Frühmorgens in Ilsenburg, vor dem „Café am Markt“. Über den Dächern der Fachwerkhäuser erhebt sich der Meineberg mit seinen 545 Metern. Fast wirkt er wie ein Greisenhaupt: Kahle Stellen an den Hängen, vereinzelte Fichten heben sich mit schütteren Zweigen ab. Doch offenbart die Morgensonne auch frisches, helles Grün. Das ist die Zukunft des neuen Harzes – die jungen Bäume, der wilde Wald.

Den alten Harz, wie seine Liebhaber ihn kennen, den gibt es so nicht mehr. Wo früher flächendeckend dunkle, dichte Nadelwälder standen, hat der Borkenkäfer mächtig zugeschlagen. Zwischen 70 und 90 Prozent der Fichten gelten als zerstört im größten und höchsten Mittelgebirge Norddeutschlands. In der Nationalparkgemeinde Ilsenburg lässt sich der Wandel der Natur eindrucksvoll erleben.

„Silberwälder“ nennt Shireen Lind die Ansammlungen von Stämmen toter Fichten, die kahl in den Himmel ragen oder umgestürzt am Boden liegen. Erst, als die Nationalpark-Rangerin es sagt, fällt der schöne silbrig-graue Farbton auf. Zwischen den alten Stämmen sprießen junge Laubbäume empor, endlich gibt es Licht für sie.

Der alte Wald ist tot, ein neuer entsteht. Waldumbau lautet das Schlagwort, ein gesunder Mischwald ist das Ziel. Regelmäßig starten Ranger-Wanderungen zu dem Thema vom Nationalparkhaus Ilsetal, nur eine Viertelstunde Fußweg vom „Café am Markt“.

Lautlos auf Naturpfaden

„Wenn wir gleich durch den Wald gehen, werden wir sehen, wie viel Raum die Natur jetzt für verschiedenste Baumarten schafft“, verspricht die junge Rangerin. Im Gänsemarsch führt sie die Gäste vom Ilsetal über Serpentinen den Meineberg hoch zur Bäumlersklippe – mit Aussicht über Ilsenburg. Anstatt über breite, geschotterte Wanderwege, wie sie im Harz häufig sind, geht man hier lautlos auf Naturpfaden.

Am Wegesrand setzt der Fingerhut pinkfarbene Akzente. „Hier wächst eine Eberesche, da eine Birke. Und dort Zitterpappel, Schwarzerle, Schlehdorn“, erklärt Shireen Lind und deutet auf die Pflanzen an den Hängen. Die Baumleichen dazwischen strotzen ebenfalls vor Leben: Das Totholz ist ein Wunderland für Pilze, Flechten, Pflanzen und Krabbelgetier, Wohnhöhle für Spechte und Rückzugsort für Eichhörnchen.

Das gefällt auch Günther Peine, einem Teilnehmer der Ranger-Wanderung. Seit Jahrzehnten macht er Urlaub im Harz. „Früher war es ziemlich dunkel zwischen den Fichten“, erinnert er sich. Als er dann die vielen toten Bäume sah, sei er zuerst sehr bedrückt gewesen. Inzwischen aber freut ihn die Veränderung. „Die Stimmung im Wald ist jetzt anders, immer wieder hat man neue Aussichten – und Fernblick“, sagt er. „Mehr Licht öffnet mir auch das Herz.“

Hier sprießt inzwischen viel neues Grün: Wanderer im Ilsetal

Doch wie konnten so große Teile des alten Harzer Waldes verschwinden? Shireen Lind blickt weit zurück: „Ursprünglich war hier Mischwald. Doch um 750 Jahre nach Christus begannen die Menschen mit Rodungen.“

Holz diente zum Heizen, Kochen, Bauen, für Werkzeuge – und ab dem Jahr 1300 verstärkt für den Bergbau und die Eisenverhüttung. 1546 entstand in Ilsenburg der erste Hochofen der Region. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu großflächigen Fällungen für Reparationszahlungen.

Mehrmals abgeholzt und neu bepflanzt

„Der Harz wurde im Laufe der Zeit mehrmals abgeholzt und wieder neu bepflanzt“, sagt Shireen Lind. Zur Wiederaufforstung diente meist die schnell wachsende Fichte, die im Harz allerdings nur oberhalb von rund 700 Höhenmetern von Natur aus vorkommt. Bis heute sind die Wälder des Mittelgebirges also vorwiegend von Menschenhand geprägt. Größtenteils mit Fichten an Standorten, die nicht zu ihnen passen. Durch den Klimawandel mit extremer Trockenheit, Hitze und Stürmen werden sie zusätzlich geschwächt.

Und zum Büfett für Buchdrucker. Diese Borkenkäferart, deren Larvengänge an Schriftzeichen erinnern, ist spezialisiert auf Fichten. Gesunde Bäume können sich gegen ihn wehren, indem sie ihn mit Harz ersticken. Tatsächlich können Borkenkäfer riechen, wie es der Pflanze geht. Bei schwachen Exemplaren bohrt sich das Männchen in die Rinde.

