Laut brummt der Dieselmotor der Retro-Fähre in die Stille hinein, bevor sie am Pier von Tunø anlegt. Sie bringt Waren für Tami und Thomas Pinkalsk, die das einzige Geschäft der Insel führen. Ebenso Bestellungen für Cecillie Bandelow, die eines der beiden Hotels betreibt. Drei Restaurants, Minigolf, einen Vogelbeobachtungsturm und einen Campingplatz gibt es auch noch.

Und ein Dorf mit genau 75 Einwohnern. Abgesehen davon hat das 3,5 Quadratkilometer kleine, weitgehend unbebaute, östlich von Jütland im Kattegat liegende Inselchen nichts weiter zu bieten als sich selbst.

Was das bedeutet, will die „Tour de Tunø“ vermitteln, eine Art Schatzsuche zu den Insel-Highlights. Karten dafür gibt es auf der Fähre gratis. Los geht’s! Selbstredend zu Fuß oder mit dem Rad, Autos haben keine Zufahrt zur Insel.

Wenige Meter hinter dem Hafen befindet sich der Fahrradverleih. Genauer: ein Bauwagen mit Vertrauenskasse. Darüber ein Zettel: „50 Kronen oder 7 Euro. Gute Reise und viel Spaß.“ Vermutlich wurde auf Tunø noch nie ein Rad abgeschlossen – oder überhaupt etwas. Die Insel gibt sich offen. Das ist der Vibe, und den braucht es. Ohne den Glauben an die Ehrlichkeit würde der Tourismus hier nicht funktionieren. 

Kartoffeln als Souvenir

Dort, wo der Pfad vom Dorf aus in die Dünen führt, steht ein grüner Anhänger, der mit der Aufschrift „Nye Tunø Kartofler“ wirbt. Darauf: Kartoffeln, Zwiebeln, Äpfel, Lauch, Rüben und Kürbis, frisch geerntet, nebst Vertrauenskasse. „Unsere Kartoffeln sind im ganzen Land begehrt und sogar das beliebteste Insel-Souvenir“, sagt Cecillie Bandelow, die Hotelbesitzerin. „Weil Kartoffeln nichts besser schmecken lässt als gesunde Luft und saubere Böden.“

Hinein in unberührte Natur und hinauf auf einen schmalen Küstenpfad, wo der Wind im Takt mit dem Meer rauscht und das zurücklaufende Wasser die Kiesel zum Knistern bringt. Er pustet die Sträucher durch, lässt die Bäume schief wachsen und gleitet über grüne, sanft geschwungene Hügel.

Weil es vor tausend Jahren hier nicht viel anders aussah, kommen jeden Sommer Zeitreisende, um eine Woche lang wie echte Wikinger zu leben, zu essen, zu sprechen und sich zu kleiden. „Wie heißt die Insel, die du von hier aus sehen kannst?“, will die Schatzkarte wissen. Samsø lautet die Antwort. Weiter geht’s auf die Nørreklint-Klippen.

Kein Verkäufer in Sicht: Gezahlt wird in die Kasse des Vertrauens

Schöne Aussichten! Ob die etwa 60 streng geschützten Gryllteiste-Brutpaare, die in den schroffen Felslöchern auf Nachwuchs hoffen, das Panorama ebenfalls genießen, ist nicht bekannt. Wohl fühlen sie sich auf jeden Fall, denn genau hier lebt mittlerweile Dänemarks größte Population dieser seltenen Vögel. Wieder ein Rätsel gelöst. 

Schon ist Tunøs Mitte erreicht. Von hier aus führt eine Abzweigung durch das einzige Inselwäldchen zu Bandelows „Hotel Blåkærgård“. Der historische Dreiseitenhof mit winzigen Zimmern und knorrigen Apfelbäumen ist ihr Zuhause, ihr Arbeitsplatz und die Erfüllung eines Lebenstraums. „Für mich gibt es keinen friedlicheren Ort“, sagt sie. Angestellte hat sie nicht, woher sollen die auch kommen? „Zum Glück sind wir eine Insel, auf der alle zusammenhalten. Für jedes Problem gibt es mindestens einen, den ich anrufen kann.“

Kein Platz für Konkurrenzdenken, aber Kartoffelpizza

Für Misstrauen oder Konkurrenzdenken ist Tunø zu klein. Also hilft man sich, wo man kann, oder schaut auf einen Plausch vorbei. Vor allem, wenn einem der Sinn nach Bandelows berühmter Kartoffelpizza steht.

Dann setzen sich alle an eine große Tafel, sodass es sich auch für Gäste zwischen einem Hafenarbeiter und einer Bäuerin für einen Moment lang anfühlt, als sei man Teil der Tunø-Familie. „Nichts macht einen so glücklich wie 74 echte Freunde in Laufweite“, so Bandelow. 

Zurück geht es auf dem Küstenpfad. Ab hier führt die Tunø-Tour gen Westen. Es ist so still und menschenleer, dass sich Rehe blicken lassen. Hier und da hört man Ziegen meckern, manchmal taucht eine Vitrine mit Keramik oder Flohmarktkram in der Landschaft auf. Mit Vertrauenskasse, versteht sich. 

