Warum Ruanda mittlerweile als die „Schweiz Afrikas“ gilt
Im Butterfly House des Umusambi Village, ein paar Kilometer vor den Toren der ruandischen Hauptstadt Kigali gelegen, geht es in schwüler Atmosphäre rund. Es wird sich eifrig gepaart, was bei den dort lebenden Insekten Stunden dauern könne, wie Eric Furaha grinsend sagt.
Der Zoologe kümmert sich in Vollzeit um seine zarten Zöglinge, insbesondere um den Nachwuchs, die Puppen, die in einem separaten Bruthaus ihre Metamorphose von der wurstigen Raupe hin zum ansehnlichen Falter durchlaufen. Willkommen in einem der Welthauptquartiere von Lepidoptera: der Schmetterlinge.
Die Anlage gleicht dem Treibhaus einer Tropengärtnerei, mit üppigem Hibiskus, Farnen, Palmen. Orangenscheiben liegen auf Tellerchen, an denen sich die Kerbtiere ebenso laben wie am Nektar der Blüten ringsum. Rund 130 Vertreter vier ruandischer Schmetterlingsarten weilen hier gerade, wobei es laut Furaha „nächste Woche schon wieder mehr als 300 sein werden“, der Puppen-Nachwuchs wird zur nächsten Generation Geflatter.
Zoologe Eric Furaha kümmert sich im Umasambi Village um SchmetterlingeLinks sitzt ein Vertreter der Spezies Hypolimnas misippus in elegant schwarz-weißem Flügelkleid; rechts eine gelbgrüne Catopsilia florella; oben gleitet die African Queen alias Danaus chrysippus in orange-weiß lautlos durch die Lüfte.
Ruanda, in der Fläche kleiner als das Bundesland Brandenburg und damit eines der Mini-Länder Afrikas, ist im Hinblick auf die Tierwelt ein Riese. „Bei uns gibt es mehr als 200 Schmetterlingsarten“, sagt Furaha. Deren genaue Zahl ist bisher ungeklärt, man erforscht und zählt sie noch im Urwald. Zu den weiteren Highlights gehören Menschenaffen – die man mit etwas Glück im Rahmen von Trekkingtouren zu Gesicht bekommt.
Land des ewigen Frühlings
Neben der Tierwelt ist die Geografie der zweite Pluspunkt. Ruandas gesamtes Territorium liegt in Äquatornähe auf mehr als 1000 Höhenmetern mit mildem Klima. Die Temperaturen liegen ganzjährig meist bei 15 bis 30 Grad, was dem seit 1962 unabhängigen Staat den Ruf als „Land des ewigen Frühlings“ eingebracht hat.
Am Horizont ragen reihenweise Vulkankegel in den Himmel. Der imposanteste ist der Karisimbi, 4507 Meter hoch, was annähernd der Dufourspitze entspricht, dem Topgipfel der Schweiz. Die Natur, Savanne im Osten, Regenwald im Westen, strotzt vor Leben, vor allem in den Nationalparks Akagera, Volcanoes, Gishwati-Mukura sowie Nyungwe im Südwesten.
In Nyungwe, seit Jahrmillionen Urwald, liegt auch die kontinentale Wasserscheide. Der Nil, der längste Strom der Welt, fließt von hier zum Mittelmeer gen Norden, der wasserreiche Kongo nach Westen. Vulkanische Aktivität sorgt für fruchtbare Böden. Im ganzen Land strotzen Hirse und Mais, Bohnen und Karotten, Kartoffeln, Reis, Bananen, Kaffeebäume und Teesträucher vor Lebenslust. Mehr Grün geht nicht.
Ruanda ist artenreich – auch an SchmetterlingenDritter Vorzug: Ruanda mit seinen 14 Millionen Einwohnern hat den Ruf, so etwas wie „die Schweiz Afrikas“ zu sein – und das nicht nur der Berge wegen. Das Land ist sicher. Nach Angaben von Transparency International ist in Kontinentalafrika lediglich Botswana weniger korrupt. Das Straßennetz ist gut ausgebaut, von Kigali aus ist jede Ecke des Landes in wenigen Stunden erfahrbar.