„Rammelkammern“ heißen ihre Liebeshöhlen, in denen sie Weibchen anlocken. Ihre Larven fressen sich durch den Bast zwischen Holz und Rinde, wodurch der Baum stirbt. Drei Generationen pro Jahr und bis zu 100.000 Nachkommen pro Weibchen sind möglich – Fichtenmonokulturen sind damit schnell vernichtet.

Während in Wirtschaftswäldern befallene Bäume entfernt und weitere Maßnahmen getroffen werden, sieht man den Borkenkäfer im Nationalpark nicht als Schädling an. Im Gegenteil: Als „Geburtshelfer der neuen Wildnis“ leite er den Wandel ein vom menschengeprägten Forst zu einem artenreichen und robusten Naturwald, heißt es auf einer Infotafel. Am Meineberg wurde ihm sogar ein schöner Wanderweg gewidmet.

Zwar ist der „Borkenkäferpfad“ inzwischen passé. Das Tier hat seinen Job so gründlich erledigt, dass die Natur schon eine Stufe weiter ist – der Weg wird künftig umgewandelt in den „Wildnisstieg“. Die alten Installationen sind abgebaut, die neuen noch in Planung. Doch ist der Weg nach wie vor begehbar und in Wander-Apps wie etwa Komoot unter dem Namen „Borkenkäferpfad“ zu finden.

Alles im Wandel also im Nationalpark Harz, der sich auf fast 25.000 Hektar Fläche rings um den Brocken erstreckt und 10.000 Tier- und Pflanzenarten beheimatet. So bleibt sie spannend, die magische Gebirgswelt, die seit weit über hundert Jahren ein beliebtes Reiseziel ist.

Vieles, was Besucher an ihr lieben, ist geblieben, nun eben vor neuer Waldkulisse. Die schönen Fachwerkstädte wie Goslar und Wernigerode – nicht zu vergessen Ilsenburg, weniger bekannt, aber ebenso charmant.

Viel Holz: Altes Haus im regionaltypischen Stil in Ilsenburg

Der Brocken, 1141 Meter hoch, mit der Wetterstation und der Walpurgisnacht. Die Harzer Schmalspurbahn mit ihren Dampfloks. Skurrile Felsformationen, Moore, Gebirgsbäche, Bergbaukultur und die Geschichte der deutsch-deutschen Teilung.

Wo Fontane sich inspirieren ließ

Geblieben sind auch die Mythen und Geschichten, die so typisch für den Harz sind. Etwa die von der Bäumlersklippe, einer Station der Ranger-Wanderung. Im Jahr 1752 soll dort ein Jäger namens Bäumler seinen Sohn aus Eifersucht erstochen und sich daraufhin selbst getötet haben. Über 100 Jahre später ließ sich Theodor Fontane bei einem Besuch im Harz von der Geschichte zu der Novelle „Ellernklipp“ inspirieren, die 1881 erschien.

Fontane ist nicht der einzige berühmte Harz-Liebhaber. Friedrich Schiller war mit seiner Frau in Ilsenburg, ebenso der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen, der russische Zar Peter und der deutsche Kaiser Wilhelm. Johann Wolfgang von Goethe wanderte von Torfhaus hoch zum Brocken; auf dem nach ihm benannten Wanderweg kann man seinen Spuren folgen.

Durch das Ilsetal führt auch der Heinrich-Heine-Weg. Der Dichter schrieb über die Ilsefälle in „Die Harzreise“: „Es ist unbeschreibbar, mit welcher Fröhlichkeit, Naivität und Anmut die Ilse sich hinunterstürzt über die abenteuerlich gebildeten Felsstücke, die sie in ihrem Lauf findet …“ So ist es heute noch.

Vielleicht sprudelt inzwischen weniger Wasser, weil die Quelle auch unter der Trockenheit leidet. Doch glucksen die Ilsefälle immer noch vernehmbar, zur Freude der Wanderer. Sie sitzen auf den Felsblöcken und picknicken vergnügt.

Vom Nationalparkhaus Ilsetal starten viele geführte Touren. Aber auch auf eigene Faust lässt sich der neue Wald wunderbar entdecken. Durch den natürlichen Wandel kann es zu Routensperrungen kommen, die aber auf der Nationalpark-Website aufgeführt werden. Umwege sind ebenso ausgeschildert wie Wanderwege.

Mit Sneakern und Bergstiefeln

Die Bandbreite reicht von kurzen, komfortablen Touren, auf denen auch Sneaker-Träger unterwegs sind, bis zu anspruchsvollen Wanderungen für Sportliche mit Bergstiefeln. Viele Strecken sind freigegeben für Fahrräder. Längst sind auf den Routen nicht mehr nur junge Mountainbiker unterwegs, man sieht auch viele Angehörige der Generation Ü 70 – mal mit strammen Waden, mal mit stolzen Bäuchen – auf motorisierten E-Cross-Rädern.

