„Ich schlafe nicht mehr“, sagt Selenskyj und spricht über den „schlimmsten Tag seines Lebens“
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einem Podcast-Interview Einblicke in sein Gefühlsleben gegeben. Im Format „The Diary of a CEO“ (kurz: „DOAC“) des britischen Unternehmers Steven Bartlett sprach er knapp zwei Stunden über die Anfänge des Ukraine-Kriegs, die derzeitigen Spannungen mit den USA sowie seine persönliche Situation.
„Es ist schwer“, sagte Selenskyj auf die Einstiegsfrage nach seinem Befinden und schilderte den permanenten Überlebenskampf. Er beschrieb sich als unzertrennlichen Teil seines Heimatlandes und seiner Familie – und dass er an einen guten Ausgang glaube. „Man kann nicht ohne Hoffnung leben“, sagte der ukrainische Präsident.
Zwar versuchte Selenskyj, das Gespräch in Richtung der Schicksale der vielen getöteten ukrainischen Familien zu lenken. „Mein Schmerz sind nicht einmal 10 Prozent von dem der Eltern (die ein Kind verloren haben)“, so der ukrainische Präsident. Es gäbe Kinder, die bisher kein Leben im Friedenszustand erlebt hätten. „Es ist schrecklich.“
Doch dann erzählte er auf weitere Nachfrage doch von seiner persönlichen Verfassung im permanenten Ausnahmezustand. „Ich will ehrlich sein, ich schlafe nicht“, sagte er. Jede Nacht spreche er mit der ukrainischen Flugabwehr. Diese Gespräche hielten ihn davon ab, Schlaf zu finden. Er wolle sich aber nicht beschweren, fuhr er fort, und sprach über die herausfordernden Begegnungen mit Frauen, deren Söhne an der Front getötet wurden.
Selenskyjs schlimmster Tag seines Lebens
„Ich kann die Tränen in Ihren Augen sehen, wenn Sie das beschreiben“, sagte Podcast-Moderator Bartlett nach Selenskyjs Schilderungen. „Ich bin ein Mensch. Ich schäme mich nicht für das, was ich bin. Ich bin nicht der stärkste Mensch der Welt“, sagte Selenskyj.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs bezeichnete er das Massaker von Butscha als den „schlimmsten Tag seines Lebens“. Nie zuvor habe er Leichen so „verstreut auf den Straßen“ gesehen, „abschlachtet“, „wie Hackfleisch“. Danach habe sich alles in seinem Leben verändert – und er habe „pure Rache“ gewollt an jenen, die dafür verantwortlich waren: „Du willst sie einfach töten.“
In der ukrainischen Stadt Butscha, 25 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kiew, bot sich nach dem Rückzug der russischen Armee Anfang April 2022 ein Bild des GrauensZu den Spannungen mit US-Präsident Donald Trump sagte er: „Putin verweigert ihm eine Energie-Waffenruhe. Also hat der (US-)Präsident entschieden, mir die Schuld für dieses Problem zu geben statt Putin.“ Das Volumen der Diesel-Exporte habe aber keinerlei Auswirkungen auf die Preise in den USA.
Trump hatte Selenskyj vorgeworfen, durch Angriffe auf russische Ölraffinerien die Energiekosten für US-Amerikaner hochzutreiben. Russland bombardiert seit Langem die Energieinfrastruktur in der Ukraine.
Er habe aber dennoch eine gute Beziehung zu Trump, betonte Selenskyj. „Aber ich denke, es ist falsch und inakzeptabel, dass er mir die Schuld für Russlands Aggressionen und Tötungen gibt. Er dreht den Kontext um, und das ist nicht fair.“ Auch, dass Abwehrraketen in den Nahen Osten geliefert werden statt in die Ukraine, bezeichnete er ebenfalls als „unfair“.
Selenskyj forderte, dass Trump die gleiche Rhetorik auf Putin anwenden sollte wie auf ihn. So könne „Putin sehr einfach an den Verhandlungstisch“ gebracht werden, gab er sich sicher.
„DOAC“ ist der zweitgrößte Podcast weltweit auf YouTube und verzeichnet derzeit knapp 20 Millionen Abonnenten. Das Interview mit Selenskyj wurde auf Ukrainisch geführt und im Anschluss mit künstlicher Intelligenz auf Englisch übersetzt.
Bartletts Format ähnelt dem des US-Talkers Joe Rogan (21,2 Millionen Abonnenten), dessen Interviews sogar ein Effekt auf den Ausgang der US-Wahlen im Jahre 2024 nachgesagt wurde. Zu den reichweitenstärksten Folgen von „DOAC“ gehören Gespräche mit KI-Unternehmern, Coaches und Influencern, darunter etwa der kanadische Psychologe Jordan Peterson.
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