Der Vorbau: altbacken. Die Kuppel: blasses Grün. Die Architektur des Zeiss-Planetariums in Jena ist kein Hingucker. Trotzdem sollte sich niemand abwenden. Denn es steht unter Denkmalschutz. „Wir wollen das originale Antlitz des dienstältesten Planetariums der Welt bewahren“, sagt Direktor Stefan Harnisch. Wie so oft im Leben komme es auch hier weniger auf das Äußere und mehr auf das Innere an.

Und da hat das thüringische Großplanetarium einiges zu bieten: Pünktlich zum 100. Geburtstag erstrahlt es – nach millionenschwerer Renovierung und halbjähriger Schließzeit – auf dem aktuellsten Stand der Moderne. Das Teleskop ist Marke Zeiss. Carl Zeiss (1816–1888) ist zudem Namenspatron des Planetariums. 1846 gründete er mit gerade mal 100 Talern Startkapital eine feinmechanisch-optische Werkstätte.

Damit schuf er die Basis für die bis heute bestehenden Zeiss-Werke und den Wissenschaftsstandort Jena, der sich mit dem Beinamen „Lichtstadt“ schmückt. Bahnbrechende Forschungsergebnisse in Sachen Optik und Licht haben Jena zu Weltruhm verholfen.

Zeiss-Projektoren der jüngsten Generation kommen auch im aufgemöbelten Planetarium zum Einsatz, sie eröffnen eine neue Dimension der Bildgewalt. „Es wird heller, schärfer, realistischer. Man wird richtig hineingezogen“, sagt Direktor Harnisch.

Himmelsbeobachtung schon vor Jahrtausenden

Nicht nur den Augen, auch den Ohren bietet das neue alte Planetarium viel: Das neue Soundsystem verspricht ein Hörerlebnis erster Klasse. Wer sich davon überzeugen will, besucht am besten das FullDome Festival mit 360-Grad-Filmen, Electronic Art und Klangkonzerten im Dunkeln.

Die alljährliche Veranstaltung ist ein guter Auftakt für eine Reise in die Region Saale-Unstrut, die inzwischen verstärkt auf Astrotourismus setzt. Also auf Urlauber, die sich für Sonne, Mond und Sterne interessieren. Bekannt ist die Gegend, die vom südlichen Sachsen-Anhalt nach Thüringen reicht, traditionell für Hügel und Weingärten, Burgen und Schlösser, für Schauplätze der Musikgeschichte und der Reformation.

Was die wenigsten wissen: Bereits vor Jahrtausenden betrieben hier die Menschen systematische Beobachtungen des Himmels. Den frühesten archäologischen Beleg, weit älter als Stonehenge in England, liefert die 7000 Jahre alte Kreisgrabenanlage von Goseck. Der Nachbau liegt am ursprünglichen Fundplatz, etwas außerhalb des Ortes. Rundherum breitet sich Ackerland aus.

Himmelsdarstellung hinter Panzerglas

In der Steinzeit diente die Anlage, die einen Durchmesser von 70 Metern einnimmt, als Sonnenobservatorium und Kultstätte. Funde von Rinderschädeln und Hörnern legen rituelle Praktiken nahe. Im doppelten Palisadenring waren die Tore und Durchlässe auf die Sonnenwenden und das Frühlingsfest ausgerichtet: wichtige Termine im bäuerlichen Jahr, auf die auch die 3600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra weist.

Rund 3600 Jahre alt: die Himmelsscheibe von Nebra

Die Bronzescheibe, pizzagroß und gut zwei Kilogramm schwer, ist der Star im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale. In einem abgedunkelten Raum leuchten hinter Panzerglas der goldene Voll- und Sichelmond plus 32 Sterne, darunter das Siebengestirn der Plejaden. „Ihr Verschwinden im März und ihr Wiedererscheinen im Oktober kann als Beginn und Ende des bäuerlichen Jahres in Europa gelesen werden“, erläutert eine Tafel die kalendarischen Anhaltspunkte für Aussaat und Ernte.

Die Scheibe gilt als älteste konkrete Himmelsdarstellung der Menschheit und zählt zum Unesco-Weltdokumentenerbe. Ins Thema vertiefen kann man sich wunderbar 60 Kilometer südwestlich von Halle, im Besucherzentrum Arche Nebra. In einem futuristischen Gebäude zeichnet die Dauerpräsentation die komplexen Schritte der Fertigung der Himmelsscheibe nach und den Krimistoff um deren Entdeckung.

Zwei Raubgräber hatten sie 1999 auf dem Mittelberg ausgebuddelt, nachdem sie mit einem Metalldetektor darauf gestoßen waren, und verschacherten sie. Nach einer Odyssee durch die Hände mehrerer Hehler stellte die Polizei die kostbare Himmelsscheibe sicher. Der Originalfundort liegt etwa drei Wanderkilometer von der Arche Nebra entfernt, gegenüber vom Aussichtsturm auf dem Berg.

