Nichts als Urwald – wie sich der Amazonas zur Selbstfindung eignet
Die ersten gesichteten Äffchen sind die schönsten. Vielleicht, weil sie so freundlich sind, in der Nähe des geparkten Jeeps auf den Bäumen herumzuturnen? Bequem zu beobachten, fast wie in einem Zoo. So wie es der Tourist aus der Großstadt gewohnt ist. Eine angemessene Belohnung für die Strapazen der bisherigen Fahrt. Die begann bereits um fünf Uhr morgens in Cusco, der Stadt, von der aus Touren ins peruanische Amazonasgebiet starten.
Fast 3000 Höhenmeter ging es kurvenreich quer durch die Anden, über Berg und Tal in Richtung Nebelwald. Genauer gesagt: in den Manú-Nationalpark. Das Dschungelgebiet und Unesco-Weltnaturerbe im Südosten Perus umfasst über 18.000 Quadratkilometer und ist berühmt für seine natürliche Vielfalt. Mehr als 1000 Vogelarten leben in Perus Regenwald. Dazu gut 1300 verschiedene tropische Schmetterlinge und mehr als 200 Säugetierarten wie Jaguar, Puma, Brillenbär, Ozelot und Riesenotter.
Der Park enthält außerdem Gebiete, in denen noch indigene Völker ohne Kontakt zur modernen Außenwelt ihre ursprüngliche Kultur pflegen. Keine Autos, kein Handyempfang, nichts als Natur – Manú klingt wie ein Sehnsuchtsziel für alle, die der Hektik der Städte überdrüssig sind. Aber kann der komfortverwöhnte Tourist den Entzug verkraften und die Auszeit wirklich genießen? Das gilt es herauszufinden.
Kokablätter gegen den Schwindel
Während die langschwänzigen Wollaffen bereits mittags munter herumturnen, sind die menschlichen Verwandten deutlich träger – ihre Bewegungen beschränken sich darauf, dunkelgrüne Kokablätter gegen das Schwindelgefühl zu kauen, ausgelöst vom immensen Höhenunterschied. Und es dauert noch zwei weitere Stunden bis zum Rio Madre de Dios. Dort wartet ein keilförmiges, von Markisen überdachtes Boot mit Außenbord-Motor.
Für die nächsten Tage heißt es hier, Abschied nehmen von der sogenannten Zivilisation. Der Guide, der sich Richard nennt, sieht seine Gäste lachend an. Er ist ein schwarzhaariger, drahtiger, gut gelaunter Indigener, der Deutsch, Englisch, Spanisch und Quechua spricht. Das Brummen des Bordmotors ertönt, in kurzen Abständen wird er angeworfen und absichtlich wieder abgewürgt.
Denn gleich urzeitlichen Ungetümen ragen entwurzelte Bäume aus dem Wasser. Oder treiben tückisch unter der Oberfläche des Flusses, was der junge Bootsmann Carlos vorn am Bug perfekt zu lesen versteht. Ein schneller Zuruf zu seinem älteren Kollegen, der den Motor bedient – und plötzlich Stille. Nur unterbrochen vom Kratzen der langen Holzstange, mit der das Boot immer wieder sorgsam entlang der Baumstämme, über Untiefen und durch gurgelnde Stromschnellen gelotst wird.
Noch wirkt alles wie ein Endlosfilm in einem XXL-Kino. Rechts und links des Flusses ragt die Front dauergrüner Riesenbäume auf. Darin, darüber und davor – Guide Richard-mit-dem-Adlerblick reicht ein zweites Fernglas – tummelt sich allerlei Getier. Schneeadler breiten ihre Schwingen aus, Affen toben im Geäst und lassen riesige Schmetterlinge aufflattern. Am Ufer stehen dunkelbraune Capybara-Wasserschweine, auf ihren Köpfen blauschnäblige Eisvögel.
Es ist längst stockdunkel geworden, als rechts am Ufer ein flackernder Taschenlampenkreis den Standort der Lodge signalisiert. Hier ist der Rio Madre de Dios derart flach, dass außerhalb geankert wird. Mit Stirnlampen und in Gummistiefeln tasten sich die Gäste samt Gepäck aus dem Boot und ein paar Hundert Meter über glitschiges Gestein.
