Warum ein späterer Papst Europas kleinstes Hochgebirge so liebte
Die Region
An der Grenze zwischen Polen und der Slowakei liegt mit der Tatra ein außergewöhnlich kompaktes Gebirge. Sein hochalpiner Kern, die Hohe Tatra, ist flächenmäßig das kleinste Hochgebirge Europas. Schon DDR-Bürger schätzten die Tatra als Urlaubsziel.
Der höchste Berg, die Gerlsdorfer Spitze (Gerlachovsky stit), erreicht mit 2654 Metern fast alpines Niveau, insgesamt gibt es mehr als 25 Gipfel über 2500 Meter. Da die Alpen bis 1989 nur mit West-Visum erreichbar waren, galt die Tatra im Ostblock lange als Alpenersatz.
Im Vergleich zu vielen Alpenregionen mit erstklassiger Infrastruktur geht es in der Tatra allerdings bodenständiger zu: Zur Einkehr wird in den Berghütten gern kräftiger schwarzer Tee serviert mit Zucker, Zitrone oder einem Schuss Rum. Luxushotels sind sehr viel rarer gesät als in den Alpen, und auch Zahl und Qualität von Seil- und Gondelbahnen sind nicht mit der Schweiz oder Österreich vergleichbar.
Touristischer Hauptort ist Zakopane, Polens höchstgelegene Stadt, die dank ihrer umliegenden Hausberge als polnische Wintersport-Hauptstadt gilt. Auch ohne Schnee und Skipisten lohnt die Gebirgsregion einen Besuch: Besonders gut lässt sie sich über ihr dichtes Netz markierter Wanderwege erkunden, das allein im grenzüberschreitenden Tatra-Nationalpark mehr als 800 Kilometer umfasst.
Zu den Top-Wanderzielen zählen auf polnischer Seite malerische Bergseen wie das sogenannte Meeresauge (Morskie Oko), dessen tiefblaues Wasser an den Königssee im Berchtesgadener Land erinnert, sowie der Rysy, höchster Gipfel des Landes (2499 Meter). Mit etwas Glück bekommt man beim Wandern auf beiden Seiten des Gebirges Tatra-Gämsen und Murmeltiere zu Gesicht. Luchse, Braunbären und Wölfe sind rar und scheu.
Der slowakische Teil der Tatra ist stärker von Kurorten geprägt, wo sich bis heute der Charme der k.u.k. Ära mit pompösen Hotels, Sanatorien und Kurpromenaden erhalten hat – vor allem in Stary Smokovec (Altschmecks) und in Tatranska Lomnica (Tatralomnitz). Erstes Haus am Platz ist das „Grandhotel Praha“ mit seiner Jugendstilfassade. 1905 eröffnet, erholte sich hier bis zum Ersten Weltkrieg Europas Aristokratie.
Käse, der wie Kunst anmutet
Eine der bekanntesten Spezialitäten der polnischen Tatra ist der Oscypek, ein geräucherter Käse mit rauchig-salzigem Geschmack. Er wird traditionell von Goralen-Bergbauern aus Schafsmilch hergestellt und in handgeschnitzte, spindelförmige Holzformen gepresst. Diese verleihen dem Käse seine geometrischen Muster, stammen oft aus Familienbesitz und machen jedes Stück zu einem Unikat. Zum Trocknen wird der Oscypek in Berghütten aufgehängt und kalt geräuchert.
Rauchig-salzig im Geschmack: OscypekSeit 2008 trägt der Käse eine geschützte EU-Ursprungsbezeichnung und darf nur in der polnischen Tatra-Region gefertigt werden. Produziert wird er zwischen Mai und September in der Region Podhale, wo er direkt bei den Erzeugern probiert und gekauft werden kann.
Mehr als Folklore: Goralen-Kultur
Wer in den Dörfern und Tälern am Rand der Tatra rund um Zakopane oder Ždiar mit offenen Augen unterwegs ist, begegnet dort den Goralen und ihrer Kultur. Der Name leitet sich vom slawischen Wort „góra“ für Berg ab und bedeutet so viel wie Gebirgler.
Die Geschichte der Volksgruppe, ursprünglich Hirten, reicht bis ins Spätmittelalter zurück. Bis heute pflegen sie ein besonderes Brauchtum, auf polnischer Seite meist sichtbarer, auf slowakischer Seite eher alltagsnah – vor allem bei Festen, in der Musik oder im Handwerk.
