Ausgetretene Touristenpfade gibt es in diesem indischen Bundesstaat nicht
Zwischen Palmenstränden, Bergtälern und uralten Pilgerstätten zeigt sich Indien in seiner Region Andhra Pradesh von einer überraschend vielfältigen Seite. Der südöstliche Bundesstaat erstreckt sich entlang einer mehr als 970 Kilometer langen Küste am Golf von Bengalen, dahinter breiten sich die fruchtbaren Deltas der Flüsse Godavari und Krishna aus. Im Hinterland erheben sich die bewaldeten Ostghats, das ist ein Mittelgebirge mit grünen Tälern, Wasserfällen und Höhlenlandschaften.
Als flächenmäßig siebtgrößter indischer Bundesstaat ist Andhra Pradesh mit 163.000 Quadratkilometern weniger als halb so groß wie Deutschland und zählt gut 53 Millionen Einwohner. Die mit Abstand größte Religion ist der Hinduismus, der den Alltag, die Feste und viele Traditionen der Region prägt. Daneben leben hier Muslime, Christen und Buddhisten, deren Moscheen und Kirchen vielerorts zum Stadtbild gehören.
Ein Markenzeichen der Region ist das Kino: Andhra Pradesh gilt als Heimat von Tollywood. Darunter versteht man die Filmproduktion in der südindischen Sprache Telugu mit jährlich bis zu 400 Spielfilmen, die zeitweise sogar mehr Tickets verkauft als die Bollywood-Konkurrenz aus Mumbai.
Filmstars genießen hier Kultstatus: Vor Premieren werden ihre meterhohen Aufsteller mit Blumen geschmückt und neue Filme mit Festen gefeiert. Trotz der beeindruckenden Vielfalt ist Andhra Pradesh als Reiseziel kaum bekannt, es gilt als Indiens Geheimtipp abseits der klassischen Touristenpfade.
Größter Chili-Markt der Welt
Wer Andhra Pradesh bereist, begegnet ihr überall: der roten Chilischote, auf Feldern und auf Märkten. Zentrum des Handels ist Guntur. Auf dem dortigen Chili-Markt, dem größten der Welt, werden täglich bis zu 4000 Tonnen der scharfen Schoten verkauft. Sie stapeln sich zu leuchtend roten Bergen, die Händler aus ganz Indien und dem Ausland anziehen.
Eine Farmarbeiterin entfernt Stiele von den SchotenDie Schärfe der Chili prägt auch die Küche des Bundesstaates. Andhra Pradesh gilt als eine der kulinarisch feurigsten Regionen Indiens. Serviert werden würzige Currys, aromatisches Biryani – eines der bekanntesten Reisgerichte des indischen Subkontinents – und scharfes Streetfood, das selbst viele Inder ins Schwitzen bringt. Kein Wunder, dass ein lokales Sprichwort besagt: „Ein Essen ohne Chili ist wie ein Tag ohne Sonne.“
Kunst aus Baumwolle
In den Werkstätten Andhra Pradeshs entstehen Stoffe, die wie Gemälde wirken. Eine jahrhundertealte Kunstform namens Kalamkari verwandelt schlichte Baumwolle in detailreiche Kunstwerke. Mit feinen Bambusstiften oder Holzstempeln zeichnen Künstler Blüten, Pfauen und ganze Szenen aus alten hinduistischen Epen auf den Stoff, bevor sie ihn mit Naturfarben einfärben: oft in Tiefrot, Indigo-Blau und Senfgelb.
Jeder Arbeitsschritt erfolgt von Hand, manche Stücke benötigen mehrere Wochen bis zur Vollendung. Die gemalten statt gedruckten Kalamkari-Stoffe werden meist zu Kleidung verarbeitet oder dienen als Wandbehänge und Tischläufer. Verkauft werden sie zum Beispiel in den Werkstätten in der Stadt Srikalahasti im Distrikt Tirupati – der Hochburg der handgezeichneten Methode.
Millionenfach berühmte Mangos
Fünf Millionen Tonnen beträgt die jährliche Mangoernte in Andhra Pradesh. Auf die Region entfällt mindestens ein Fünftel der indischen Gesamtproduktion. Besonders berühmt ist die Banganapalli-Mango, die nach einer Stadt im Distrikt Nandyal benannt ist und als Staatsfrucht Andhra Pradeshs gilt.
Zwischen April und Juni prägen Millionen Mangobäume voller reifer Früchte die Landschaft des Bundesstaates. Ihre goldgelbe Schale, das nahezu faserfreie Fruchtfleisch und ihr süßer, milder Geschmack machen sie zu einer der beliebtesten Mangosorten Indiens. 2017 erhielt sie sogar den Status einer geschützten geografischen Angabe – ähnlich wie Champagner in Frankreich.
Die Landung der Bastardschildkröte
Sobald die Dunkelheit über dem Golf von Bengalen hereinbricht, beginnt an einigen Stränden Andhra Pradeshs eines der faszinierendsten Naturschauspiele des Landes. Zwischen Dezember und April kehren Oliv-Bastardschildkröten nach jahrelangen Touren durch den Indischen Ozean an die Küste zurück und legen nachts ihre Eier im Sand ab. Wochen später schlüpfen die Jungtiere und machen sich instinktiv auf den Weg zum Wasser.
Für viele von ihnen wird es zwar nur eine Reise von wenigen Metern – und doch entscheidet sie über Leben und Tod. Vögel, Krebse und andere Fressfeinde lauern bereits. Hunderte winzige Schildkröten kämpfen sich gleichzeitig dem Meer entgegen – ein seltenes Schauspiel, das Besucher mit etwas Glück nur für wenige Wochen im Jahr erleben können.
Haariger Tempel-Schatz
Gold, Schmuck, Bargeld – und Millionen abgeschnittener Haare: Kaum ein religiöser Ort zieht so viele Menschen an wie der Sri-Venkateswara-Tempel in Tirupati. Jedes Jahr pilgern rund 24 Millionen Gläubige auf die Tirumala-Hügel, um dem Hindu-Gott Venkateswara ihre Ehre zu erweisen. Viele opfern dabei ihr Haar als Zeichen der Demut.
Viele opfern hier ihr Haar: Sri-Venkateswara-Tempel in TirupatiDer Tempel verkauft die gesammelte Pracht weltweit weiter – meist nach Europa und Nordamerika, wo sie für Perücken und Haarverlängerungen genutzt wird – und erzielt damit Einnahmen in Millionenhöhe. Zusammen mit den gewaltigen Geld- und Goldspenden machte das Tirupati zum reichsten Tempel der Welt und zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte überhaupt.
Das Zitat
„Von allen Sprachen ist Telugu die beste!“
So lautet die deutsche Übersetzung des Spruchs „Desha bhasalandu Telugu lessa!“, mit dem der legendäre König Krishnadevaraya im 16. Jahrhundert Telugu gepriesen hat. Bis heute sind viele Menschen in Andhra Pradesh stolz auf ihr linguistisches Erbe.
Die Sprache zählt mit gut 1000 Jahren Literaturgeschichte zu den ältesten Indiens und wird wegen ihres melodischen Klangs oft als das „Italienisch des Ostens“ bezeichnet. 80 Millionen Inder sprechen Telugu im Alltag.
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