„Nachts kommen kleine Boote an, die Migranten von Ceuta auf das Festland bringen“
Sebastian Sützl wollte schon als Kind Polizist werden. Mit 18 Jahren erfüllte er sich seinen Traum und trat in den Dienst der spanischen Policia Nacional in Madrid ein – als Sohn einer Spanierin und eines Österreichers ist er in beiden Ländern aufgewachsen und spricht fließend Spanisch und Deutsch.
Sützl ist als Bereitschaftspolizist in ganz Spanien im Einsatz. Und der 33-Jährige engagiert sich seit vier Jahren bei der Polizeigewerkschaft CEP, inzwischen als Sekretär für Internationale Beziehungen. Die Gewerkschaft kritisiert den Umgang der spanischen Regierung mit illegaler Migration deutlich.
WELT: Herr Sützl, hat die spanische Regierung die Lage in Ceuta nach dem Ansturm wieder unter Kontrolle?
Sützl: Auf keinen Fall. Die Lage in Ceuta ist schrecklich. Über 70.000 Migranten sind im August über die Grenze gekommen – das sind fast so viele wie die 85.000 Einwohner. Jetzt sind noch immer zwischen 10.000 und 11.000 Migranten in Ceuta. Genaue Zahlen veröffentlicht die spanische Regierung nicht. Unser Eindruck ist: Die Regierung weiß gar nicht, wer nach Ceuta gekommen ist, wie viele Migranten geblieben sind und welche Ziele sie haben. Das macht uns Sorgen.
Sebastian Sützl, bei der Polizeigewerkschaft CEP zuständig für internaionel BeziehungenWELT: Welche Folgen hat das vor Ort? Was hören Sie von Kollegen?
Sützl: Einige Schulen bleiben auch nach dem Ende der Sommerferien geschlossen. Frauen trauen sich nachts nicht raus, Kinder können nicht in den Parks spielen. Die Kriminalität ist gestiegen. Spekuliert wird, dass sich die Delikte um den Faktor acht multipliziert haben. Genaue Zahlen gibt das Innenministerium aber nicht preis. Wir als Gewerkschaft wissen, dass 23 Vergewaltigungen in einem Monat gezählt wurden, was sehr viel mehr als gewöhnlich ist. Und die nach Ceuta entsandten Polizisten stehen enorm unter Druck, die Sicherheit aufrechtzuerhalten.
WELT: Was heißt das konkret für die Beamten?
Sützl: Sie leisten viele Überstunden und die Unterbringung ist katastrophal. In der ersten Woche organisierte das Innenministerium eine Herberge mit einer Toilette für 70 Polizisten. Kollegen haben auf Matratzen auf dem Boden geschlafen. Es ist verrückt, wie die spanische Regierung Polizisten behandelt.
Keine Unterkunft für Migranten, sondern für Bereitschaftspolizisten in CeutaWELT: Was wissen Sie über die Migranten, die jetzt noch in Ceuta ausharren?
Sützl: Die Mehrheit sind Männer. Natürlich gibt es auch Frauen und Minderjährige, um die sich der Staat kümmern muss. Aber ein Großteil der Männer kommt aus Marokko oder Subsahara-Afrika und hofft auf Asyl in Spanien. Wir wissen wenig über diese Leute, aber bei den bisherigen Kontrollen hat die Polizei bereits zehn Islamisten identifiziert, die aus Spanien abgeschoben worden waren.
WELT: Die Regierung in Madrid will viele Asylanträge direkt in Ceuta bearbeiten. Wie glaubwürdig ist das?
Sützl: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Migranten nach Europa kommen, ist hoch. Es ist trotz zusätzlicher Beamter, die die Regierung geschickt hat, unmöglich, alle Verfahren in Ceuta zu bearbeiten. Auch rein praktisch: Tausende Menschen schlafen bisher draußen, am Strand, aber bald kommt der Winter: Ceuta ist zwar in Afrika, doch auch dort wird es kalt und stürmisch. Was uns auch besorgt ist, was wir an der Küste in Südspanien erleben.
WELT: Was passiert dort?
Sützl: Menschenschmuggel. Nachts kommen kleine Boote an, die Migranten von Ceuta auf das Festland bringen. Die Straße von Gibraltar ist seit Jahren ein Hotspot der organisierten Kriminalität. Kartelle schmuggeln Drogen über diese Route nach Europa. Auch mit den Migranten versuchen sie, Geld zu verdienen. Eine Überfahrt kostet nach unseren Erkenntnissen 4000 bis 6000 Euro – pro Migrant. Man muss bedenken: Diese Überfahrt ist extrem gefährlich und kann einem das Leben kosten.
WELT: Wie geht es auf dem Festland dann weiter?
Sützl: Wer ankommt, der wird vom Roten Kreuz oder einer NGO versorgt und anschließend in ein Aufnahmezentrum für Migranten gebracht. Dort durchläuft er das normale Asylverfahren. Die Polizisten und Kommunen in Südspanien haben nicht die Mittel, um diese Überfahrten zu verhindern. Leider rüsten die Schleuser weiter auf, auch mit Waffen. Mehrfach sind Polizisten bereits verletzt worden, in den vergangenen Jahren wurden zwei Polizisten von den Schmugglern sogar getötet. Wir fordern daher seit Jahren eine bessere Ausstattung und mehr Personal in Südspanien.
WELT: Spanien ist als Land mit einer EU-Außengrenze für den Schutz des gesamten Schengenraumes verantwortlich. Wie gut macht Spanien seinen Job als Türsteher?
Sützl: Die Policia Nacional und die Guardia Civil sind in Spanien gemeinsam für den Grenzschutz verantwortlich. Die Mittel, um eine Grenze zu schützen, haben wir. Was es braucht, ist der politische Wille, eine Grenze zu schützen. Der fehlt in den Augen unserer Gewerkschaft.
Polizisten versuchen, die Lage unter Kontrolle zu halten, während Migranten in Ceuta registriert werdenWELT: Spaniens Premierminister Pedro Sánchez hat mit einem großzügigen Programm mehr als 1,1 Millionen illegal eingereisten Migranten ermöglicht, einen legalen Aufenthaltsstatus zu beantragen. