Minus 30 Grad, viel Fleisch, nette Leute – auf diesem Roadtrip entdeckt man die Welt neu
Eisiger Wind fegt den Schnee in dichten Schwaden den Hügel hinunter. Irgendwo weiter unten verläuft eine Straße, eher eine Art Piste. Vermutlich. Denn vor lauter Schneewehen ist nichts zu sehen. In der kargen Landschaft auf ungefähr 2000 Metern Höhe, irgendwo südlich des Gebirgspasses nach Ulaan-Uul, würde man eher ein paar hartgesottene Snowboarder vermuten, die sich dem Wind und Temperaturen um die 20 Grad Minus dick vermummt entgegenstellen.
Statt Wintersportlern bekommt man ganz normalen Winteralltag in der Mongolei zu sehen. Einige Familien sind unterwegs und manövrieren mit ihren Toyota Prius den Abhang hinauf, bleiben stecken, drehen um, nehmen erneut Anlauf. Ein Pritschenwagen kommt angefahren, es ist der in sibirischen Regionen unverzichtbare UAZ Buchanka, ein kleiner Pick-up aus ursprünglich sowjetischer Produktion.
Eine Schaufel wird von der Ladefläche geholt, Frauen und Männer springen aus ihren Autos und befreien Fahrwerke von dicken Schneeblöcken. Man winkt sich zu und amüsiert sich prächtig über die hilflosen Versuche der Fahrer, voranzukommen. Nach ein paar Minuten schaffen es dann doch alle den Berg hinauf.
Trotzige Lebensfreude
Lektion eins: Selbst mit einem japanischen Kompaktwagen kann man einen Abhang hinauffahren, der in Europa eher als Skipiste in den Karten eingezeichnet wäre. Lektion zwei: Die Menschen in der Mongolei begegnen den teilweise unbarmherzigen Gegebenheiten ihres Heimatlandes mit unerschütterlichem Humor und trotziger Lebensfreude.
Solche Zwischenfälle erlebt man immer wieder auf einer Winter-Rundfahrt durch eines der bizarrsten und kältesten Länder der Welt. Da wahrscheinlich niemand auf die Idee kommen würde, auf eigene Faust gut 2000 Kilometer mit Jeeps durch die Mongolei, in die verschneite Taiga und über den tiefgefrorenen Khuvsgul-See zu fahren, bietet sich die Buchung bei einem Veranstalter an. Gleich mehrere haben solche Abenteuertouren durch das Land von Dschingis Khan im Angebot (siehe Kasten), in gut beheizten Geländewagen mit Allradantrieb, auf Wunsch auch mit Fahrer.
Die allgegenwärtige gute Laune der Mongolen wirkt wie ein Kontrapunkt gegen die Widrigkeiten der Natur, ob beim Kamelzüchter Tata Ochirt in den Sanddünen von Mongol Els, bei den Rentiernomaden im hohen Norden oder beim Volksfest von Khatgal, wo Kinder (und Erwachsene) eine Rutsche aus Eisklötzen unter lauten Jubelrufen hinabsausen.
Vielleicht kommt die Freundlichkeit der Mongolen ganz einfach daher, dass man in ihrem Land nur selten Menschen begegnet und jedes einzelne Zusammentreffen ein Grund zum Feiern ist. Die Mongolei hat 3,5 Millionen Einwohner. Davon lebt rund die Hälfte in der Hauptstadt Ulan-Bator. Die übrigen 1,7 Millionen verteilen sich auf einer Fläche, die gut viermal so groß ist wie Deutschland. Ein Mensch pro Quadratkilometer.
Es wird schnell einsam, nachdem man den Flughafen und die überlasteten Straßen von Ulan-Bator hinter sich gelassen hat. Zunächst geht es über asphaltierte Landstraßen, später über staubige Feldwege. Für mongolische Fahrer bilden die teils rumpeligen, gefrorenen Pisten ein reguläres Straßennetz, für Europäer ist die Eis-und-Taiga-Tour eindeutig ein Offroad-Abenteuer.
Spätestens am zweiten Tag wird einem klar, dass man hier eine Once-in-a-Lifetime-Erfahrung macht. Die Entfernungen zwischen den endlosen Hügeln in der zentralen Mongolei wirken absurd. Es braucht eine Weile, bis man die winzigen Punkte in der Ferne als Autos oder Häuser begreift. Wer die unberührte Weite sucht: Hier ist sie, in einem fast schon außerplanetarischen Ausmaß.
