Spätestens auf einer öffentlichen Terrasse unweit der Haupteinkaufsstraße Corso Italia ist nicht mehr zu übersehen, worum es in Cortina d’Ampezzo in den kommenden Monaten vor allem gehen wird: Die olympischen Ringe wurden hier als mannshoher Aufsteller und Fotomotiv exakt so positioniert, dass der Blick durch sie hindurch auf die berühmte Dolomiten-Berggruppe Tofana fällt, von der herab sich eine der anspruchsvollsten alpinen Skistrecken der Welt schlängelt.

Selbst wer nur gelegentlich diesem Sport folgt, kennt die Bilder der fliegenden Skirennfahrer, die durch zwei riesige Felsen hindurch den Tofana-Schuss mit bis zu 140 Kilometern in der Stunde hinabfliegen. Hier einmal selbst zu fahren, ist für viele Winterurlauber ein – übrigens vor Ort erfüllbarer – Traum, sofern man das Skifahren beherrscht.

Der Nobel-Skiort, gelegen in der italienischen Region Venetien, bietet damit schon mal die richtigen Bilder, wenn hier am 6. Februar 2026 die Olympischen Winterspiele eröffnet werden. Oder besser: Auch hier, denn es gibt eine Reihe von Austragungsorten mit Mailand als eher bergfernem Ankerpunkt und verschiedenen Satelliten wie Bormio (Skirennen der Herren), Livigno (Snowboard) oder Antholz (Biathlon).

Die Aufteilung folgt der neuen Vergaberichtlinie des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), nach der – wo immer möglich – vorhandene Sportanlagen genutzt werden sollen. Ein weiterer Vorteil: Durch die Dezentralisierung werden keine riesigen Athletendörfer benötigt. Die zentrale Eröffnungsfeier wird in Mailand steigen, aber auch jeder der anderen Olympiaorte plant kleinere Zeremonien.

Zentrum des italienischen Wintersports

Cortina d’Ampezzo hat in dieser Vielfalt Alleinstellungsmerkmale – schließlich fanden hier 1956 schon einmal Winterspiele statt, vor allem aber hat der Ort den mit Abstand mondänsten Ruf. Hier trifft sich gern der Geldadel aus Mailand, Turin und Rom, um ein paar Winterwochen oder auch nur ein Wochenende im Schnee zu verbringen. Entsprechend sieht die Geschäftswelt rund um den erwähnten Corso Italia aus. Selbst in der Winterhochsaison ist hier eher das Klacken feiner Lederabsätze als das von schweren Skistiefeln zu hören, und Echtpelz hat hier noch kein Ausgehverbot.

Aber es wäre falsch, das 1224 Meter hoch gelegene Cortina, das in einem weiten Tal liegt und dennoch von eindrucksvollen Dolomiten-Formationen eingerahmt ist, auf diesen Luxusaspekt zu verkürzen. Denn wenn es einen Beweis braucht, welchen Schub Olympia verleihen kann, dann ist genau dieser Ort ein Paradebeispiel.

Hier liegt auch 70 Jahre nach der Erstaustragung der Spiele das Zentrum des alpinen italienischen Wintersports, und das ist in Cortina weit wichtiger als das Angebot in den Schaufenstern. Ohne Olympia 1956 hätten sie diesen Status nie erreicht, sagen viele Einheimische.

Die Sport- und Olympia-Begeisterung zeigt sich zum Beispiel an den vielen gehissten Flaggen mit den fünf Ringen. Und an einem Gebäude in der Einkaufsstraße hängen überlebensgroße Fotos der Ski-Heroen der vergangenen Jahrzehnte an der Fassade.

Der größte von ihnen – jedenfalls für Cortina – ist Rennläufer Kristian Ghedina, Mehrfachsieger in Weltcuprennen. Ein Verwandter von ihm betreibt in einer der Gassen das Lokal „Al Passetto“, in dem eine Sammlung olympischer Fackeln der vergangenen Jahrzehnte zu bewundern ist, 28 Stück, darunter die von Cortina 1956, von Berlin 1936 und von Tokio 2020.

Allerdings wird die Olympia-Begeisterung nicht von allen geteilt. Das weiß auch Bürgermeister Gianluca Lorenzi. Als er 2022 ins Amt kam, war die Wahl längst auf Cortina d’Ampezzo gefallen. Er sei als früheres Mitglied der Curling-Nationalmannschaft „natürlich immer ein Befürworter gewesen“. In Hunderten Bürgergesprächen habe er aber auch viele Contra-Argumente gehört.

