Was Helsinki zur glücklichsten Stadt der Welt macht
Ein Plätschern dringt durch gedämpfte Musik und das leise Schnattern der Besucher. Wasser rinnt eine Felswand hinab. Hoch über den Köpfen das runde Dach, dessen Zentrum aus tausenden Kupferteilen zusammengesetzt ist und wirkt wie die Scheibe einer dunklen Sonne. Betonstreben bilden ihre Strahlen, zwischen ihnen Glas, das Tageslicht in die Temppeliaukio-Kirche leitet und den Blick auf den Himmel freigibt. Das Gotteshaus ist tatsächlich in den Granit gehauen. Die Felswände changieren von Rot über dunkelstes Grau bis hin zu fast Weiß, teils wie marmoriert.
In dem kreisrunden, spektakulären Sakralbau herrscht eine ganz besondere Atmosphäre, feierlich, erhaben, gleichzeitig aber auch sehr weltlich, als eine Dame mit zwei Kaffeebechern bewaffnet neben den Altar tritt. An der Kanzel aus Sichtbeton ranken Grünpflanzen. Eine asiatische Touristin setzt sich auf den Sims, um Selfies zu machen. Aus den Lautsprechern erklingt plötzlich eine weibliche Stimme: „Dear visitors, we ask for silence please. Shhhhhhh.“ Die Kirche ist eines der architektonischen Highlights der finnischen Hauptstadt – und ein Besuchermagnet.
In den Fels gehauen: die Temppeliaukio-KircheFinnland wurde dieses Jahr zum neunten Mal in Folge im „World Happiness Report“ der Vereinten Nationen zum glücklichsten Land der Welt gekürt. Das hängt neben – klar – sozialer Sicherheit und Freiheit natürlich auch mit der großartigen Natur zusammen, den endlosen Birkenwäldern, den vielen Seen und der rauen Ostseeküste. Zum Glücklichsein kann auch die gebaute Umgebung beitragen – und Finnlands Hauptstadt Helsinki wartet mit viel außergewöhnlicher Architektur auf. Weil die Innenstadt sehr kompakt ist, lässt sie sich ganz hervorragend zu Fuß erkunden.
Den Besuch der 1969 von den Architektenbrüdern Timo und Tuomo Suomalainen in den Fels gebauten Temppeliaukio-Kirche hatte der Innenarchitekt Esa Naukkarinen unbedingt empfohlen. Naukkarinen gehört zum Team des Interiordesign-Büros von Carola Rytsölä, die sich auf Projekte in denkmalgeschützten Gebäuden spezialisiert hat. Das jüngste: Das „Grand Hansa“, das 2024 in dem Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten „Neuen Studentenhaus“ und dem ehemaligen „Hotel Seurahuone“ eröffnet hat.
Ein Besuch in seiner Bar „Kupoli“ in der vom Pantheon in Paris inspirierten Kuppel lohnt auch für Nicht-Hotelgäste: Wo früher der Kamin des hoteleigenen Kraftwerks untergebracht war, nippt man heute zur Cocktailstunde an saisonalen Drinks wie Rhabarber-Solstice (eine Mai-Tai-Variante) und blickt über die Dächer der Stadt.
Helsinkis Hauptbahnhof. Den Uhrenturm kann man im Rahmen geführter Touren besteigenGleich um die Ecke liegt eine weitere Pflichtstation für Architekturfans: der Hauptbahnhof mit seinen vier monumentalen Fassadenstatuen; erbaut aus rotem Granit im Stil der finnischen Nationalromantik mit starken Art-Déco-Einflüssen. Sein markanter Uhrenturm wurde gerade im Rahmen einer umfassenden Sanierung des gesamten Bahnhofs restauriert und ist jetzt erstmals im Rahmen von geführten Touren zu besichtigen (die Urgroßnichte von Architekt Eliel Saarinen bietet sie zum Beispiel an, saarinentours.com). Aufgewertet wurde auch der grandiose ehemalige Erste-Klasse-Wartesaal: Der ist jetzt ein Restaurant namens „Taulu“, dort gibt es seit Kurzem statt Fast Food finnische Klassiker wie Rentier-Tatar und Fleischklößchen.
Zur Kategorie „finnische Klassiker“ gehören auch die Mumins – und Marimekko. Die Mumin-Geschichten von Tove Jansson (1914–2001) rund um die knubbeligen, nilpferdartigen Trollwesen, die inzwischen auch Geschirr, Handtücher und Fahrradreflektoren zieren, sind einer der Exportschlager Finnlands. Ähnlich wie die Produkte von Marimekko, des 1952 gegründeten Unternehmens, das für farbstarke, großformatige Muster steht. Die grafisch reduzierten Mohnblumen des Unikko-Prints kennt man auf der ganzen Welt – und entdeckt sie in Helsinki immer wieder im Stadtbild, auf Regenschirmen, Taschen, Tischdecken.
Ein Gebäude, das definitiv zur positiven Glücksbilanz in Helsinki beiträgt, ist die Oodi-Zentralbibliothek gleich gegenüber dem finnischen Parlament. Der wellenförmige Bau mit einer geschwungenen Fassade aus hellem Holz und Glas, im Dezember 2018 eröffnet, wird gern als „Wohnzimmer Helsinkis“ bezeichnet. Sieben Tage pro Woche kann man hier spielen, werken, musizieren – und natürlich Bücher ausleihen. Am Eingang spielen Teenager Schach, per Rolltreppe geht es in den ersten Stock, wo sich nicht nur Proberäume befinden (man kann sich sogar Instrumente ausleihen), sondern auch Werkstätten mit 3D-Druckern. Selbst voll ausgestattete Küchen lassen sich hier anmieten. Auf dieser Etage geht es so wuselig zu wie in einem Ameisenhaufen.
Ein öffentlicher Raum im besten Sinne
Doch der wahre Aha-Effekt stellt sich ein, kommt man in der obersten Etage an – wo die Bücher zu finden sind. Ein offener, luftiger, lichtdurchfluteter Raum mit weißen Bibliotheksregalen, die so niedrig sind, dass man über sie hinwegsehen kann. Das sorgt für Transparenz und Weite. Auf der einen Seite breite Stufen mit unterschiedlichen Sitzgelegenheiten, in der Mitte ein Café, am anderen Ende ein Bereich für Familien mit kleinen Kindern.
Licht fällt nicht nur durch die Glasfassade, deren Scheiben mit kleinen weißen Punkten bedruckt sind – ein Effekt wie freundliches Schneegestöber oder Konfettiregen. Hell ist es auch dank der runden Lichtschächte in der geschwungenen Decke, die wie ein Echo jener aus dem Boden wachsenden Oberlichter des unterirdischen Kunstmuseums Amos Rex wirken, das sich nur gut 500 Meter Luftlinie entfernt befindet. Einen lang gezogenen Balkon für Tage, an denen es weniger grau und kühl ist als heute, gibt es auch, mit Blick auf das gegenüberliegende klassizistische Parlamentsgebäude. Diese Bibliothek ist ein öffentlicher Raum im besten Sinne. Ein Ort zum Neidischwerden.
Finnland ist ein relativ junger Staat, Helsinki eine junge Hauptstadt. 1809 wurde Finnland vom russischen Zarenreich geschluckt, 1812 wurde Helsinki dann Hauptstadt des autonomen finnischen Großfürstentums. Rund um den Senatsplatz (Senaatintori) entstand ein klassizistisches Stadtzentrum nach Plänen des deutschen Architekten Carl Ludwig Engel – Sankt Petersburg diente als Vorbild. 1917/18 wurde Finnland unabhängig, 1919 parlamentarische Republik. Engels weißer Dom, der auf dem Senatsplatz thront und 1852 fertiggestellt wurde, ist das bekannteste Wahrzeichen der Hauptstadt.
Hier treffen sich Einheimische zum Lunch oder Kaffee
Engel baute auch das heutige Präsidentenpalais am östlichen Ende des Esplanadi-Boulevards um, ursprünglich für Zar Nikolaus I.. Vor dem klassizistischen Palais, wo sich 2018 Donald Trump und Wladimir Putin trafen, liegt der Marktplatz, direkt am Hafen, wo die Fähre zur Unesco-Weltkulturerbe-Festung Suomenlinna (und zur Sauna-Insel Lonna) abfährt. An den Ständen mit Zeltdächern gibt es Gemüse, Blumen, Fisch und Souvenirs, doch Helsinkis Bürger treffen sich hier auch zum Lunch oder Kaffee – an den Tischen flattern, natürlich, bunte Tücher mit dem Unikko-Muster von Marimekko. Selbst den Staatspräsidenten sieht man hier gelegentlich beim Mittagessen, erzählt Kathrin Deter. Die junge Luxemburgerin lebt seit 16 Jahren in Helsinki und arbeitet als Producerin und Guide.
Vom Markt aus hat man gleich mehrere Wahrzeichen im Blick: die backsteinrote russisch-orthodoxe Kathedrale Uspenski – ihre Errichtung 1868 war ein Symbol der russischen Herrschaft über Finnland. Am Wasser das Allas-Seebad von 2017, dahinter der „Zuckerwürfel“ von Alvar Aalto. Der schlichte weiße, mit italienischem Marmor verkleidete Bau, für den Aalto auch das gesamte Interieur entworfen hat, 1962 als Sitz des Papierkonzerns Enso-Gutzeit konzipiert, sorgte damals für große Kontroversen, heute ist man froh über dieses Wahrzeichen der Moderne.
