„Auf dem Campingplatz herrschen noch archaische Regeln“
Ausgerechnet zum Saisonstart hört die kleinste Reise-Kaffeemaschine der Welt auf zu blubbern. Es gibt nur wenige Dinge, die ihr die gute Urlaubslaune verderben können. Aber dieses Malheur gehört dazu. Es ist ein Camper-Ritual, worauf sie sich nach der Winterpause gefreut hat: Camper-Schiebetür auf, die erste Tasse Kaffee in der Hängematte mit Blick aufs Meer. Fernseh-Moderatorin Bettina Tietjen, 66, („NDR-Talkshow“, „DAS! Rote Sofa“), ist eine Camping-Puristin – reduziert auf das Wesentliche, die alles andere wie Lärm oder zu dicht stehende Nachbarn auf einem Campingplatz als Nebenschauplätze ausblenden kann.
Mit dieser entspannten Herangehensweise tourt sie im Urlaub seit 35 Jahren mit ihrem Mann Udo auf gut sieben Quadratmetern durch Europa. Sie campt so gern, dass sie inzwischen auch beruflich auf Campingplätzen unterwegs ist – für ihre Sendereihe „Tietjen campt“ mit Prominenten und für ihren Camper-Podcast „Ins Blaue“. Und alles, was sie so Skurriles beim Campen erlebt, schreibt sie unterhaltsam auf: Gerade ist ihr zweites Camping-Abenteuerbuch erschienen („Tietjen sucht das Weite“, Piper).
WELT: Frau Tietjen, sind Sie schon startklar für den nächsten Campingtrip?
Bettina Tietjen: Alles schon geplant! Erst wird unser Wohnmobil aus der Scheune geholt, das ist jedes Mal aufregend. Wir sind Saisoncamper, und das seit vielen Jahren. Vor Himmelfahrt fahren wir nie los.
Wenig ist oft genug: Was braucht man mehr am Meer?WELT: Funktioniert denn noch alles nach der Winterpause?
Tietjen: Toi, toi, toi, eigentlich ist unser Fiat Ducato zuverlässig und richtig gut in Schuss, aber er hat bestimmt schon 360.000 Kilometer runter. Mein Mann hat unseren Lieferwagen vor ungefähr 27 Jahren selbst ausgebaut: mit allem Nötigsten, was man so unterwegs braucht. Sitzbank zum Umklappen, kleiner Kühlschrank, Spüle, Zwei-Flammen-Herdplatte für den Notfall zum Kochen drinnen, eine Außenmarkise und sogar eine Halterung für meine Hängematte. Das Auto hat zwar keinen Namen, aber wir lieben es! Der Vorgänger war ein VW-Bus, da fiel uns die Verabschiedung auch sehr schwer.
WELT: Mögen Camper unterwegs solch eine vertraute Umgebung um sich?
Tietjen: Das hat vielleicht auch viel mit schönen Erinnerungen zu tun. Dort haben die Kinder damals immer geschlafen und so. Das ist wahrscheinlich doch so ein Stück Heimat. Wo man weiß, da sind die Kabel verstaut, da die Vorräte und das Geschirr – wo eben jeder Handgriff sitzt. Unser rollendes Zuhause. Und dazu gehörte auch meine praktische Kaffeemaschine!
WELT: Erzählen Sie mal.
Tietjen: Die ist kaputt, ich habe noch keinen Ersatz gefunden – es gibt sie einfach nicht mehr. Die hängt man wunderbar an die Wand, sie nimmt keinen Platz in Anspruch, dann kommt ein Pad rein, man gießt ein Becherchen Wasser rein, stellt eine Tasse, die extra dafür gemacht ist, darunter, drückt auf den Knopf, und im Nu kann man seinen Kaffee in der Sonne trinken. Wir müssen jetzt irgendeine Alternativlösung finden. Oder die klassische Bialetti nehmen, so ein Espressokocher ist aber umständlicher.
WELT: Wohin geht es denn?
Tietjen: Wir wollen Himmelfahrt auf eine längere Tour nach Frankreich, weil wir dort zu Pfingsten zu einer Hochzeit eingeladen sind.
WELT: Reservieren Sie dann frühzeitig?
Tietjen: Spontan ist es am schönsten. Das hat sich aber leider verändert. Es ist heute so eine Frage, wie gut man im Improvisieren ist. Wir machen das jetzt meistens so, dass ich erst unterwegs Plätze suche, gucke, ob sie was frei haben und dann online für die Nacht reserviere. Das ist dann nicht so stressig, wie wenn man abends herumsucht. Das hat sich oft bewährt, in der Toskana, am Lago Maggiore, in der Provence.
