„Es hilft, Menschen zu mögen“ – Einblicke in den Alltag eines Studienreiseleiters
Ein begeistertes Raunen geht durch den Bus, als dieser um die Ecke biegt und der Blick der Passagiere erstmals auf die kilometerlange Uferpromenade von Saint-Malo fällt. Mit einem dumpfen Grollen brechen sich tiefblaue Wellen an den Kaimauern, die Gischt spritzt hoch wie ein weißer Vorhang.
„In wenigen Stunden können Sie hier einen sehr breiten Strand sehen“, prophezeit der Reiseleiter mit sonorer Stimme durchs Mikro. „Ebbe und Flut in Saint-Malo liegen bis zu zwölf Meter auseinander.“
Saint-Malo, die Festungsstadt am Atlantik, ist der erste Höhepunkt eines Rundtrips durch die Bretagne, der größten Halbinsel Frankreichs. „Keltenland am Meer“ heißt die Tour bei Studienreise-Anbieter Studiosus. Doch nicht das (zweifelsohne besondere) Reiseziel soll in dieser Geschichte im Vordergrund stehen, sondern der, der auf jeder geführten Reise unverzichtbar ist und ihr im Idealfall den besonderen Tiefgang verleiht: der Reiseleiter.
Auf dieser Tour ist es Patrick Herzog, 56. Mit dabei sind 24 Gäste im Alter zwischen 47 und 85 Jahren. Einige Ehepaare, ein Fünfzigjähriger, der seine Mutter begleitet, fitte Seniorinnen, mal solo, mal mit der besten Reisefreundin. Die meisten sind Studiosus-Stammgäste, manche waren auch schon mit Wikinger Reisen, Ikarus Tours oder Lernidee unterwegs.
In der Bretagne ist Herzog von morgens bis spätabends Ansprechpartner. Für alle und für alles. Gäste wie Carmen Eißfeldt aus Sparrieshoop (Schleswig-Holstein) schätzen diese Rundum-Betreuung: „Ich muss mich nicht vorher lange einlesen, sondern bekomme kompetent und unterhaltsam Informationen aus erster Hand.“ An den rauen Küsten und in mittelalterlichen Orten der Bretagne wird sich zeigen, ob diese Erwartung erfüllt wird und was hinter dem Beruf des Reiseleiters steckt.
Gruppendisziplin als oberstes Gebot
Auf dem Programm stehen 17 Stationen in elf Tagen, darunter Höhepunkte wie der berühmte Klosterberg Mont-Saint-Michel (der genau genommen in der Normandie liegt) oder die rosa Granitküste bei Ploumanac’h. Es ist eine Reise für alle Sinne, auch für die Nase, die mal frische Meeresbrise schnuppert, mal buttriges Salzkaramell riecht. Für den Genuss bleibt allerdings wenig Muße. Der Zeitplan ist straff, Gruppendisziplin oberstes Gebot.
Der Reiseleiter-Dreiklang lautet: Durchzählen, ob alle Schäfchen da sind, Info für einen möglichen „Multifunktionsstopp“ (Toilette) und die Uhrzeit für den nächsten Treffpunkt.
Selten komme jemand zu spät, hatte Herzog vor Aufbruch gesagt, nur einmal habe er einen Gast ermahnen müssen. Bei mehr als 30 Jahren Reiseleiter-Erfahrung, davon 25 bei Studiosus, klingt das nach einer guten Bilanz. Da ahnt noch niemand, was später an der Pointe du Raz passiert, der Steilküste am westlichsten Zipfel Europas.
Reiseleiter ist keine geschützte Berufsbezeichnung, viele sind Quereinsteiger – Architekten, Archäologen, Geisteswissenschaftler. Patrick Herzog jobbte während seines Romanistik-Studiums bei Weinradel, einem Anbieter für Genuss-Rad-Reisen. Anderen zu erklären, was er selbst mag, gefiel ihm so gut, dass er sich bei Branchenprimus Studiosus bewarb.
Jährlich ist der Kieler bis zu 150 Tage beruflich auf Reisen, im Sommer in Frankreich und Schottland, im Winter in der Karibik, dazu kommen Vor- und Nachbereitung. „Es hilft, Menschen zu mögen“, das ist für ihn die wichtigste Kompetenz.
Flexibilität kann auch nicht schaden. „Lassen Sie uns hier hoch zur Kathedrale gehen“, schlägt Herzog spontan den Gästen vor, als es während der Stadtführung in Saint-Malo wie aus Eimern zu regnen beginnt. Die Gruppe kann ihn dank Audioguide auch auf etwa 30 Meter Entfernung noch gut hören.
Jeder Reisende hat quasi einen Herzog im Ohr. Darüber bekommen die Gäste selbst im größten Gewusel Sightseeing-Hintergründe vermittelt, etwa dass Korsaren keine Piraten waren: Durch die Kaperbriefe ihrer jeweiligen Herren hatten sie die Lizenz zum Überfallen von Schiffen. Beim späteren Besuch einer Austernzucht – Probieren inklusive – und dem Konzert eines Harfenspielers in Dinan sind die Geräte auch hilfreich: Reiseleiter Herzog parliert fließend Französisch und übersetzt flüssig.
