Henry ist 13 und hat natürlich gar keine Lust, mit seinen Großeltern und mir, seiner Großtante, zu wandern. Schon gar nicht im Harz. Wie uncool, wo doch sein Smartphone alle Verlockungen der Welt parat hält. Am liebsten würde er sich damit in sein Zimmer verkriechen und von morgens bis abends daddeln. Blöd nur, dass seine Mama ihm ein tägliches Zeitlimit programmiert hat, das er nicht umgehen kann. Wie ätzend!

Das lässt Henry uns Alte deutlich spüren – er probt am Abend zuvor ein bisschen den Aufstand. Doch wir lassen uns nicht beeindrucken. Also versucht er es am nächsten Morgen mit einem „Liegestreik“ und ignoriert alle Rufe, endlich aufzustehen. „Haut ab“, ruft er, „ich bin mit 13 doch groß genug, auch mal einen Tag allein zu Hause bleiben.“

Seine Oma Karin sieht das anders. Es dauert zwar ein Weilchen, doch letztlich sitzt der Junge am Frühstückstisch – und bald schon im Auto, das uns nach Blankenburg im Harz bringt. Der Trick von Henrys Großmutter: Sie verspricht ihm eine Überraschung. Während der Fahrt mault Henry zunächst noch, doch als er auf den letzten Kilometern verheißungsvolle Felsen sieht, ahnt er etwas, seine Stimmung hellt sich auf. Kaum sind wir ausgestiegen, verwandelt er sich in den fröhlichen, neugierigen Jungen, wie wir ihn kennen und lieben.

Oma Karins Überraschung kommt offensichtlich an. Das vermeintlich öde Wanderziel entpuppt sich für Henry als Abenteuerspielplatz: Unendliche Kletterfelsen, wohin er schaut. Genau sein Ding. Noch ehe seine Großmutter ihn ermahnen kann, vorsichtig zu sein, stürmt er los. Nichts kann ihn mehr halten. „Warum habt ihr nicht gleich gesagt, was hier abgeht?“, ruft er uns zu.

Die Teufelsmauer ist eines der vielseitigsten Wanderreviere im Harz, geeignet für Tagesausflüge oder einen Kurzurlaub. Es gibt gut ausgeschilderte Abschnitte, von denen einige auch für gemütliche Wanderer geeignet sind, während die Sandsteinfelsen eher ein Natur-Klettersteig für sportliche Naturen wie Henry sind.

Die „teuflische“ Felsformationen erstreckt sich über rund 20 Kilometer von Blankenburg bis nach Ballenstedt. Nicht durchgehend zwar, aber immer wieder türmen sich gigantische Felsen und Steinnadeln auf, die seit jeher Menschen angezogen und ihre Fantasie angeregt haben.

Über die Entstehung der Teufelsmauer gibt es viele Sagen. So soll sich einst der Teufel mit Gott um den Besitz der Erde gestritten haben. Am Ende einigten sie sich darauf, dass Gott das fruchtbare Flachland behalten und der Teufel das erzhaltige Harzgebiet bekommen sollte. Allerdings nur unter der Bedingung, dass er seine Grenzmauer bis zum ersten Hahnenschrei und innerhalb einer Nacht fertig gebaut hat. Der Teufel machte sich siegesgewiss ans Werk und schichtete Felsen auf Felsen.

Als die Mauer fast vollendet war, begegnete er einer Bäuerin, die auf dem Weg von Cattenstedt nach Blankenburg war, um einen Hahn auf dem Markt zu verkaufen. Die Frau sah den Teufel und erschrak sich so fürchterlich, dass sie über einen Stein stolperte, woraufhin der Hahn im Korb aufwachte und zu krähen begann. Der Teufel, der gerade den letzten Stein setzen wollte, um die Mauer zu vollenden, wusste, dass er verloren hatte und zerstörte wütend sein Werk, sodass nur noch Bruchstücke stehen blieben.

Henry ist von des „Teufels Werk“ restlos begeistert. Kaum ein paar Minuten gewandert, lockt schon der Großvater zum Besteigen. Nicht Henrys Opa Friedrich, sondern ein 317 Meter hoher Felsen, das Wahrzeichen von Blankenburg. Von seinem Gipfel aus hat man einen traumhaften Blick auf Stadt und Schloss.

So steil der Fels auch ist, selbst für ältere Semester Anfang 70 wie Henrys Großeltern ist der Großvater keine uneinnehmbare Festung. Denn der Aufstieg an seiner Südseite ist durch ein Geländer gesichert. Das allerdings braucht Henry nicht – wie eine Gämse bewegt er sich trittsicher den Felsen hinauf. „Hier könnte ich jeden Tag raufsteigen“, ruft er uns von oben entgegen.

Nicht weit entfernt ist an einem hoch aufragenden Felsen eine Gedenktafel für jenen Mann angebracht, dem es zu verdanken ist, dass die einst schwer zugängliche Felsformation heute problemlos zu besteigen und zu begehen ist: Carl Löbbecke, 1850 bis 1859 Bürgermeister von Blankenburg. Er ließ 1853 die etwa zwei Kilometer lange Strecke zwischen dem Großvater und dem Hamburger Wappen (einem weiteren Felsgebilde) so herrichten, dass man den Kammweg ohne große Mühe meistern kann.