Herden aus Ziegen, Schafen und Pferden ziehen umher, vollkommen frei, grenzenlos. Ab und zu sieht man Geier, die sich über verendete Tiere hermachen. Man bekommt eine Vorstellung davon, warum eine der wichtigsten Stärken der Reiter zu Zeiten des Mongolensturms und der großen mittelalterlichen Khanate ihre enorm effiziente Mobilität gewesen sein muss.
Außerhalb der Städte leben einige Mongolen noch heute als Halbnomaden und nutzen wie seit Tausenden von Jahren die Jurte, einen festen runden Zeltbau mit niedriger Holztür. Die Inneneinrichtung folgt traditionellen Richtlinien, vorne rechts und links sind Küchen- und Badmöbel, im hinteren Bereich die Schlafplätze – Pritschen mit bunten Teppichen, bunt bestickten Kissen und Decken. Ganz hinten stehen oft kleine Familienaltare mit Bildern und Erinnerungsstücken.
Genauso ist es auch bei Tata Ochirt, ein Hirte mit mehr als 500 Tieren, die mongolischen „Big Five“: Kamele, Pferde, Ziegen, Schafe, Kühe. Er bietet auf einem sandigen Stück Land – eine winzige Kopie der Gobi-Wüste – einen kleinen Ritt auf den mit dicker filziger Wolle ausgestatteten Baktrischen Kamelen, auch als Trampeltiere bekannt.
„Ich bin ein reicher Mann“, sagt Ochirt. Wegen der vielen Tiere. Aber auch, weil er so viel Land sein Eigen nennt. Wie lange braucht er, um dieses Land zu Fuß zu umrunden? Ochirt lacht sich kaputt: „Bis ich tot umfalle“, sagt er. Seine Frau lacht mit. Landbesitz in der Mongolei wird eben flexibel gehandhabt. Wer ein Landstück beansprucht und markiert, aber dann längere Zeit kaum benutzt, kann es auch wieder verlieren.
Mit der Drohne voraus
Die Touristen steuern ihre Jeeps meist selbst. Freude am Fahren ist eine gewisse Voraussetzung für die Tour, auch wenn man sich am Steuer abwechselt. Die russischen UAZ-Patriot-Geländewagen sind robust und simpel. Es gibt professionelle Begleitung: Der Mechaniker und Autoliebhaber Batsaikhan Batmagnai, kurz Magnai, fährt vorneweg, erledigt kleinere Reparaturen, fährt oder schleppt jedes festgefahrene Auto aus Schneewehen heraus.
Neben ihm der Fotograf Gantumur Batsukh, genannt Genco, der gelegentlich eine Drohne vorausfliegen lässt: Oft für spektakuläre Aufnahmen, manchmal um zu prüfen, ob das nächste Flussbett zugefroren und befahrbar ist. Gunchin-Ish Lkhagvasuren (Lkhagvaa) ist als Fahrer dabei. Er war viele Jahre als Chauffeur bei der Staatsregierung beschäftigt, ist stolz auf die demokratische Mongolei und weiß, warum seine Landsleute mit kleinen Toyotas durch Schneestürme bei minus 30 Grad manövrieren: „Leichte Autos, günstig, gut zu reparieren, und sie springen immer an.“
Und schließlich ist da noch die Reiseleiterin Sodkhuu Alungoo, Kurzform: Goo. Sie übersetzt, erklärt und dirigiert per Walkie-Talkie die allesamt älteren Männer ihrer Reisegruppe mit sanfter Bestimmtheit von Ort zu Ort. Gut möglich, dass ihre Vorfahren zu den großen Khans gehörten.
Die trockene Eiseskälte bestimmt alles. Im Winter liegen die Temperaturen in der Mongolei zwischen minus 20 und minus 40 Grad; die Luftfeuchtigkeit ist selten höher als 20 Prozent. In den ersten Stunden nach der Anreise fühlt es sich an, als würden die Nasenschleimhäute gefrieren.
Nach wenigen Tagen folgt aber eine Art Gewöhnung. Bei strahlender Sonne bleibt dann der „Tube“, der empfehlenswerte Mund- und Nasenschutz, immer öfter in der Tasche, und man lässt eine der vier Kleidungsschichten aus Skiunterwäsche, dünnem Fleece-Pulli, dickem Pullover und Hardshell-Winterjacke weg.