Sind solche riesigen Sportevents noch zeitgemäß? Wird alles noch teurer? Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit der Anlagen aus? Was kostet das alles? Fragen, die längst überall gestellt werden, wo der Begriff „Olympia“ fällt. „Ich habe daraus eines gelernt“, sagt Lorenzi. Es reiche nicht, nur auf die aktuellen Fragen Antworten zu haben. Um Zustimmung zu bekommen, „müssen wir zeigen, wer wir danach sein wollen und sein können.“

Er verstehe Olympia als „Katalysator“ – nur wegen der Spiele seien effizientere Stromleitungen in den knapp 5500 Einwohner großen Bergort gelegt worden, würden Umgehungsstraßen gebaut, Gebirgspässe saniert. Olympia sei ein nationales Projekt, die sonst für Italien typische Kleinstaaterei zwischen den Regionen werde zum Glück für einen Moment ausgehebelt – „weil die ganze Welt auf uns blickt, ist das eine historische Chance.“ Acht Hotelneubauten, darunter das „Mandarin Oriental Cristallo“, sollen bis zu den Spielen fertig sein, viele Bestandsbauten wurden grundsaniert.

Es gibt aber auch weiterhin Unrenoviertes und Leerstand, das wird bei einem Spaziergang durch die Straßen schnell deutlich. Cortina hatte sich im Gegensatz zu anderen Orten in der Region und dem direkt angrenzenden Südtirol, das noch stark auf Familienbetriebe setzt, ausländischen Geldgebern geöffnet. Das brachte zwar frisches Kapital, aber barg auch Risiken, denn es waren zahlreiche Russen darunter, die hier seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine nun nicht mehr aktiv sein können; ihre Projekte liegen brach.

Der Olympia-Schub muss Cortina also fit für die nächsten Dekaden machen, gebraucht wird ein zeitgemäßes Angebot, das auch die Veränderungen im Tourismus durch den Klimawandel berücksichtigt. Der klassische Skiurlaub ist vor Ort schon heute rückläufig, die Mehrzahl der Gäste kommt inzwischen in der kalten Jahreszeit hierher, ohne während ihres Aufenthalts jemals Ski an den Füßen zu haben.

Der umstrittenste Olympia-Neubau

Ausdruck dieses Umdenkens ist der wohl umstrittenste Olympia-Neubau: das Sliding Center. Denn neben den Skirennen der Damen und dem Curling-Wettbewerb werden in Cortina auch die Besten im Bob, Skeleton und Rodeln gekürt, genau dafür musste ein Neubau her. Gegner des Vorhabens verwiesen immer wieder auf die Eisbahn-Ruine, die von den Winterspielen in Turin 2006 zurückblieb.

Aber dieses Mal soll alles anders und besser werden. Davon jedenfalls ist Michele Di Gallo überzeugt, der örtliche Organisationschef. Aus seinem Bürofenster ist der Bahnneubau, der sich wie eine riesige Raupe auf Cortina zuschlängelt, bestens zu sehen. Jeder Kurvenwinkel, jede Eisdicke, jedes Gefälle muss genau stimmen.

Der Bau war ein Rennen gegen die Zeit, das schließlich doch noch gewonnen werden konnte. „Wir schaffen hier nicht nur eine Bahn, die für ein paar olympische Wettbewerbe bestehen muss. Wir wollen, dass hier künftig eines der Herzen des internationalen Sliding-Sports schlägt, mit besten Voraussetzungen für unsere Athleten und die anderer Länder, die zu Rennen und zum Trainieren herkommen können.“

Natürlich soll der Neubau auch Einheimischen und Touristen neue Möglichkeiten bieten – wie in anderen Wintersportorten sind Gästefahrten in speziellen Bobs oder das Hinabkullern in großen Ballons („Bubble Rides“) geplant. Das soll langfristige Einnahmen und der Bahn eine nacholympische Zukunft bescheren.

Ohnehin hat Di Gallo mit seinem Team sehr genau auf den Auftrag des IOC geachtet, möglichst wenig von dem lange so typischen Olympia-Größenwahn zuzulassen. „Wir wollen nicht nur ein Event organisieren, wir wollen ein Erbe schaffen“, sagt er und nennt einige Beispiele. Das Olympische Dorf für 1400 Sportler sei überschaubar – in Form von Tiny Houses auf einem ehemaligen Flugplatz. Viele der Häuser seien schon an Campingplatzbetreiber an der Adria verkauft worden, auch eine Reihe von Privatleuten haben bereits Interesse angemeldet.