Kurz brandet Großstädter-Ärger auf: Nicht nur draußen schwirren Moskitos herum, sondern auch in der Unterkunft. Doch das Bett ist mit einem Netz geschützt. Und die Dusche funktioniert. Für eine kurze Zeit gibt es sogar Internet-Empfang. Obendrein ist bereits nach einer Stunde im Gemeinschaftsraum der Lodge das Abendessen angerichtet – sorgsam zubereitet von den Bootsmännern, die offenbar auch gute Köche sind. Der anfängliche Verdruss löst sich in Luft auf.
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Action-Szenen vom Fressen und Gefressenwerden
Am nächsten Morgen geht es um fünf Uhr weiter – ausgeschlafen, rasiert, kalt geduscht und dank Koka-Tee und Kokosbrot guter Dinge. Mit der aufsteigenden Sonne, die sich als roter Ball auf der Wasseroberfläche spiegelt, gleitet das Boot durch eine andere Landschaft, gleichsam einen neuen Film. Meterhohe Steiluferwände ragen nun auf, auf denen blau-grüne Sittiche hocken, während Kormorane ganz in der Nähe bewegungslos im Wasser stehen und würdevoll schauen. In den Bäumen dahinter demonstrieren Brüllaffen, woher ihr Name stammt.
Irgendwann gabelt sich der Fluss, das Boot fährt jetzt auf dem Rio Manú dahin. Die flache Waldlandschaft bleibt gleich, Baum an Baum. In Kilometerabständen ereignen sich immer wieder Action-Szenen vom Fressen und Gefressenwerden: Fischotter, frisch Erbeutetes im Maul, lehren ihren Nachwuchs, wie man taucht und jagt. Piranhas zerfleischen ihre Beute direkt unter der Wasseroberfläche. Manchmal werden auch die Raubfische zu Opfern. Ihnen droht der Riesenschlund eines hungrigen Kaimans.
Von menschlichen Bewohnern ist bislang keine Spur zu sehen – keine Hütten, nicht einmal Rauch über kleinen Lichtungen. Lediglich in der Ferne eines Flussarms ist ein schmales Kanu auszumachen. Selbst in der Lodge hatte es außer den Bootsinsassen niemand anderen gegeben.
Tatsächlich sind die indigenen Einwohner von Manú bekannt dafür, quasi unsichtbar zu sein. „Falls sie hier sind, beobachten sie uns vom rechten Ufer aus, doch wird es keinen Kontakt geben“, sagt Richard. Dort beginne die Zona Restringida, die 80 Prozent der Manú-Fläche einnimmt und von der Regierung und der Unesco vor Tourismus geschützt wird.
Der Guide spricht davon mit großem Respekt. Immerhin leben in dem riesigen Areal mehrere indigene Ethnien, die keinen Bezug zur Außenwelt wollen. Auch zum Schutz ihrer Lebensweise wurde der Nationalpark 1973 gegründet. Wie die früheren Kolonisatoren könnten Besucher die Ureinwohner bei einer Begegnung mit Krankheiten anstecken, die für sie womöglich tödlich wären.
Auch umgekehrt bestünde die Gefahr. Denn das Leben im Dschungel und in der sogenannten Zivilisation bringe im menschlichen Organismus die Entwicklung ganz unterschiedlicher Antikörper hervor, erklärt Richard.
Kurz bevor es dunkel wird, kommt es doch zu einem Treffen – in einer Lodge auf der linken Uferseite. Dort arbeiten einige Indigene, die einer der wenigen Ethnien mit Außenweltkontakt angehören. Mit freundlichem Selbstbewusstsein präsentieren sie den Gästen in der größten der Pfahlhütten die Mehrfachsteckdose zum Smartphone-Aufladen. Aber vor dem Eintreten bitte die Gummistiefel ausziehen!
Dann Duschen und Umziehen in der nahegelegenen Privathütte, Moskito-Summen und sofortige winzige Stiche auch hier. Aber das Spray zeigt zumindest etwas Wirkung. Und das inzwischen wieder aufgeladene Gerät bringt Nachrichten von Zuhause und der restlichen Welt.
Aus der Lodge-Küche duftet es verführerisch nach Abendessen. Es gibt in Palmblätter gewickeltes Quinoa und gegrillte Hähnchenflügel, dazu frischen Papayasaft. Jedoch keinen Alkohol: Aus Sicherheitsgründen ist er im Nationalpark offiziell tabu, für Gäste ebenso wie für Einheimische.
