„Heult weiter!“ Mit Trump-Methoden zum Sieg für Diversität und Inklusion
Abdul El-Sayed wirkte gut gelaunt, als er am frühen Mittwochmorgen vor seinen Anhängern in Michigan sprach. Er hatte einen hässlichen Wahlkampf überstanden, in dessen Verlauf US-Präsident Donald Trump, El-Sayeds republikanischer Gegner Mike Rogers und die Führung der republikanischen Partei ihn beschuldigt hatten, er sei ein Dschihadisten-Unterstützer der Muslimbruderschaft, der die Anschläge vom 11. September gutheiße.
Selbst seine frühere demokratische Rivalin im Rennen um den Senatssitz von Michigan, Haley Stevens, hatte sich am Vorabend der Wahl in einer aufsehenerregenden Ankündigung für den Maga-Kandidaten Rogers ausgesprochen.
Der erste muslimische Senator in der Geschichte der USA hat also allen Grund zum Feiern. Doch eine Siegesrede nach den Midterm-Wahlen, mit der er eigentlich seinen Unterstützern danken sollte, schien stattdessen darauf ausgelegt zu sein, seine Gegner zu provozieren.
„Bis eben ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass ich immer ‚Inschallah‘ oder ‚So Gott will‘ gesagt habe, wenn das Ergebnis dieses Rennens zur Sprache kam. Aber heute können wir aus diesem Inschallah ein ‚Alhamdulillah‘ machen (Alles Lob gebührt Allah; d.Red.).“
Die Kommentatoren beim TV-Sender Fox News, die sich über die Rede empörten, stürzten sich umgehend darauf. Joel Pollack, Meinungsredakteur der „California Post“, sagte: „Man beginnt seine Rede nicht gleich mit einer Art Botschaft an seine muslimischen Unterstützer. Ich fand das wirklich irritierend.“
El-Sayed wirkt wie jemand, der sich permanent im Wahlkampfmodus befindet. Aber damit laufen er und andere gleichgesinnte Demokraten Gefahr, ihren Gegnern ausgerechnet im Moment eines überwältigenden Sieges Munition für Gegenattacken an die Hand zu geben.
Denn sie haben das Repräsentantenhaus und den Senat mit deutlichen Mehrheiten zurückerobert, weil sie sich größtenteils eben nicht wie die „radikalen linken Irren“ verhielten, als die Trump sie immer wieder bezeichnet hatte.
James Talarico, der als erster Demokrat seit 1988 eine Senatswahl in Texas gewann, hat das verstanden. Seine Politik war beharrlich zentristisch, seine Reden waren in religiöse und zugleich bodenständige Sprache gehüllt.
Er sprach davon, „seinen Nächsten zu lieben“ und die Grenze mit „einer Fußmatte vor der Tür und einem Schloss an der Tür“ zu sichern. Trotzdem stellte ihn das Weiße Haus im ländlich geprägten Herzen des Landes als veganen, liberalen Perversen dar.
„Peinliche“ Wahlkampftaktik
Aggressive Wahlspots der Republikaner konzentrierten sich auf eine Debatte im texanischen Parlament aus dem Jahr 2021, in der er behauptet hatte, Gott sei „nicht-binär“. J.D. Vance wiederum machte wenig subtile Andeutungen über Talaricos Sexualität und dessen angebliches Interesse an Transgender-Kindern. Der ehemalige Lehrer, der Fleisch isst, aber eine vegane Freundin hat, tat die Äußerungen als „peinlich“ ab.
Bei einer republikanischen Wahlparty in Detroit, bei der eine eher bedrückte Stimmung herrschte, war genau diese hergebrachte Form der Maga-Politik zu beobachten. „Er ist ein Freak! Talafreako!“, rief eine Frau und benutzte dabei Trumps Spitznamen für Talarico. „Was zum Teufel stimmt mit den Leuten nicht? Wollen die Leute Sozialismus?“
Bei Talaricos Wahlparty in Texas skandierten seine Anhänger „U-S-A! U-S-A!“ – nicht gerade ein Zeichen dafür, dass er ein Vorbote des Marxismus wäre. Nachdem er überraschend gegen Trumps handverlesenen Kandidaten Ken Paxton gewonnen hatte, dessen Wahlkampf von Elon Musk mit 160 Millionen Dollar unterstützt worden war, trat Talarico auf die Bühne und verkündete: „Heute Abend haben wir Goliath besiegt!“
Seine Anhänger machten Selfies und umarmten ihre Freunde. „Ich bin außer mir vor Freude. Es fühlt sich unglaublich an, das muss ich zugeben“, sagte Iris Romero, eine 30-jährige Tech-Ingenieurin.
In Columbus, im Bundesstaat Ohio, dröhnte „Sweet Caroline“ aus den Lautsprechern, nachdem Amy Acton den Kampf um den Gouverneursposten gewonnen hatte. Ihr Gegner war Vivek Ramaswamy, ehemaliger Präsidentschaftskandidat und kurzzeitig Architekt des glücklosen Doge-Projekts.