Jeder kennt ihn, den Deel-Neid
Gleichzeitig versteht man von Tag zu Tag besser, warum Mongolinnen und Mongolen im Winter standardmäßig den über die Knie reichenden Deel aus Wolle und Leder tragen, mit hohem Kragen und weiten Ärmeln, die bis über die Hände reichen. Selbst wer mit teurer westlicher Skitouren-Ausstattung hier aufkreuzt, verspürt ihn irgendwann: den Deel-Neid.
Zur Tour gehören auch ein Badestopp an den heißen Quellen von Tsenkher und ein Besuch der Stadt Charchorin, in deren Nähe um 1220 der Grundstein für das alte Karakorum gelegt wurde – Handelsmetropole und Herrschaftszentrum der Khans.
Der Franziskanermönch Wilhelm von Rubruk reiste 1253 in die Stadt (er brauchte von Konstantinopel sieben Monate) und berichtet von buddhistischen Tempeln, Moscheen und einer Kirche. Ein „Silberbaum“ sei unter der Herrschaft des Großkhans Möngke (Enkel von Dschingis Khan) in Arbeit gewesen, der vier verschiedene Flüssigkeiten spenden sollte, unter anderem Wein und Stutenmilch.
Im Museum bekommt man einen Eindruck von der geopolitischen Bedeutung der Region vor 800 Jahren und dem Geschick der Khans, verschiedene Stämme und Religionen zu vereinen. In der Tempelanlage Erdene Zuu hingegen bekommt man einen Eindruck von der Zerstörungswut des Stalinismus – die Mongolei war lange ein Vasallenstaat der Sowjetunion.
Von der prächtigen Anlage mit einst mehreren Tausend Mönchen, die einst zu Hunderten die zeremoniellen Trommeln geschlagen haben, sind nach einer 1937 staatlich angeordneten Feuersbrunst nur noch wenige Originalbauten geblieben, liebevoll restauriert, als Zeichen der Hoffnung auf bessere Zeiten ohne gewalttätige Nachbarn.
Unter Rentieren
Weiter Richtung Norden lohnt sich ein Abstecher in einen südlichen Ausläufer des Sajan-Gebirges, das etwa so groß ist wie die gesamten Alpen, dafür aber kaum bewohnt. Für den Spaziergang auf einem zugefrorenen Fluss hinauf durch das Tal sind Steigeisen unter den Schuhen dringend zu empfehlen – ein einmaliges Naturerlebnis. Ebenso der Besuch bei den Rentiernomaden weiter nordwestlich in der mongolischen Taiga. Der Tsaatan-Stamm hat noch etwa 300 Mitglieder, erzählt ihr Oberhaupt Damba, während er den Gästen in seiner Hütte Kräutertee mit Rentiermilch und Salz kredenzt.
Seine Leute bilden zusammen mit etwa 3000 Rentieren eine Art symbiotische Gemeinschaft, geprägt von spirituellem Respekt gegenüber der Natur. Im Sommer grasen die Tiere noch weiter oben. „Wir suchen dann gezielt Regionen, in die kein Auto gelangen kann“, sagt Damba.
Im Winter, wenn die Frauen im Dorf leben und die Kinder zur Schule gehen, kümmern sich die Männer weiter um die Tiere. Nur wenn es notwendig ist, wird eines geschlachtet und in einem Ritual das noch warme Blut aus dem geöffneten Körper getrunken, während am Feuer die Knochen erhitzt werden, um das Mark darin genießbar zu machen.
Ja, die Mongolei im Winter ist nichts für Warmduscher. Und erst recht nichts für Vegetarier. Ob im Eventhotel in Mörön, bei den Familienbesuchen in der Jurte, bei den Schafzüchtern, die eigens einen Hammel schlachten und ihn stundenlang auf dem Ofen schmoren lassen, oder bei den Rentierzüchtern hoch im Norden: Es gibt überall Fleisch. Rindfleisch, Hammelfleisch, Rentierfleisch. Die fettige Nudel-Knödel-Fleischsuppe Guriltai Shul ist im Winter das Nationalgericht.
