der Küste auftaucht oder die Tiere ihre meterhohen Atemfontänen in die Luft prusten, ertönen Freudenschreie von Erwachsenen und Kindern.
In einiger Entfernung sind später auch die weißen Rücken von ein paar Belugas zu sehen. Noch weiter draußen auf dem offenen Meer hat der Ranger plötzlich auch einen besonders großen Meeressäuger entdeckt. „Ein Finn- oder sogar ein Blauwal“, sagt er. Ganz sicher ist er sich nicht.
Den um ihn versammelten Touristen ist es egal, ob sie den größten oder zweitmächtigsten aller Wale durch ihre Ferngläser sehen. Ihre Begegnung mit Kanadas Giganten der Meere wird ihnen in jedem Fall riesig in Erinnerung bleiben.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Zum Beispiel mit Air Canada oder Lufthansa nonstop nach Montreal. Von dort sind es drei Stunden per Auto zum Saguenay-Sankt-Lorenz-Meerespark.
Wo wohnt man gut? In unmittelbarer Nähe zum Saguenay-Fjord liegt das in die Natur eingebettete Feriendorf „Ferme 5 Étoiles“, Doppelzimmer ab 86 Euro, Optionen auch für Camper (ferme5etoiles.com). Bei Familien beliebt ist der „Club Med Québec Charlevoix“, Doppelzimmer ab 449 Euro (clubmed.de). Eine der beliebtesten Unterkünfte im Whalewatching-Ort Tadoussac ist die „Auberge La Galouïne“, Doppelzimmer ab 93 Euro (lagalouine.com).
Veranstalter: Geoplan Privatreisen stellt individuelle Touren durch Ostkanada zusammen, eine 18-tägige Selbstfahrerreise führt am Sankt-Lorenz-Strom entlang und bietet mehrere Whalewatching-Möglichkeiten, ab 3390 Euro pro Person im Doppelzimmer inklusive Flug und Hotel (geoplan-reisen.de). Canusa hat Wohnmobilreisen ab Montreal im Programm, zwei Wochen Quebec und Sankt-Lorenz-Strom ab 529 Euro prp Person ohne Flug (canusa.de).
Weitere Infos: bonjourquebec.com; quebecmaritime.ca; destinationcanada.com
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Bonjour Québec und Geoplan Reisen. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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