Deutschland zementiert seine Abhängigkeit von den USA
Man dürfe ruhig Tränen in den Augen haben, sagte der Präsident der Luftfahrtsparte des Rüstungsunternehmens Lockheed Martin, OJ Sanchez, bevor im großen Hangar auf dem riesigen Gelände der Firma die Nebelmaschinen angingen. Unter basslastiger musikalischer Begleitung erstrahlte der erste für Deutschland produzierte Kampfjet vom Typ F-35 in schwarz-rot-goldenem Licht. Verteidigungsminister Boris Pistorius reiste am Freitag ins texanische Fort Worth, um das Flugzeug persönlich in Empfang zu nehmen. „Danke für die Gänsehaut“, sagte der SPD-Politiker gleich zu Beginn seiner Rede.
Weniger als vier Jahre, nachdem seine Vorgängerin Christine Lambrecht im Dezember 2022 die erste Absichtserklärung unterschrieb, richteten Lockheed Martin und die Bundeswehr eine feierliche Übergabezeremonie für das erste von insgesamt 35 Flugzeugen aus. Pistorius nannte den Moment einen „Ausweis der Macht der transatlantischen Partnerschaft“. Deutschland und die USA rücken in Rüstungsfragen näher aneinander – trotz aller Risiken. Das war die Botschaft hinter seiner mehrtägigen Reise durch die USA, die in Fort Worth am Freitag ihren Höhepunkt fand.
An F-35A Lightning II on display after an event celebrating its delivery to Germany in Fort Worth, Texas, US, September 18, 2026. REUTERS/Shelby Tauber TPX IMAGES OF THE DAYDeutschland hatte die F‑35 unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges bestellt. Es war eines der ersten Projekte, das aus dem neuen Sondervermögen von 100 Milliarden Euro finanziert wurde. Der Jet soll die Tornados ersetzen und damit die sogenannte nukleare Teilhabe Deutschlands sichern. Seit 1958 ist die Bundeswehr befugt, im Ernstfall die im rheinland-pfälzischen Büchel stationierten Atomsprengköpfe der USA im Auftrag Washingtons einzusetzen.
Die dafür derzeit benutzten Tornados, ein in den 1970er Jahren entwickeltes Kampfflugzeug, müssen allerdings Ende des Jahrzehnts aufgrund von Altersschwäche ausgemustert werden. Die F‑35 sollen ihnen nachfolgen. Das am Freitag übergebene Flugzeug und die in den kommenden Monaten vom Band laufenden Exemplare werden nun zunächst nach Arkansas verlegt, wo am 10. Dezember das Training der Bundeswehrpiloten beginnen wird. Ende 2027 sollen die ersten Jets dann in Büchel einsatzbereit sein.
Erweiterung der Fähigkeiten der Bundeswehr
Das F-35 sichert aber nicht nur in Zukunft die nukleare Teilhabe Deutschlands. Sie „wird unsere Fähigkeit, unser Land zu verteidigen, erweitern“, sagte Pistorius. Der Jet gilt als das modernste Kampfflugzeug auf dem Markt. Die Tarnkappentechnologie ist so gut, dass die F-35 unbemerkt von feindlichem Radar in den gegnerischen Luftraum eindringen kann und dort Luftabwehranlagen zerstören und damit Lufthoheit herstellen kann. „Wir demonstrieren unsere Entschlossenheit gegen Aggression“, so Pistorius. Gemeint war Russland. Putin rüste auf, so der Minister, und Deutschland habe den Weckruf gehört.
Oberst Thomas Kullrich ist der Beauftragte der Luftwaffe für die F‑35‑Flotte. Die Freude über das neue Flugzeug steht ihm ins Gesicht geschrieben. Als besonders fortschrittlich gelten die sogenannte Datenfusion der Maschine und die modernen Sensoren. „Dem Piloten in der F‑35 wird ein besseres Lagebild angezeigt, wodurch er einen besseren Überblick über die taktische Situation haben wird“, sagte er WELT.