Der öffentliche Raum ist bemerkenswert sauber, weil es einmal im Monat heißt: Umuganda! – alle zusammen raus auf die Straßen und Bürgersteige zum Saubermachen und Müll aufsammeln! Plastiktüten sind verboten, sie dürfen nicht eingeführt werden.
Gleichberechtigung ist mehr als nur eine hehre Idee. Frauen haben 51 von 80 Sitzen im Parlament inne, prozentualer Weltrekord! Und fast überall wird, bequem für Ausländer, Englisch gesprochen.
Die Hörner der Inyambo-Rinder werden bis zwei Meter langAuch die vorkoloniale Kultur wird gepflegt. In Nyanza im Süden hatte die ruandische Monarchie ihren Sitz. Im dortigen King’s Palace Museum steht der rekonstruierte „Herrscherpalast“, ein Areal mit Gebäuden aus Holz, Lehm und Stroh in Form baumhoher Bienenkörbe. Zu sehen sind dort auch speziell gezüchtete Inyambo-Rinder mit gigantischen Hörnern, die früher bei königlichen Ritualen auftraten; sie waren darauf trainiert, sich zur Zeremonienmusik anmutig zu bewegen.
Doch über Ruanda lastet, trotz aller positiver Aspekte, ein dunkler Schatten, der das Land bis heute prägt; Reisende sollten sich dessen bewusst sein. 1994 fand ein Genozid statt, der nur mit Blick auf die Gesellschaft zu erfassen ist: Die große Mehrheit der Bevölkerung gehört der Ethnie der Bahutu an, die Batutsi wiederum stellten seit alter Zeit traditionell die herrschende Klasse – umgangssprachlich werden sie auf Deutsch Hutu und Tutsi genannt. Die Batwa (Twa) wiederum, ein Pygmäenvolk, sind eine noch heute oft benachteiligte Minderheit.
Auslöser der 100 Tage währenden Gewaltorgie war der Abschuss eines Flugzeugs am Airport Kigali am 6. April 1994. An Bord befanden sich Ruandas Präsident, ein Hutu, und Burundis Staatschef. Es folgte ein Massenmord an den Tutsi und an jenen Hutus, die sich weigerten, am kollektiven, von der Regierung befohlenen und koordinierten Blutbad teilzunehmen, sowie an vielen Twa.
In Nyanza pflegt Ruanda sein vorkoloniales Erbe – der rekonstruierte Königspalast mit Gebäuden aus Stroh und Lehm ist heute ein MuseumDer Blutrausch in dem überwiegend christlichen Land forderte mindestens 800.000 Tote. Hinzu kamen Millionen Traumatisierte, Trauernde, Waisen, Verwitwete. Der Horror endete erst im Juli 1994 mit dem Aufschlagen der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) unter Führung von Paul Kagame. Der ist seitdem Staatschef und heute 68.
Formal ist Ruanda demokratisch, de facto allerdings ein autoritärer Ein-Parteien-Staat. Kagame wird regelmäßig im Amt bestätigt. Oppositionspolitiker und Journalisten sitzen hinter Gittern; es gibt Einschüchterung, Folter, Mord. Ruanda hat eine der schlagkräftigsten Armeen in Afrika und mischt immer wieder bei blutigen Kämpfen im Osten der benachbarten Demokratischen Republik Kongo mit.
Zugleich ist das Land wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich. Seit dem Völkermord beträgt die jährliche Wachstumsrate im Schnitt acht Prozent. Die Lebenserwartung stieg von 49 Jahren zur Jahrtausendwende auf nunmehr 70 Jahre. Es gibt eine funktionierende Krankenversicherung für alle, die Kindersterblichkeit ist deutlich gesunken.