Zwischendurch gibt es Teigwaren und alle Arten sahniger, vergorener oder getrockneter Kuh-, Yak-, Schaf- oder Ziegenmilch, beispielsweise in Form der Aargul: Das sind Knabberstäbchen aus Molke, die Kinder sogar zur Zahnpflege benutzen. Die Mongolenkrieger packten seinerzeit Aargul in ihre Satteltaschen, gaben Milch und Wasser hinzu, ritten einige Stunden und hatten dann einen Eiweißshake, der sie mehrere Tage lang satt hielt. Wie beim Deel, dem Langmantel, versteht man auch hier bald das Prinzip dahinter: Die extra Kalorien werden bei der Kälte dringend benötigt.
Im Verlauf der Tour lernt man den Umgang mit dem Dauerfrost und mit dem wichtigsten Einrichtungsgegenstand in der Jurte: dem Kanonenofen. Innerhalb von Minuten treibt das eiserne Gerät die Temperatur auf bis zu 20 Grad. Selbst auf Sparflamme und in der Nacht bleibt es erträglich, sofern alle zwei Stunden jemand aufsteht und Holzscheite nachlegt. Der laut Ausrüstungsliste empfohlene arktistaugliche Schlafsack (bis minus 40 Grad) ist nicht unbedingt notwendig. Was man dagegen dringend benötigt, ist eine gewisse Unerschrockenheit gegenüber Plumpsklos.
Als wollten sie den Europäern noch einmal so richtig zeigen, in welchen Dimensionen sie hier leben und in welcher lächerlichen Bequemlichkeit dagegen die Menschen im Westen, führen Goo, Magnai und Lkhagvaa die Gruppe noch etwa 70 Kilometer über den zugefrorenen Khuvsgul-See, den zweitgrößten See Zentralasiens nach dem Baikalsee. 136 Kilometer lang, bis zu 236 Meter tief, zwei Millionen Jahre alt, enthält er etwa 70 Prozent des gesamten Süßwasservorkommens der Mongolei und ein Prozent des weltweiten Süßwassers.
Das Eis ist einige Meter dick, aber trotzdem in Bewegung. Weiße Fächerformationen sind unter der glasklaren Oberfläche zu sehen, alle paar Kilometer haben thermische Veränderungen und Wasserbewegungen kleine Wälle aus spitzen Eisplatten zusammengeschoben. Man hört ab und zu ein beunruhigendes Knacken in der Tiefe.
Für die Reisegruppe ist die Fahrt ein weiteres bewegendes Naturerlebnis. Für die Mongolen ist der See im Winter einfach nur eine Landstraße, so wie beim Gebirgspass südlich von Ulaan-Uul. Eine praktische Abkürzung. Lastwagen und kleine Pkw-Kolonnen sind in der Ferne auf dem See zu sehen, auf dem Weg zum alljährlichen Eisskulpturenfestival bei Khatgal.
Selbst aus Ulan-Bator kommen die Menschen Hunderte von Kilometer weit angereist, um Live-Musik auf dem Eis zu erleben, mit Quadbikes um die Wette zu fahren, auf Trampeltieren zu reiten, zu schlemmen und die neueste Deel-Mode in Erfahrung zu bringen. Für eine fröhliche Begegnung und leckeres Grillfleisch ist eben kein Weg zu weit.
Tipps und Informationen:
Anreise und Aufenthalt: Von Frankfurt/Main aus fliegt MIAT Mongolian Airlines nonstop in rund acht Stunden nach Ulan-Bator. Umsteigeflüge bietet Turkish Airlines von diversen deutschen Airports via Istanbul. Deutsche Touristen benötigen für einen Aufenthalt bis 30 Tage kein Visum.
Mongolei-Offroad-Touren: Die Offroad-Tour Ice Tracks to Taiga wird vom Anbieter Liqui Moly Extreme organisiert und durchgeführt, sämtliche Fahrtkosten, mindestens ein Guide, Unterkunft und Verpflegung sind inklusive. Preise beginnen ab 3500 Euro pro Person, Aufpreise gelten für Jeep-Upgrades und für zusätzliche Chauffeure, nächste Reisedaten: 8.2.–22.2.2026 und 23.2.–8.3.2026. Escape to Mongolia bietet in Kooperation mit Sixt ähnliche Wintertouren ab 4000 Euro. Explorer Company hat mehrere Touren, auch zu den Rentiernomaden, im Angebot.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Themongoliatour.com. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter diesem Link.
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