Der Almauftrieb steht an: Kinder in traditioneller Goralen-TrachtTypisch für das Bergvolk sind Trachten, die bei den Männern aus weißen Hemden und Hosen mit herzförmigen Ornamenten sowie Hüten bestehen, bei den Frauen aus langen Röcken in bunten Farben, regional mit unterschiedlichen Mustern.
Bei Dorffesten und in Gasthöfen erklingt häufig Goralen-Musik mit Geigenklängen, Gesang und hohem Tempo. Auch die Goralen-Architektur prägt die Region: ein traditioneller Holzbaustil mit reichem Schnitzwerk und vielen Giebeln. Im Dorf Chochołów ist dieser Baustil besonders gut erhalten.
Polens schwierigster Wanderweg
4,5 Kilometer lang ist der Orla Perć, der als schwierigster Wanderweg der Hohen Tatra und ganz Polens gilt. Auch als Adlerpfad bekannt, verläuft er vom Pass Zawrat bis zum Krzyżne-Pass im Süden des Landes. Die Route führt abschnittsweise in Höhen von über 2000 Metern über steile Passagen und unebenes Gelände.
Der rot markierte Kammweg folgt durchgehend dem Grat und lässt kaum Ausweichmöglichkeiten zu, weshalb ein Teil der Strecke nur in eine Richtung begehbar ist. Da plötzliche Wetterumschwünge hier häufiger vorkommen, ist die Route ausschließlich für erfahrene Bergwanderer geeignet.
Das Zitat
„Ob der Tatra blitzt es, dröhnt des Donners Krachen“
Mit diesen Worten beginnt die slowakische Nationalhymne „Nad Tatrou sa blýska“. Der Text wurde 1844 von dem Dichter und Studenten Janko Matúška verfasst – als Reaktion auf die Absetzung seines Lehrers durch die Ungarn, die damals die Slowakei beherrschten.
Die Melodie folgte einem alten slowakischen Volkslied. Im weiteren 19. Jahrhundert wurde das Lied zum Symbol der slowakischen Nationalbewegung und gilt bis heute als Sinnbild für Widerstandskraft und Zusammenhalt. 1993, nach Auflösung der Tschechoslowakei, wurde es offiziell zur Nationalhymne.
Dieses Auto war Inspiration für den VW Käfer
In der Tatra wurden zwar nie Autos gebaut, trotzdem ist eine heute tschechische Automarke nach dem Gebirge benannt. Tatra-Fahrzeuge gibt es seit 1919 – damals wurde, nach der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei, die bisherige Nesselsdorfer Wagenbau-Fabriks-Gesellschaft, kurz NW, auf Tatra umetikettiert, zu Ehren des höchsten Gebirges des neuen Staates.
Baujahr 1936: ein Tatra T77ADie Firma geht auf eine 1850 in Nesseldorf (tschechisch: Kopřivnice) gegründete Kutschenmanufaktur zurück. Ab den 1920er-Jahren machte sich Tatra mit technisch ungewöhnlichen Modellen einen Namen.
Besonders der Tatra 77 und der Tatra 87, Serienwagen mit Stromlinienform und Heckmotor, sorgten für internationale Aufmerksamkeit. Sie beeinflussten später auch Entwürfe von Ferdinand Porsche für den VW Käfer. Heute baut Tatra vor allem Lastwagen.
Göttlicher Tatra-Fan
Die Tatra, insbesondere ihr Hochgebirge, wurde vom späteren Papst Johannes Paul II. (1920–2005) sehr geschätzt. Der im südpolnischen Wadowice geborene Pontifex war in jungen Jahren, als er noch Karol Wojtyla hieß, ein begeisterter Skifahrer und hielt sich wiederholt im Wintersportort Zakopane auf, zunächst als junger Priester, später als Bischof und Kardinal.
Auch während seines Pontifikats besuchte Johannes Paul II. die Tatra – jeweils einmal die polnische und die slowakische Seite. Die Gipfel der Tatra, so sagte er einmal, trennten die beiden Nationen nicht, sondern vereinten sie.
Kam zum Wintersport in die Gegend: Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II.An seinen Aufenthalt in der slowakischen Tatra erinnert bis heute ein von ihm gesegnetes Kreuz an der Berghütte „Sliezsky dom“, in der er 1995 während einer Pastoralreise untergebracht war. Auf polnischer Seite erinnern in Zakopane mehrere Gedenktafeln und Bilder an den ersten Papst aus Polen.
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