Die Popularität des Republikaners war nach der Ausstrahlung eines Schmähvideos eingebrochen, in dem Actons entfremdete Mutter ihre eigene Tochter als Lügnerin bezeichnete. Actons Stiefvater wurde damals wegen Vergewaltigung Actons angeklagt, aber nie verurteilt, weil er mit Actons Mutter floh.
Die Botschaft der Wähler war laut und deutlich: Sie wollen einen Kandidaten, keinen Kulturkämpfer. Sogar Trump schlug einen selten versöhnlichen Ton an. Er räumte ein, die Demokraten hätten „gute Arbeit“ geleistet, und erklärte, er werde die Ergebnisse akzeptieren. Auch die Republikaner gestanden eigene Versäumnisse ein.
Die Demokraten wären allerdings gut beraten, sich daran zu erinnern, warum sie erfolgreich waren: weil sie sich geweigert hatten, Trump mit dessen eigenen Mitteln zu begegnen, anders als in ihren jüngsten gescheiterten Wahlkämpfen.
Ro Khanna, ein demokratischer Abgeordneter aus Kalifornien, gehörte am frühen Mittwoch zu den Ersten, die sich zu Wort meldeten. Er feierte die Erfolge bei den Midterms als Sieg für die Programme für Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI), die die Trump-Regierung abzubauen versucht hat.
In einem Video in den sozialen Medien sagte Khanna: „Heute Abend ist DEI zurück, denn Amerika hat Diversität und Inklusion gefeiert. Wahrscheinlich drei schwarze Gouverneure: die erste Latina als Gouverneurin von Texas, der erste muslimisch-amerikanische Senator, der erste schwule Senator. Ich liebe dieses Amerika.“
Das ist vertrautes Terrain für Maga. Ein Vorwurf, der Kabinettsmitgliedern wie Kriegsminister Pete Hegseth häufig gemacht wird, lautet, dass sie ausschließlich über den Kulturkampf reden würden. Wenn die Demokraten darauf bestehen, diesen Kampf weiterzuführen, werden sie politisch leicht angreifbar.
Mehdi Hasan, ein linker Kommentator, der von El-Sayeds Wahlparty berichtete, schrie sich beinahe heiser, als er den Sieg des Demokraten bejubelte und eine lange Liste vermeintlicher politischer Feinde herunterratterte.
„Ich möchte nur Donald Trump und Mike Rogers und Elon Musk und J.D. Vance etwas sagen“, sagte er, obwohl er noch nicht einmal ein Viertel seiner Feindesliste abgearbeitet hatte. „Abdul El-Sayed, ein linker, muslimischer Antizionist, zieht in den Senat der Vereinigten Staaten ein. Und für euch alle habe ich zwei Worte. Zwei Worte: Heult weiter.“
Eine Erklärung dafür mag schlicht ein Rausch sein, den Linke erleben, die nach so vielen Enttäuschungen endlich wieder auf breiter Front demokratische Wahlsiege sehen.
Eine andere Erklärung ist wahrscheinlich zynischer. Geschickte Politiker wie El-Sayed und der Abgeordnete Khanna, über den Gerüchte kursieren, er erwäge eine Präsidentschaftskandidatur 2028, haben von Trump gelernt. Sie wissen, dass sie ihr eigenes Profil schärfen können, indem sie Empörung in den sozialen Medien schüren.
El-Sayed hat die Fallstricke dieser Strategie bereits kennengelernt. Seine wütende Konfrontation mit James Matthews, einem US-Korrespondenten von Sky News, vor einem Wahllokal in Detroit wurde am Mittwoch in den sozialen Medien vielfach geteilt.
„Es ist mir egal, was Sie denken“, sagte der Rhodes-Stipendiat der Universität Oxford dem britischen Journalisten. Dann legte er Matthews die Hände auf die Schultern und sagte: „Wissen Sie, wie viele Stimmen ich im Vereinigten Königreich bekommen möchte? Null. Ich werde im Vereinigten Königreich niemals für ein politisches Amt kandidieren.“
Es war ein unschöner Moment für den neuen Senator, der die Außenpolitik zu einem Eckpfeiler seines Wahlkampfs gemacht hatte und nun erheblichen Einfluss auf Trumps internationale Agenda besitzt.
Über Wahlkampf muss sich El-Sayed allerdings erst einmal keine Gedanken machen; seine Amtszeit beträgt sechs Jahre. Khanna muss in zwei Jahren wieder antreten, aber er vertritt das tiefblaue San Francisco, wo er gerade mit mehr als 70 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde.
Die Demokraten stehen an einem Scheideweg. Wenn sie sich dafür entscheiden, die Warnungen von 2024 und die Lehren von 2026 zu vergessen, werden sie 2028 vermutlich ein böses Erwachen erleben.
Dieser Text erschien zuerst beim britischen „Telegraph“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Jens Wiegmann.
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