Er führt über zum Teil schmale Felsgrate, die an gefährlicheren Abschnitten gut gesichert sind. An manchen Stellen muss man steile Abhänge hinunter, durch Felsdurchgänge hindurch, um dann wieder aufwärts zu steigen, bis man erneut auf dem Kamm ankommt.

Die Natur – oder der Teufel – hat hier ganze Arbeit geleistet und den Stein geformt: zum Teufelssessel, zum Brockenblick, zu einer Zwergenhöhle. Einige Klippen hängen gefährlich weit über dem Abgrund. Für Henry eine einzige Verlockung. Immer wieder verschwindet er kurzzeitig aus unserem Blickfeld, um dann über das ganze Gesicht strahlend irgendwo hoch oben in schwindelerregender Höhe auf einem steil in die Tiefe abfallenden Fels wieder aufzutauchen. Seiner Oma wird manchmal ganz anders, doch ihre Ermahnungen, gut aufzupassen, überhört er natürlich.

Kein Fels ist vor ihm sicher, jeden muss er erklimmen – als habe er mit dem Teufel eine Abmachung getroffen, nachzuschauen, ob alles noch in Ordnung ist. Erst als wir nach ein paar Kilometern vom Kammweg auf einen breiten Wanderweg gelangen, der für Henry kaum noch Verlockungen parat hält, trottet er brav neben uns Alten her.

„War das etwa schon alles?“, will er wissen. „Das Beste kommt noch“, sagt sein Opa etwas geheimnisvoll. Doch erst einmal muss Henry eine kleine felsenlose „Durststrecke“ durchwandern, und seine Oma hat Zeit, durchzuatmen. Wohl wissend, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm ist – vor dem Gipfelsturm auf das Hamburger Wappen.

Seinen Namen verdankt die markante Sandsteinformation den drei steil aufragenden Felsnadeln, die an das Hamburger Stadtwappen mit seinen drei Türmen erinnern. Kaum dort angekommen, ist Henry nicht mehr zu halten. Ehe seine Großeltern auch nur die Chance haben, ihm ein paar mahnende Worte mit auf den Weg zu geben, ist er ihren Blicken schon entschwunden. Wenige Minuten später winkt er von der Spitze der höchsten Nadel herab.

Oma Karin rutscht das Herz in die Hose. Opa Friedrich indes will wissen, wie der Junge da hochgekommen ist und findet bald des Rätsels Lösung: An der Nordseite führt ein steiler Pfad bis an die Zinnen heran. Dennoch: Wer nicht trittsicher und schwindelfrei ist, sollte das Hamburger Wappen besser nur von unten bestaunen. Doch des Opas Ehrgeiz ist geweckt, er klettert dem Enkel hinterher und genießt den Blick von oben ins Harzvorland.

Wieder festen Boden unter den Füßen, findet Henry endlich Ruhe für unser Picknick am Fuße des Wappens. Danach wird es Zeit für den Rückweg. „Wir haben die Wahl“, sagt Henrys Großvater, „einen kurzen, direkten Weg durch den Wald oder einen längeren, der wieder über den Kammweg führt.“ Henry muss keine Sekunde überlegen: Erneut flitzt der Junge über Felsen und Klippen, winkt uns noch einmal vom Großvater zu.

Als es dann in der nahegelegenen Ausflugsgaststätte „Großvater“ auch noch Pommes für ihn gibt, ist er restlos mit der Welt versöhnt. Sein Smartphone hat Henry den ganzen Tag lang nicht vermisst, und als seine Großeltern ihm am Abend eine gute Nacht wünschen, sagt er etwas, womit sie am Morgen nie und nimmer gerechnet hätten: „War ein toller Tag! Am liebsten würde ich gleich morgen noch einmal auf der Teufelsmauer rumklettern.“

Tipps und Informationen

Wie kommt man hin? Anreise mit der Bahn: Blankenburg im Harz ist von Berlin und Kassel aus in dreieinhalb Stunden und von Hannover aus in zweieinhalb Stunden mit dem Zug erreichbar – jeweils mit Umsteigen in Magdeburg, von wo der RE31 nach Blankenburg fährt. Anreise mit dem Auto: Blankenburg liegt direkt an der Autobahn A36 zwischen Braunschweig und Bernburg/Saale.

Wo kehrt man ein? Die Ausflugsgaststätte „Großvater by Dolce Amaro“ liegt direkt am Wanderpfad am Ortsrand von Blankenburg, sie bietet vor allem hausgemachte italienische Küche (Großvaterweg 15, keine Website). Im „Kartoffelhaus“ im Zentrum von Blankenburg werden herzhafte Kartoffelgerichte aufgetischt, es gibt auch vegane und vegetarische Varianten (kartoffelhaus-blankenburg.com).

Filmkulisse: Die Teufelsmauer war Drehort für zahlreiche nationale und internationale Filme wie „Die Söhne der großen Bärin“ (1966), „Die Päpstin“ (2009), „Der Medicus“ (2013).

Weitere Infos: harzinfo.de; blankenburg-tourismus.de – hier gibt es auch Tipps zu Hotels, Ferienunterkünften und Wohnmobil-Stellplätzen.

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