WELT: Also quasi halb-spontan?
Tietjen: Es gibt Lieblingsplätze wie an der Côte d’Azur, da muss man inzwischen sogar im Herbst ein Jahr im Voraus buchen, wenn man da wieder in der ersten Reihe stehen möchte. Das mache ich dann auch manchmal. Sonst nicht. Aber wir fühlen uns auch oft auf schlichten Plätzen wohler. Wo wenig los ist und die von Campingtestern gar nicht erst registriert werden. Wir brauchen keine Animation, keinen Laden, keine Wasserrutsche, und auch niemanden, der uns irgendwas Drittklassiges vorsingt. Es geht bei vielen Campern immer nur um die Sanitäreinrichtung, ob dort alles in Ordnung ist. Ich lese viele Camper-Rezensionen, da ist Sanitär das Allerwichtigste. Ob da mal Haare auf dem Fußboden liegen oder eine Fuge in der Dusche schimmelt. Sowas fällt mir ehrlich gesagt gar nicht auf: Flipflops an, Handtuch aufgehängt. Man darf da nicht so pingelig, so etepetete sein. Ich achte auf ganz andere Sachen.
Diese Parzelle war wohl nichts für die Hängematte … Am nächsten Tag war Bettina Tietjen schon wieder auf AchseWELT: Auf welche denn?
Tietjen: Auf einen schönen Blick und große Bäume, wo man die Hängematte aufhängen kann. Und nach Möglichkeit keine festen Parzellen. Das mögen wir. Frei und schlicht.
WELT: Also kein Vorzelt?
Tietjen: Sowas brauchen wir nicht. Mir fällt immer auf: Die Leute mit dem neuesten und meisten Campingkram sind oft diejenigen, die noch nicht lange campen. Perfekt ausgestattet. Faltbare Töpfe, aber noch nicht mal eine Wäscheleine dabei. Keine Stirnlampe, wenn man nachts mal raus muss, aber blinkende Lichterketten …
WELT: Wie dürfen wir uns denn Ihren Stellplatz vorstellen?
Tietjen: Nur zwei Klappstühle, Klapptisch, kleiner Kochgrill und die Hängematte. Das war’s. Und vor der Tür liegt eine Strandmatte. Das ist ja so schön beim Camping: Sachen, die man nicht mehr braucht und nicht zurückschleppen will, die lässt man da und stellt sie neben den Mülleimer. Das ist ein uralter Campertrick. Da haben wir schon mal einen Sonnenschirm für ein paar Tage geholt, auch eine Matte für draußen, weil es ja völlig egal ist, ob da schon mal jemand seinen Fuß draufgesetzt hat. Das ist total praktisch!
WELT: Was sind denn Ihre unverzichtbaren Utensilien?
Tietjen: Ein Leatherman, also ein Multifunktionswerkzeug. Die Stirnlampe. Ein Moskitonetz an der Schiebetür. Und einen Hexenbesen, so einen altmodischen aus Stroh. Mit dem kann man gut Ameisen und Sand herauskehren.
WELT: Wer fegt denn?
Tietjen: Mein Mann, er fegt gern!
WELT: Gibt es bei Ihnen eine feste Arbeitsteilung?
Tietjen: Auf jeden Fall! Jeder von uns weiß automatisch, was zu tun ist. Also ich bin der Meinung: Auf dem Campingplatz herrschen noch archaische Regeln. Zwar habe ich schon Zuschriften von Frauen bekommen, die meinen, das stimme gar nicht. Sie würden dasselbe wie die Männer machen. Aber bei uns ist das so, aus Bequemlichkeit. Etwa bei der Ankunft. Er hievt die E-Bikes runter. Holt die Sachen aus der Dachbox. Schließt den Strom an. Ich baue die Möbel auf, hole die Hängematte. Und dann die Sache mit der Toilette: Es ist bei 90 Prozent der Camper so, dass die Männer die kleine Rolltoilette über den Platz ziehen. Also, ich brauche mich nicht auf dem Campingplatz zu emanzipieren, da habe ich ja sonst genug Gelegenheit dazu. Ich gehe lieber Geschirr spülen. Die Gemeinschaftsspültische sind ein kommunikativer Ort. Man steht mit anderen zusammen und kommt ins Gespräch. Das ist so typisch Campen!
Gut bezopft: Bettina Tietjen mit 18 Jahren auf ihrem ersten Campingtrip Richtung SüdenWELT: Was ist für Sie noch ein Campingritual?