Unbedingt empfehlenswert ist außerdem eine Stadtführung durch Ilsenburg. Zum Beispiel mit Eckhard Selz. Er ist in Ilsenburg groß geworden und schildert, wie die Bewohner zu DDR-Zeiten nachts das Bellen der Grenzschutzhunde hörten.

Etwa fünf Kilometer weiter von Ilsenburg steht in Stapelburg ein Denkmal, das einen Stopp lohnt. Ein Stück Grenzbefestigung, der Stumpf eines Beobachtungsturms und eine Ausstellung in einem Bunker bilden ein Mahnmal der innerdeutschen Teilung.

Radfahrer sind im Ilsetal unterwegs

Nach der Wende wurde Eckhard Selz, der schon als Kind den Wald durchstreifte, Ranger – für 23 Jahre. „Über 80.000 Kilometer bin ich durch den Harz gelaufen“, schätzt er. Heute vermittelt er Gästen bei seinen Führungen die Verbindung des Harzer Holzes zu den Ilsenburger Häusern. Einige der sanierten Schmuckstücke sind Fachwerkhäuser, andere tragen Fichtenlatten an den Fassaden.

„Früher waren die Hölzer geflammt, ohne Farbe. Später strich man Altöl drüber, heute sind sie bunt.“ Herausgeputzt in Hellgrün, Beige oder Vanillegelb, auch sie in frischen Farben, wie der neue Wald.

Entlang der Ilse geht es durch den Ort – jahrhundertelang war sie Transportweg für Holz aus dem Harz. Außerdem trieb der Fluss Wasserräder an, rund 40 waren es zwischen Ilsetal und Ortsausgang. Am Forellenteich mit Springbrunnen zeigt Eckhard Selz auf das Landhaus „Zu den Rothen Forellen“, dessen Ursprünge ins 16. Jahrhundert zurückreichen.

„Im 19. Jahrhundert gehörte es zu den ersten Hotels in Ilsenburg“, sagt er. Heute steht Gästen ein Pool zur Verfügung, früher gelangten sie durch ein Badehaus direkt in den Forellenteich.

Allerdings hatte der Harz damals nicht so einen guten Ruf als Wanderziel wie heute: „Der ‚Baedeker‘-Reiseführer riet zum Winterurlaub, denn im Sommer roch es wegen der Kohlenmeiler nach Qualm und Rauch“, erzählt Eckhard Selz. Er führt seine Gäste durch die Gassen und zeigt ihnen das Wasserrad in der Vogelmühle – einst eine Eisenhütte, dann bis in die 1950er-Jahre eine Getreidemühle.

„Ilsenburg war früher Staub, Dreck, Hitze und Gestank – jetzt ist es idyllischer.“ 2013 kam sogar Hollywoodstar George Clooney in den Ort. Als er im Harz den Kinofilm „The Monuments Men“ drehte, quartierte er sich für mehrere Wochen im Landhaus „Zu den Rothen Forellen“ ein. So wie der Wald sich wandelt, hat sich auch Ilsenburg gemausert.

Diese Veränderung hatte schon Heinrich Heine beschrieben: „Die ‚Harzreise‘ ist und bleibt Fragment“, lautet eines seiner bekanntesten Zitate. Harzreisende hatten also schon früher die Chance, die Metamorphose dieses magischen Gebirges mitzuerleben.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Es gibt Regionalbahnverbindungen nach Ilsenburg ohne Umsteigen, etwa von Goslar, Halle (Saale) und Magdeburg. Autofahrer nehmen die Nordharzautobahn A36 (Ausfahrt 17, Ilsenburg).

Wo wohnt man gut? Landhaus „Zu den Rothen Forellen“, Fünf-Sterne-Hotel am Forellensee, Doppelzimmer ab 237 Euro (rotheforelle.de); Gästezimmer im historischen Kloster Drübeck, Doppelzimmer ab 109 Euro (kloster-druebeck.de).

Essen & Trinken: „Mühlenrestaurant“ im „Gasthof Vogelmühle“ in Ilsenburg, gutbürgerliche, Regionalküche in einer historischen Mühle (keine Website); „Waldgasthaus Plessenburg“, traditionsreiche Einkehrmöglichkeit gut fünf Kilometer von Ilsenburg auf dem Weg zum Brocken, mit E-Bike-Ladestation, geöffnet Mai bis Oktober (plessenburg.de).

Aktivitäten: Nationalpark-Besucherzentrum Torfhaus: Ranger-Führungen, Goetheweg zum Brocken (torfhaus.info); nebenan ist der Harzturm mit Skywalk und Rutsche (Eintritt 13,90 Euro, harzturm.de). Nationalparkhaus Ilsetal: Waldbibliothek, Garten, Infos und geführte Wanderungen mit Rangern (nationalpark-harz.de/de/besucherzentren/nlp-haus-ilsenburg). Harzer Wandernadel: Zeitlich unbegrenzte Stempeljagd mit Wanderpass zu 222 sehenswerten Orten (harzer-wandernadel.de).

Weitere Infos: ilsenburg-tourismus.de; nationalpark-harz.de; harzinfo.de

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