Ladenmitarbeiter stellt sich Vermummten in den Weg – und wird in den Rücken getreten
Jean-Christophe Baltayan steht vor den Trümmern seines Geschäfts. Der Schuhmacher aus Lyon kehrt die Scherben der Scheiben zusammen, im Hintergrund sieht man geplünderte Regale. Die Szene, ausgestrahlt vom französischen Sender France 3 zeigt das Ausmaß der Gewaltexzesse, die Hunderte Ladenbesitzer in Frankreich am Wochenende erleben mussten. Baltayans Geschäft wurde völlig zerstört, die Ware geplündert.
Die Wut kann er kaum verbergen. Bei France 3 erinnert er sich an den Moment vor dem Überfall. Am Nachmittag habe ihn ein Jugendlicher, etwa 15 Jahre alt, bedroht: „Wart’s ab, wir kommen wieder“, soll er gesagt haben. Am Abend sei die Drohung wahr geworden. Gegen 23 Uhr seien die Täter in seinen Laden eingedrungen – nicht etwa, um zu stehlen, sondern um zu zerstören. „Sie sind nur gekommen, um alles zu zertrümmern“, sagt Baltayan gegenüber dem Sender. Dann beschreibt er, was für ihn auf dem Spiel steht: „Mein Geschäft ist keine Kette. Ich arbeite jeden Tag, auch am Wochenende.“ Dass er während der Ausschreitungen keinen einzigen Polizisten gesehen habe, mache ihn besonders wütend.
Ein weiterer Händler fordert gegenüber France 3 sogar den Einsatz der Armee: Sein Laden sei vollständig ausgeräumt worden, doch niemand sei zu Hilfe gekommen.
Ein Sicherheitsbeamter steht in einem geplünderten Geschäft in ParisDie Gewaltexzesse haben eine neue Schockwelle durch Frankreich gesandt. Im ganzen Land war es am Wochenende und insbesondere am Samstag zu massiven Ausschreitungen gekommen. Geschäfte wurden geplündert, Gebäude und Fahrzeuge gingen in Flammen auf, Demonstranten lieferten sich erbitterte Straßenschlachten mit der Polizei. Über 2000 Menschen wurden festgenommen, fast 100 Polizisten verletzt.
„Ich weiß nicht, wie ich klarkommen oder mit meiner Familie leben soll“
Inhaber kleiner Betriebe stehen teilweise vor ihrem Ruin. Ein Ladenbesitzer nahe der Pariser Place de la République habe seine gesamten Ersparnisse in das Geschäft gesteckt, erzählt dieser dem Portal „Brut“. Nun habe er das Gefühl, alles verloren zu haben. „Ich weiß nicht, wie ich klarkommen oder mit meiner Familie leben soll“, sagte er. Ein Nachbar organisiert derweil eine Spendenaktion.
Doch nicht nur die wirtschaftlichen Folgen setzen den Händlern zu. Viele berichten auch von der Brutalität der Angreifer. Sie seien mit Hämmern auf einen Friseursalon losgegangen, „die größer waren als mein Kopf“, sagt die Frau eines Friseurs gegenüber der Zeitung „Le Monde“.
Die Randalierer machten nicht vor der bloßen Zerstörung Halt. Sie gingen auch brutal auf diejenigen los, die sich ihnen in den Weg stellten. Besonders hart traf es Pierre, einen Mitarbeiter des Videospiele-Geschäfts Micromania in Nizza. Im Gespräch mit dem Sender „Ici“ erzählt er, dass er versucht habe, die Eindringlinge aufzuhalten. „Irgendwann bin ich einfach dazwischengegangen, um die Leute am Hereinkommen zu hindern, mehr nicht“, sagt er. Schließlich sei er angegriffen worden.
In sozialen Medien gingen Videos der Szene viral. Sie zeigen, wie ein vermummter Angreifer zum Sprung ausholte und Pierre von hinten mit dem Fuß in den Rücken trat – derart stark, dass Pierre mehrere Meter weit geschleudert wurde. „Ich kann das Geschehene noch nicht richtig begreifen“, sagt Pierre gegenüber dem Sender und erzählt, dass er zudem im Gesicht von Wurfgeschossen getroffen wurde. Rückblickend räumt er ein: „Ich glaube, ich hätte es gar nicht erst tun sollen. Es war dumm. Aber in dem Moment habe ich es eben getan.“ In den sozialen Medien wird Pierre inzwischen gefeiert. „Dieser Mann ist mein neuer Held“, schreibt ein Nutzer. Andere verbreiten Bilder, die ihn in der Pose eines Superhelden zeigen.
Mehrere Hundert Millionen Euro Schaden
Die Schäden gehen weit über Einzelfälle hinaus. Alexandre Bompard, Vorsitzender des französischen Handelsverbands, bezifferte gegenüber Medien die Zahl der landesweit in der Nacht auf Sonntag angegriffenen Geschäfte auf rund 1500. Der Schaden belaufe sich auf mehrere hundert Millionen Euro. Der Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire kündigte laut Euronews eine Taskforce an, die Schäden erfassen und Geschäftsinhaber bei Versicherungs- und Verwaltungsfragen unterstützen soll.
Für viele Händler sind die Folgen der Ausschreitungen noch längst nicht absehbar. Denn während sie um ihre wirtschaftliche Existenz bangen, droht bereits die nächste Eskalation: Für Anfang November sind neue Proteste angekündigt.
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