Der zentrale Widerspruch der Eliten-Kritik von links und rechts
Zu einer beliebten Beschäftigung linker wie rechter Protagonisten gehört die Kritik an Eliten. Sprechen die einen von der elitären Politiker-Kaste, die von den Sorgen der einfachen Leute nichts verstehe und soziale Ungleichheit vertiefe, sagen die anderen auch kulturellen und intellektuellen Eliten den Kampf an und bezichtigen sie, den zumeist linksideologischen Mainstream zu zementieren. Ein zentraler Widerspruch wird dabei nicht erkannt: Es sind zumeist selbst Eliten, die diese Formen elitärer Absonderung kritisieren.
Da überrascht es nicht, dass die anti-elitäre Rhetorik rechtspopulistischer Parteien bei genauerer Betrachtung keine Substanz hat. So stellt eine breit angelegte Untersuchung aus der Zeitschrift „Perspectives on Politics“ Erklärungsansätze infrage, die die Kritik rechtspopulistischer Regierungen vor allem „auf populistischen Anti-Elitismus oder einen allgemeinen Widerstand gegen supranationale Autorität zurückführen“. Entscheidend sei vielmehr die ideologische Ablehnung wesentlicher Werte der internationalen liberalen Ordnung.
Zu diesem Ergebnis kommen die Autoren Anna Wojciuk, Maciej A. Górecki und Maciej Kisilowski, die in einer Expertenbefragung „die Zustimmung rechtspopulistischer Regierungen zu einzelnen internationalen Organisationen in 13 Ländern“ gemessen haben. Am geringsten sei die Zustimmung für Organisationen, die sich für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit einsetzen, am höchsten für Sicherheitsorganisationen. Die empirischen Daten sprechen aus Sicht der Forscher gegen die verbreitete Einschätzung, es handle sich bei den Wahlerfolgen von Rechtspopulisten lediglich um einen vorübergehenden Protest gegen Eliten.
George Packer entdeckt im „Atlantic“ derweil die positiven Seiten populistischer Bewegungen und wagt sogar zu fragen, ob sie dabei helfen könnten, die amerikanische Demokratie zu retten. Anlass für diesen ungewöhnlichen Aufschlag ist eine regelrechte Bürger-Rebellion gegen ein geplantes riesiges KI-Datencenter in der Stadt Clinton im US-amerikanischen Bundesstaat Iowa. Viele Menschen hätten dort Sorge, die KI könne massenhaft Arbeitsplätze vernichten, berichtet Packer.
Der Autor sieht in dem Protest, der die unterschiedlichen politischen Lager vereine, mehr als den bloßen Kampf um Ressourcen, Umweltschutz und Verteilungsfragen. Die Bewohner fühlten sich vielmehr „getäuscht, ignoriert, missachtet, verraten“ – weil sie kein Mitspracherecht hatten. Auch hier regt sich also ein demokratischer Reflex gegen die Elite – in diesem Fall von Tech-Giganten, deren Macht immer größer wird.
Ungeklärt bleibt dennoch die Frage, wie eine Demokratie ohne Eliten, die hier von allen Seiten unter Beschuss steht, funktionieren soll. Egalitarismus kann sich keiner wünschen, der am wirtschaftlichen, kulturellen, sportlichen und wissenschaftlichen Erfolg eines Landes interessiert ist. Und eine Regierung ohne Macht der gewählten politischen Elite gibt es nicht. Die Kunst besteht also darin, die Elite nicht als Gegensatz zur Demokratie zu verstehen, sondern als eine ihrer Voraussetzungen.
Politikredakteurin Hannah Bethke ist bei WELT zuständig für die SPD und schreibt über innenpolitische Debatten.
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