Behutsam zieht Robert Jonsson die letzte Edelstahlschraube an. Exakt mit dem berechneten Drehmoment. Dann ruht der Rumpf der „Vasa“ – gedämpft von gut bierdeckelgroßen Filzscheiben – auf der neuen, millimetergenau angepassten Stahlstütze.

„Die bisherige Konstruktion aus den 1960er-Jahren konnte die Lasten nicht mehr punktgenau tragen. Die „Vasa“ drohte Schaden zu nehmen, durch das Stützgerüst durchzurutschen. Die Schiffswände hatten sich schon verformt“, beschreibt der Zimmermann und Restaurierungsexperte. „Aber wenn die Arbeiten in einigen Monaten abgeschlossen sind, können wir aufatmen, dann ist sie wieder in Sicherheit.“

Sie, die „Vasa“, ist das wohl besterhaltene und berühmteste Schiff aus dem 17. Jahrhundert, ein 69 Meter langes Flaggschiff der königlich-schwedischen Kriegsmarine. Mit 64 Bordkanonen war sie bestückt, eine schwimmende Festung für die Seeschlachten um die Vorherrschaft im Ostseeraum. 1626, vor genau 400 Jahren, begann in der königlichen Werft in Stockholm ihr Bau.

Bis heute ist der Erhalt des Schiffes, 1628 gesunken und 1961 gehoben, eine enorme konservatorische Herausforderung. Hightech, großes Engagement des Museumsteams und hohe Budgets sind nötig. Der aktuelle Austausch der alten 34 Stützen, die durch 54 neue ersetzt werden, ist die bislang aufwendigste Sanierungsmaßnahme seit der Bergung.

Unglücks- und Glücksfälle

Dass die damals in nur 24 Monaten gezimmerte „Vasa“ heute von jährlich 1,4 Millionen Besuchern im Museum bestaunt werden kann, ist einer Kette von unwahrscheinlichen Unglücks- und Glücksfällen zu verdanken. „Das Schiff war nie für die Nachwelt gebaut. Es sollte in die Schlacht ziehen. Und spätestens nach einigen Jahrzehnten im Militärdienst wäre es durch ein neueres Schiff mit neuem Design ersetzt worden“, berichtet Jonsson.

Doch es kam ganz anders: Die „Vasa“ kenterte schon unmittelbar nach ihrem ersten Auslaufen im Stockholmer Hafenkanal – nach nur 1300 Metern Fahrt. Die meisten der etwa 200 Menschen an Bord konnten sich retten, aber etwa 30 Matrosen, darunter eine Frau, starben. Dabei war die vollständige Besatzung mit noch einmal 400 Soldaten noch gar nicht an Bord gegangen.

Das Museum für die „Vasa“ wurde um das gehobene Wrack herumgebaut

Die Ursache für die Katastrophe lag in der nie zuvor erprobten Konstruktionsweise. Um die Feuerkraft der „Vasa“ zu erhöhen, hatten die Schiffsbauer erstmals zwei Kanonendecks übereinander gezimmert. Damit lag der Schwerpunkt des Schiffs aber zu hoch. Auch 90 Tonnen Steine als Ballast im Schiffsrumpf reichten nicht zur Stabilisierung aus.

Schon leichte Windböen ließen das Schiff leewärts krängen. Es geriet so sehr in Schieflage weg vom Wind, dass durch die geöffneten Kanonenluken schließlich Wasser eindrang und sich das Schiff nicht mehr aufrichten konnte. Schon beim Bau hatte es entsprechende Warnungen gegeben. Doch die Verantwortlichen übergingen sie.

Einst Schwedens größtes Bauprojekt

„Vielleicht haben sie es auch einfach mit großem Gottvertrauen darauf ankommen lassen müssen. Theoretische Stabilitätsberechnungen gab es in dieser Zeit noch nicht“, sagt Jonsson. „Nachdem die Dimensionen des Schiffs festgelegt waren, konnten die Bauer auch nichts mehr verändern. Eine Alternative wäre nur ein völliger Neuanfang gewesen. Dafür war aber schon viel zu viel Geld in den Bau geflossen. Die ‚Vasa‘ war damals das größte Bauprojekt Schwedens.“

Obwohl die „Vasa“ nur etwa 120 Meter vom Land entfernt in etwa 30 Metern Wassertiefe sank, gab es mit den Techniken des 17. Jahrhunderts keine Chance, das Schiff zu bergen. Versucht wurde es trotzdem. Und wahrscheinlich gelang es schon damals, das Schiff auf dem Meeresgrund aufzurichten. Eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass es die folgenden 333 Jahre unter Wasser überdauern konnte. Auf der Seite gelegen, wäre es wahrscheinlich in Einzelteile zerbrochen; erdrückt vom eigenen Gewicht.

Hinzu kamen für den Erhalt förderliche, außergewöhnliche Umweltbedingungen: Das Wasser vor Stockholm ist kalt und damit sauerstoffarm. Auch Faulgase wie Schwefelwasserstoff senkten den Sauerstoffgehalt. Und ohne Sauerstoff können keine Bakterien überleben, die das Holz zersetzen.

333 Jahre unter Wasser

Dass die „Vasa“ dann, am Morgen des 24. April 1961, nach 333 Jahren unter Wasser, erstmals wieder an die Oberfläche auftauchte, gilt bis heute als Wunder. „Heute würde dieses Projekt nicht mehr möglich sein, schon wegen der extrem hohen Kosten“, sagt Jens Auer. Er ist Unterwasserarchäologe in Mecklenburg-Vorpommern und Sprecher der Fachkommission für Unterwasserarchäologie der Bundesländer.

Die „Vasa“ lag 333 Jahre unter Wasser und ist seit 65 Jahren konserviert an Land

Heute bleiben die allermeisten unter Wasser entdeckten Wracks an Ort und Stelle. „So sind sie am besten für die künftigen Generationen zu erhalten. Und mit moderner Technik sind wir heute in der Lage, die Funde auch unter Wasser genau zu untersuchen, zu vermessen und zu erforschen.“

Die „Vasa“ aber wurde nach ihrem Heben und der Ausstellung im eigens für sie gebauten Museum zum Publikumsmagnet. „Unser Glück und Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir durch die Eintrittsgelder genügend Mittel für den aufwendigen und teuren Erhalt der ‚Vasa‘ erwirtschaften können“, sagt Peter Rydebjörk, der Leiter des aktuellen Sanierungsprojekts.

Neue Bolzen für 100 Jahre

Zuletzt hat das Sanierungsteam über das ganze Schiff verteilt rund 5000 Metallbolzen ersetzt, die nach der Bergung ab den 1960er-Jahren zur Stabilisierung eingebaut worden waren.

„Jetzt rosteten sie und drohten ihre Stabilität zu verlieren und das Holz zu schädigen“, sagt Rydebjörk. Die neuen korrosionsfreien Edelstahlbolzen sollen laut Herstellergarantie mindestens 100 Jahre halten.

Der jetzt angelaufene Austausch der Stützen, die den Schiffsrumpf von außen stabilisieren, wird umgerechnet etwa 20 Millionen Euro kosten. Die Arbeiten sind im Plan. Die ersten neuen, millimetergenau justierbaren Stützen sind eingebaut. „Für die nächsten 100 Jahre ist die ‚Vasa‘ jetzt sicher“, ist Jonsson überzeugt.

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