Die Anschaffung der F-35 ist auch rüstungspolitisch ein signifikanter Schritt für Deutschland. Erst im Juni stieg Bundeskanzler Friedrich Merz aus dem gemeinsamen Rüstungsprojekt mit Frankreich und Spanien zur Entwicklung eines europäischen Tarnkappenjets aus. Das Projekt unter dem Akronym FCAS (Future Combat Air System) scheiterte unter anderem am Streit zwischen den beteiligten Unternehmen Airbus und dem französischen Konzern Dassault um die Frage, wer die Führung beim Bau des Flugzeugs übernimmt. Schon bei der Verkündung des F-35-Deals der Bundesregierung mit den USA, wurde in Europa die Sorge laut, Berlin habe damit weniger Interesse an der Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Kampfjets. Als Merz dann das Aus von FCAS verkündete, sahen sich viele in dieser Sorge bestätigt und werteten es als Rückschlag für das Ziel größerer europäischer Autonomie in der Rüstungspolitik.
Während andere Länder auf mehr Produktion in Europa drängen – und damit auf Unabhängigkeit von den USA –, geht Deutschland einen anderen Weg. Nicht nur die Beschaffung der F‑35 ist ein Ausweis dessen. Berlin setzt gleichzeitig auf amerikanische Tomahawk-Marschflugkörper und Typhon-Startsysteme, um eine eigene konventionelle Langstreckenfähigkeit aufzubauen. Es bleibt auf Patriot-Luftverteidigung angewiesen. Erst diese Woche hat Pistorius in Washington zudem eine weitere Vereinbarung zur vertieften rüstungsindustriellen Zusammenarbeit mit den USA unterzeichnet.
Bei der US-Regierung kommt das gut an. Deutschland sei ein „Muster-Verbündeter“, sagte Daniel Zimmermann in Fort Worth. Er ist Assistant Secretary in Pete Hegseths Kriegsministerium.
Für Deutschland stellt sich nun die Frage, ob es gänzlich auf ein europäisch entwickeltes, zukunftsfähiges Kampfflugzeug verzichtet und nur noch auf die F‑35 setzt. Noch im Juni erklärte Pistorius, die Bundesregierung prüfe verschiedene Optionen: zusätzliche F-35 als „Brückenlösung“ nach dem FCAS-Aus, den Einstieg in ein bestehendes internationales Programm der sechsten Generation oder eine nationale Entwicklung unter Führung von Airbus.
Der Inspekteur der Luftwaffe, Holger Neumann, hat eine klare Präferenz. „Wir haben in der Luftwaffe Pläne, mehr F-35 zu beschaffen“, sagte er WELT. Pistorius kündigte an, darüber eine Entscheidung in den nächsten Monaten zu fällen.
Risiken will er dabei nicht sehen. Nachdem Donald Trump im Frühjahr vergangenen Jahres kurzzeitig das Teilen von Geheimdienstinformationen mit der Ukraine ausgesetzt hatte, brach in Europa eine Debatte über die Zuverlässigkeit der USA als Verbündete los. Der frühere deutsche Top-Diplomat und Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, brachte sogar in die Debatte ein, die F-35-Beschaffung zu canceln. „Wenn wir befürchten müssen, dass die USA mit zukünftigen deutschen F-35 dasselbe machen könnten wie derzeit mit der Ukraine, sollten wir vielleicht in Erwägung ziehen, den Deal abzublasen“, schrieb er auf X.
Fragt man deutsche Regierungsbeamte nach einem möglichen „Kill switch“, also der Möglichkeit der USA, die F-35 aus der Ferne per Knopfdruck für die Bundeswehr unbrauchbar zu machen, wird das als lächerlich abgetan. Bislang gibt es keine Hinweise, dass eine solche Technologie existiert.
Das Risiko, das bleibt
Was allerdings als Risiko gesehen wird, ist die Abhängigkeit von den USA in Softwarefragen. In internen Vermerken zum Vertragswerk des Deals spricht die deutsche Seite vom „Risiko, dass nationale Wartung und Instandhaltung von Krypto-Geräten dem schriftlichen Zustimmungsvorbehalt der National Security Agency (NSA) unterliegen“, zitierte der „Stern“ in einem Bericht vergangenes Jahr aus dem Dokument.
In Fort Worth bemühte man sich um Beschwichtigung. „Ich vertraue der amerikanischen Regierung“, sagte Pistorius. Generalinspekteur Neumann sieht ebenfalls keine Probleme: „Abhängigkeit ist normal in einer Allianz“, sagte er WELT. „Wir müssen uns aufeinander verlassen können, deswegen habe ich überhaupt keine Sorge bei dieser Kooperation“, so der Drei-Sterne-General.
Gregor Schwung berichtet für WELT seit Juli 2026 als US-Korrespondent aus Washington, D.C. Zuvor war er außenpolitischer Korrespondent in Berlin.
Rixa Fürsen ist Head of Podcast bei „Politico“ Deutschland.
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