Zwei Zähne und elf Kilo verloren – Maduros Frau will aus dem Gefängnis
Cilia Flores geht es nicht gut. Die gestürzte First Lady Venezuelas sitzt seit Monaten in einem Bundesgefängnis im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Sie hat zwei Zähne verloren, rund elf Kilogramm abgenommen. Und auch ihre Herzerkrankung habe sich verschlimmert, sagen ihre Anwälte. Nun wollen die Verteidiger erreichen, dass die 69-Jährige das Gefängnis verlassen darf.
Flores wartet gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem gestürzten Präsidenten Nicolás Maduro, auf ihren Prozess. Die US-Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, Teil eines Drogenkartells zu sein, das die USA mit Kokain überschwemmen wolle. Ihre Anwälte beantragen, sie unter Hausarrest zu stellen. Dort soll sie sich einem von den Gefängnisärzten empfohlenen Eingriff unterziehen und anschließend erholen können.
Die Staatsanwaltschaft bestreitet nicht, dass Flores gesundheitliche Probleme hat. Sie hält ihr allerdings entgegen, empfohlene diagnostische Untersuchungen abgelehnt zu haben, solange sie nicht aus der Haft entlassen werde. Flores habe damit „faktisch selbst eine medizinische Notlage geschaffen, auf die sie sich nun beruft, um ihre Freilassung zu erreichen“.
Der 92-jährige US-Bundesrichter Alvin Hellerstein, der das Verfahren gegen Maduro und Flores leitet, hat für Donnerstag eine Anhörung angesetzt. Dann soll über Flores’ Antrag entschieden werden. Sollte sie das Gefängnis tatsächlich verlassen dürfen, hätten die Bundesbehörden nicht mehr unmittelbar die Kontrolle über jeden Aspekt ihres Alltags.
Flores’ Ärzte empfehlen eine Herzkatheteruntersuchung. Mit der medizinischen Versorgung im Gefängnis sei Flores grundsätzlich zufrieden, sagte eine Person, die mit ihr gesprochen hat, WELT. Doch die 69-Jährige fürchte sich davor, den Eingriff vornehmen zu lassen – und anschließend aus der Narkose aufzuwachen, möglicherweise mit Handschellen an ein Bett gefesselt oder umgeben von Dutzenden anderen Gefangenen.
„Sie hat große Angst davor, aufzuwachen und sich dann in einer Situation wiederzufinden, über die sie kaum Kontrolle hat – und dass dann etwas passiert“, sagte die Person.
Nicolás Maduro und Cilia Flores kamen am 5. Januar per Hubschrauber in New York anFlores’ Anwälte schlagen deshalb vor, sie in einem privaten Wohnhaus unterzubringen. Wo genau, geht aus den öffentlich zugänglichen Gerichtsunterlagen nicht hervor. Bewaffnete Sicherheitskräfte sollen sie dort rund um die Uhr überwachen.
Organisiert würde die Bewachung von einem Unternehmen unter Leitung von Louis Milione. Er war früher Spezialagent für Anti-Narkoterrorismus-Einsätze und später die Nummer zwei der US-Drogenbehörde DEA.
Die Staatsanwaltschaft hält von diesem Modell wenig. Flores versuche, „ihren Wohlstand zu nutzen, um eine Sonderbehandlung zu erhalten“, argumentieren die Ankläger. In anderen prominenten Strafverfahren hätten Richter vergleichbare Modelle abgelehnt – unter anderem bei Sean „Diddy“ Combs, Ghislaine Maxwell und Jeffrey Epstein.
Vom Machtzentrum in den Gefängnisalltag
Noch bis zum 3. Januar sah Flores’ Leben völlig anders aus. Als Ehefrau Maduros und frühere Vorsitzende des venezolanischen Parlaments gehörte sie zur Machtelite des Landes.
Dann stürmten US-Spezialkräfte das schwer gesicherte Anwesen in Caracas, in dem sich Maduro und Flores aufhielten, und nahmen das Paar fest. Anschließend wurden beide nach New York gebracht, wo sie sich vor einem Bundesgericht verantworten müssen.
Einer der zentralen Anklagepunkte lautet auf Verschwörung zum Drogenterrorismus. Maduro soll demnach am Drogengeschäft mit von den USA als Terrororganisationen eingestuften Gruppen beteiligt gewesen sein, darunter die kolumbianische FARC und das mexikanische Sinaloa-Kartell.
Seitdem sitzen Maduro und Flores in einem Bundesgefängnis in Brooklyn, gelegen zwischen einem Pier und einem Friedhof in einem bislang kaum gentrifizierten Teil des Stadtbezirks.
