Mit diesem Reiseziel kann man selbst langjährige Spanienfans überraschen: „Cuenca? Wo ist das denn? Und warum soll man dorthin?“ In Kastilien-La Mancha, nur eine Zugstunde von Madrid entfernt, liegt das mittelalterliche Städtchen – und wirkt doch wie in einem anderen Kosmos.

Hier haben Ritter aller Art und nachtaktive Bruderschaften, furchterregende Urviecher und unerschrockene Künstler Geschichte geschrieben, die man bis heute vor Ort erleben kann. Ebenso die überraschende lokale Küche. Es gibt also viele Gründe für Cuenca, die fünf besten haben wir hier zusammengestellt.

Erstens: die fantastische Lage

Spektakulär. Anders kann man diesen Ort nicht nennen. Cuenca klammert sich an einen knapp 1000 Meter hohen Felsrücken. Jäh abfallende Steinhänge, eine Schlucht rechts, eine Schlucht links, in jeder ein Fluss: der ideale Platz für eine Festung.

So sahen es auch die Araber, die Anfang des achten Jahrhunderts, während ihrer Invasion Spaniens, auf dem von Río Júcar und Río Huécar umspülten Felsplateau eine Burg bauten: Qal’at Qunka nannten sie sie, daraus wurde später Cuenca. Sie blieben für 400 Jahre.

Die christlichen Ritter unter Alfonso VIII., denen es 1177 nach monatelanger Belagerung gelang, die Stadt zu erobern, ließen die Moschee durch eine Kathedrale ersetzen. Cuenca wurde Bischofssitz, profitierte vom „weißen Gold“, dem Handel mit Schafwolle, und wurde – für damalige Verhältnisse – zur Großstadt: mit an die 16.000 Einwohner.

Für so viele Menschen Wohnraum auf dem engen Felsen zu bauen, war eine architektonische Herausforderung. Die Araber hatten die verwinkelte Bauweise vorgegeben. Wie gekonnt ihre Nachfolger das fortführten, kann man heute in der gut erhaltenen Altstadt auf Schritt und Tritt erleben.

Schmale Gassen, viele Treppen, enge Abzweigungen, einige Gebäude schlagen Brücken über die Straßen, jeder Hausausbau wird hier zum Tetrisspiel. Und manches scheint zu schweben: Wahrzeichen Cuencas sind die Casas Colgadas, die hängenden Häuser, direkt am Abhang über der Huécar-Schlucht gebaut, mit Balkonen unmittelbar über dem Abgrund.

Ganz auf Kante gesetzt sind auch einige mittelalterliche Bauten, die einen genialen Umgang mit der Platznot beweisen: Die schmalen Häuser wurden nicht nur nach oben aufgestockt, sondern auch nach unten, das Gefälle der Felswand nutzend. Bis zu zwölfgeschossige Häuser entstanden so, „die ersten Wolkenkratzer“, wie man in Cuenca stolz betont.

Nur 2000 Einwohner hat die Altstadt heute, die übrigen 51.000 Conquenser leben in der wenig interessanten Neustadt am Fuße des Felsens. Für ein alltägliches Leben, gar mit Rollator oder Kinderwagen, ist es hoch oben zu mühsam. Die Altstadt ist Unesco-Weltkulturerbe, doch vom Massentourismus noch nicht entdeckt, so können Top-Lage und steinerne Ruhe ungestört ihre Wirkung entfalten.

Oben die Altstadt, unten die Neustadt

Man verläuft sich schnell in dem Häuserlabyrinth und findet sich ebenso rasch wieder zurecht, schließlich geht es auf dem alten Pflaster nur hinauf oder hinab. Immer wieder kreuzt man die große Plaza Mayor: Kathedrale, Rathaus, bunte Häuserfassaden.

Und immer wieder gelangt man an den Rand dieses oft nur drei, vier Straßen breiten Felsenhorsts: Über die gemauerte Brüstung hinweg bietet sich ein aufregender Blick in die Schlucht und auf die nahen Wälder und Berge. Ein Ort, um tief durchzuatmen – die Luft hier ist besonders sauber, die Nacht still, der Sternenhimmel sagenhaft.

Zweitens: der Krach in der Semana Santa

In der Karwoche ist Cuenca stets im Ausnahmezustand. Dann gehört die Altstadt den Osterprozessionen: Nazarenos, mit Spitzkappen und langen Kutten ausgestattete Büßer, tragen Standbilder mit Heiligenfiguren durch die Gassen. Das macht man auch anderswo, aber in Cuenca nimmt fast die gesamte Bevölkerung („sogar Kommunisten“, so der Bürgermeister) daran teil. Rund vier Fünftel der Einwohner sind Mitglied einer Hermandad, Bruderschaft.

