Die Schildkrötenretter von Acapulco
Es ist stockdunkel. Wieder einmal ist innerhalb von Minuten die tropische Nacht über uns hereingebrochen. Durchs offene Fenster hören wir Grillen zirpen, ansonsten nur das gleichmäßige Brummen des Motors. Die Scheinwerfer unseres zum Wohnmobil ausgebauten Lasters tasten sich durch die Dunkelheit. Mit ihrem schummrigen Licht erhellen sie maximal 20 Meter der Rumpelpiste vor uns.
„Herr Turtur“, wie unsere sieben und neun Jahre alten Kinder den rollenden Koloss getauft haben, schaukelt uns seit Monaten quer durch Nord- und Mittelamerika – und soll uns noch bis Patagonien tragen. Doch im Dunkeln geraten Mexikos Straßenverhältnisse zum nervenzehrenden Unterfangen. Wie aus dem Nichts tauchen tiefe Schlaglöcher, abgebrochene Straßenränder oder riesige künstliche Buckel auf, die Autofahrer zwingen sollen, langsamer zu fahren.
Gerade hier, im Bundesstaat Guerrero, beschäftigt uns aber noch ein anderes Thema: Die Region gilt als eine der gefährlichsten Mexikos, geprägt von Armut, Korruption und Drogenkriminalität. Erst am Morgen hatte uns ein amerikanischer Missionar, der seit 30 Jahren in Mexiko lebt, eindringlich eingeschärft: „Niemals im Dunkeln fahren!“ Zwei Geiselnahmen habe er selbst schon als Vermittler erlebt, die Kartelle schreckten vor nichts zurück.
Jetzt, in der Stille der Nacht, kommen mir seine Worte wieder in den Sinn. In Schrittgeschwindigkeit holpert Herr Turtur im schwachen Lichtkegel auf der unbefestigten Schotterstraße entlang. Am Wegesrand tauchen ab und zu ärmliche Behausungen auf, in einigen brennt Licht. Laut Navi befinden wir uns auf einer Straße, die parallel zum Pazifik verläuft. Das Meer müsste eigentlich nur wenige Meter entfernt sein. Doch man sieht schlichtweg gar nichts.
Auto gegen Land
„Hier muss es sein“, sage ich und zeige mit dem Finger auf eine Betonwand zu unserer Linken. Wirklich hier? Das sieht nicht gerade einladend aus. Alle Entführungswarnungen in den lauwarmen Wind schlagend, steige ich aus. Auf einem Schild lese ich: „La Tortuguita – se rentan espacios para acampar“ – Zeltplätze zu vermieten.
Gleich dahinter zweigt ein kleiner Weg links ab. „Sieht so aus, als müssten wir da lang“, sage ich, als ich wieder auf dem Beifahrersitz sitze. Oliver steuert den Lkw vorsichtig in die schmale Straße hinein.
An einem großen Tor klingeln wir. Als es sich knarzend öffnet, steht vor uns – Tarzan. Das jedenfalls ist mein erster Gedanke, als ein muskulöser Mann mit markantem Kinn und einer ihm bis an die Hüfte reichenden Deutschen Dogge uns beäugt.
Unsicher frage ich ihn auf Spanisch: „Wir suchen den Campingplatz La Tortuguita. Sind wir hier richtig?“. Er wirft einen Blick auf unser Hamburger Nummernschild und antwortet im breitesten Schweizerdeutsch: „Mir chönd au Dütsch rede.“ Er stellt sich als Victor vor und lotst uns auf einen Stellplatz unter Kokospalmen. Kurz vertreten wir uns noch die Beine am tatsächlich direkt angrenzenden Strand und fallen erschöpft in unsere Betten.
Am nächsten Morgen befriedigen wir zuerst unsere hungrigen Mägen und dann die Neugier: Was verschlägt wohl einen Schweizer an dieses abgelegene Fleckchen Erde? Victor lebt erst seit einem guten Jahr hier in Playa Ventura. Seine Lebensgefährtin Esther, eine attraktive Endfünfzigerin mit einem Gesicht voller Lachfältchen, kam schon vor 25 Jahren. Auch sie stammt vom Bodensee und sei in Mexiko hängen geblieben, wie sie uns im melodischen Schweizer Singsang erklärt.
„Mir chönd au Dütsch rede“: Esther, Victor und HundUnglücklich klingt das nicht. „Wir waren jung und mit einem VW-Bus unterwegs“, erzählt Esther. „Irgendwann kamen wir nach Playa Ventura, lernten ein paar Einheimische kennen und luden sie zum Essen in unseren Camper ein.“ Sie lächelt bei der Erinnerung daran.
„Die Mexikaner haben unseren Bus bestaunt, so was hatten die noch nicht gesehen. Ein paar Tage später boten sie uns an, den Bulli gegen ein Stück Land an der Küste einzutauschen.“
Mit der Lizenz zum Eierausgraben
Ungläubig schauen wir sie an. „Doch, doch“, lacht sie. „So war das damals. Wir haben erst kurz überlegt und es dann einfach gemacht.“ Heute vermieten Esther und Victor neben Stellplätzen für Camper auch einige Zimmer. Doch ihre wahre Leidenschaft gilt den Tieren: Mit leuchtenden Augen erklärt Victor, dass sie sich dem Schutz der Schildkröten verschrieben hätten, die zur Eiablage an die mexikanische Pazifikküste kommen.
