Vor einem Jahr war Andy Burnham Bürgermeister von Greater Manchester – und ein erklärter Kritiker der Amtsführung des damaligen Premierministers Keir Starmer. Ein Jahr später sieht die Lage anders aus. Als Burnham beim Labour-Parteitag in Liverpool die Bühne für seine „Krönungsrede“ betritt, ist die Stimmung ausgelassen.

Unter Bannern, die „Hope again“ versprechen – ein Slogan, der, wie ein Abgeordneter anmerkt, „nach einer Rede zur zweiten Hochzeit klingt“ –, hat Burnham einer Mitte-links-Partei die Zuversicht zurückgegeben, die seit dem Wahlsieg von 2024 in Selbstzweifel und öffentlicher Ernüchterung versunken war.

In einem Gespräch mit „Politico“ tags zuvor sprach Wes Streeting, der neue Verteidigungsminister und im Mai der erste ranghohe Politiker, der Starmers Rücktritt gefordert hatte, von „diesem Wandel, den man hier überall spüren kann – und wir alle wissen, dass Andy dafür verantwortlich ist“.

Andy Burnham und seine Frau Marie-France van Heel bei ihrer Ankunft in Liverpool

Nicht nur Parteitreue äußern sich in diesem Ton. Auch Burnhams persönliche Umfragewerte sind gestiegen. Unter den „Gen-Z-Wählern“, die zuletzt zu den Grünen abgewandert waren, ziehen inzwischen zwei Fünftel ihn dem Grünen-Vorsitzenden Zack Polanski vor.

Eine Umfrage von Public First ergab, dass 53 Prozent der Wähler Labour eine realistische Chance einräumen, bei der nächsten Wahl an der Macht zu bleiben – ein deutlicher Anstieg gegenüber jenem Drittel, das die Partei vor Burnhams Amtsantritt überhaupt für wiederwählbar hielt.

In den Beraterzirkeln sieht man Labour inzwischen sogar in der strategisch günstigen Lage, in der Burnham die zerstrittenen Konservativen und Nigel Farages Reform UK zugleich schlagen kann, indem er progressive Wähler von links und aus der Mitte zu einer Koalition zusammenzieht.

Begleitet von einem Social-Media-Team, das im Akkord Videos für TikTok und X produziert, äußert sich der Premier gelöst zu Themen wie seiner Lieblingschips-Marke, der Erwerbslosigkeit junger Briten und den Defiziten im Pflegesystem.

Trotz dieses „Kanzlerwechsels“ nach britischer Art sieht er keinen Anlass, vor Ablauf der regulären Legislatur 2029 wählen zu lassen: „Dann wird gewählt, und keine Sekunde früher. Diese ganze Spekulation über Neuwahlen? Die kann ich hier und jetzt begraben.“

Genau diese Sprache – direkt, nicht zu staatstragend, betont alltagsnah – dürfte sein wichtigstes Exportgut für die kriselnden Regierungschefs Europas sein. Im Oktober kommt Burnham nach Berlin, zu seiner ersten Begegnung mit Bundeskanzler Friedrich Merz, der in einer Endlosschleife aus schwacher Kommunikation und schwindender Anziehungskraft gegenüber radikaleren Herausforderern festzustecken scheint.

Ziemlich genau dort stand Labour, bevor Burnham übernahm. Bei allen Unterschieden zwischen den beiden politischen Systemen – die beiden Männer stehen für entgegengesetzte Lager, Mitte-links hier, Mitte-rechts dort – gibt es Vergleichspunkte, aus denen sich einige Lehren ableiten lassen. Aus London, und aus Manchester.

Burnham hat seine Methode als Bürgermeister von Manchester ausgearbeitet: Er verankerte seine Regionalpolitik in Dingen, die den Menschen im eigenen Alltag begegneten. Bis heute trägt er den Anstecker des Manchester Bee Network am Revers – eine Erinnerung daran, dass er das städtische Busnetz unter kommunale Kontrolle zurückholte, um die Fahrpreise zu senken, und Verkehrsinvestitionen als Hebel für die wirtschaftliche Wiederbelebung der Stadt begriff.

