Auf Piratenspuren zu den Schätzen der Karibik
„Glaubt man alten Geschichten, hat Blackbeard seinen legendären Piratenschatz hier auf St. Lucia versteckt“, sagt Guide Sheldon Leon. Seine Gäste, Kreuzfahrer auf Landgang, folgen ihm durch den üppigen Bergdschungel. Goldmünzen entdecken sie heute nicht. Dafür umschwirren sie Purpurkehl- und Antillenhaubenkolibris, bunt und schillernd wie Juwelen.
Und später überwältigt sie der Blick auf die Pitons. Die beiden Dschungelberge zählen zum Unesco-Welterbe und bilden in dem Blockbuster „Fluch der Karibik“ die dramatische Kulisse für die Abenteuer des Seeräubers Jack Sparrow.
Die Kleinen Antillen, eine Kette von Karibikinseln, die sich östlich von Puerto Rico bis Trinidad und Tobago erstreckt, sind reich an Storys von realen und fiktiven Freibeutern. Bis heute hält sich der Glaube, dass hier kostbares Beutegut vergraben liegt. Sichtbare Spuren aus der Blütezeit der Piraterie sind zwar nur wenige erhalten. Allerdings gibt es genügend Anekdoten, Landschaften, Drehorte und Unesco-Welterbestätten, die Abenteurer in Blackbeards Zeiten versetzen. Fast jedes Eiland könnte „Die Schatzinsel“ aus dem Roman von Robert Louis Stevenson sein. Am besten entdeckt man sie bei einer Kreuzfahrt, stilecht unter Segeln.
An Bord des Dreimasters „Sea Cloud Spirit“ werden die 26 Segel noch immer von einer Mannschaft von Hand gesetzt. Dass sie nur 136 Gästen Platz bietet, sorgt für angenehmes Flair – und hat weitere Vorteile: Während Ozeanriesen meist in Hafenstädten anlegen müssen, kann ein Segelschiff auch in entlegenen Buchten oder vor kleinen Inseln ankern. So lässt sich der Massentourismus, der längst zum Alltag der meisten Antilleninseln gehört, vornehm umsegeln.
Unweit der Insel St. Martin, Start- und Endpunkt vieler Touren, liegt die Insel Antigua. Hier lohnt sich ein Besuch der Unesco-Welterbestätte Nelson’s Dockyard. „Es ist die einzige Schiffswerft aus georgianischer Zeit, die durchgehend bis heute in Betrieb ist“, erklärt Desley Gardner von der National Parks Authority des Staates Antigua und Barbuda. „Dieser Ort ist weltweit einzigartig.“
Selbst die Piraten trauten sich nicht
Die Anlage mit Dock und etlichen Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert vermittelt einen lebhaften Eindruck davon, wie sich die englischen Kolonialherren in der Karibik einrichteten. Im benachbarten English Harbour, einem malerischen, von Kanonen bewachten Naturhafen, schlendern heute Urlauber an Segelyachten vorbei.
Schon zu Seeräuber-Zeiten waren die Schiffe hier auch von den Stürmen abgeschirmt, die in der Hurrikan-Saison von Anfang Juni bis Ende November die Karibik heimsuchen. Im vergangenen Oktober hinterließ der Wirbelsturm Melissa eine Spur der Verwüstung vor allem auf den Großen Antillen, Jamaika, Kuba und Hispaniola; die Kleinen Antillen blieben weitgehend verschont.
„Nelson’s Dockyard wurde nie von Feinden eingenommen“, sagt Gardner, „auch die Piraten, die sich in der Gegend herumtrieben, trauten sich nie, den geschützten Hafen zu bedrohen.“ Freibeuter wie Blackbeard, der die Gegend erstmals um 1716 unsicher machte, mussten sich stattdessen mit leichterer Beute zufriedengeben, die sie den Schiffen auf offener See vor Antigua raubten.