Mit ihrer Mischung aus Ausgelassenheit und Akkuratesse, Pflichterfüllung und Feierlust sind die Osterprozessionen in Cuenca selbst für spanische Verhältnisse etwas Besonderes. Wo sonst belagern Gläubige, unterstützt von hochprozentigen Getränken, die ganze Nacht eine Kirche, um die im Morgengrauen feierlich herausgetragene Jesusfigur wüst zu beschimpfen? Das wirkt verrückt. Und ist unbedingt ein Grund, sich spätestens am Gründonnerstag hier einzufinden.

Die ersten Prozessionen beginnen schon am Palmsonntag, jede der 33 Bruderschaften in Cuenca muss schließlich zum Zuge kommen. Die Pasos, überlebensgroße Standbilder auf Trageplattformen, zeigen Stationen des Kreuzwegs und haben so viel Gewicht, dass es Dutzende von Trägern braucht, um sie durch die steilen Gassen zu balancieren.

Mangel an Trägern herrscht nicht: Alle dürfen, alle wollen mitmachen, Alte und Junge, Frauen und Männer – man muss nur das Glück haben, einen Platz zu ergattern. Die Trägerpositionen werden in einer Auktion versteigert, bei besonders beliebten Standbildern der großen Karfreitagsprozession kann das Tausende von Euro kosten.

Immer ist es eine heikle Aufgabe. Auf einer Schulter die schwere Last, die andere Hand stützt sich auf einen Stock. Der ist wichtig. Weil die Nazarenos in ihren Spitzkappen kaum etwas sehen, müssen sie sich auf ihr Gehör verlassen – also auf das Tock-Tock-Tock der Gehstöcke. Wichtig: Unbedingt im Takt bleiben! Doch das wird schwer, wenn plötzlich Tausende anfangen, einen Gegenrhythmus zu trommeln.

Höhepunkt der Karwoche: Prozession in der Altstadt, hier wird die Jungfrau Maria über die Plaza Mayor getragen

Denn das ist Einzigartige an der Prozession in Cuenca: Die Gegenseite darf mitspielen. Als Turbas, als rasender Mob, der laut Bibel „Kreuzige ihn!“ skandierte und Jesus’ Leiden verhöhnte: Bereits in der Nacht auf Karfreitag belagern Hunderte die Kirche El Salvador, in der die Prozessionstableaus vorbereitet werden. Ausgestattet mit Trommeln, Tröten und dem heimischen Likör Resolí – der hilft gegen die Kälte der Osternächte – fordern sie, Jesus auszuliefern.

Wenn die Kapuzenträger ihre Heiligenstatuen schließlich gegen 6 Uhr aus der Kirche wuchten, steigert sich der Lärm der Turbas ins Frenetische. Während sich Jesus, Judas und die übrigen Kreuzwegfiguren wankend ihren Weg bahnen, strömen immer mehr Trommler und Tröter herbei. Tausende sind es auf einmal, die versuchen, die Standbildträger aus dem Takt zu bringen. Ihr Schlachtruf: „Lasst ihn tanzen“ – die Träger sollen wackeln und die Jesusstatue anfangen zu kippen.

So weit kommt es nicht. Auch chaotisch oder gar bedrohlich wird es nie. Mehrere Zehntausend dürften am Karfreitagmorgen unterwegs sein, doch es braucht weder Security-Truppen noch Absperrgitter: Mit magischer Disziplin ordnet sich die Menge von selbst auf der Plaza Mayor vor der Kathedrale, dem Ziel aller Prozessionszüge.

Als am Schluss das Standbild der Madonna unter den barocken Bögen des Rathauses auftaucht, erstirbt der Lärm, die Menschenmasse schweigt. So will es die Tradition: Der Jungfrau Maria gilt allerhöchster Respekt.

Bei der Prozession sind auch die Kleinsten dabei – mit Schnuller

Vielleicht klappt das alles so faszinierend gut, weil es von klein auf eingeübt wird. Kinder werden bereits vor ihrer Geburt bei einer Bruderschaft angemeldet. Turba-Trommler gibt es schon im Kindergartenalter, die Großmutter macht vor, wie man den Rhythmus schlägt. Die kleinsten Mitglieder der Bruderschaft begleiten die Prozessionen bis in die Nacht. Auf dem Arm der Eltern, eingehüllt in eine Mini-Kutte, den Schnuller im Mund.

