Flug oder Zug? Was sich für einen Kurztrip nach London besser eignet
Ich leide unter Flugscham, habe immer ein schlechtes Gewissen, fliege aber trotzdem regelmäßig. Jetzt will ich für ein verlängertes Wochenende von Berlin nach London. Die meisten würden dafür wohl das Flugzeug nehmen, diverse Airlines fliegen täglich mehrmals in die britische Hauptstadt. Doch es geht eben auch mit dem Zug. Über zehn Stunden Fahrtzeit muss man dafür einplanen, wohingegen der Flug nicht einmal zwei Stunden dauert. Unterschiede gibt es auch beim Preis.
Die grundsätzliche Frage aber lautet: Ist der Zug eine echte Alternative? Ich starte den Vergleich beider Transportmittel und buche mit zwei Monaten Vorlauf ein Flugticket bei einer bekannten Billigairline, dazu ein Gepäckstück. Los geht es an einem Freitag im Oktober, mitten in der Ferienzeit. Kostenpunkt: knapp 130 Euro.
Zurück geht es vier Tage später mit dem Eurostar-Zug über Brüssel nach Köln, und dann weiter mit der Deutschen Bahn nach Berlin. Für den Eurostar werden inklusive zweier Gepäckstücke sowie kleinem Handgepäck 95 Euro fällig, und für die Fahrt im ICE nach Berlin im Sparpreis noch mal 30 Euro. Macht 125 Euro und bringt schon vor der Reise die erste Erkenntnis: Eine Zugfahrt quer durch Europa ist nicht zwangsläufig teurer als ein Flug.
Mit Verspätung heben wir ab
Zwei Monate später gilt es: Koffer packen, Notebook und den aktuellen Roman der Wahl in das kleine Handgepäckstück quetschen – und los.
Inklusive Fußweg brauche ich mit der Bahn knapp 40 Minuten zum Berliner Flughafen. Dort soll man mindestens zwei Stunden früher sein, vor allem in der Ferienzeit und mit Aufgabegepäck. Vor Abflug bin ich also schon deutlich über zweieinhalb Stunden unterwegs.
Die Wartezeit am Flughafen verlängert sich, weil das Boarding erst anfängt, als der Flieger eigentlich schon in der Luft sein sollte. Mit Verspätung heben wir ab, die Flugzeit beträgt eine Stunde und 45 Minuten.
Es ist eng, wegen Turbulenzen müssen wir den Großteil des Fluges angeschnallt verbringen. Aber ich wüsste ohnehin nicht, wohin ich gehen soll. 20 Minuten verspätet landen wir in London–Gatwick. Wobei „London“ relativ ist. Der Flughafen liegt mehr als 40 Kilometer südlich der britischen Hauptstadt, auf halbem Weg zur Küste.
Je nach Airline kann man London auch über Flughäfen Heathrow, City, Luton und Stansted ansteuern. Heathrow mit etwas über 20 Kilometern und City mit etwa 10 Kilometern liegen am nächsten an der Innenstadt. Doch beide werden nicht von Billigairlines angeflogen.
Ich brauche von Gatwick mit dem Zug gut 30 Minuten nach London-Victoria, einem der Hauptbahnhöfe. Von dort geht es mit der U-Bahn weiter. Für die Strecke zahle ich insgesamt noch mal etwa 15 Pfund, also rund 17 Euro. Als ich abends im Hotel ankomme, war ich von Haustür zu Haustür rund sechseinhalb Stunden unterwegs und habe etwa 150 Euro ausgegeben.
CO2-Zwischenbilanz
Auf eine Person heruntergerechnet wurden laut dem CO₂-Kompass der Deutschen Bahn, den ich für den Vergleich benutze, auf dem Flug 234 Kilogramm CO₂ verbraucht. Andere Kompensationsrechner, die typischerweise auch den Vergleich zur Fahrt mit dem Auto ziehen können, kommen auf ähnliche Werte für diese Flugstrecke.