130 Kilometer weiter südlich, auf den Îles des Saintes, einem kleinen Archipel des französischen Überseedepartements Guadeloupe, steigen die Reisenden hinauf auf eine mächtige Festung: Fort Napoléon. Belohnt werden sie mit einer spektakulären Aussicht über Terre-de-Haut und die kleineren Eilande ringsum. In diesen Wehranlagen wird für Besucher spürbar, wie umkämpft die Antillen über Jahrhunderte waren.
„Nicht weit von hier haben sich zwei der wichtigsten Seeschlachten der Weltgeschichte abgespielt“, sagt Bert Hofmann. Der Karibik-Experte und Professor an der Freien Universität Berlin erklärt den Passagieren der „Sea Cloud Spirit“ kulturgeschichtliche Stätten und ihre Bedeutung für die Gegenwart.
Im 17. und 18. Jahrhundert lieferten sich Engländer und Franzosen vor der Inselgruppe verlustreiche Gefechte. Wegen ihrer strategisch bedeutsamen Lage waren die Îles des Saintes damals als das „Gibraltar der Antillen“ bekannt. Die Gefechte bescherten den Briten zunächst eine Vormachtstellung in der Karibik. Doch blieben die Inseln ein Zankapfel, bis sie, wie andere Gebiete, 1816 Frankreich zugesprochen wurden.
Unangetastete Schätze
Ein weiteres Unesco-Welterbe erwartet die Passagiere auf Martinique. Die Vulkane und Wälder des Montagne Pelée gehören zu den spektakulärsten Naturlandschaften der Kleinen Antillen. Bei einem Ausflug in den dichten Bergdschungel kann man Vogel- und Amphibienarten entdecken, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen – Naturschätze, die die Piraten glücklicherweise nicht antasteten.
Traurige Berühmtheit erlangte der Montagne Pelée 1902 mit einem gigantischen, verlustreichen Vulkanausbruch. Die Eruption zerstörte innerhalb weniger Minuten die bis dato als „Paris der Antillen“ gepriesene Inselhauptstadt Saint-Pierre fast vollständig. Bis zu 30.000 Menschen sollen der Katastrophe zum Opfer gefallen sein.
In der Innenstadt überlebte nur ein einziger Mann, der Gefangene Ludger Sylbaris – kurioserweise deshalb, weil er hinter besonders dicken Mauern eingekerkert war. Seine unterirdische Zelle kann heute von Touristen besucht werden.
Neben den Ruinen des alten Saint-Pierre lohnt auch ein Spaziergang durch die Straßen des wiederaufgebauten, heute geruhsamen Hafenstädtchens. Auf keinen Fall sollten sich fitte Wanderer jedoch den Aufstieg auf den Vulkan entgehen lassen. Mit 1395 Metern ist der Montagne Pelée einer der höchsten Berge der Kleinen Antillen. Die Ausblicke sind unvergesslich.
Auch Martiniques südliche Nachbarinsel St. Lucia bietet ein Weltnaturerbe – die eingangs erwähnten Pitons. Die Vulkankegel Gros Piton und Petit Piton, die abenteuerlich steil aus dem Meer aufragen, zählen zu den markantesten Landschaftsbildern der Karibik und sollen lange als Piratenversteck gedient haben. Im 17. und 18. Jahrhundert stritten sich Franzosen und Briten ununterbrochen um St. Lucia, bis sich die Engländer 1814 endgültig durchsetzten. Deshalb blieb die Insel auch nach ihrer Unabhängigkeit 1979 Mitglied des Commonwealth.
Heute ist St. Lucia für die Diamond Botanical Gardens in der Gemeinde Soufrière bekannt. Mineralhaltige Quellen speisen dort den Diamant-Wasserfall, der je nach Lichteinfall in verschiedenen Farben schimmert. Hineinspringen ist nicht erlaubt, doch wurden die historischen Mineralbäder für Besucher renoviert.