Alvar Aaltos Meisterwerk: Die Finlandia-Halle mit ihrer wie gewebt wirkenden MarmorfassadeArchitekt Alvar Aalto (1898–1976) hat überall in der Stadt Spuren hinterlassen. Nicht nur in Form von Gebäuden wie dem Zuckerwürfel, der Akademischen Buchhandlung oder der 1971 fertiggestellten Finlandia-Halle, deren ebenfalls mit weißem Marmor verkleidete Fassade wie gewebt wirkt und die voriges Jahr nach umfassender Renovierung wiedereröffnet wurde. Sein Meisterwerk. Gemeinsam mit zwölf weiteren seiner Bauten soll es Unesco-Weltkulturerbe werden. Im Juli wird darüber entschieden.
Das Sommer-Wohnzimmer Helsinkis
Aaltos Gebäude sind von großer Klarheit, aber nie streng. Modern und funktional, aber immer warm. Einen schönen Kontrast bildet der 2016 angelegte Töölönlahti-Park: Hier üppige Staudenbeete mit Gräsern und leuchtenden Blüten von Sonnenhut bis Dahlien, dort Klettergerüste, Hollywoodschaukeln, Grillmöglichkeiten und Wasserzugang – er ist so etwas wie das Openair-Pendant zur Oodi, ein Sommer-Wohnzimmer Helsinkis.
Fast noch mehr als mit seinen Bauten hat Aalto – gemeinsam mit seiner Frau Aino – mit Möbeln und Haushaltswaren finnische Haushalte geprägt. Allen voran sein minimalistischer Hocker „60“ mit seiner runden Sitzfläche und den drei Beinen aus hellem Birkenschichtholz. Bis heute gehört der 1933 entworfene, viel kopierte Hocker zur Grundausstattung fast jedes finnischen Hauses. Aalto hatte 1935 zusammen mit Aino und weiteren Mitstreitern das Unternehmen Artek gegründet – mit dem Ziel, „Möbel zu verkaufen und eine moderne Wohnkultur zu fördern“.
Ihre Möbel und Leuchten gehören zu den Ikonen des finnischen Designs, genauso wie die Glaswaren. Am bekanntesten ist die „Savoy“-Vase, zu deren geschwungener Form ihn die Seen seiner Heimat inspiriert hatten. Oder die schlichten, breit geriffelten Trinkgläser von Aino Aalto, ebenfalls Architektin, ein Entwurf von 1932, der bis heute genauso wie die „Savoy“-Vase zur Kollektion der Firma Iittala gehört. Arteks Flagship-Store (in einem von Eliel Saarinen entworfenen Gebäude) ist nur einen Steinwurf vom Bahnhof und der sehr nüchternen Akademischen Buchhandlung entfernt, deren „Café Aalto“ in einer ziemlich dunklen Ecke im zweiten Stock eher etwas für hart gesottene Aalto-Fans ist.
Einen Höhepunkt im Wortsinn erreicht, wer von der Finlandia-Halle rund 20 Minuten gen Norden spaziert: Hier steht der Turm des Olympiastadions, wo die Sommerspiele 1952 stattgefunden haben – ursprünglich war das Stadion für die Olympischen Spiele 1940 gedacht, die aber kriegsbedingt ausfielen. Ein Aufzug bringt einen nach oben auf die kleine Aussichtsplattform in 72 Meter Höhe. Der Weitblick über Helsinki bis zum Meer macht definitiv glücklich.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Mit dem Flugzeug: Finnair fliegt von verschiedenen deutschen Städten nonstop nach Helsinki. Außerdem bieten Eurowings und Lufthansa direkte Flüge an. Mit der Fähre: Finnlines fährt täglich von Lübeck-Travemünde nach Helsinki (30 Stunden).
Wo wohnt man gut? „NH Collection Grand Hansa“, zentrales Fünf-Sterne-Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs und schräg gegenüber vom Lasipalatsi (Amos Rex Museum), 2024 eröffnet, in historischen Gebäuden von Anfang des 20. Jahrhunderts, DZ ab 150 Euro (nh-collection.com); „Hobo“, in einer Seitenstraße des Esplanadi gelegen, gestaltet vom deutschen Interiordesigner Werner Aisslinger, DZ ab 115 Euro (hobohotel.fi); „Solo Sokos Hotel Pier 4“, moderner Holzbau am Wasser, DZ ab 113 Euro (sokoshotels.fi). In der Finlandia Halle, Alvar Aaltos 1971 fertiggestelltem Meisterwerk, kann man zwei Apartments mieten, ausgestattet mit Artek-Mobiliar, ab 370 Euro (finlandiatalo.fi).
Weitere Infos: myhelsinki.fi; visitfinland.com
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von NH Collection und Helsinki Partners. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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