Kilometerweit robben Soldaten durch Gasrohre – Experte gibt Einblicke in Tunnelschlacht bei Kupjansk
Kilometerweit kriechen und robben russische und ukrainische Soldaten durch stillgelegte Gasleitungen, verbarrikadieren die Röhren mit Schutt und schneiden sich mit Schneidbrennern an den Sperren des Gegners vorbei.
Der österreichische Oberst und Militärexperte Markus Reisner hat gegenüber N-tv eindrückliche Details geschildert, wie die Kämpfe bei der Tunneloffensive nahe Kupjansk, südöstlich der ukrainischen Stadt Charkiw, unter der Erde ablaufen. „Die Belastung für diese Kämpfenden ist enorm hoch, eigentlich unvorstellbar“, sagte der Militärexperte.
Die beiden Leitungen verlaufen nach Reisners Darstellung nebeneinander unter dem Fluss Oskil hindurch, der die Truppen an der Oberfläche trennt. Diese hätten nur einen Durchmesser von bis zu 1,20 Metern. Ziel beider Seiten sei es, den Fluss zu unterqueren und so weit vorzustoßen, dass die eigenen Soldaten beim Ausstieg im Rücken des Gegners stünden.
„Die Kämpfe in diesen Leitungen sind heftig“, sagte Reisner. „Die Verluste sind hoch.“ Er beruft sich unter anderem auf den stellvertretenden Kommandeur des dort eingesetzten ukrainischen Korps, den er kürzlich in Litauen getroffen habe.
Auf den ersten neun Kilometern lägen die Soldaten demnach auf kleinen, flachen Elektrowagen. „Die restliche Strecke der Gasleitung, also immer noch fünf bis acht Kilometer, müssen die Männer kriechen oder robben.“
An den Stellen, wo die Leitung an die Oberfläche trete, sei diese meist stark beschädigt, dort lauerten Drohnen beider Seiten. Die Soldaten müssten hier von einer Öffnung zur nächsten sprinten, um wieder in die schützende Röhre zu kriechen.
„Dichte Wälle aus Schutt und Steinen“
In die Wände seien Nischen für Munition, Wasser und Vorräte geschnitten worden, an größeren Sammelpunkten würden Verwundete erstversorgt. Jede Seite habe mehrere Dutzend Soldaten unter der Erde im Einsatz, die sich durch Schmutz und Staub vorankämpften, „ohne auch nur einmal gerade stehen zu können“.
In der Mitte treffen die Gegner nach Reisners Worten nicht direkt aufeinander. Beide Seiten hätten Barrikaden errichtet: „Dichte Wälle aus Schutt und Steinen, die wie Korken die Leitung dicht machen und so den Gegner am Vormarsch hindern sollen. Das funktioniert auch.“
Die Soldaten müssten deshalb vor der jeweiligen Sperre die Außenhaut der Leitung durchschneiden. „Etwa zwölf Millimeter Stahl sind zu durchtrennen“, sagte Reisner. „Das schaffen die Soldaten mit einem Schneidbrenner oder mit Fräsen, dann graben sie sich in einem Bogen durch das Erdreich, um hinter der Barrikade wieder auf die Leitung zu stoßen.“ Dort würden sie das Rohr erneut aufschneiden, hineinkriechen und weiter vorstoßen.
Die Röhren seien seit Längerem nicht mehr mit Gas befüllt und würden über Öffnungen zur Oberfläche belüftet. Weil die Soldaten die Luft schnell verbrauchten, bleibe die Lage prekär; Erstickungstote seien bislang aber nicht gemeldet worden.
Kiew stellt die unterirdischen Kämpfe bei Kupjansk bislang als Erfolg dar. Das 2. Korps „Chartija“ der Nationalgarde hatte am 22. Oktober die „Operation Veles“ öffentlich gemacht, benannt nach dem Gott der Unterwelt in der slawischen Mythologie.
Reisner: Gesamtlage „extrem belastend und verlustreich“
Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte vergangene Woche, die Truppen seien unter der Erde mehr als 15 Kilometer vorgerückt, mehr als 100 russische Soldaten seien ausgeschaltet und mehr als 30 gefangen genommen worden. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Ein Video des Korps zeigt Soldaten, die sich teils auf Rollbrettern durch die Röhren bewegen.
Reisner zufolge hat bislang allerdings keine Seite ihr Ziel erreicht, in den Rücken des Gegners zu gelangen. Beide wüssten, wo sich der andere im Erdreich befinde. Häufiger gelinge es, die Leitung unterwegs nach oben zu öffnen und von dort anzugreifen. Die Gesamtlage bleibe aber „extrem belastend und verlustreich“.
Zuvor hatte Russland diese Taktik angewandt. Im September 2025 berichtete die ukrainische Beobachtergruppe DeepState, die den Frontverlauf kartiert, russische Truppen seien durch eine Gasleitung unter dem Oskil in ukrainische Stellungen bei Kupjansk eingesickert. Ukrainische Soldaten hätten diese Taktik umgekehrt und technologisch weiterentwickelt, schrieb Selenskyj auf X.
Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) zitierte einen prominenten kremlnahen Militärblogger mit der Einschätzung, die russischen Truppen würden wegen der Operation wahrscheinlich einige Stellungen in Kupjansk verlieren. Eine Quelle aus der russischen Truppengruppe West berichtete demnach, Russland müsse deshalb Soldaten und Material aus Richtung Borowa abziehen.
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