Kigali ist nach einer konsequenten digitalen Aufrüstung heute eine IT-Hochburg. Und da man um das globale Imageproblem infolge des Genozids weiß, sponserte die Regierung zeitweise weltbekannte Sportvereine wie den FC Bayern München und Arsenal in London, die „Visit Rwanda“ propagierten. Voriges Jahr fragte das internationale Lifestyle-Magazin „Monocle“ in einem siebenseitigen Feature kühn: „Könnte Ruandas Hauptstadt Afrikas Dubai werden?“
Gorilla-Tracking ist hier das Big Business
Aber zurück zur Natur. Neben den fragilen Schmetterlingen sind es vor allem die großartigen Menschenaffen, insbesondere die seltenen Berggorillas, die jährlich 1,5 Millionen zahlungskräftige Touristen ins Land locken. Von denen gibt es heute geschätzt gut 1000 Vertreter, sie leben ausschließlich im Dreiländereck von Ruanda, Uganda, Kongo.
Ruanda ist für abenteuerlustige Gäste dabei die erste Wahl. Das liegt zum einen am Kinofilm „Gorillas im Nebel“ von 1988, der das Leben der Primatenforscherin Dian Fossey (und ihr unglückliches Ende) zum Thema hatte. Zum anderen ist Ruanda dank besserer Infrastruktur das viel bequemere Reiseland.
Die seltenen Berggorillas können im Rahmen organisierter Trekkingtouren besucht werden. Menschen und Affen kommen sich dabei erstaunlich nahIm Volcanoes-Nationalpark, 160 Quadratkilometer klein, ist Gorilla-Tracking Big Business. Die hier in freier Wildbahn lebenden Gorillaverbände wurden seit Jahrzehnten gezielt an Menschen gewöhnt. „Sie halten uns für eine Art Vettern“, sagt Ignatius, ein Guide, was in genetischer Hinsicht – Gorilla und Mensch sind evolutionstechnisch engste Verwandte – durchaus zutrifft. In der Saison werden die familienähnlichen Clans heute fast täglich von Urlaubergruppen à acht Personen besucht – oder auch, je nach Sichtweise, heimgesucht.
So ein Dschungelabenteuer beginnt aus organisatorischen Gründen immer im Reception Center des Volcanoes-Nationalparks, wo morgens gegen acht Hundertschaften von Touristen in Safari-Outfits aufschlagen und gebrieft werden, was Sicherheit und Verhalten im Busch angeht.
US-Amerikaner sind klar in der Überzahl. „In ganz Ruanda stellen Amerikaner mehr als 50 Prozent“ aller Touristen, sagt Jean Paul Baruhura vom Rwanda Development Board. „Bei den Gorillas sind es mehr als 60 Prozent.“
In der Kleingruppe geht es anschließend über Felder, Stock und Stein hinein ins Dickicht des Bambus-Urwalds, steil bergauf und bergab, begleitet von mehreren Guides, einer mit Machete am Gürtel, ein anderer mit Maschinenpistole – wegen der Waldelefanten und Büffel in der Nähe, bei denen man nie so recht weiß, wie sie drauf sind. Es ist alles andere als ein Sonntagsspaziergang und für manche schon aufgrund der dünnen Luft in der Höhenlage von 2000 bis 3000 Metern körperlich eine Herausforderung.
Es regnet an diesem Tag nicht. Dennoch sind die Dschungelpfade, die mit Macheten ins Wuchergrün gehackt werden, denkbar unwegsam, versumpft und glitschig. Knietief geht es durch Matsch und Modder. Ist es mal irgendwo trocken, krabbeln beißende Riesenameisen an Schuhen und Beinen hoch. Obenherum: Mücken.
Korrekt maskiert im Angesicht der Affen
Im Gebüsch zu beiden Seiten gedeihen zudem mannshohe Stechdisteln der übelsten Sorte, Urtica massaica, gegen die ihre mitteleuropäischen Verwandten ein Schlafmittel sind. Nicht zu vergessen die Massai-Brennnessel, die durch jeden Stoff sticht und schmerzhafte Blasen auf der Haut verursacht.
Als das Grüppchen, die ältere Fraktion entkräftet und am Rande des Nervenzusammenbruchs, nach gut zwei Stunden im Morast schließlich auf die Gorillas trifft, heißt es: „Masken auf!“ wie einst bei Covid. Anordnung von oben, weil sich die Tiere, wertvolle Devisenbringer fürs Land, bei Menschen mit sonstwas anstecken könnten, gegen das sie keine Immunität haben: Viren, Bazillen, Keime aller Art.