Spezialalitäten für zwischendurch
Vor der Weiterfahrt in Saint-Malo versammelt sich die Gruppe am Bus. „Es ist immer gut, wenn der Reiseleiter Tüten dabei hat“, sagt Patrick Herzog schmunzelnd und gibt eine Runde Salzkaramellbonbons aus. Tatsächlich wirken raschelnde Tüten in seinen Händen in den kommenden Tagen auf die Urlauber wie der Glockenton auf die Pawlowschen Hunde. Immer steckt etwas Leckeres drin, zum Beispiel Curé Nantais, köstlicher Käse, oder Kouignette, süßes Gebäck. Manchmal kommen Gläschen zum Vorschein, etwa für Pommeau, den apfeligen Aperitif. Die Ausgaben dafür sind praktischerweise im Reisepreis enthalten.
Essen, Trinken und die Lebensweise der Einheimischen – das mache eigentlich überall den Reiz einer Destination aus, sagt Herzog. Sein Arbeitgeber ermöglicht eine zertifizierte Aus- und Weiterbildung. Bewerber werden nach dem Vorstellungsgespräch zu einem viertägigen Grundlagenseminar eingeladen. Dabei sollen „die Teilnehmenden bei Führungsübungen mit ihrem Know-how überzeugen“, außerdem werden sie „mit den praktischen, organisatorischen und rechtlichen Bedingungen“ vertraut gemacht, sagt Studiosus-Abteilungsleiterin Angela Ben-Aissa.
Bevor jemand selbst als Guide losgeschickt wird, darf er oder sie die Tour einmal mitmachen. Von den derzeit 620 Studiosus-Reiseleitern sind 73 fest angestellt. Nachwuchsprobleme habe man nicht, aber für Italien werde quasi immer Personal gesucht.
Solange Bewertungen (durch die Gäste) und Kalkulation (durch den Veranstalter) stimmten, ermögliche der Beruf viel Freiheit, nennt Herzog einen Pluspunkt. Da er privat gerne radelt und wandert, schätzt er das Aktivpotenzial seiner Tätigkeit.
Nicht alle Gäste sind aber so fit wie er. Glücklicherweise reguliere sich das meist von selbst, sagt Herzog. Und tatsächlich: Am Mont-Saint-Michel bleibt eine Dame, die nicht allzu gut zu Fuß ist, dem Gewirr der 25 Säle auf vier Etagen fern und wartet unten am gezeitenumtosten Hügel auf die Rückkehr der Gruppe. Die anderen lauschen derweil Herzogs kurzweilig vorgetragenen Geschichten: Wie der Engel Michael den Bischof Aubert von Avranches im Jahr 708 gezwungen haben soll, das Kloster zu bauen (indem er ihm mit dem Finger ein Loch in den Schädel bohrte) und dass Nonnen und Mönche der Gemeinschaft von Jerusalem das Gemäuer mit Leben erfüllen (seit 2001).
Reiseleiter Herzog stimmt die Urlauber mit Verve auf Land und Leute ein. Er kennt sich aus, die Bretagne hat er schon an die 40 Mal bereist. Auf den bis zu 180 Kilometer langen Busfahrten zwischen den Stationen werden moderne keltische Lieder von Nolwenn Leroy und Tri Yann gespielt oder Exkurse in die Tierwelt gegeben („vor Perros-Guirec leben rund 21.000 Paar Basstölpel, die wurden in den 1940er-Jahren aus Schottland eingebürgert“).
Zur Information gehört die Geschichte des Schiffsunglücks der „Amoco Cadiz“ von 1978 ebenso wie die Legende der versunkenen Stadt Iz. Patrick Herzog hat alles im Blick: „Achtung, rechts sehen Sie ein Artischockenfeld!“ Und: „Da drüben geht es nach Erquy, der Ort hat Uderzo für sein gallisches Dorf von Asterix und Obelix inspiriert.“ In Quimper: „Auf dieser Ecke haben Sie die höchste Dichte an Crêperien weit und breit.“
Begeisterungsfähigkeit sei eine wichtige Voraussetzung in seinem Job, sagt Herzog. Glaubt man aufs Wort, als er im entzückenden mittelalterlichen Städtchen Dinan in die Rolle von Ritter Bertrand du Guesclin (der wohl zwischen 1320 und 1380 gelebt hat) schlüpft. Nur filmen lassen möchte er sich dabei nicht – und schon gar nicht auf Social Media landen, wobei dies beim Großteil der Kundschaft ohnehin kein Thema ist.
Fragen aus dem Publikum sind selten. Als in Tréguier jemand wissen möchte, welche Heiligen in einer Ecke der Kirche dargestellt sind, lächelt der Reiseleiter: „Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Vermutlich einer der 7777 Heiligen Frankreichs.“ Auch bei den Menhir-Steinen der Megalithkultur in Carnac, wo jemand nach dem genauen Alter fragt, sagt er an der einen oder anderen Stelle: „Wir wissen es nicht.“ Scio nescio – ich weiß, dass ich nichts weiß: So hat sich schon der belesene Sokrates durch Bescheidenheit Freunde gemacht.
