„Mass Trespass“ – Wie 400 Wanderer das britische Wegerecht erkämpften
Das einsam gelegene Landhaus im Hope Valley erschien als idealer Ort für das konspirative Treffen, das sich im Sommer 1930 hier zugetragen haben soll. Versteckt zwischen Laubbäumen oberhalb des sattgrünen Ufers des River Noe bot die damalige Jugendherberge einen unverdächtigen Versammlungsort für ein gutes Dutzend Männer um den Wander-Aktivisten George Herbert Bridges Ward.
Sein kühner Plan: den 636 Meter hohen Kinder Scout zu erklimmen. Dieses höchste Gipfelplateau im Peak District, eine Moorwildnis voller bizarrer Sandsteinfelsen, war für die Öffentlichkeit gesperrt. Dort wurden lieber Moorschneehühner gejagt. Ward aber wollte kilometerweit über privates Land wandern, und das ohne Erlaubnis der Eigentümer. Das war damals eine ungeheuerliche Straftat im England von König Georg V.
Zwei Jahre später, am 24. April 1932, war es so weit. Es war Ostersonntag, und etwa 400 Menschen trafen sich in Hayfield zum berühmt gewordenen „Mass Trespass“ – einem unbefugten Eindringen in das streng bewachte Jagdgebiet der örtlichen Großgrundbesitzer. Gut 400 Menschen aus dem sogenannten „Black Country“, dem „Schwarzen Land“ im Ballungsgebiet der nahen Industriestädte Sheffield und Manchester, wo die Luft erfüllt war von Kohlestaub und dunklen Wolken aus den Kaminschloten der Industriebetriebe.
Sie machten sich auf den Weg an die frische Landluft im Peak District, ließen sich nicht abschrecken von bewaffneten Wächtern und Hunden der Landeigentümer. Bei ihrer Rückkehr am Nachmittag wurden sie von jubelnden Menschen begrüßt – aber auch von der Polizei. Sechs der Eindringlinge wurden verhaftet, fünf von ihnen erhielten Gefängnisstrafen von bis zu einem halben Jahr.
Weniger rebellische Klientel als damals
Doch für die Aktivisten war jener Sonntag ein Meilenstein in ihrem Bestreben, das Privatland für Wanderer zu öffnen. Die vergleichsweise hohen Urteile wegen Landfriedensbruch sorgten für einen enormen gesellschaftlichen Druck. Immer mehr Menschen forderten das sogenannte „Right to roam“, also das Wegerecht, überall wandern zu dürfen. Was 1951 zur Einrichtung des ersten englischen Nationalparks führte: ausgerechnet der Peak District.
Eine Tafel am Parkeingang erinnert an die Wanderrevolution: „Access Land“ (Zugängliches Land) steht darauf. 1437 Quadratkilometer groß, mit einem riesigen Wegenetz. Man kann auch Kajak fahren, Gleitschirm fliegen, auf Mountainbike-Trails fahren oder klettern. Die meisten der jährlich gut 13 Millionen Besucher des Nationalparks aber gehen einfach wandern.
75 Jahre später erzählen regionale Museen diese spannende Geschichte der Region, etwa das wunderbar lebendige Black Country Living Museum in Dudley oder die als Unesco-Welterbe ausgezeichneten Mühlen im Derwent Valley. Inzwischen ist auch „Losehill House“ im Hope Valley von der Jugendherberge zu einem preisgekrönten Country-Hotel mutiert, mit weitaus weniger rebellischer Klientel als damals.
Manche Gäste wollen einfach nur den ganzen Tag lang durch die Fenster des Speisesaals den Schafen beim Grasen zusehen. Andere nehmen die offizielle Wanderkarte des staatlichen Kartografie-Instituts im Maßstab 1:25.000 zur Hand, die nicht ohne Grund die Seriennummer „OL 1“ trägt. Das Kürzel „OL“ steht für Outdoor Leisure, denn die Geschichte des britischen Wanderns durch die Natur, sie begann genau hier.
Gelegentlich kommt Wanderguide Richard Tower ins „Losehill House“, um Gäste durch den Nationalpark zu begleiten. Der 62-Jährige hat nach seiner Pensionierung ein kleines Freizeit-Unternehmen gegründet, das selbstverständlich auch die Wanderroute des „Mass Trespass“ von 1932 im Programm hat.
Naturreservate als Kompromisszonen
Viel mehr als um das Wegerecht geht es ihm heute jedoch um die ökologische Bedeutung des Schutzgebiets. Denn anders als in vielen anderen Ländern sind Nationalparks in Großbritannien keineswegs unberührte Naturreservate.
