Der neuseeländische Robin ist ein freundlicher Vogel mit kleinen Augen und großen Erwartungen. Angstlos sitzt er auf seinen dünnen Beinen am Wegesrand. Wanderführerin Sarah weiß, warum er dort sitzt. Er wartet darauf, dass Sarah mit den Schuhen Laub zur Seite wischt, bis Erde sichtbar wird. Ein paar Würmchen kringeln sich, die der Robin kopfnickend aufpickt. Es ist eine putzige, erlernte Symbiose zwischen Mensch und Vogel, zu beobachten auf Tiritiri Matangi.

Tausende Freiwillige haben auf der kleinen Insel vor der Millionenstadt Auckland über die Jahre ein Paradies geschaffen. Einige der seltensten und gefährdetsten Vogelarten Neuseelands fliegen angstlos um die Besucher herum: etwa der Stichvogel, hierzulande Hihi genannt. Man hört den Kokako, dessen katzenartige Geräusche mit keinem anderen Vogel zu verwechseln sind und der erst in den 2000ern hier angesiedelt wurde. Auf der Wiese vor dem Leuchtturm stakst das dunkelblau schimmernde Purpurhuhn alias Pukeko herum und lässt sich geduldig fotografieren. Sie alle haben keine Angst, weil sie keine Feinde haben – importierte Raubtiere wie Ratten, Frettchen, Possums, Wiesel, Katzen, existieren nicht auf Tiritiri Matangi.

Von 1984 bis 1994 pflanzten Tausende Freiwillige über 280.000 Bäume, die heute zwar immer noch kein Urwald sind, aber beste Lebensbedingungen für die lokale Fauna bieten. Sarah, eine ältere Dame im Ruhestand, ist jeden Sonntag hier. Wie die anderen Guides arbeitet sie freiwillig; es ist eine Gemeinschaft von Enthusiasten, die sich beim Tee im Besucherzentrum darüber austauscht, wer was gesehen hat. Bei dem Halbtagesausflug begegnet uns auch noch eines der größten Insekten der Welt, der nur in Neuseeland vorkommende Riesen-Weta – bis zu neun Zentimeter lang und so schwer wie eine Maus. Zwei der Tiere hängen sich paarend an einem Baum, ein Prozess, der mehrere Stunden dauert. Eine Stunde Bootsfahrt später steht man in Auckland wieder im Feierabendverkehr – und kann es kaum erwarten, anderntags die nächste neuseeländische Insel zu erkunden.

Dominierend für die touristische Wahrnehmung und mit Abstand am größten sind die milde Nord- und die bergige Südinsel des Pazifikstaates. Insgesamt gibt es aber über 600 Eilande in Aotearoa, wie das Land in der Sprache der Maori-Ureinwohner heißt; die meisten davon sind unbewohnt. Wie Neuseeland früher sei es auf den kleinen Inseln, sagen manche. Wer das kaum bekannte Neuseeland erleben will, sollte den Urlaub mit Inselhüpfen jenseits der beiden Haupteilande verbringen.

Aotea, das auf Englisch Great Barrier Island heißt, lohnt sich. Hier gibt es zum Beispiel bis heute kein Stromnetz, die Bewohner unterhalten Generatoren und Solarpaneele. Entsprechend sparsam wird mit dem Licht umgegangen, was ein Segen für Sternenbeobachter ist. Hundert Kilometer und eine halbe Flugstunde von Auckland entfernt existieren auch keine größeren Supermärkte oder Hotels, keine Geldautomaten, keinen öffentlichen Verkehr. Drei Viertel von Aotea werden vom Department of Conservation verwaltet, der Naturschutzbehörde. Das Eiland ist ein Geheimtipp, den man nur empfehlen kann.

Waiheke dagegen ist den Neuseeländern gut vertraut. Die Insel 20 Kilometer vor der größten Stadt des Landes war mal ein Hippie-Refugium; heute ist sie dabei, zu den neuseeländischen Hamptons zu werden – allerdings ohne Allüren. Die Landschaft wird gesäumt von Weingütern und Whiskybrennereien, viele der Bewohner pendeln nach Auckland und halten an Bord der Schnellfähre ihren Laptop auf den Knien. Für Rangitoto Island, das auf halber Strecke passiert wird, haben sie meist keinen Blick mehr. Dabei ist diese junge Vulkaninsel durchaus spektakulär: Vor nur 600 Jahren aus dem Meer geschoben, erhebt sich ihr dunkler Kegel 260 Meter über dem Hauraki Gulf. Mittlerweile ist der Rangitoto-Krater dicht bewaldet, aber weite Teile der Insel sind immer noch scharfkantiger, fast schwarzer Fels. Deshalb empfiehlt es sich, das Eiland mit ortskundigen Guides zu besuchen.

Die einzige aktive Vulkansinsel Neuseelands, Whakaari alias White Island, ist seit einem fatalen Ausbruch im Jahr 2019 für Touristen gesperrt. Wer sie davor besuchte, der weiß, wie eine ganz und gar lebensfeindliche Landschaft aussieht – und riecht. Lebendiger ist es dort, wo sich Seelöwen und Albatrosse gute Nacht sagen: im tiefsten Süden des Archipels, auf Stewart Island. Die drittgrößte neuseeländische Insel, auch Rakiura genannt, liegt am Übergang zur subantarktischen Zone. Von Auckland aus ist das eine kleine Reise: mit Air New Zealand geht es via Christchurch nach Invercargill und in einem kleinen neunsitzigen Britten-Norman Islander nach Oban, in die einzige Siedlung auf der Insel.

Der asphaltierte Flugplatz fungiert nebenbei als Kiwi-Beobachtungsareal, zu dem der Tourenanbieter Beaks & Feathers den Schlüssel hat. Auf dem kurz geschorenen Gras längs der Landebahn stehen die Chancen gut, im Kegel einer Rotlichttaschenlampe den scheuen Wappenvogel Neuseelands zu erspähen.

Der Stewart Island Brown Kiwi ist der größte von fünf Kiwiarten. Wie ihre Verwandten leben die vorwiegend nachtaktiven Tiere im Unterholz und sind generell schwer zu beobachten. Nach einer halben Stunde im Nieselregen ist es so weit. Ein junger Kiwi, gleich einem langbeinigen Federknäuel, stakst über die Wiese. Das Tier ist erfreulich unbeeindruckt von Beobachtern; die flugunfähigen Vögel ignorieren Menschen, verteidigen aber eisern ihr Territorium vor Artgenossen, wie Guide Robert erklärt. Sie suchen gern im offenen Feld nach Nahrung, essen Würmer und andere Insekten, die sie mit ihren langen Schnäbeln aus dem Boden zupfen – geführt vom feinen Geruchssinn, der an der Schnabelspitze sitzt.

Stewart Island ist ein Refugium. Mit 0,3 Menschen je Quadratkilometer ist die Insel extrem dünn besiedelt, 85 Prozent ihrer Landfläche gehören zum Rakiura National Park. Wenn man gegenüber einem Neuseeländer erwähnt, dass man nach Rakiura unterwegs ist oder von dort kommt, dann leuchten die Augen – wegen seiner urwüchsigen Abgeschiedenheit hat Stewart Island einen Status wie bei Amerikanern Alaska: ein Wunschziel von vielen.

Aber es geht immer noch urtümlicher, noch geschützter. Ein Wassertaxi bringt Besucher vom Golden Bay Wharf in Oban hinüber nach Ulva Island. Dort wird man am Pier instruiert, wie man sich im Fall einer Seelöwen-Begegnung zu verhalten hat: zwei Buslängen Abstand halten, im Zweifelsfall umkehren und, wenn gar nichts mehr geht, einen Rucksack zwischen sich und die schwerfällig-flinken Tiere halten. Man kann weiblichen Seelöwen auf Ulva Island sogar mitten auf dem Waldweg begegnen. Dorthin flüchten sie vor den Nachstellungen der Männchen. Dann muss man einen Umweg machen; die Seelöwen haben Wegerecht. Wenn auf kleinen Inseln die Zeit langsamer vergeht, dann bleibt sie auf Ulva Island stehen: nichts als Tiere, Pflanzen, Strand, Wasser und Steine.

So hätte es wohl ausgesehen, wäre man in den 1840ern hier angekommen, als um die 200 Walfangschiffe in der rauen Foveaux Strait Jagd auf Pottwale machten. Die Walfänger waren auf den Austausch mit den Maori angewiesen, die schon seit dem 13. Jahrhundert auf Rakiura lebten. Das Rakiura Museum in Oban erzählt diese und andere Kapitel aus der langen Geschichte der Insel. Während Tiritiri Matangi erst in den 1980ern aufgeforstet wurde, ist Ulva Island weitgehend in einem urtümlichen Zustand geblieben. Die Insel wurde niemals gerodet; seit 1997 ist sie „pest free“, also ohne eingeschleppte Arten, die zur Plage geworden waren. Selbst die wenigen Exemplare der einst aus Europa, Asien oder Amerika importierten Baumarten werden nach und nach gefällt. Große Kiefern und Eukalyptusbäume liegen auf dem Waldboden, bereit zum Zerlegen. Es soll hier einmal wieder so aussehen wie vor dem Auftritt der Europäer Ende des 18. Jahrhunderts: purer neuseeländischer Regenwald, der in Tausenden von Grünschattierungen glänzt.

