Auf ihrer offiziellen Homepage gibt sich die Stadt Bayreuth – bewusst oder nicht – bescheiden: Die aktuellste Meldung gilt den 100 im vergangenen Jahr neu gepflanzten Bäumen. Dabei kommt eine Nachricht doch einer mittelgroßen Sensation gleich: Die „New York Times“, die für viele als wichtigste Zeitung der Welt gilt, zählt Bayreuth zu den 52 wichtigsten Orten, die es im Jahr 2026 zu besuchen gilt. Seit 20 Jahren veröffentlicht das Reiseressort des US-amerikanischen Blattes jeden Januar ebendiese Liste, die Leser zu Reisen rund um den Globus inspirieren möchte und die längst über die Medienbranche hinaus Beachtung findet.

Gleich mehrere Gründe nennen die Redakteure und Auslandskorrespondenten der „New York Times“ dabei für die Wahl Bayreuths (übrigens der einzige deutsche Ort, der es auf die Liste geschafft hat): Ein Besuch der Stadt in Oberfranken mit rund 75.000 Einwohnern lohne allein wegen der legendären Festspiele, die 2026 ihr 150. Jubiläum feiern und vom 24. Juli bis 26. August stattfinden. Das Festival, eine „beispiellose“ Veranstaltung, wie die Zeitung schreibt, locke Opern-Fans aus aller Welt her; die Karten für die Aufführungen gehörten zu den „weltweit am heißesten begehrten“.

Dieses Jahr kommen sieben Werke von Richard Wagner auf die Bühne, darunter „zwei absolute Highlights“: eine KI-inspirierte Inszenierung des „Rings“ und die Festspielpremiere von „Rienzi“, Wagners dritter Oper, „deren Aufführung in Bayreuth er selbst nie erlaubt hatte“, wie die Zeitung schreibt. Dazu gleich mehr.

Wer beim Ticketkauf leer ausgeht, schaut sich die Aufführungen unter freiem Himmel an: Das Open-Air-Festival, bei dem die Opern auf Kinoleinwand zu sehen sind, ist kostenlos. Es beginnt ebenfalls am 24. Juli, endet aber schon am 2. August. Das Programm ist noch nicht bekannt.

Doch was macht Bayreuth über die genannten Gründe hinaus besonders? Was spielt sich über das Wagner-Imperium hinaus in der Stadt ab? Unser Autor Peter Huth, Bayreuth-Kenner und seit vielen Jahren jedes Jahr vor Ort, erklärt, wieso die Auszeichnung seiner Meinung nach gerechtfertigt ist:

Nein, nicht alles in Bayreuth ist Wagner. Da gibt es auch das Markgräfliche Opernhaus, ein wunderbares Barocktheater, die Eremitage, eine verwunschene Barockparkanlage, und eine zauberhafte Innenstadt, in der erstens ein kleiner Bach durch das Pflasterbett fließt und es zweitens noch eine Menge Fachgeschäfte (leider nicht mehr meinen Lieblings-Herrenausstatter) gibt. Das Bier ist ausgezeichnet, die fränkische Küche auch. Man kann sehr nett um den Röhrensee mit dem Mini-Tierpark spazieren. Es gibt auch ein hübsches Freibad und ein Multiplex-Kino. Da parke ich meine Familie, wenn ich in der Oper bin.

Denn: Ohne Wagner hätte es Bayreuth dann doch nicht auf die Liste der „New York Times“ geschafft. Denn nur zur Festspielzeit erwacht die Stadt zur ganzen Pracht, dann wird in jedem Laden von Karstadt bis Kik, an jeder Theke, ob in meiner geliebten ‚Lohmühle‘ oder im Dönerladen an der Bahnhofstraße, über Wagner geredet. Dann sind die Schaufenster voll vom Meister zum Naschen, zum Aufkleben, als Schmuck, als Gartenstatue, als Buchobjekt und -autor. Dann übernehmen wir die Stadt, und es geht nur noch um Geschwisterliebe, Seemannsflüche, Sängerwettstreit, Leitmotive und die Frage, ob man Schwäne jagen sollte und ob das Regietheater Untergang (sagen die Wagnerianer) oder Beweis (sagen wir Wagneristen) des Abendlandes sind.

Und natürlich wird 2026 wie erwähnt ein ganz besonderes Bayreuth. Die Festspiele jähren sich zum 150. Mal, beim letzten Jubiläum vor 50 Jahren gab‘s eine Inszenierung des ‚Rings des Nibelungen‘, die bei der Premiere so umstritten war, dass frau sich im Publikum im Streit die Ohrringe aus den Löchern zupfte. Das war der ‚Chereau‘-Ring, jetzt ist er ein Klassiker.

Dieses Jahr darf mein Freund Marcus Lobbes ran – er wird nicht klassisch inszenieren, sondern 150 Jahren Festspiel-Geschichte mithilfe von Künstlicher Intelligenz klug und wuchtig auf die Bühne bringen. Zweifelsohne das Opernereignis des Jahrzehnts, auch, weil Christian Thielemann dirigiert. Dazu gibt‘s (neben den hervorragenden Inszenierungen der vergangenen Jahre) eine echte Festspielpremiere: Zum allerersten Mal wird dort ‚Rienzi‘, eines von Wagners Frühwerken aufgeführt, eine Spitzen-Oper, krass in Inhalt und Länge.

Lust bekommen? Dann muss ich, ‚New York Times‘-Liste hin und her, Ihnen leider mitteilen, dass die Festspiele schon lange ausverkauft sind. Also wird es wieder die traurigen Japaner geben, die mit ihren Schildern ‚Suche Siegfried, zahle jeden Preis‘ ab morgens vor dem Festspielhaus stehen. Manchmal hat man sogar Glück. Und wenn nicht: Nicht alles in Bayreuth ist Wagner. Da gibt es auch das Markgräfliche Opernhaus …“

Wer Bayreuth bereits bestens kennt oder ohnehin Interesse verspürt, eine der anderen genannten 52 Orte zu besuchen, muss gar nicht weit reisen: Zu den europäischen Highlights gehören laut „New York Times“ das polnische Warschau (unter anderem wegen des neuen Museums of Modern Art), der Stadtteil Poblenou in Barcelona, der sich vom Industriestandort zum Szeneviertel mausert, und das komplett modernisierte italienische Skigebiet Breuil-Cervinia unweit von Zermatt.

Wer sich nach einer Fernreise sehnt, liege laut „New York Times“ etwa mit einem Trip ins indische Bandhavgarh richtig, wo sich Tiger beobachten lassen, oder auf die Osa Peninsula Costa Ricas („Wellen und wilde Strände“).

Und auch die USA dürfen bei einem nationalen Medium natürlich nicht fehlen: Laut „52 Places to Go“-Liste sollten unbedingt Dallas für Cowboy-Spektakel und Fußball-WM-Spiele, die Route 66 anlässlich ihres 100. Geburtstags und Los Angeles mit mehreren neuen Museen als Wunschziel infrage kommen. Außerdem feiert die Nation den 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung, weswegen von New York bis San Francisco unzählige Veranstaltungen und Ausstellungen warten.

Oder darf es doch eine Reise im eigenen Land sein? Deutsche Städte, die in der Vergangenheit auf der Liste der 52 empfehlenswerten Orte weltweit landeten, waren unter anderem Hamburg, Leipzig und „Western Germany“ mit einer Reise durch Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen.

Übrigens: Auf ihrer offiziellen Homepage gibt sich die Stadt Bayreuth zwar bescheiden, auf jener für den Tourismus gedachten Website aber feiert sie die „New York Times“-Nominierung.

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