Zwischen November und April klettern die Tiere im Schutz der Dunkelheit an den Strand, graben ein Nest und legen rund einhundert Eier ab. Um ihr Gelege vor Fressfeinden zu schützen, führen sie nach der Eiablage einen regelrechten Tanz auf und schaufeln das Nest wieder mit Sand zu. Doch die Spuren im Sand verraten den Eierdieben, wo sich die kostbare Brut befindet. „Sie verkaufen die Eier für umgerechnet 50 Cent pro Stück an Restaurants“, sagt Victor. „Dort landen sie dann in der Suppe.“
Mit Spaten, Vorsicht und Handarbeit: Victor birgt die EierUm das zu verhindern, geht Victor während der Saison jeden Abend den Strand entlang. Findet er ein Nest, gräbt er die frisch gelegten Eier aus und bringt sie in ein geschütztes Areal in Esthers Garten. Dort bleiben sie bis zum Schlüpfen sicher. Fasziniert hören wir Victor zu, seine Begeisterung ist ansteckend. Und so schlagen wir spontan ein, als er uns anbietet: „Wenn ihr Lust habt, kommt heute Abend einfach mit!“
Um Punkt neun Uhr erwartet uns Victor mit seiner Dogge, bewaffnet mit Taschenlampe, Rucksack und Schaufel. Strammen Schrittes marschieren wir los. Der Halbmond taucht den nächtlichen Strand in einen silbrigen Schimmer. Immer wieder lässt Victor das Licht seiner Taschenlampe über den Strand und die Brandung schweifen. Um die Tiere nicht zu stören, darf die Lampe immer nur für Augenblicke aufleuchten.
Während wir bei dem zügigen Tempo in der schwülen Nacht schon leicht ins Schnaufen geraten, erzählt Victor: „Die Schildkrötennester fallen in den meisten Fällen Hunden, Vögeln oder eben dem Menschen zum Opfer. Denen wollen wir zuvorkommen.“ Für die Lizenz zum Eieraus- und wieder eingraben haben Esther und Victor beim mexikanischen Umweltministerium hart gekämpft. Denn ohne ihre Mithilfe hätten die kleinen Panzertiere kaum eine Chance.
Die größte Schildkröte der Welt
Inzwischen haben wir vielleicht zwei Kilometer im tiefen Sand zurückgelegt, der Schweiß läuft uns den Rücken hinab. „Was passiert denn mit den Eiern, wenn die anderen sie zuerst finden?“, fragt Marlene. „Naja, die Einheimischen verkaufen sie als ‚Leckerbissen‘ an Restaurants“, versucht sich Victor an einer kindgerechten Erklärung. „Manche Männer glauben, sie könnten dadurch besser Babys machen.“ Verständnislos schüttelt meine Tochter den Kopf.
Plötzlich durchbricht ein Motorengeräusch die Stille der Nacht. Aus der Ferne tuckert ein Quad von hinten an uns heran und an uns vorbei. In der Dunkelheit können wir den Fahrer nicht erkennen, doch Victor schüttelt resigniert den Kopf: „Wir brauchen nicht mehr weiterzugehen. Die sind viel schneller. Sollte eine Schildkröte heute ihr Nest graben, werden die Räuber uns zuvorkommen und die Eier mitnehmen.“
Es muss schwierig sein, angesichts dieser Situation Nacht für Nacht loszuziehen und nicht zu resignieren. Esther fasst es so zusammen: „Nichts zu tun ist für uns keine Alternative. Ich glaube fest daran, dass jede einzelne Schutzmaßnahme bedeutsam ist, und sei sie auch noch so klein.“
Die Kinder helfen mit: Rettung für die kleinen SchildkrötenUm ein Bewusstsein dafür zu schaffen, laden Esther und Victor gelegentlich Schulklassen ein, die dann die frisch geschlüpften Babys ins Meer entlassen dürfen. Oder nehmen Urlauber mit auf ihre nächtlichen Streifzüge. „Die sind dann immer ganz andächtig“, schmunzelt Victor. Und sie erfahren aus erster Hand, was die Panzertiere für unser Ökosystem bedeuten: „Neben Plankton und Algen sind Quallen ihr Lieblingsessen. Sterben die Schildkröten aus, dann werden über kurz oder lang die Medusen im Meer überhandnehmen. Mit unabsehbaren Folgen.“
Am nächsten Morgen – wir liegen noch müde vom nächtlichen Ausflug in unserem Dachzelt – hören wir Victor aufgeregt rufen: „Kommt schnell, das müsst ihr sehen!“
Eilig ziehen wir uns Shirts und Shorts über und folgen ihm zum Strand. „Stellt euch vor“, berichtet er unterwegs, „heute Morgen haben wir direkt vor unserem Grundstück die Spur einer Lederschildkröte gefunden. Offenbar ist sie erst nach unserer Rückkehr an Land gekommen und hat ihre Eier abgelegt. So etwas passiert höchstens alle paar Jahre einmal!“