Der Ausflug entpuppt sich als echte Zeitreise. Der Waldpapagei Kaka lässt einen prähistorisch klingenden Schrei los, als sei man im Jurassic Park gelandet; es ist eine auf dem Festland bereits bedrohte Art, die sich nur alle zwei bis vier Jahre vermehrt. Tieke, der lärmige Südinsel-Sattelvogel, tritt meist in Schwärmen auf und hackt Rinde von den Bäumen, um Insekten zu finden. Die heimische Waldtaube Kereru saust zwischen den Baumstämmen umher, eine Schlüsselfigur im Ökosystem Neuseelands, da sie als eine der wenigen verbliebenen Vogelarten große Früchte heimischer Baumarten verschlingen und deren Samen unversehrt verbreiten kann. Wenn sie sich an vergorenen Früchten überfressen, fliegen sie nicht nur wie betrunken – sie sind es auch.

Manche biologische Überraschung liegt auf Ulva verborgen längs des Weges im Unterholz. Die beiden Guides, Stefan und Carly, weisen auf einen alten Pukatea-Baum hin, in dessen Astloch sich von Pilzen schwarz verfärbtes Wasser gesammelt hat. Trägt man es mit einem Zweig auf die Haut auf, haftet es wie Tinte daran. Im Moment, erzählt Carly, wird darüber nachgedacht, riesige, räuberische Landschnecken anzusiedeln, die auf der Südinsel bedroht sind. Ulva Island ist ein seltenes Beispiel für einen nahezu vollständig intakten, von eingeführten Räubern befreiten Küstenregenwald Aotearoas.

Während der gut zweistündigen Wanderung sieht man so ziemlich alle endemischen Vögel, wegen denen Vogelfreaks nach Neuseeland kommen. Der Neuseeland-Fächerschwanz alias Piwakawaka schwirrt um einen herum, als würde er sich über den Besuch freuen. Ins Haus hinein fliegen lassen sollte man ihn nicht; das gilt als schlechtes Omen. Aber es gibt auf Ulva Island ja keine Häuser – bis auf das simple Ferienhaus einer lokalen Familie, das Bestandsschutz genießt.

Das Wassertaxi macht noch einen Umweg zu den Seelöwen, die sich auf einer Sandbank sonnen. Albatrosse landen mit ausgebreiteten Riesenschwingen auf dem bleiblauen Wasser – sie halten das Taxi für ein Fischerboot und wollen ein paar Reste abhaben. Als ihnen ihr Irrtum klar wird, schwingen sie sich davon. Ein paar jüngere Seelöwen umkreisen das Boot. In einiger Entfernung watschelt am Strand bald eine Gruppe Vögel vorbei, die zu den seltensten ihrer Gattung zählen: Gelbaugenpinguine.

Ulva Island ist ein Juwel, das engagiert beschützt wird. Wenn – wie schon geschehen – eine einzige Ratte bei günstiger Witterung von Oban herüberschwimmt, wird alles unternommen, um sie zu finden und auszumerzen. Und neuerdings kann man auf Stewart Island sogar im Naturschutzgebiet übernachten. Die Firma PurePod hat hinter dem Schutzzaun zwei gläserne Komfortkästen mit Blick auf die Lee Bay und die Küste der Südinsel aufgestellt. Wenn der Himmel nicht bewölkt ist, sieht man im Bett liegend durch die gläserne Decke das kalte Feuer des Südhimmels. Stewart Island ist nämlich nicht nur ein verwunschenes Idyll, sondern auch das südlichste von der International Dark Sky Association geschützte „Dark Sky Sanctuary“ der Welt.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Tourism New Zealand. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

A large flock of sheep grazing in a hilly, rural landscape surrounded by wooden fences. Waiheke Island, Auckland, New ZealandWoman in a black dress and hat standing among reflective vertical panels with a scenic coastal backdrop, Waiheke Island, New Zealand || Model releasedHistoric Whakakaiwhara Pa Walk in Duder Regional Park, Auckland Region / North Island / New Zealand. The point of land is the the historic site of a Ngai Tai ki Tamaki defensive settlement, a Maori Pa. The panorama looks towards the Tamaki Strait with Waiheke Island and Ponui (Chamberlins) Islands in the background.Panorama of sailing boats on Waiheke Island, Auckland, North Island, New Zealand, Pacific+++ honorarpflichtig ++++++ honorarpflichtig +++ Hiker above the gutter headland above Mason Bay, Rakiura National Park, Stewart Island, New Zealand+++ honorarpflichtig +++ Stewart Island robin (Petroica australis rakiura), Ulva Island, off Stewart Island, South Island, New Zealand, Pacific+++ honorarpflichtig +++

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