Korrekt maskiert stimmt Guide Ignatius einen Doppelgrunz an, ein sanftes „Brrr-Brrr“, das von einem gewissen Isano prompt erwidert wird. Was beiderseits so viel heißt wie: „Alles gut, man kennt sich ja, nice to see you again.“ Isano ist Chef des Clans, ein Silberrücken und Muskelprotz von mehr als 200 Kilo, der einem mühelos Arm, Bein oder Kopf abreißen könnte, wenn er wollte.
Zum Glück will er nicht. Er sitzt inmitten seiner Sippschaft im Grün, keine drei Schritte von den Humangästen entfernt, mampft sich durchs Pflanzenreich und ist von ausgesucht milder Gelassenheit. Was nichts daran ändert, dass allen das Adrenalin pulsiert und das Herz flattert. Tatsächlich soll es aber, heißt es unisono bei Veranstaltern, noch nie zu Tätlichkeiten zwischen Gorilla und Mensch gekommen sein.
Die Meinungen über diese Art Afrika-Abenteuer gehen nach insgesamt sechs Stunden Dschungelmarsch indes auseinander. „Eine Zumutung“, sagen die fix und fertigen älteren Teilnehmer. Ein anderer, jünger und fitter, spricht dagegen von „einer der zehn tollsten Erfahrungen“ seines Lebens.
Sicher ist, dass so eine Expedition, begrenzt auf höchstens 60 Minuten Präsenz bei den Gorillas, eine finanzielle Herausforderung ist. Für die Tour sind 1500 US-Dollar pro Person fällig, zahlbar bei Buchung lange im Voraus, plus Trinkgelder für ein halbes Dutzend Guides und Tracker.
Hinzu kommen die Kosten für die Unterkunft in der Nähe des Nationalparks, die in den führenden Herbergen, etwa bei der Hotelgruppe One & Only, vierstellig sind, pro Person und Nacht, versteht sich. Das muss man sich erstens leisten können und zweitens auch wollen. Am großen Flattern anmutiger Schmetterlinge darf man sich in Ruanda dagegen völlig stressfrei erfreuen. Und umsonst.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Die staatliche Fluggesellschaft RwandAir fliegt ab Deutschland über London nach Kigali; Alternativen sind Brussels Airlines (über Brüssel) oder Ethiopian Airlines (über Addis Abeba).
Wann reist man am besten? Ideal ist die Trockenzeit von Ende Mai bis September. Die Hauptregenzeit beginnt im Februar; auch die Monate Oktober bis Dezember sind relativ niederschlagsreich.
Safari & Trekking: Die Rwanda Tours and Travel Association (rtta.rw) vereint Dutzende Reiseveranstalter, die Touren und Safaris aller Art im Land organisieren. Gorilla-Trekking ist trotz hoher Gebühren extrem begehrt, die Zahl der täglich verfügbaren Plätze strikt begrenzt – am besten Monate im Voraus buchen. Anbieter in Deutschland: diamir.de, abendsonneafrika.de
Wo wohnt man gut? In Kigali gibt es zahlreiche Hotels internationaler Ketten mit hohem Standard, etwa von Marriott, Radisson Blue, Serena oder Sheraton (150–200 Euro). In idyllischer Lage direkt am Kiwusee im Westen liegt die kleine, feine „Umurobyi Lodge“, stilvoll und luxuriös, Doppelzimmer ab umgerechnet 424 Euro inkl. Vollpension (umurobyi-lodge.com).
Was ist zu beachten? Ein Touristenvisum wird bei Einreise am Flughafen Kigali erteilt (Gültigkeit 30 Tage, Gebühr 50 US-Dollar, zahlbar in bar oder per Kreditkarte). Malaria-Prophylaxe ist sinnvoll (tropeninstitut.de).
Weitere Infos: Touristische Auskünfte: visitrwanda.com, rdb.rw; Vögel und Schmetterlinge beobachten: umusambivillage.org; Genozidmuseum in Kigali: kgm.rw.
Die Recherche wurde unterstützt von VisitRwanda und dem Rwanda Development Board (RDB). Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.
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