Flores war dort nach ihrer Ankunft zunächst sechs Wochen lang allein in einer Zelle untergebracht, berichtet die Person, die mit ihr gesprochen hat. Danach kam sie in den allgemeinen Frauenbereich. Dort leben nach Angaben eines Gefängnissprechers derzeit rund 35 Insassinnen.
So sah der Gerichtszeichner Cilia Flores MaduroEin Teil ähnelt einem Schlafsaal: Die Betten stehen in Reihen in einem großen Raum. Daneben gibt es einen Gemeinschaftsbereich, in dem sich die Frauen aufhalten können. „Für Gefängnisverhältnisse ist es nicht unangenehm“, sagt die Person, die mit Flores gesprochen hat.
Männliche und weibliche Gefangene werden vollständig voneinander getrennt. Flores und Maduro können sich deshalb im Gefängnis nicht sehen. Hinzu komme, dass es unter den Insassen gelegentlich zu Auseinandersetzungen komme, die angesichts ihres Gesundheitszustands ein zusätzliches Risiko für Flores darstellten, argumentieren ihre Anwälte.
Der Streit über ihre Gesundheit ist dabei nur einer von mehreren Nebenschauplätzen eines Strafverfahrens, das nun noch erheblich brisanter werden könnte. Wie mehrere US-Medien am Mittwoch berichteten, bereiten Bundesstaatsanwälte neue Anklagepunkte gegen Maduro und Flores wegen der mutmaßlichen Folter von US-Bürgern in venezolanischen Gefängnissen vor. Den Berichten zufolge geht es um mehr als ein Dutzend Amerikaner, die während Maduros Herrschaft von der venezolanischen Regierung festgehalten wurden.
Auch weitere Personen könnten im Zusammenhang mit den mutmaßlichen Misshandlungen angeklagt werden. Die zusätzlichen Vorwürfe könnten bereits am Donnerstag offiziell bekannt gegeben werden. Maduros Anwalt Barry Pollack erklärte, bislang nicht über bevorstehende neue Anklagepunkte informiert worden zu sein.
Damit könnte sich das ohnehin komplexe Verfahren gegen das frühere venezolanische Führungspaar noch einmal erheblich ausweiten.
Ein Geschworenenprozess steht dennoch nicht unmittelbar bevor. Ein Termin ist bislang lediglich vorläufig für Juni 2027 angesetzt. Schon die Auseinandersetzung über die bisherigen Anklagepunkte dürfte sich noch lange hinziehen.
Maduro und Flores werden unter anderem Verschwörung zum Drogenterrorismus und zum Import von Kokain vorgeworfen; hinzu kommen Waffenvorwürfe. Beide haben auf nicht schuldig plädiert. Ihre Anwälte haben inzwischen eine Reihe grundsätzlicher juristischer Angriffe auf das Verfahren gestartet.
Im September beantragten die Verteidiger, die bisherigen Anklagen wegen der Immunität des Paares abzuweisen. Maduro sei weiterhin das rechtmäßige Staatsoberhaupt Venezuelas, argumentieren sie. Flores bekleide ihrerseits weiterhin offizielle Funktionen als First Lady und in der Führung des venezolanischen Parlaments.
Maduro zieht Vergleich zu Donald Trump
Der 60 Seiten umfassende Schriftsatz der Verteidiger beruft sich unter anderem auf eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA aus dem Jahr 2024. Darin hatte das Gericht Donald Trump weitreichende strafrechtliche Immunität für Amtshandlungen als Präsident zugesprochen.
Die Verteidiger von Maduro und Flores argumentieren nun, auch die ihnen von der US-Staatsanwaltschaft vorgeworfenen Handlungen könnten als „Amtshandlungen“ im Rahmen ihrer staatlichen Funktionen gelten.
Bemerkenswert ist dabei: Seit Maduros Festnahme hat Venezuela in einem US-Gerichtsverfahren für Delcy Rodríguez Immunität als Staatsoberhaupt geltend gemacht – nicht aber für Maduro.
Ein Bild von der Verhaftung MadurosUnd dann ist da noch eine grundsätzlichere Frage: Warum darf dieses Verfahren überhaupt in den Vereinigten Staaten geführt werden?
Auch hier setzen Maduros Anwälte an. Einer der zentralen Anklagepunkte lautet auf Verschwörung zum Drogenterrorismus. Maduro soll demnach am Drogengeschäft mit von den USA als Terrororganisationen eingestuften Gruppen beteiligt gewesen sein, darunter die FARC und das Sinaloa-Kartell.
Seine Verteidiger argumentieren jedoch, die ihm vorgeworfenen Handlungen lägen außerhalb der Reichweite der amerikanischen Strafjustiz und könnten deshalb nicht vor einem US-Gericht verfolgt werden. Mit einer Entscheidung Hellersteins über diese grundlegenden Anträge wird erst im kommenden Jahr gerechnet.
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