Weckt spacige Assoziationen: das Besucherzentrum Arche Nebra

Wandern und Astrotourismus lassen sich in der Gegend gut miteinander verbinden. „Wir laufen jetzt acht Milliarden Kilometer“, schockt Oliver Hild seine Besuchergruppe, die er gerade über den Tautenburger Planetenpfad führt. Unterwegs bieten Holztafeln jede Menge Informationen zu Venus, Jupiter & Co. Die Macher haben die Abstände der Planetenstationen untereinander und zur Sonne maßstabsgerecht heruntergebrochen: Ein Meter Wanderstrecke entspricht einer Million Kilometer im All – sehr anschaulich. Nach acht Kilometern auf breiten Wegen durch Mischwald und unser Sonnensystem kommt man zurück ins Dorf Tautenburg.

Wiedereröffnung des Deutsche Optischen Museums

Im Merseburger Dom setzen sich die Motive des Himmels fort. Ein barockes Sternenportal führt in die Fürstengruft. Domführerin Beate Tippelt stellt die Symbolik zweier Gemälde der Madonna über der Mondsichel heraus: „Maria siegt über die Dämonen der Finsternis.“ Dann deutet sie im Hauptschiff auf das sogenannte Himmelsloch im Gewölbe: „Bei Mysterienspielen ließ man eine Taube, das Symbol des Heiligen Geistes, dadurch fliegen.“

In den echten Himmel über Jena schaut man bereits seit 1909 in der Volkssternwarte Urania, gegründet von Mitarbeitern der örtlichen Zeiss-Werke. „Deren Begeisterung für Astronomie hat auch die nachfolgenden Generationen erfasst“, sagt Jason Flachkowsky, Student der Physik. Er ist aktives Vereinsmitglied und bringt den schnarrenden Motor der Kuppelführung in Gang. „Unser Teleskop eignet sich für helle Kleinobjekte: Planeten, Sonne, Mond und Kugelsternhaufen.“

Er freut sich auf die Rückkehr des Planetariums, vor allem aber auf 2028. Dann wird Jena in weitere Sphären vorstoßen und – nach jetzigem Planungsstand – das komplett renovierte Deutsche Optische Museum (D.O.M.) eröffnen. Zu den Exponaten, die derzeit noch in Depots lagern, zählen historische Sonnenuhren, kapitale Teleskope und die in der DDR gebaute Multispektralkamera „NKF-6“, die in den 1970er-Jahren in einem sowjetischen Raumschiff schon durch den Weltraum geflogen ist.

Auch „Yoga unterm Sternenhimmel“ wurde im Zeiss-Großplanetarium schon angeboten

Zwei Clous machen das Haus besonders: Zum einen die mehr als 100 Mitmachstationen, die physikalische Phänomene im wahrsten Wortsinn begreifbar machen werden. Zum anderen die künstlerische Inszenierung der Fassade mit Farbglasstreifen in Form eines Sechzehn-Meter-Kreises. Anders als das 100 Jahre alte Planetarium wird Jenas neues Museum bereits von außen ein spektakulärer Hingucker.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? In Halle halten ICEs, Jena und Naumburg sind gut an das Regionalbahnnetz angeschlossen.

Astrotourismus: Der Eintritt zu Veranstaltungen im Zeiss-Planetarium in Jena beläuft sich auf 15–16 Euro (planetarium-jena.de). Das Ticket für das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale kostet 12 Euro (landesmuseum-vorgeschichte.de; montags geschlossen). Die Volkssternwarte Urania in Jena ist wegen Sanierungsarbeiten derzeit geschlossen, öffnet aber für Sonderveranstaltungen und bietet Sonnen- und Nachthimmelbeobachtungen in der Forststernwarte an (urania-sternwarte.de). Das Besucherzentrum Arche Nebra ist bis Oktober täglich geöffnet, Eintritt: 8,50 Euro (himmelsscheibe-erleben.de). Der Nachbau des Sonnenobservatoriums von Goseck ist frei zugänglich.

Wo wohnt man gut? Empfehlenswert ist das „Hotel Zur Noll“ im Herzen von Jena, mit rustikalem Restaurant, Doppelzimmer mit Frühstück ab 123 Euro (zurnoll.de). Bei Nebra gibt es Ferienwohnungen auf Schloss Zingst samt Nebengebäuden, Doppelzimmer ab 95 Euro (schloss-zingst.de). Der „Gasthof Zufriedenheit“ mitten in Naumburg ist ein modern renoviertes Boutiquehotel, Doppelzimmer mit Frühstück ab 190 Euro (gasthof-zufriedenheit.de).

Weitere Infos: saale-unstrut-tourismus.de

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Saale-Unstrut-Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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