Die Lederschildkröte oder Laúd, wie sie in Mexiko heißt, ist die größte Schildkröte der Welt und stark vom Aussterben bedroht. Umso bemerkenswerter, dass ein Weibchen offenbar direkt vor der Haustür der Schweizer Tierschützer ihre Eier abgelegt hat. Victor ist sich sicher: „Das muss eine der ersten Schildkröten sein, die Esther vor 15 Jahren beschützt und ins Meer entlassen hat. Denn sie kehren wie Schlafwandler immer wieder genau an den Strand ihrer Geburt zurück.“
Eine Schamanin erspürt das Nest
„Wow, wie machen sie das denn?“, fragt unsere Jüngste. „Das ist wissenschaftlich noch nicht geklärt“, sagt Victor. „Aber ich habe mal gehört, dass die Brandung an jedem Strand einen ganz eigenen Rhythmus erzeugt. Vielleicht erkennen die Schildkröten daran ihren Geburtsort wieder.“
Weil die Tiere so stark bedroht sind, dürfen die Eier nur unter Aufsicht eines Experten geborgen werden. Esther hat ihn bereits angerufen. Eine gute Stunde später beginnt er vorsichtig zu graben. Doch zunächst bleibt das Nest verschwunden. Erst als eine Nachbarin, die sich selbst als Schamanin bezeichnet, ihm einen Hinweis gibt, wird er tatsächlich fündig: Die Laúd hat ihr Gelege gut versteckt an einer Abbruchkante im Sand abgelegt.
Mit offenem Mund beobachten wir die Bergungsarbeiten. „Wie konnte die Frau das wissen?“, fragt Vincent fasziniert. Auf meine Nachfrage erklärt sie, sie habe die Energie der Eier im Sand „erspürt“. Mit dieser Erklärung müssen wir wohl leben.
Jetzt aber schnell: Ein Schildkrötenbaby krabbelt Richtung WasserDie Kinder kommen ohnehin schnell auf andere Gedanken, denn Victor erlaubt ihnen, die fast hühnereigroßen und noch ganz weichen Fruchthüllen vorsichtig aus dem Sand zu holen und in einer Plastiktüte zu sammeln. Wie einen kostbaren Schatz trägt er die 52 kugelrunden Eier anschließend in den geschützten Brutbereich in Esthers Garten. Dann legt Victor stolz seinen Arm um Esther: „Geschafft! Du wirst in knapp zwei Monaten Schildkrötenoma!“
Auch Esther ist sichtlich berührt. Dann wird sie ernst. „Die Schildkröten haben die Dinosaurier überlebt, es gibt sie seit 100 Millionen Jahren. Und wir Menschen haben es geschafft, sie innerhalb weniger Jahrzehnte fast auszurotten. Wenn wir nichts tun, dann wird es noch zu unseren Lebzeiten keine Lederschildkröten mehr geben.“
Die Golfina-Babys sind da
Betroffenes Schweigen macht sich breit. Doch es gibt keine Zeit zu verlieren: In einem anderen markierten Nest, das mit einem Plastikkorb abgedeckt ist, zappelt es bereits heftig. Etwa 80 frisch geschlüpfte Golfina-Babys wollen an die Oberfläche. Sie sind fünf oder sechs Zentimeter groß und sehen mit ihren schwarzen Minipanzern und den teils noch geschlossenen Augen zu niedlich aus.
„Wollen wir sie freilassen?“, fragt Esther die Kinder. Was für eine Frage! In einer großen blauen Plastikschüssel trägt die Schweizerin die wild durcheinander krabbelnde Meute an den Strand. Etwas oberhalb der Brandung setzen wir sie in den Sand. „Es ist wichtig, dass sie den Weg allein schaffen“, erklärt uns die Naturschützerin.
Mit Sorge beobachte ich, dass sich bereits Möwen und Pelikane auf der Suche nach einem Snack über der Brandung tummeln. Doch natürlich gehört auch das zum Lauf der Natur. Trotzdem: Etwa 200 kleine Babyschildkröten finden schließlich ihren Weg in den Pazifik. Ohne die Geburtshilfe von Esther und Victor wären es nur 20.
Eine ganze Weile stehen wir noch am Strand und beobachten die kleinen schwarzen Körper, die in den Wellen tanzen. „Gute Reise!“, rufen die Kinder ihnen nach, „wir wünschen euch ein langes Leben!“ und „Kommt sicher wieder zurück!“
Der Text ist ein Auszug aus dem gerade erschienenen Reportageroman von Anja Kocherscheidt, der die einjährige Reise einer vierköpfigen deutschen Familie im Lkw-Wohnmobil quer durch den amerikanischen Kontinent fulminant beschreibt. Das Buch ist als Hardcover erhältlich unter lasterleben.com oder im Buchhandel.
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