Meditativ: Steine stapeln am Strand

Voll wird es hier nie, es gibt keinen Besucherrummel, nicht mal zur Hauptsaison. Der größte Teil ist Naturschutzgebiet. Neue Häuser dürfen außerhalb des Dorfes auch nicht gebaut werden. Hinzu kommt, dass eine Insel ohne Wellness, Luxus, Shopping oder Unterhaltung nur Besucher anspricht, denen es genügt, am Strand Steinchen zu stapeln oder meditativ aufs Meer zu schauen.

Ihnen empfiehlt die Schatzkarte den Blick von der Westklippe. Mit etwas Glück ziehen Schweinswale vorbei. Außerdem verabschiedet sich die Sonne nirgends so glühend wie hier. Zwei Hocker vor einer im Boden eingelassenen Milchkanne, in der sich die bereits vertraute Vertrauenskasse samt kühlem Bier und kalter Cola befindet, versüßen das Warten.

Kirchturm dient als Leuchtturm

Die Route führt zurück ins Dorf, vorbei an der Schmiede von 1877, die durch das offene Museumsfenster so betriebsam wirkt, als käme der Meister jeden Augenblick zurück. Weiter geht es zum Wahrzeichen: Die Tunø Kirke stammt aus dem 13. Jahrhundert, ihr Kirchturm dient gleichzeitig als Leuchtturm.

Zwischen niedrigen Häusern und hohen Fahnenstangen, an denen dänische Flaggen wehen, die letzte Station: das Lebensmittelgeschäft. Hier übergeben Tami und Thomas Pinkalsk feierlich den Schatz. Eine goldene Medaille mit Umhängeband.  Man habe nun alles gesehen, versichern sie. 

Doppelrolle: Seit 1789 fungiert der Turm der im 13. Jahrhundert errichteten Kirche auch als Insel-Leuchtturm

Für das Paar, das erst wenige Monate zuvor auf die Insel gezogen war, fühlte sich die Aufgabe, den maroden Laden wieder auf Vordermann zu bringen, wie ein Ruf des Universums an. „Für uns war es die Chance, ein freies Leben in ruhiger Idylle zu führen und trotzdem mit der Welt verbunden zu bleiben.“

Mittlerweile kennen sie die Vorlieben der Bewohner und sorgen dafür, dass alle finden, was sie brauchen. Im Gegenzug erfahren sie die wichtigsten Neuigkeiten als Erste. Die Pinkalskes lieben ihre Rolle als Betreiber des wichtigsten Insel-Treffpunkts. Das stärkt die Gemeinschaft, sagen sie.

Mit ihrer zweijährigen Tochter brachten sie das erste und bislang einzige Kind auf die Insel. Damit es nicht allein bleibt, wird alles daran gesetzt, die letzten freien Wohnungen für junge Familien attraktiv zu machen. Denn wenn erst einmal eine Kita eröffnet ist, sind die Hürden für eine Grundschule auch nicht mehr hoch. Einen Spielplatz gibt es schon.  

Und Picknicktische – vermutlich mehr als Einwohner. „Setz dich, mach mal Pause“, scheinen sie zu sagen. Recht haben sie. Wozu eilen? Für rastlose Reiseseelen sind solche selten gewordenen, stillen Plätze inmitten gesunder Natur unendlich kostbar.

Einatmen, ausatmen, die Zeit anhalten – wer das auf Tunø ein paar Tage lang praktiziert, dem offenbart die Insel ihren eigentlichen Schatz: Dass dort, wo auf den ersten Blick nichts los zu sein scheint, in Wahrheit viel passiert. Im Kleinen, im Inneren, im Bewusstsein. Mit dieser Erkenntnis lässt es sich noch herrlich lange nichts tun auf Tunø. Bis die rote Retro-Fähre einen mit Dieselgebrumm zurück in die laute Welt bringt.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Mit dem Auto geht es bis zum Hafen von Hou, von dort aus braucht die Fähre eine Stunde nach Tunø. Die Anreise mit Bahn und Bus ist möglich, aber umständlicher (tunoefaergen.odder.dk).

Wo wohnt man gut? Das „Hotel Blåkærgård“ liegt malerisch in der Inselmitte am Waldrand, Doppelzimmer inklusive Frühstück und eigenem Bad ab 107 Euro pro Nacht. Es werden auch regelmäßig Yoga-Retreats angeboten (tunoe.dk). Charmant auch das kleine Hotel „Mejeriet Tunø“. Es befindet sich im Dorf und in Hafennähe, Doppelzimmer ab 84 Euro pro Nacht, Bad auf dem Gang. Das dazugehörige Restaurant ist bekannt für seine Farm-to-Table-Gerichte. Während der Hochsaison finden im Hotel Konzerte statt (www.mejeriet-tunoe.dk). Einige wenige Ferienhäuser oder ein Platz auf dem Campingplatz (nur im Sommer) sind ebenfalls buchbar (tunoehavn.odder.dk/tunoe-teltplads). 

Wo isst man gut? Cecillie Bandelows exzellente Steinofenpizza ist täglich ab 18 Uhr auch für externe Gäste erhältlich. Ihr Partner Rami führt zudem mit dem „Røgeriet“ ein modernes Fischrestaurant mit Hafenblick und guter Weinauswahl (tunoeroegeri.dk).

Weitere Infos: www.visitdenmark.de; www.kystlandet.de/inseln/tuno/autofreies-tuno-fuer-die-ganze-familie

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit Denmark. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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