Laut dem Portal myclimate.org, das hilft, sich ein umfassendes Bild vom eigenen CO₂-Fußabdruck zu machen, sollte jede Person aufs Jahr gerechnet maximal 600 Kilogramm CO₂ verbrauchen, um den Klimawandel noch aufzuhalten. Mit diesem Flug ist auf einen Schlag ein Drittel des „Kapitals“ aufgebraucht. Tatsächlich verbraucht ein Mensch in Deutschland laut Umweltbundesamt im Durchschnitt 10,4 Tonnen an CO₂ pro Jahr, also gut siebzehnmal so viel wie der Schwellenwert.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf steht die Rückreise an: Nach vier schönen Tagen in England wartet am Londoner Bahnhof St. Pancras der Eurostar nach Brüssel. Passagiere sollen sich eine Stunde und 15 Minuten vor Abfahrt am Bahnhof einfinden, um in Ruhe durch die Sicherheitskontrollen zu kommen. Ähnlich wie am Flughafen wird das Gepäck gescannt, und es gibt Passkontrollen, denn Großbritannien ist nicht mehr Mitglied des Schengen-Raums.
Die Schlange ist lang. Aber es geht schnell voran. Der Ausweis wird zweimal kontrolliert – einmal von britischen, einmal von französischen Beamten. Nach 20 Minuten bin ich im Wartebereich und hole mir einen Kaffee.
Ohne dass ich auch nur eine Sekunde gestresst war, fährt der Zug auf die Minute genau los und erreicht knapp zwei Stunden später pünktlich Brüssel. Auch die Weiterfahrt nach Köln beginnt auf die Minute, und der Zug wäre exakt in der geplanten Zeit von zwei Stunden am Kölner Hauptbahnhof angekommen, wäre dort das Gleis nicht noch belegt gewesen.
Dennoch: Wäre Köln mein Endbahnhof, hätte der Zug im Vergleich zum Flug für mich ganz eindeutig die Nase vorn. Wohl wissend, dass die Flugzeit von Köln aus noch einmal deutlich kürzer wäre. Ich war bis hierhin zwar schon sieben Stunden unterwegs. Aber ich hatte weder unbefriedigende Wartezeiten noch Stress, dazu im Vergleich zum Flugzeug deutlich mehr Bewegungsfreiheit, und mein ökologischer Fußabdruck ist mir eben nicht egal.
Langsamer und dann noch verspätet
Da mein Ziel aber Berlin ist, habe ich noch eine ganze Strecke vor mir. Und just an diesem Tag kommen einige Probleme zusammen, sodass ich am Ende sehr genervt und vor allem mit zwei Stunden Verspätung ankomme. Kleiner Trost: Die Bahnmitarbeiter waren nett, und ich bekomme 50 Prozent des Ticketpreises für die Strecke von Köln nach Berlin als Entschädigung zurück.
Wie lange war ich also in Summe unterwegs? Inklusive Umsteigezeit hätte die Fahrt von London über Brüssel und Köln nach Berlin unter elf Stunden dauern sollen. Rechnet man die Check-in-Zeit am Londoner Bahnhof dazu, wären es etwa dreizehn Stunden gewesen. Am Ende war ich wegen der Verspätung über fünfzehn Stunden unterwegs.
Gezahlt habe ich dafür 125 Euro. Das ist die Hälfte des DB-Tickets von Köln nach Berlin, also 15 Euro, bekomme ich wegen der Verspätung wieder. Macht unterm Strich also 110 Euro gegenüber meinen rund 150 Euro Kosten für die Anreise mit dem Flugzeug.
Und wie sieht es mit den Emissionen aus? Auf eine Person heruntergerechnet beträgt der Verbrauch laut dem CO₂-Kompass der Deutschen Bahn 13,1 Kilogramm CO₂. Zur Erinnerung: Für den Flug war er mit 234 Kilogramm rund achtzehnmal so hoch.
Das Fazit
Bei der Gesamtbilanz stecke ich in einer Zwickmühle. Der Flug hat mir wenig Spaß gemacht, und sich seinen eigenen ökologischen Fußabdruck vor Augen zu führen, ist heftig. Hier ist der Zug klar vorn. Gleichzeitig habe ich mit ihm mehr als doppelt so lange gebraucht, auch wegen der großen Verspätung. Beim Preis waren die Unterschiede gering.
Was mache ich mit diesen Erkenntnissen? Für mich persönlich siegt der Zug. Einfach, weil ich mich damit besser fühle und mir diese Art des Reisens mehr Freude bereitet. Für so einen Kurztrip würde ich die lange Fahrt aber nicht noch einmal auf mich nehmen. Die Lösung dafür: etwas länger bleiben. Auch schön.
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