Rom – die Stadt, die noch den banalsten Alltag veredelt
Am Schluss sinkt man völlig erschöpft in einen der rotgoldenen Brokatsessel, die sie im Palazzo Colonna aufgestellt haben, vermutlich eigens für Besucher, die vom Rausch der Schönheit mitgerissen werden und irgendwann einfach nicht mehr können.
Seit 31 Generationen lebt die Adelsfamilie Colonna am Quirinalshügel. Sie hatte viel Zeit, um ihren Palazzo bis unters Dach mit überbordender Pracht und einer kostbaren Kunstsammlung zu füllen. Jeden Freitag und Samstag öffnen die prächtigsten Säle für Besucher.
Es ist eine wunderbare Möglichkeit, Rom in all seiner Üppigkeit kennenzulernen – seit Jahrtausenden und bis heute verkörpert die Ewige Stadt das Idealbild einer Metropole.
Übersättigung und Schönheit aus 2500 Jahren
Im Palazzo Colonna schreitet man über Marmorböden, vorbei an blassrosa Säulen und unter Kristalllüstern hindurch, die in doppelten Reihen an freskierten Deckengewölben hängen. Spiegelglas ist mit Engelsszenen und Blütenarrangements in Pastelltönen bemalt. Antike Skulpturen säumen die Wände, dahinter Gemälde von Rubens und Tintoretto, Perugino und Ghirlandaio, von Brueghel und Bronzino, in Petersburger Hängung, einfach so, wie anderswo Urlaubspostkarten an der Kühlschranktür.
Man hat natürlich alles in sich hineingesogen, bis irgendwann dieser paradoxe Zustand erreicht war, der zu jedem Rombesuch gehört – totale Übersättigung bei anhaltender Gier und Angst, etwas übersehen zu haben.
Ein Fest der Schönheit: Der Palazzo Colonna ist bis unters Dach voll mit Pracht, Prunk und KunstBlick in die Galleria Colonna im Palazzo ColonnaSo weit kann man die Augen gar nicht aufreißen, um all das aufzusaugen, was sich hier in 2500 Jahren an Schönheit angesammelt hat. Jede Epoche packte immer noch eine Schicht Sehenswertes drauf. Die etruskischen Könige und römischen Kaiser, die Renaissance-Päpste und Barock-Patrizier.
Selten wurde etwas weggeworfen, im besten Fall arbeitete man etwas Altes erfinderisch zu Neuem um. Machte Tempel zu Kirchen, mauerte antike Podeste in mittelalterliche Backsteinwände ein, fasste Grünpflanzen mit Splittern von Tempelfriesen ein. Auf der Wiese hinter dem Marcellus-Theater ließ man Säulentrümmer liegen, wo sie jenen römischen Charakterzug verkörpern, den Kritiker als Menefreghismo bezeichnen: gleichgültige Wurschtigkeit. Man kann es auch Großzügigkeit nennen.
In jedem Winkel Roms wartet ein Geschenk. Nie enttäuscht der Blick um die Ecke, wo sich immer noch ein weiteres hinreißendes, völlig unbeachtetes Ensemble aus barocker Kirchenfassade und in Sonnenuntergangsorange getünchtem Palazzo verbirgt.
In jeden Hof gilt es hineinzuschleichen, um sich am typischen Triptychon aus Springbrunnen, Statue und Magnolie zu erfreuen, während die Portiersfrau in ihrem Glaskasten die Katze streichelt und einen einlädt, näherzutreten: „Venga, venga!“ Immer wieder spannen Pinien hoch über den Dächern ihre hellgrünen Schirme auf und verleihen dem Licht jenes tiefe, metaphysische Leuchten, das es auf der ganzen Welt nur einmal gibt: hier in Rom.
Man halluziniert sich Sophia Loren herbei
Die Schönheit dieser Stadt adelt die banalsten Alltagsszenen. Wo stellt die italienische Rugby-Nationalmannschaft ihr neues Trikot vor? Natürlich im klassizistischen Kreuzgang des Bramante, einem Ort sublimer Eleganz und Harmonie, dem ersten Gebäude des großen Renaissance-Architekten Donato Bramante.
Und was geschieht dort am Tiberufer, unter der ausladenden Libanon-Zeder? Menschen mit Proseccogläsern wandeln im satten Vorabendlicht durch die Gärten der Villa Farnesina, einer der prächtigsten italienischen Renaissance-Bauten. Es ist nur eine Tagung, doch der Glanz von Rom strahlt auch auf das mittlere Management ab, das sich hier zum Thema Selbstoptimierung in der Hauptstadt getroffen hat.
Stillleben: Das römische Stadtviertel Trastevere, wo Wäsche zum Trocknen in den engen Gassen hängtNicht weit von der Villa Farnesina liegt Trastevere, das Viertel der krummen Gassen am Fuße des Gianicolo-Hügels. Dort lässt es sich gut in kleinen Ferienwohnungen unterkommen. Typischerweise liegt eine solche an einem mit Topfpflanzen vollgestellten Innenhof. Ockerfarbener Putz bröckelt; auf einer Leine trocknet Wäsche; darüber ein rechteckiges Stück blauer Himmel. Alles sieht aus, als müsste gleich Sophia Loren mit dem Nudelsieb in der Hand auf den Balkon treten. Doch da sitzen nur andere entzückte Airbnb-User. Trastevere ist halt kein Geheimtipp.