Es sind vielmehr Kompromisszonen, innerhalb derer die Konflikte zwischen wirtschaftlicher Nutzung und Naturschutz austariert und, wenn möglich, zugunsten der Natur beigelegt werden. So werden – in Absprache mit den Eigentümern – erodierte Flächen mit Wollgras, Moltebeeren und Krähenbeeren wieder bepflanzt, abgeholzte Täler aufgeforstet oder auch künstliche Entwässerungsgräben beseitigt.
An diesem Vormittag geht es mit Richard Tower auf den Kinder Scout, dieses geschichtsträchtige Hochmoorplateau. Der Name leitet sich ab vom angelsächsischen Wort „kyndwr scut“ und meint „Wasser über der Kante“. Und tatsächlich: Wasserfälle stürzen an den Seiten herunter; Bäche und natürliche Gräben, sogenannte „Groughs“ durchziehen das Moor. Dort oben brüten nicht nur die von den Landbesitzern noch immer bejagten Moorschneehühner, sondern auch Schnepfen, Goldregenpfeifer und Sumpfohreulen.
Fernsicht: Blick vom baumlosen Hochplateau auf das grüne Edale ValleyRichard Tower hat ein Faltblatt dabei, das er immer wieder herauszieht, wenn er die beschauliche Wanderung durch englisches Bilderbuch-Heideland mit Zahlen und Fakten garnieren möchte: 450 Milliarden Liter Trinkwasser, gespeichert in diesen Moosen und Mooren. 20 Millionen Tonnen Kohlendioxid, gebunden im Torfboden. Es ist eine einzigartig schützenswerte Landschaft, hoch oben zwischen Manchester und Sheffield.
Viele Besucher kommen mit der Bahn aus den beiden Städten, um an der Edale Station auszusteigen und über die Hügel hinweg zurück in ihre Heimatstädte zu wandern. Darunter sind auch erstaunlich viele Jugendliche auf den Wegen und Pfaden im Peak District unterwegs, manche bepackt mit viel zu schweren Rucksäcken, mit Zelten und Proviant. Denn an der Bahnstation von Edale beginnt auch der 431 Kilometer lange Weitwanderweg, der Pennine Way, durch den Peak District und zwei weiteren Nationalparks bis an die Grenze Schottlands.
Oben angekommen: Richard Tower auf dem Gipfelplateau des Kinder ScoutAufstieg zum Losehill: Ein Stück des Gipfels wurde 1945 dem Wanderaktivisten George Herbert Bridges Ward geschenktFreunde des Peak Districts wie Richard Tower belassen es lieber bei gemütlichen Tagesetappen von acht bis zehn Kilometern. So bleibt Zeit, immer wieder dem Gesang der Feldlerchen zwischen den Heidebüschen zu lauschen oder die Falken beim Rüttelflug zu beobachten.
Andere besuchen die Tropfsteinhöhlen der Treak Cliff Cavern oder fotografieren einen ganz besonderen Gipfelwegweiser: „Ward’s Piece“. Denn dem couragierten Wander-Aktivisten George Herbert Bridges Ward wurde in Anerkennung seiner Verdienste ein Stück Land im Hope Valley gespendet, und zwar am Losehill Pike. Der Wanderfreund schenkte es sogleich dem National Trust.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Direktflüge gibt es von vielen deutschen Städten, etwa mit Ryanair oder Easyjet, nach Manchester, etwa von Berlin, Hamburg, München, Köln/Bonn, Stuttgart. Von dort weiter mit dem Mietwagen ins 40 Kilometer entfernte Castleton. Es gibt stündliche Bahnverbindungen von Manchester Piccadilly nach Edale, sowie viele Bahnverbindungen in den Peak District via Manchester oder Sheffield.
Wo wohnt man gut? „Losehill House Hotel“ im Hope Valley nahe Castleton, mit preisgekrönter Küche und kleinem Spa. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet umgerechnet ab 250 Euro pro Nacht (losehillhouse.co.uk). Das „Rambler Inn“ in Edale liegt wenige Schritte vom Bahnhof entfernt, ein Gasthaus mit gemütlicher Pub-Atmosphäre. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet ab 240 Euro pro Nacht (theramblerinn.co.uk). Beide Häuser sind gute Ausgangspunkte für Wanderungen auf den Losehill und auf den Kinder Scout.
Weitere Infos: Wissenswertes zum Nationalpark, seiner Geschichte und zu Aktivitäten wie geführten Wanderungen gibt es auf peakdistrict.gov.uk. Er ist kostenlos zugänglich, die öffentlichen Parkplätze sind jedoch gebührenpflichtig (etwa zehn Euro pro Tag). Routenvorschläge gibt es auch bei visitbritain.com/de/reiseziele/england/peak-district
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke