CSD-Attentäter soll Bekennervideo an totgeglaubte „IS‑Braut“ geschickt haben
Nach dem Terroranschlag auf den Berliner Christopher Street Day im Juli ist eine mutmaßliche Kontaktperson des Attentäters in Syrien festgenommen worden. Wie die britische Zeitung „Mail on Sunday“ berichtet, soll es sich dabei um die 27-jährige Britin Sharmeena Begum handeln, die 2014 als Schülerin aus London zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ausgereist war.
Deutsche Ermittler sollen zuvor festgestellt haben, dass Begum vor der Tat Nachrichten mit dem Attentäter Abdul Ballout ausgetauscht hatte.
Dem Bericht zufolge schickte Ballout ihr auch ein Video, in dem der 21-Jährige mit libanesischen Wurzeln dem „Islamischen Staat“ die Treue schwört. Dieses sollte nach dem Anschlag über IS-Kanäle verbreitet werden. Bei dem Attentat wurde eine Frau getötet, 29 weitere Menschen wurden verletzt.
Die Festnahme in Syrien ist vor allem deshalb brisant, weil es sich bei Sharmeena Begum um eine jener vier Schülerinnen aus London handelt, die 2014 durch ihre Ausreise zum „Islamischen Staat“ nach Syrien weltweit bekannt wurden. Auch WELT berichtete damals ausführlich.
Aufnahmen einer Überwachungskamera hielten damals fest, wie die Teenager – allesamt Einser-Schülerinnen – ohne das Wissen ihrer Eltern über die Türkei nach Syrien weiterreisten. Ihr Fall löste eine breite Debatte über die Radikalisierung von Jugendlichen über die sozialen Netzwerke aus, Terrorismusexperten warnten vor Nachahmung.
Der Verbleib der vier minderjährigen „IS‑Bräute“ galt bislang als ungeklärt. Mindestens zwei der Mädchen sollen in Syrien bei Kämpfen getötet worden sein – unter anderem bei Luftangriffen auf die Stadt Rakka. Auch bei Sharmeena Begum (nicht verwandt mit der – ungleich bekannteren – Shamima Begum aus derselben Gruppe, d. Red.) gingen Angehörige bislang von ihrem Tod aus. Doch nun ist klar: Sie lebt – und gehört offenbar immer noch dem Umfeld des IS an.
„Ich dachte, sie sei in Syrien getötet worden. Ich bin erleichtert, dass sie wenigstens noch lebt“, wird ihr Vater Mohammed Nizam Uddin von der „Mail on Sunday“ zitiert. „Ich wusste nicht, dass sie festgenommen worden ist. Seit Jahren hat mir niemand von der Polizei oder der Regierung irgendetwas über sie mitgeteilt.“
Das Trio der „IS-Bräute“ 2015 auf dem Weg nach Syrien über die TürkeiSchon 2015 wurde Sharmeena Begum, Tochter von Einwanderern aus Bangladesch, eine entscheidende Rolle bei der Radikalisierung ihrer Freundinnen zugeschrieben. Sie selbst soll sich nach dem Krebstod ihrer Mutter und der erneuten Heirat ihres Vaters dem extremistischen Islam zugewandt haben.
Die damals 15-Jährige soll – wie später bekannt wurde – ihre Mitschülerinnen regelrecht dazu überredet haben, gemeinsam nach Syrien zu reisen, dort einen IS-Kämpfer zu heiraten und sich den Regeln des Kalifats unterzuordnen. Nachdem Sharmeena Begum beim IS angekommen war, folgten ihr die drei Freundinnen wenige Wochen später.
Der Fall Shamima Begum wurde vor Gericht verhandelt
Als einzige Überlebende der vier „IS-Bräute“ aus London galt bislang die (bereits erwähnte) Shamima Begum. Die junge Frau avancierte zur bekanntesten westlichen Anhängerin des IS. Heute lebt sie staatenlos und verwitwet in einem Flüchtlingslager in Syrien. Eine Rückkehr nach Europa blieb ihr verwehrt, Großbritannien entzog ihr die Staatsangehörigkeit. Mehrere juristische Anläufe, diese Entscheidung aufheben zu lassen, scheiterten. Ein Gericht hatte sie zuletzt 2024 bestätigt.