Auch für den Verkehr gibt es eine nachhaltige Lösung. Besucher werden keine Chance haben, selbst mit dem Auto bis nach Cortina zu gelangen. Sie müssen ihre Wagen auf Großparkplätzen abstellen, die zum Teil weit außerhalb liegen, von dort werden sie in Bussen weitergefahren. Damit das alles klappt, hoffen alle, dass die Olympiawochen keinen Eisregen bringen, denn sonst dürfte es auf den zuweilen steilen Passstraßen schwierig werden.

Bergwelt und Dolce Vita

Dass die Natur ohnehin ein Risiko für die Planungen am Computer darstellen kann, haben die Organisatoren bei einem anderen wichtigen Projekt erfahren – ein Teil des Untergrunds für die geplante Seilbahnanlage Apollonio-Socrepes, die den Ortskern besser an das Skigebiet anbinden soll, hat sich als porös herausgestellt. Entsprechende Warnungen gab es schon früh. Seither arbeiten Bauingenieure unter Zeitdruck daran, den Bau mit einigen Anpassungen doch noch abschließen zu können. Ob es gelingt, ist bis heute nicht klar.

Ein Gelingen wäre nicht nur für Olympia wichtig, sondern auch für die Zeit danach, denn tatsächlich gehört zu den Eigentümlichkeiten Cortinas, dass die wichtigsten Skigebiete vom Ort aus zwar gut zu sehen, aber doch relativ weit entfernt sind. Vom Zentrum aus müssen Wintersportler mit einem Skibus eine kleine Tour absolvieren, um zu den Aufstiegsanlagen zu gelangen.

Die neue Gondelbahn würde mehr Komfort bieten und Cortina von Verkehr entlasten. Das wäre nicht schlecht, denn Platz ist ein kostbares Gut in diesem Ort, der sich an Bergrücken entlangzieht. Je weniger Autos und Busse unterwegs sind, desto entspannter die Atmosphäre in den Fußgängerzonen und Seitengassen mit ihren vielen exklusiven Geschäften, Pizzerien und Gourmet-Restaurants.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Cortina zu Österreich, doch wurde und wird hier, anders als nebenan in Südtirol, kein Deutsch gesprochen. Traditionell leben hier Ladiner, ein Bergvolk mit eigener Sprache und Kultur. Cortina verbindet auf elegante Weise die italienische mit der regionalen ladinischen Lebensart, paart die Traditionen der Bergwelt mit Dolce Vita des Südens und entfaltet so die eingangs erwähnte mondäne Grandezza.

Praktischerweise ist Cortina Teil von Dolomiti Superski, einem Verbund von einem Dutzend Skigebieten in Südtirol, Venetien und im Trentino. Dadurch kann man von Cortina aus die Dolomiten auf die schönste Art kennenlernen: auf Skiern. Das ist zwar mit etwas Planung, einigen Gondeltouren und einer Shuttlebus-Fahrt verbunden. Doch die Mühe lohnt sich.

Man kommt überwiegend auf Skiern von Venetien hinüber zu den bekannten Wintersportrevieren Südtirols wie Gröden oder Alta Badia und hat stets die spektakulären Zacken des Weltnaturerbes Dolomiten im Blick. Je nach Startpunkt und natürlich Tempo ist die Skiwanderung auf den vorzüglich präparierten Pisten an einem Tag zu schaffen, hin und zurück. Der legendäre Tofana-Schuss ist bei dieser Tour sogar inklusive. Wer diesen Skitag am Abend beim Apéro in Cortina ausklingen lässt, fühlt sich dann selbst ein wenig wie ein Olympiasieger.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Am schnellsten geht es per Flugzeug: Die Südtiroler Airline Skyalps (skyalps.com) verbindet im Winter unter anderem Hamburg, Berlin und Düsseldorf direkt mit Bozen. Von dort sind es rund zweieinhalb Stunden mit dem Mietwagen nach Cortina d’Ampezzo. Alternativ bieten die Flughäfen Venedig und Treviso zahlreiche Verbindungen aus Deutschland, von dort fahren Busse von Cortina Express und ATVO in zwei bis drei Stunden nach Cortina. Auch die Bahn ist eine Option: entweder im Eurocity von München bis Bozen, weiter per Mietwagen oder von München über Franzensfeste bis Toblach in Südtirol, dort Umstieg in die SAD-Buslinie 445 bis Cortina (rund 50 Minuten, suedtirolmobil.info). Mit dem Auto führt die Route über die Brennerautobahn bis Brixen, dann durchs Pustertal und über Toblach nach Cortina.

