Verfolgt, angebrüllt, mit den eigenen Kindern im Taxi drangsaliert: Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir hat nach eigenen Worten schon einige beängstigende Momente in seiner politischen Karriere erlebt.

Im Zug oder an Bahnhöfen sei er schon in sehr unangenehme Situationen geraten, sagte der Grünen-Politiker in Stuttgart. „Am schlimmsten ist nicht die Sorge um einen selber, am schlimmsten ist die Sorge um die Kinder, um den Partner, auch um die Nachbarn.“

Özdemir schilderte etwa eine Taxifahrt mit seinen Kindern durch Berlin. Als der Fahrer türkischer Herkunft ihn erkannt habe, habe er plötzlich Vollgas gegeben und sei dann „in die Eisen“ gegangen – und das immer wieder. Mit dem rabiaten Fahrstil habe der Mann ihn und seine Kinder zum Aussteigen nötigen wollen. Seine Tochter habe seinen verängstigten Sohn beruhigt. „Das ist einfach unerträglich“, sagte Özdemir.

„Ich dachte, da kommt gleich die Polizei“

Auch am Leipziger Hauptbahnhof sei er in eine bedrohliche Situation geraten, so Özdemir. Er sei mit einer Praktikantin unterwegs gewesen, als Anhänger der Legida-Bewegung die beiden nach einer Demonstration verfolgt hätten. Legida war ein rechtsextremer, islam- und fremdenfeindlicher Ableger der Pegida-Bewegung. „Ich dachte, da kommt gleich die Polizei. Da kam nur niemand.“

Die Verfolger hätten ihn schließlich eingeholt, ihn beleidigt, ihm ins Ohr gebrüllt und provozierend ein Handy kurz vors Gesicht gehalten. Er habe die Praktikantin aufgefordert, sich keine Sorgen zu machen, ruhig zu bleiben. „Nicht ahnend, was ich eigentlich machen würde, wenn der mir eine ins Gesicht zimmert.“ Zwei Polizeibeamte hätten Özdemir und seine Begleiterin schließlich zum Gleis geführt.

Nur noch mit Nachbarn einkaufen

Ein Einschnitt war für Özdemir auch die Armenien-Resolution des Bundestags von 2016. Darin erkannte das Parlament die Massaker und Vertreibungen an Armeniern und anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich 1915/16 als Völkermord an.

Als damaliger Grünen-Chef gehörte Özdemir zu den maßgeblichen Initiatoren. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan griff den türkischstämmigen Politiker damals persönlich an, Özdemir erhielt Morddrohungen und wurde unter Polizeischutz gestellt.

Ihm sei klar gewesen, dass sich mit der Resolution sein Alltag drastisch verändern würde, berichtete Özdemir. Einfach einkaufen oder auf die Straße gehen sei nicht mehr einfach so möglich gewesen. Er habe darauf geachtet, das Haus nicht mehr allein zu verlassen und etwa einen Nachbarn zum Einkaufen mitzunehmen.

Bedrohung bis in den Kindergarten

Die Bedrohung reichte nach seinen Worten bis in den Alltag seiner Kinder. Andere Eltern im Kindergarten hätten gefragt, ob ihre Kinder sicher seien, wenn dort auch die „Kinder vom Özdemir“ betreut würden. „Da kriegt man ein schlechtes Gewissen, wenn sie dorthin gehen und ihre Kinder abholen wollen“, sagt der Regierungschef. „Da stellen sich Fragen, die wünschen sie niemandem.“

Özdemir berichtete von diesen Erlebnissen vor dem Hintergrund der Angst-Debatte um die Berliner Linke Elif Eralp, die erste Regierende Bürgermeisterin ihrer Partei werden will. Ein „Spiegel“-Bericht hatte für Wirbel gesorgt, wonach Eralp die Sicherheit ihrer Familie in Gefahr sieht, wenn sie sich explizit zu einem bekannten Terror-Unterstützer äußert.

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