Eine schöne Belohnung nach einer Wanderung auf dem Tet Paul Nature Trail, der direkt an den Vulkankegeln entlang führt. Vom höchsten Aussichtspunkt bietet er eine atemraubende Weitsicht über den üppigen Wald hinüber zum Petit Piton. Ein Großteil der steilen Hänge wurde wohl noch nie von Menschen betreten und dürfte einst ein perfektes Versteck für goldgefüllte Truhen gewesen sein.
Aufragende Vulkane, aufregende Unterwasserwelten
Von St. Lucia fahren viele Segelkreuzer weiter nach St. Vincent. La Soufrière, der höchste Berg, ist schon von Weitem sichtbar. Der 1220 Meter aufragende Vulkan ist noch immer aktiv. 2021 ist er zum letzten Mal ausgebrochen. Nicht weit von hier erbeutete Blackbeard 1717 das französische Sklavenschiff „La Concorde“ und rüstete es als „Queen Anne’s Revenge“ zum Flaggschiff seiner berüchtigten Flotte um.
In seiner Rolle als Seeräuber Jack Sparrow beehrte auch Johnny Depp 2002 die Gegend: Ein Hauptdrehort für den Filmhit „Fluch der Karibik“ waren die Tobago Cays. Das Grüppchen von fünf unbewohnten Inseln gehört ebenfalls zum Zwergstaat St. Vincent und die Grenadinen, der mit rund 100.000 Seelen auf 32 Inseln etwa so viele Einwohner hat wie Salzgitter. Hier fand die Filmcrew noch passende Locations, die nicht verbaut oder touristisch überlaufen waren.
„Da drüben auf Petit Tabac haben sie die Szene gedreht, wo Captain Jack und Elizabeth ausgesetzt wurden und sie den Rum in Brand setzten“, sagt Akim Alexander, der als Bootsführer auf seinem Katamaran häufig amerikanische Urlauber auf die postkartenschönen Tobago Cays bringt. „Die Einheimischen waren natürlich ganz aufgeregt, Johnny Depp hier zu haben. Wann hat man schon mal einen Weltstar aus Hollywood zu Gast?“
Etliche der Kokospalmen aus der Filmszene fielen dem Hurrikan Beryl im Juli 2024 zum Opfer. Für Besucher lohnt sich die Robinsonade trotzdem, schließlich können sie hier eine aufregende Unterwasserwelt entdecken: grellbunte Korallenfische, Seesterne, bisweilen eine unverhofft vorbeischwimmende Meeresschildkröte. Wer weiß, ob man hier unten mit Taucherbrille und Schnorchel nicht irgendwo versunkene Piratenschiffe oder gar einen Schatz findet?
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Ausgangspunkt für viele Kreuzfahrten ist die Insel St. Martin, die von KLM (klm.de) und Air France (airfrance.de) mit Umstieg in Amsterdam oder Paris angeflogen wird.
Kreuzfahrten: Zahlreiche Reedereien bieten Touren durch die Karibik an. Stilvoller als auf den meisten Ozeanriesen reist man unter Segeln, etwa auf dem nostalgischen Windjammer „Sea Cloud Spirit“, Reise „Pirateninseln und Seglertreffs“, acht Nächte ab/bis St. Martin ab 5210 Euro (seacloud.com) oder auf der „Star Flyer“, sieben Nächte ab/bis St. Martin ab 2450 Euro (star-clippers.de).
Veranstalter: Geoplan Privatreisen stellt maßgeschneiderte Touren durch die Karibik zum Wunschtermin zusammen, 15-Tage-Segelkreuzfahrt „Auf Kurs“ an Bord der „Sea Cloud II“ ab 9590 Euro inklusive Flügen (geoplan-reisen.de). Diamir Erlebnisreisen hat eine zwanzigtägige Gruppenreise mit achttägigem Segeltörn durch die Antillen im Programm, ab 5840 Euro ohne Flüge (diamir.de).
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Geoplan Reisen und Sea Cloud. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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