Wo wohnt man gut? Sehr mondän ist das traditionsreiche „Grand Hotel Savoia“ der Radisson Collection, fünf Sterne, Spa und Pool; Doppelzimmer nicht unter 630 Euro/Nacht (radissonhotels.com). Wer Wert auf modernes Design legt, wählt das nachhaltige „Hotel de Len“, vier Sterne, Rooftop-Spa, Doppelzimmer ab 390 Euro, je nach Zeitraum mit drei Nächten Mindestaufenthalt (hoteldelen.it). Das zentral gelegene Hotel „Ciasa Lorenzi“ lockt mit rustikal-alpinem Drei-Sterne-Charme, Doppelzimmer ab 107 Euro (ciasalorenzi.it).

Skigebiet: Cortina selbst bietet rund 120 Pistenkilometer, ist aber Teil von Dolomiti Superski mit 1200 Pistenkilometern, der Tagesskipass für Erwachsene kostet ab 77 Euro (dolomitisuperski.com).

Weitere Infos: Olympia in Cortina: milanocortina2026.org; touristische Tipps: cortina.dolomiti.org/de/winterzeit

Wo kann man noch olympisch Ski fahren?

Innsbruck, Österreich (Olympia 1964 & 1976): Die Tiroler Landeshauptstadt war bereits zweimal Gastgeber der Winterspiele. Innsbrucks Hausberg Patscherkofel ist legendär – hier gewann Franz Klammer 1976 Gold auf der Olympiaabfahrt. Diese Strecke ist heute noch befahrbar, mit ihrer Länge von gut 7,5 Kilometern ist sie ein echtes Highlight für sportliche Skifahrer. Auch die Piste im Gebiet Axamer Lizum, auf der Rosi Mittermaier eine ihrer drei Goldmedaillen gewann, kann befahren werden. Insgesamt gibt es in und um Innsbruck zwölf Skigebiete mit knapp 300 Pistenkilometern. Neben der Wintersportvielfalt lockt die 133.000-Einwohner-Stadt mit urbanem Charme, einer prunkvollen Hofburg und einer lebendigen Altstadt mit dem Goldenen Dachl als Wahrzeichen und Foto-Hotspot (innsbruck.info).

Garmisch-Partenkirchen, Deutschland (Olympia 1936): 1936 wurde in Garmisch-Partenkirchen erstmals alpiner Skisport olympisch – und das merkt man bis heute. Die berühmte Kandahar-Abfahrt am Kreuzeck ist eine der anspruchsvollsten Weltcup-Strecken und mit ihrem Abschnitt „Freier Fall“ ein Muss für Adrenalinjunkies. Auch die Olympia-Abfahrt (rote Piste 4) ist weiterhin geöffnet. Das Skigebiet Garmisch-Classic bietet gut 40 Pistenkilometer auf drei Bergen. Die Region punktet zudem mit einem Mix aus bayerischer Gemütlichkeit und sportlicher Tradition (gapa-tourismus.de).

St. Moritz, Schweiz (Olympia 1928 & 1948): St. Moritz – das ist bis heute Synonym für Luxus, Sonne und Sportgeschichte. Der mondäne Ort im Engadin war zweimal Austragungsort der Winterspiele und ist heute ein Hotspot für stilbewusste Skifahrer und Langläufer. Das Skigebiet Corviglia bietet 155 Pistenkilometer mit wunderbarem Panorama auf die umliegenden Dreitausender, hinzu kommen rund 240 Kilometer Loipen durch das Oberengadin. Für Alpin-Fans besonders empfehlenswert ist die Abfahrt Corviglia–Chantarella, die heute als Piste „Olympia“ an die Spiele von 1948 erinnert und weitgehend der Originalroute folgt. James Bond ist in St. Moritz übrigens auch schon die Berghänge hinuntergebrettert: 1977 in „Der Spion, der mich liebte“. Die Region ist bekannt für ihre Schneesicherheit und die einmalige Anbindung per Bahn mit dem legendären Glacier Express durch Graubünden. Abseits der Pisten locken Gourmetrestaurants, Eislaufplätze auf dem zugefrorenen St.-Moritz-See und ein Hauch von Jetset (stmoritz.com).

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Dolomiti Superski. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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