Schweden warnt vor russischer Einflussnahme auf Wahlen in Deutschland
Schwedens oberster Verantwortlicher für die Abwehr von Desinformation schlägt Alarm: Russland versucht nach Einschätzung von Magnus Hjort, Generaldirektor der schwedischen Behörde für psychologische Verteidigung, Einfluss auf Wahlen in Deutschland und Frankreich zu nehmen.
In einem Interview mit „Politico“, das wie WELT zum Axel Springer Global Reporters Network gehört, sagte Hjort, Wahlen seien eine „Gelegenheit“ für Wladimir Putins Propagandaapparat, europäische Gesellschaften zu polarisieren und zu spalten. Hauptziel des Kremls sei, die Wähler daran zweifeln zu lassen, ob ihre Regierungen weiterhin Geld und Waffen an Kiew schicken sollten. Dazu würden Falschmeldungen über ukrainische Korruption und andere angebliche Missstände verbreitet, fügte er hinzu.
Hjort und sein Team gehen allerdings nicht davon aus, dass Moskau die Parlamentswahl in Schweden am Sonntag ins Visier nimmt. Ein Grund dafür sei, dass das Land die Unterstützung der Ukraine weitgehend geschlossen befürworte. Stattdessen nehme Russland mit Deutschland und Frankreich mächtigere Länder mit bevorstehenden Wahlen ins Visier. Dazu gehörten Landtags- und Kommunalwahlen in Deutschland sowie der französische Präsidentschaftswahlkampf.
„Unsere Einschätzung ist, dass Russland andere Wahlen, andere Länder, größere Länder in Europa priorisiert“, sagte Hjort. „In Deutschland stehen Wahlen auf regionaler und kommunaler Ebene an“, fügte er hinzu. „Und im kommenden Jahr finden Präsidentschaftswahlen in Frankreich statt.“
In Deutschland wachsen die Sorgen über die hybride Kriegsführung des Kremls. Dazu zählen ein Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig sowie gefälschte Beiträge und Videos in sozialen Medien, in denen Wahlkandidaten fälschlicherweise Korruption, Sexualdelikte oder gar Mord vorgeworfen werden. Die Beiträge tragen auch die geklauten Logos bekannter Medienmarken wie „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ oder „Spiegel“. Dahinter sollen russische Bot-Netzwerke stehen.
Von Russland unterstützte Akteure haben Schweden bereits in den vergangenen Jahren mit Desinformations- und Einflusskampagnen ins Visier genommen, darunter auch im Vorfeld des Nato-Beitritts des Landes. Hjort sagte, er wünsche sich von den Social-Media-Plattformen deutlich mehr Einsatz bei der Zerschlagung von Netzwerken automatisierter Konten, die ausländische Desinformation sowie Einflusskampagnen verbreiten.
Auf die Frage, ob er mit den Bemühungen von Plattformen wie Meta, TikTok und X zur Bekämpfung des Problems zufrieden sei, antwortete Hjort: „Nein. Ich denke, die Plattformen sollten mehr tun, um ihre Angebote von diesen Bot-Netzwerken zu säubern. Es gibt also noch Verbesserungsbedarf.“
Hjort sagte, seine Behörde verzeichne einen „ständigen Strom“ ausländischer Manipulationsversuche und Einmischungen, aus Ländern wie Russland, aber auch China und dem Iran.
In den vergangenen Tagen habe sein Team Hinweise auf einen russlandnahen Versuch einer Desinformationskampagne entdeckt, bei dem die sogenannte Matroschka-Methode zum Einsatz gekommen sei – benannt nach der russischen Holzpuppe. Diese Technik ziele darauf ab, Faktenprüfer, Journalisten und andere Akteure abzulenken, indem ihnen E-Mails mit dem Inhalt „Schaut mal, was die Russen da tun“ geschickt würden, erklärte er.
„Die Idee dahinter ist, dass sie darauf anspringen, sich den eigentlichen Videoclip oder was auch immer ansehen und ihn dann mit einem Faktencheck veröffentlichen, in dem steht: ‚Das ist falsch‘ – und so ihre Zeit damit verschwenden, sich damit zu beschäftigen“, sagte Hjort.
Besser sei es, solchen Kampagnen gar keine Aufmerksamkeit zu schenken. „Viele dieser Dinge sollte man einfach ignorieren“, sagte er, anstatt in die russische „Falle“ zu tappen. „Sie wollen, dass man sich darauf einlässt, sie wollen, dass man wütend wird, sie wollen, dass man emotional reagiert. Sie wollen eine Reaktion provozieren und erreichen, dass man Informationen weiterverbreitet, die polarisieren. Deshalb ist es am besten, das Ganze einfach zu ignorieren.“
Wie Hjort weiter berichtet, habe seine Behörde einen staatlichen Akteur ausgemacht, der für ein Bot-Netzwerk mit 1200 Konten auf der Plattform X, ehemals Twitter, verantwortlich sein soll. Öffentlich benannt haben die Behörden das Netzwerk nicht, aber es erhielt den Spitznamen „Urlaubsnetzwerk“, weil die zugehörigen Konten zunächst scheinbar harmlose Themen wie Reisen oder Sport diskutierten.
Insgesamt veröffentlichte das Netzwerk nach Angaben der Behörde in den Jahren 2025 und 2026 rund 50.000 Beiträge und Kommentare, in denen bewusst polarisierende Positionen vertreten wurden, entweder vehement für oder gegen zentrale politische Streitfragen. „So kann man vorgehen, wenn man eine Gesellschaft polarisieren möchte“, sagte Hjort.
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