Nach eigenen Angaben hat sich Shamima Begum aber inzwischen vom IS losgesagt. „Es war einfach, mich zu manipulieren“, behauptete Shamina Begum 2019, als ein Reporter der britischen „Times“ sie in einem Flüchtlingslager besuchte. Ihre Freundin Sharmeena habe sie zum Glauben gebracht, erzählte Shamima Begum weiter.
Im Internet habe sie dann mit Menschen gesprochen, die sie zur Ausreise nach Syrien ermutigten und sie „einer Gehirnwäsche“ unterzogen. Hinzu seien Medienberichte über den IS gekommen, der damals in Syrien das Kalifat ausrief. Die Berichte hätten sie in ihrem Glauben bestärkt, sie erwarte ein stabiles Leben, eine „sichere Option“. Das Kalifat sei nun jedoch „vorbei“.
Im Gegensatz dazu blieb Sharmeena Begum in Syrien in einem Versteck. 2019 soll sie nach schweren Kämpfen um die IS-Bastion Baghuz in ein kurdisches Internierungslager für IS-Mitglieder gekommen sein. Ihr Ehemann – ein Bosnier – soll bei den Kämpfen getötet worden sein. Laut BBC-Recherchen konnte sie jedoch 2022 aus dem Lager fliehen und soll seitdem unter falscher Identität im Untergrund gelebt haben. Welche konkrete Rolle sie im Umfeld des IS spielt und ob sie weitere junge Menschen für den IS anwarb, ist unklar.
Ein letztes Lebenszeichen gab es schließlich von ihr im Jahr 2023. Damals gelang es Reportern der BBC, Kontakt aufzunehmen. Für die Pläne ihrer ehemals besten Freundin Shamina, die zurück nach Großbritannien wollte, hatte sie wenig übrig: „Sie ist nur eine weitere Person, die von Sozialleistungen lebt“, sagte Sharmeena und verspottete sie als „Ungläubige“, die das Ansehen der zum IS ausgereisten Frauen beschädigt habe.
Der „Telegraph“ berichtete damals, dass sie Sharmeena Begum als Fundraiserin für das Kalifat arbeitete und mithilfe von Postings in den sozialen Medien Tausende Dollar Spenden eingesammelt habe – unter anderem in Kryptowährung. Sharmeena bestritt das allerdings und erklärte, sie versorge lediglich „arme Frauen und Kinder“ mit Nahrung und Kleidung.
Auch habe sie ihre Freundinnen nicht angestiftet, ihr zu folgen. „Ich habe sie nicht gezwungen und keine Propaganda verschickt. Ich habe ihnen einfach gesagt, was ich tun wollte“, wurde sie vom „Telegraph“ zitiert. „Ich bin für niemanden verantwortlich. Ich war genauso schockiert wie der Rest der Welt, als sie kamen.“
Danach verlor sich die Spur von Sharmeena Begum. Im Dezember 2024 kam es schließlich zum Umsturz in Syrien. Die Übergangsregierung unter Ahmed al-Scharaa ging dabei auch militärisch gegen den Islamischen Staat vor. Offenbar hielt sie aber die ganze Zeit über online Kontakt zu Islamisten in Europa und Nordamerika, darunter auch zu Ballout.
Nun droht der IS-Aktivistin sogar die Todesstrafe
Nun droht Sharmeena Begum in Syrien jedoch ein Gerichtsverfahren und aufgrund der Terrorismusvorwürfe sogar die Todesstrafe. Eine Auslieferung nach Deutschland könnte ihre einzige realistische Chance sein, einer Hinrichtung zu entgehen. Voraussetzung wäre allerdings, dass deutsche Ermittler im Zusammenhang mit dem Berliner CSD-Anschlag Anklage gegen sie erheben und ihre Überstellung nach Deutschland beantragen. Bislang gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass gegen Begum bereits entsprechende Vorwürfe erhoben wurden.
Auch Großbritannien dürfte ihr nicht helfen können. Wie Shamima Begum wurde Sharmeena Begum die britische Staatsbürgerschaft bereits vor Jahren entzogen. Die britische Regierung sieht sich daher nicht verpflichtet, sich für ihre Rückkehr einzusetzen. IS-Frauen aus Deutschland durften dagegen zurückkehren. Einige von ihnen standen jedoch wegen ihrer IS-Anhängerschaft vor Gericht.
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