Drittens: die überbordende Kunst

Als Ort, der auf Tradition setzt, zeigt sich Cuenca nicht nur zu Semana Santa: Das Jahr über gibt es hier insgesamt 53 Prozessionen, nach Ostern kommt Fronleichnam. Am 18. September wird des mittelalterlichen Regimewechsels gedacht: Ein dreitägiges Stadtfest samt Stier-Corrida feiert bis heute den Sieg über die Mauren.

Es gibt den Domschatz in der Kathedrale, ein frühgotischer Bau, der das Pech hat, nach einem Blitzschlag im Jahr 1902 ohne Turm und mit einer wenig überzeugend reparierten Fassade dazustehen. Es gibt das imposante Kloster San Pablo in der Huécar-Schlucht, das heute ein Parador-Hotel ist. Es gibt ein Stadtmuseum, ein Festival für Kirchenmusik und 14 Kirchen allein in der Altstadt.

Und dann besitzt Cuenca noch etwas, das man hier, in dieser von aller urbanen Avantgarde weit entfernten Provinz, überhaupt nicht erwartet: ein Museum der spanischen abstrakten Kunst. Landesweit das erste seiner Art, gegründet vor genau 60 Jahren, als Spanien noch eine Diktatur war, die wenig hielt von moderner Malerei.

Das Museum für abstrakte Kunst ist in den „Hängenden Häusern“ unetrgebracht.

Es waren die Künstler selbst, angeführt von Fernando Zóbel, die die Schönheit Cuencas wiederentdeckten und sich hier einen Ausstellungsort schufen – der dann prompt kunstinteressierten Besuch aus aller Welt erhielt.

Heute gehört das Museum zur Stiftung Juan March, es zeigt unter anderem Werke von Antoni Tàpies, Eduardo Chillida und Antonio Saura. „Das schönste kleine Museum der Welt“ nennt es sich selbst, und das ist keineswegs übertrieben. Residiert es doch in den Casas Colgadas, den hängenden Häusern. Nicht allein die Kunst fesselt hier den Blick.

Viertens: die steinerne und lebendige Natur

Nicht nur für Kinder spannend: Cuenca ist Dinosaurier-Land. In Ausgrabungsstätten nahe der Stadt wurden bereits mehr als 10.000 Fossilien entdeckt, ein Riesenfund wurde erst 2024 gemacht: ein 20 Meter langer, 15 Tonnen schweren Dinosaurier, 75 Millionen Jahre alt.

Getauft wurde der langhalsige Gigant auf den Namen Qunkasaura pintiquiniestra – eine Zusammensetzung aus Fundort, der Provinz Cuenca, und „Saura“, Latein für Echse, aber auch eine Anspielung auf den Maler Antonio Saura. Und Pintiquiniestra ist der Name der riesigen Königin im „Don Quichotte“, dem Ritterroman von Miguel de Cervantes, der in der Region La Mancha spielt. Die Saurierknochen sind im Paläontologischen Museum (Mupa) in Cuenca ausgestellt.

Dort steht auch ein lebensgroßes Modell des sechs Meter langen, zweibeinigen Concavenator corcovatus, ein Fund, der die Forscherwelt ebenfalls in Aufregung versetzte. An seinen Ellenbogen fanden sich Verankerungen für Federkiele – ein Hinweis darauf, dass es eine frühe Verwandtschaft zwischen fleischfressenden Dinosauriern und Vögeln gibt.

Ventano del Diablo, das Teufelsfenster, heißt dieser Abschnitt des Rio Júcar, ein Wander- und Kletterparadies

Wer nach den fossilen Naturwundern Lust auf lebendige Natur hat, findet in Cuenca viele Möglichkeiten: Nur ein paar Schritte aus der Altstadt entfernt befindet man sich auf einem der Wanderwege in die von Schluchten und Wäldern geprägte, kaum besiedelte Landschaft der Mancha.

Auf dem Rundweg am Ufer des Rio Júcar entdeckt man bunte Punkte in den Felswänden: Sportkletterer – mehr als 1600 Routen gibt es hier für sie. Wer es luftig, aber bequem mag, nimmt auf dem höchsten Punkt der Altstadt die Seilrutsche Tirolina, um 445 Meter lang über die Schlucht des Río Huécar zu sausen.