Eine Vespa auch nicht. Trotzdem gehört sie dazu, zum echten Rom-Gefühl. Man kann sie für ein paar Tage mieten, zum Beispiel bei Francesco, der zwischen den lärmenden Aperitif-Bars von Trastevere einen kleinen Zweiradverleih betreibt und Dostojewski liest, während er auf Kundschaft wartet. Touristen, denen wegen des Verkehrs in der Stadt etwas mulmig ist, beruhigt er mit einem entspannten „Ach was!“ und einem Tipp: „Nur nicht auf der Busspur fahren, das wird teuer.“
Auf der Vespa durch die Stadt
Am ersten Morgen geht es auf der Vespa noch etwas unsicher durch den Berufsverkehr bis zur „Pasticceria Regoli“, einem schlauchartigen Lokal in der Nähe von Roma Termini, dem Hauptbahnhof. Hier frühstücken Römer am Tresen vor der zischenden Espressomaschine etwas, das sich nur mit dem römischen Hang zur Üppigkeit erklären lässt: Maritozzi.
Es sind süße, weiche Hefebrötchen, die in der Mitte aufgeklappt und so dick mit Schlagsahne bestrichen werden, bis man das Brötchen fast nicht mehr sieht. „Das war ursprünglich mal eine Art Verlobungsgabe des Römers an seine Braut“, erklärt der Barista und klappert mit den Espressotassen. Es gäbe auch noch eine Version für die Fastenzeit: etwas kleiner, dafür mit reichlich Pinien und Rosinen im Teig. Das kommt dabei heraus, wenn sie sich in Rom in Zurückhaltung versuchen.
Üppig: Mit Sahne gefüllte Maritozzi werden in Rom gern zum Frühstück verputztNach dem Maritozzi-Frühstück läuft es mit der Vespa gleich viel flüssiger. Es macht Spaß, Teil des großen Brausens zu sein, mit dem die Motorroller die vielspurigen Uferstraßen am Tiber erfüllen. Unter den Platanentunneln durchzuknattern und sich rund um die Engelsburg in die Kurve zu legen, als sei sie eine gewöhnliche Kreisverkehr-Bebauung und nicht fast 2000 Jahre alt.
Es macht sogar Spaß, um die Mülltüten herumzukurven, die sich neben den nicht geleerten Abfalltonnen auftürmen. Denn sie beweisen ja nur, dass Rom, die Schöne, für schnöde Arbeiten nicht gemacht ist; noch kein Bürgermeister hat daran bisher etwas ändern können. Kratertiefe Löcher im Straßenpflaster, die einfach nicht geflickt werden, schwarz verkohlte Linienbusgerippe am Straßenrand, ungepflegte, zerrupfte Grünflächen: Es sind die Brandlöcher in der Garderobe dieser Stadt, in der natürlich nicht alles schön ist.
Über die kann sich Paolo D’Angelo ziemlich ärgern. Mehr noch als über Korruption und Vetternwirtschaft in der Ewigen Stadt, „denn diese dunklen Elemente hat es immer gegeben, das war nun mal die Kehrseite von Pomp und Großartigkeit“. Aber diese Vernachlässigung? Nicht zu entschuldigen.
D’Angelos Urteil gilt etwas; er ist Professor für Philosophie an der Universität Roma Tre, Fachgebiet Ästhetik. Genau der richtige Gesprächspartner, wenn man wissen möchte, warum alle Welt Rom so schön findet. Treffpunkt ist in der Centrale Montemartini, einem ehemaligen E-Werk, vor dessen riesigen, schwarzglänzenden Turbinen und Motoren heute antike Statuen ausgestellt sind. Ein irrer Kontrast.
„Harmonie“, lässt der Professor wissen, „ist kein Kriterium für Schönheit. Rom ist schön, weil es vielgestaltig ist und üppig. Jeder findet hier das Seine. Dass die Palazzi Patina haben, dass den Statuen die Köpfe fehlen, stört die Wahrnehmung nicht, im Gegenteil. Wir schätzen den Zahn der Zeit.“
Und dann kommt er mit einer interessanten Theorie: Dass Rom gefällt, weil sich unsere Idee von Schönheit überhaupt erst durch die römische Kunst geformt hat. „Künstler wie Claude Lorrain haben hier gelebt und von Michelangelo und Raffael gelernt. Sie haben die römische Architektur und Landschaft gemalt. Bilder, die wir schön finden. Und deren Inhalt wir wiederentdecken, wenn wir in die Stadt kommen.“
Das würde jedenfalls erklären, warum sich die Welt mit dem zeitgenössischen Rom so schwertut. Es gäbe auf diesem Feld einiges zu sehen: Renzo Piano hat den Parco della Musica entworfen, Zaha Hadid das Kunstmuseum MAXXI, Massimiliano Fuksas ein gläsernes Kongresszentrum, dessen Auditorium in einer Art Wolke zu schweben scheint. Doch diese Bauten liegen in den Außenbezirken, als gehörten sie nicht dazu oder trauten sich nicht näher heran.