Kurz nach der Reise sorgt übrigens die Nachricht für Schlagzeilen, dass eine Radiokarbondatierung von Holzkohleresten ritueller Feuerstellen ergab: Die Granitbrocken in Reih und Glied wurden zwischen 4600 und 4300 v. Chr. aufgestellt.
Manchmal kann der Reiseleiter auch vom Gäste-Schwarmwissen profitieren, etwa von der forstwissenschaftlichen Expertise, als es in der Stadt Nantes, dem Tor zur Bretagne, um das Alter eines Baumes geht („das ist eine ahornblättrige Platane, höchstens 140 Jahre alt“, weiß einer).
Der Reiseablauf ist das Evangelium
Und was passiert bei Notfällen? Auf der Keltenland-Tour läuft bis auf eine Magenverstimmung alles glatt. In Kuba habe sich einmal eine Frau ein Bein gebrochen, erinnert sich Herzog. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, den Rest habe die Münchner Zentrale gemanagt. Es gilt in solchen Fällen: Die Gruppe fährt weiter. Denn: „Der Reiseablauf ist das Evangelium“, es ist schließlich ein Vertrag zu erfüllen.
„Wir haben Termine“, poltert Patrick Herzog deshalb prompt, als an der eingangs erwähnten Pointe du Raz zwei athletische Pensionäre mit einer knappen Viertelstunde Verspätung erscheinen. Sie hatten den Zöllnerpfad, den Bretagne-Rundwanderweg GR 34, ein Stückchen zu weit verfolgt. Die beiden handeln sich eine ebenso deutliche wie diskret mitgeteilte Rüge ein. Danach sind sie nie wieder die Letzten.
Unterschiedliche Interessen sind auf Gruppenreisen unvermeidlich. Sie zu bedienen, ist die große Kunst eines guten Reiseleiters. Das gelingt beispielhaft in Pont-Aven. Die Kleinstadt am Fluss Aven ist Anhängern der Kommissar-Dupin-Krimis geläufig. Patrick Herzog zeigt Fans das Hotel, das Vorbild für den ersten Band der Erfolgsreihe war. Im Mittelpunkt steht ein vermeintlich gefälschtes Gemälde von Paul Gauguin (1848–1903), das sich als echt erweist. Im Museum nebenan wird der Künstlerkolonie des 19. Jahrhunderts um Gauguin gehuldigt.
Nach dem Rundgang lobt Urlauber Fritz Eißfeldt: „Selbst mir als Kunstbanausen hat Herr Herzog die Malerei nahegebracht!“ Eine mitreisende Kulturexpertin relativiert vor Ort ihre Begeisterung für Gauguin, der offenkundig ein Choleriker mit Hang für minderjährige Südsee-Mädchen war, und interessiert sich nun für den weniger bekannten Post-Impressionisten Émile Bernard (1868–1941).
Am letzten Abend bedankt sich Carmen Eißfeldt im Namen der Gruppe bei Patrick Herzog: „Es war eine Reise mit viel Herzblut und dem Richtigen zur richtigen Zeit, daran haben Sie einen großen Anteil!“ Der 56-Jährige hat demnächst selbst Urlaub – eine Studienreise in Ägypten. Er hofft, dass die Tour zustande kommt. Dass manchmal die Mindestteilnehmerzahl nicht erreicht wird, davor ist selbst ein Reiseleiter nicht gefeit.
Tipps und Informationen:
Deutschlandweit gibt es mehrere Dutzend Studienreiseveranstalter. Bei den Touren stehen generell Kultur, Bildung und Wissensvermittlung im Vordergrund, die Reisen werden von qualifizierten Reiseleitern begleitet. Pro Jahr buchen mehrere Hunderttausend Deutsche eine Studienreise, genaue Zahlen gibt es nicht. Studiosus ist mit jährlich und 76.000 Kunden bundesweiter Marktführer. In Europa sind Frankreich, Kroatien und die Türkei besonders gefragt, in der Ferne sind Ägypten, Marokko, Oman, China, Japan und Kanada beliebt, während das Interesse an den USA zurückgeht.
Die im Text vorgestellte Studiosus-Tour „Keltenland am Meer“ dauert elf Tage, sie wird 2026 an fünf Terminen zwischen Juni und September angeboten, ab 3395 Euro pro Person im Doppelzimmer inklusive Flug nach Nantes (studiosus.com). Die Region ist auch bei anderen Veranstaltern im Angebot, etwa bei Gebeco („Impressionen der Normandie und Bretagne“), elf Tage mit Busanreise ab Mannheim ab 2695 Euro (gebeco.de), oder bei Wikinger Reisen, dort kostet die 13-tägige Wanderstudienreise „Natur und Kultur in Normandie und Bretagne“ ab 2695 Euro inklusive Fluganreise (wikinger-reisen.de).
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Studiosus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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