Sein Freund Steve Rotherham, Bürgermeister von Liverpool, formuliert es so: „Wenn Andy sagt, dass ihm etwas wichtig ist, dann versetzt er dafür die Pennines“ – jenes Mittelgebirge, das den Norden Englands prägt. „Er nimmt das Risiko in Kauf, seine Politik zu personalisieren. Und diese Unmittelbarkeit kommt bei den Wählern an.“

Auf der nationalen Ebene ist das eine erheblich anspruchsvollere Aufgabe. Großbritannien und Deutschland brauchen beide klare Wachstumsrezepte und einen bezahlbaren Sozialstaat, der nicht zu viele Menschen dauerhaft von staatlichen Zuwendungen abhängig macht. Und beide Regierungen müssen einer skeptischen, teils alarmierten Öffentlichkeit erklären, warum sich Reformen bei Rente und Sozialleistungen nicht länger vertagen lassen.

Trotz des weltweit gerühmten deutschen Sinns fürs Detail sorgt die Vorliebe der Berliner Koalition für „34-Punkte-Pläne“ beim Parteitag in Liverpool für Erheiterung. „Warum nicht 39? Oder 24?“, fragt ein Labour-Stratege grinsend.

„Simplify to cut through“, empfiehlt ein anderer – also: reduzieren, um durchzudringen – und verweist darauf, dass es offenbar keine einprägsame Formel dafür gibt, was die Koalitionsreformen erreichen sollen. „Abgesehen davon, dass man das Ganze eben ‚Reformpaket' nennt.“

„Merz ist ein methodischer Mensch“

Diese Gründlichkeit, so erläutert ein hochrangiger deutscher Regierungsvertreter, sei eine Folge der Komplexität des Koalierens – unvermeidbar. Aber auch: „Merz ist ein methodischer Mensch, der klare Ziele und Details schätzt.“ Als interne Ansage an den Regierungsapparat mag das wirkungsvoll sein – nach außen ist es keine überzeugende Botschaft.

Es ist lange her, dass die Regierung von Tony Blair (1997–2007) ihre sogenannte Pledge Card einführte – jene fünf konkreten Versprechen zu Wirtschaft, Steuern, Gesundheit, Bildung, Kriminalität und Arbeitsplätzen. Das Prinzip aber – eine überschaubare, messbare Zahl von Vorhaben, verbunden mit einem Zeitplan – bleibt eine Empfehlung, der zu folgen sich lohnt.

Der schwierigere Teil ist ein anderer: die Führungsfigur mit ihrer Politik zu verbinden. Und zwar authentisch. Wenn Burnham davon spricht, dass die Pflege in einer alternden Gesellschaft neu gedacht werden müsse – ein gewaltiges Problem der Kostenspirale, das beide Länder teilen –, erzählt er von seinem Vater, der jahrelang dement war, und davon, wie seine eigene Familie das Pflegesystem als komplex und frustrierend erlebte.

Wenn er dafür wirbt, mehr junge Menschen aus dem Sozialbezug herauszuführen – Großbritannien brauche dringend so etwas wie ein Hartz‑IV für eine neue Generation –, spricht er von jungen Leben, die sich in Sozialabhängigkeit verfangen haben, und nicht in erster Linie vom Sparen.

Seine Rede auf dem Parteitag der Labour-Party in Liverpool hielt er auf der Bühne ohne Rednerpult und präsentierte sich den begeisterten Anhängern „als der Sohn eines Mannes, der es nicht bis aufs Gymnasium schaffte, und jetzt stehe ich hier als Premierminister“.

Natürlich könnte Merz das Kommunikationsrezept Burnhams realistischerweise nicht eins zu eins übernehmen – auf der einen Seite ein Indie-Rock-liebender, typischer Mittelschichtsmoderater („centrist dad“), der ironische Videos über die Wahl seiner Reißverschlussjacken postet, und auf der anderen ein Kanzler, der wie ein Konzernchef auftritt und von vielen als arrogant und belehrend empfunden wird.

Die Lehre des „Burnham bounce“ liegt jedoch darin, dass Kommunikation nicht bloß eine Fertigkeit ist, die sich „verbessern“ ließe – wie es der CDU-Apparat in regelmäßigen Abständen ankündigt, ähnlich einem überfälligen Fitnessprogramm. Kommunikation heißt hier, dass ein Regierungschef und sein Team einen Weg finden, die Persönlichkeit an der Spitze mit der Politik zu verknüpfen, die die Bürger unter dieser Führung erleben werden.

Seine Gegner werfen der Burnham-Maschine vor, sie „laufe auf Vibes“ – Stimmungspolitik ohne Substanz. Aus Burnhams Sicht könnte man entgegnen, dass angesichts der gedrückten Stimmung ein paar „Good Vibrations“ à la Beach Boys durchaus etwas für sich hätten.

Anne McElvoy ist leitende Redakteurin bei POLITICO UK und Global Reporterin.

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