Kilometerlange Galerien: Die Vatikanischen Museen zählen mit gut 70.000 Kunstwerken zu den üppigsten Sammlungen weltweitPrunkvolles Treppenhaus in den Vatikanischen Museen, wo kunstinteressierte Besucher Tage verbringen könnten, ohne auch nur einen der rund 1400 historischen Räume doppelt zu betretenUnd so steht man als Besucher dann eben doch wieder vor den Vatikanischen Museen. Mit einer Besonderheit: Dieses Mal ist es fünf Uhr früh. Der Tag ist noch grau, die Vögel stumm, das große Portal in den abweisenden Vatikanmauern fest verschlossen. Dann öffnet sich die Holztür einen Spalt.
Ein schwacher Lichtschimmer dringt heraus, begleitet von Rasierwasserduft und Zigarettenrauch: Gianni Crea, oberster Schlüsselmeister der Vatikanischen Museen, wünscht „buongiorno“ und bittet herein. Der 52-jährige Römer herrscht über die 2979 Schlüssel einer der größten und großartigsten Kunstsammlungen der Welt.
Allein in der Sixtinischen Kapelle
Jeden Morgen, bevor der tägliche Ansturm der Besucher durch vier Kilometer Museumsgänge und zu zigtausend Exponaten beginnt, macht sich Crea mit Anzug, feiner Krawatte und onduliertem Haar auf seinen Rundgang durch Säle und Korridore. Vier Schlüsselbünde mit einem Gesamtgewicht von drei Kilo trägt er in seinen Händen. Aufschließen, Licht anschalten, nach dem Rechten sehen, das sind seine Aufgaben.
Man kann ihn begleiten. Im Halbdunkel steigt man dann mit Crea die Treppen hoch, huscht vorbei an weltberühmten Statuen, die auf ihren Sockeln schlafen, klackert durch die menschenleeren Gänge der gemalten Landkarten und Tierskulpturen. Crea öffnet Türen und drückt auf Schalter; Licht flutet über etruskischen Schmuck, über römische Lapidarien, über flämische Wandteppiche, über den ganzen herzergreifenden Überfluss an Schönheit und Kunst.
„Buongiorno“ mit Dutzenden Schlüsseln: Gianni Crea ist der oberste Schlüsselmeister der Vatikanischen MuseenBis Gianni Crea einem einen alten Eisenschlüssel in die Hand drückt und auf eine schmale Holztür zeigt. Man müsse den Schlüssel schräg hineinstecken, damit er greife, sagt er. Die Tür öffnet sich mit leichtem Quietschen, kalte Luft dringt heraus. Es geht ein paar Stufen hinab, dann schaltet der Schlüsselmeister das Licht an.
Und der Besucher hat die Sixtinische Kapelle, diese einzigartige Rundumpackung aus Michelangelo und Deckenfresken, aus Schöpfungsgeschichte und Jüngstem Gericht, aus lichten Farben und perfekt gemalten Körpern, ganz für sich allein. Ein Gefühl, als säße man mit der Mona Lisa im Wohnzimmer. Ein bisschen viel auf einmal, aber daran dürfte man sich inzwischen gewöhnt haben. Denn mehr ist mehr. Jedenfalls in Rom.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Zum Beispiel mit dem ÖBB-Nachtzug ohne Umsteigen von München nach Rom (nightjet.com). Ansonsten bieten viele Airlines Nonstop-Flüge nach Rom an, darunter Lufthansa, ITA Airways und Eurowings.
Wo wohnt man gut? „Hotel Locarno“, Boutiquehotel an der Piazza del Popolo mit behaglichen Zimmern im Stil der 1920er-Jahre und einer fantastischen Dachterrasse, Doppelzimmer mit Frühstück ab 422 Euro (hotellocarno.com). „Hotel Parlamento“: Hier kann man nicht nur leibhaftigen Abgeordneten im Hotelflur begegnen; dank der zentralen Lage zwischen Pantheon und Spanischer Treppe (und nahe am italienischen Parlament) wohnt man in dem modern gestalteten Haus im Zentrum allen Geschehens, Doppelzimmer mit Frühstück ab 240 Euro (hotelparlamento.it). „Casa di Santa Brigida“: Die Brigittinnen aus dem Kloster an der schönen Piazza Farnese vermieten komfortable Zimmer, die Gäste schlafen unter Marienbild und Kruzifix, von der Terrasse blickt man auf den Petersdom, Doppelzimmer mit Frühstück 200 Euro (casabrigidaroma.it).
Vatikanische Museen: Der frühmorgendliche Rundgang mit dem „Clavigero“ durch die Vatikanischen Museen und in die Sixtinische Kapelle kann über die Website der Vatikanischen Museen gebucht werden, hat mit 539 Euro allerdings seinen Preis. Das reguläre Ticket kostet ab 29,95 Euro (vatican.museum).
Weitere Infos: Italienische Zentrale für Tourismus, enit.de
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von den Vatikanischen Museen. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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