Mit Machete und Gummistiefeln
Das Gespräch dreht sich bald um die Dschungelbewohner ohne Außenweltkontakt. „Manchmal tauchen einige im Süden auf“, sagt Richard. „Sie kommen an die Uferböschung und holen Sachen ab, die ihnen Ethnien mit Außenkontakt bringen: T-Shirts, Medizin, Bananen, Zucker. Dann verschwinden sie wieder.“
Am nächsten Tag steht eine Wanderung durch den Dschungel an. In Gummistiefeln, Richard mit Machete und Fernglas vorneweg, kämpfen sich die Stadtmenschen über zugewucherte Pfade, durch morastiges Unterholz und vorbei an riesigen Ceiba-Bäumen. Überall könnten Schlangen lauern, hier leben 155 Reptilienarten. Von einer Art Hochstand lassen sich Papageien hervorragend beobachten – normalerweise.
Aber ausgerechnet heute bleibt die Kalkwand leer, an der die Tiere so gern ihre Schnäbel wetzen. Dafür ertönt später in der Ferne das spöttische Krächzen eines Vogelschwarmes. Richard macht sie als eben jene Blaukopfaras aus, die sich vorhin entschlossen hatten fernzubleiben. Im Gegensatz zu den Schwärmen von Moskitos, die jetzt nur noch durch Spezialmützen mit Nacken- und Gesichtsschutz in Schach zu halten sind.
Trotz aller Strapazen lohnt sich die Erfahrung. Allein wegen des üppigen Grüns ringsum, von Sonnenstrahlen illuminiert, wuchernd, dampfend, endlos. Dazu Gerüche und Geräusche des Dschungels, umherflatternde Schmetterlinge, Kolibris und Quetzals, bekannt als „Göttervogel“. Bei so viel Überwältigung kommen Glücksgefühle auf.
Am nächsten Tag – wie eine tropische Fata Morgana, aber doch real – erscheint am Ufer ein Dörfchen samt fröhlichem Kindergeschrei. Diamante heißt es, eine Ansammlung von Fischerhütten. Im Inneren einer der Behausungen fällt der Blick auf eine alte Singer-Nähmaschine, einen Schaukelstuhl, einen vergilbten Heiligenkalender, dazu ein oval gerahmtes Hochzeitsbild wie aus Zeiten der frühen Fotografie.
Ganz so bejahrt sind sie dann doch nicht, die Eheleute Gomez, die beiden vom Foto, die dem Gast freundlich Masato einschenken, ein leicht alkoholisches Getränk aus dem fermentierten Saft der Maniokknolle. Die mehrstündige Bootstour zurück zur Lodge fällt heiter aus.
Die Tour auf dem Rio Madre de Dios am vorletzten Tag ist dann von Vorfreude auf Cusco geprägt: endlich wieder Komfort! Doch in der letzten Einfach-Herberge vor dem Umstieg in den Jeep prasselt der Regen ohne Pause auf das Wellblechdach, die anschließende Andenfahrt ist auf der rutschigen Straße besonders anstrengend.
Endlich, am Abend, taucht das flimmernde Lichtermeer von Cusco auf. Im gewohnten urbanen Habitat kommt Freude auf. Und doch macht sich ein unerwartetes Gefühl breit: ein Hauch von Sehnsucht nach dem Kick der Ausnahmezeit im Dschungel.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Von verschiedenen deutschen Flughäfen fliegt zum Beispiel KLM via Amsterdam oder Air France via Paris nach Lima. Lufthansa/United bieten Umsteigeverbindungen über Houston an.
Nationalparktouren: Geführte Touren in den Manú-Nationalpark bieten einige deutsche Veranstalter als Reisebaustein an, etwa Diamir Erlebnisreisen, wo ein Fünf-Tage-Ausflug ab 1995 Euro kostet (diamir.de), Travel to Nature hat achttägige Touren ab 2590 Euro im Angebot (travel-to-nature.de); beide Touren jeweils mit Guide und Verpflegung, ab/bis Cusco. Manu Wildlife Peru, ein lokaler Veranstalter, bietet drei- bis neuntägige Touren durch den Dschungel, mit Nachtwanderungen und Baumhaus-Übernachtung, ab 490 US-Dollar pro Person (manuwildlifeperu.com).
Weitere Infos: peru.travel/en
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von PromPerú. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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