Fünftens: die besondere Landküche

Cuencas Küche ist eine der Bauern und Jäger: bodenständig und nahrhaft. Cuencas Restaurants wetteifern heute darin, den heimischen Klassikern eine raffinierte Note zu geben, deshalb lohnt es sich, hier viel essen zu gehen – und öfter mal das Gleiche zu bestellen.

Das überall angebotene Ajoarriero, Kartoffelpüree mit Stockfisch und Knoblauch, klingt nicht besonders ambitioniert, wird aber in dem schönen Restaurant „El Torreón“ zu einer delikaten, mit heimischen Walnüssen verfeinerten Vorspeise. Besonders stolz ist man hier auf die Zarajos, ein knuspriges, aufgerolltes, herzhaftes Irgendetwas, von dem manche lieber nicht wüssten, was es genau ist: marinierter, um Weinstockhölzer gewickelter Lammdarm.

Der unvermeidliche Morteruelo, eine Pastete aus Rebhuhn, Kaninchen und Schweineleber, hat selbst im Feinschmeckerlokal „Casa Manzar“ seinen Auftritt, dort wissen sie auch das für mitteleuropäische Zungen meist viel zu süße Alajú, eine Mischung aus Honig, Trockenfrüchten und Zimt, zu einer Dessertköstlichkeit zu veredeln.

Wer es zünftiger und günstiger mag, geht ins Grillrestaurant „El Secreto de la Catedral“ an der Plaza Mayor. Keinesfalls versäumen sollte man die gute Küche (allein die Tortilla!) in der „Posada de San José“, einem Palast aus dem 17. Jahrhundert. 1953 entstand hier das erste Hotel in Cuenca, bis heute ist es ein fröhlicher Familienbetrieb, man sollte früh reservieren, erst recht in der Semana Santa.

Dann ist besonders viel los, die Heiligenstatue im Entrée trägt in dieser Zeit ein Büßergewand – dafür sorgt Posada-Chef Pablo Cortinas, selbst jahrelang in den Turbas aktiv. Natürlich gibt es in seiner Posada wie überall in Cuenca ein Gericht, das Deutsche gut kennen, in Spanien aber der Osterklassiker schlechthin ist: Torrijas – Arme Ritter.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Mit dem Flugzeug zum Beispiel mit Iberia, Lufthansa oder Easyjet nach Madrid oder Valencia, von dort weiter mit dem Schnellzug AVE (reservieren unter: renfe.com/es/en). Der Bahnhof von Cuenca liegt weit außerhalb, in die Altstadt kommt man per Bus oder Taxi. Wer mit dem Auto anreist, muss es in einer der großen Garagen unterhalb der Altstadt abstellen.

Wo wohnt man gut? Unbedingt ein Hotel in der Altstadt nehmen, sie residieren oft in alten Palästen, etwa die „Posada de San José“, Zimmer mit großartigem Blick auf die Huécar-Schlucht, Doppelzimmer ab 100 Euro (posadasanjose.com). „Hotel Convento del Giraldo“: Das ehemalige Kloster wurde in eine großzügige Herberge umgewandelt, deren Gäste oft nicht bemerken, dass der Nonnenorden ein Stockwerk für sich behalten hat, Doppelzimmer ab 70 Euro (hotelconventodelgiraldo.com). „Parador de Cuenca“, herrlich gelegen im einstigen Kloster San Pablo auf der anderen Seite des Huécar, mit Blick auf die Casas Colgadas, eine Brücke über die Schlucht verbindet den Parador mit der Altstadt, Doppelzimmer ab 139 Euro (paradores.es/de/parador-de-cuenca).

Aktivitäten: Die Vereinigung der Bruderschaften Cuencas veröffentlicht den Prozessionplan auf der Webseite juntacofradiascuenca.es (nur auf Spanisch). Im Museo Paleontológico de Castilla-La Mancha erfährt man alles über Saurier und andere Urtiere, zudem gibt es einen Dinopark für kleine Besucher, Öffnungszeiten und Preise unter mupaclm.es. Kunstmuseum/Museo de arte abstracto español de Cuenca in den Casas Colgadas, englischsprachige Führungen (ab acht Personen) kann man bestellen unter museocuenca@march.es. Klettertouren, Wildwasserfahrten, Ausritte unter cuencaaventura.com.

Weitere Infos: spain.info/de/reiseziel/cuenca

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Spanischen Fremdenverkehrsamt. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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