Tietjen: Ich beobachte sehr gern Menschen und schaue, was sie so machen. Zum Beispiel das Paar von gegenüber mit drei Dalmatinern, das war vergangenes Jahr in Frankreich. Die beiden haben die Hunde ausgeführt. Und dann höre ich, wie der Mann zu seiner Frau sagt: „Der Haufen hier ist aber nicht von unseren, der ist ganz kalt.“ Und die Frau hat immer zu den Hunden gesagt: „Komm zu Mama! Komm zu Mama!“ Das war schreiend komisch.
WELT: Rücken Ihnen Nachbarn nicht manchmal zu dicht auf die Pelle?
Tietjen: Die meisten Camper sind eigentlich ganz in Ordnung, entspannt und rücksichtsvoll. Man lässt einander in Ruhe, freundlich, aber nicht aufdringlich. Und wenn dann Leute nebenan stehen, wo du denkst, oh Gott, die sind ja furchtbar, schreien nur herum oder streiten sich, dann fahren wir einfach weiter. Beim Camping ist es viel einfacher, den Platz zu wechseln als im Hotel. Wir bleiben ja sowieso immer nur ein paar Nächte an einem Ort.
WELT: Und was sind Ihre Lieblingsziele?
Tietjen: Korsika! Eine ganz tolle Insel, vielseitig und schön. Wir haben sie vor knapp 30 Jahren für uns entdeckt. Ideal zum Campen, weil da auch wenig zugebaut ist. Das hat sich bis heute kaum verändert. Die Korsen sind nun mal nicht so touristenfreundlich und wollen nicht so viele Hotels. Ihre Campingplätze liegen traumhaft schön. Wir fahren nur alle paar Jahre hin, sonst wird es langweilig. Mal Frankreich, mal Nordspanien, Kroatien, was man so in vier Wochen am Stück schafft. Sonst sitzt man ja nur im Auto. Wir haben uns aber fest vorgenommen, sobald ich nicht mehr arbeite, auch mal mehrere Monate am Stück zu campen. Dann werden wir mal mit dem Wohnmobil nach Portugal fahren oder nach Griechenland.
Campen in den 80ern: Bettina Tietjen mit Neon-Leggings und weißen Tennissocken – kommt alles wiederWELT: Was ist mit Skandinavien?
Tietjen: Da könnten wir uns gut Norwegen vorstellen, aber das Wetter ist dort so unsicher. Wochenlang im Regen zu sitzen und jeden Abend im Auto das Heizöfchen anzumachen … ist keine schöne Vorstellung. Camping hat für mich viel mit Sommer zu tun. Hauptsache, ich bin draußen, in Flipflops, und nicht mit Daunenjacke.
WELT: Campen Sie auch auf anderen Kontinenten?
Tietjen: 2019 waren wir in Australien. Das waren mehr als 5000 Kilometer entlang der Ostküste. Mein krassestes Wildlife-Erlebnis: Da sitzen wir in einer lauen Sommernacht romantisch unter Eukalyptusbäumen, eine Kerze auf dem Campingtisch. Plötzlich merke ich, dass etwas Großes, Weiches auf meinen Füßen sitzt. „Nimmst du mal deine Füße weg?“, sage ich zu meinem Mann. „Das bin ich nicht!“, antwortet er. Und dann gucke ich unter den Tisch, und da hocken tatsächlich zwei Opossums auf meinen Füßen, Mutter und Kind. Ich habe geschrien wie am Spieß, bin aufgesprungen, so erschrocken war ich. Und was machen die beiden niedlichen Racker? Klettern auf meinen Stuhl, dann auf den Tisch, kötteln alles voll und snacken die Chipstüte leer!
Mögen Chips: Eine Opossum-Mutter mit Jungem unter Bettina Tietjens Campingtisch in AustralienZur Person:
Ein VW-Bus-Trip als 18-Jährige war entscheidend dafür, dass sich Bettina Tietjen bis heute nichts Lustigeres vorstellen kann als Camping-Urlaube. Die gebürtige Wuppertalerin studierte Germanistik, Romanistik und Kunstgeschichte in Münster und Paris. Dann traf sie Udo, einen campenden Flugzeugbau-Ingenieur aus Hamburg. Seit 35 Jahren sind sie gemeinsam auf Achse. Tietjen hat zwei erwachsene Kinder, die, wie kann es anders sein, auch campen. Seit 1993 ist sie beim NDR Gastgeberin mehrerer Talksendungen, seit 2020 fährt sie auch mit Prominenten in „Tietjen campt“ ins Grüne. Sie ist Autorin mehrerer Bestseller.
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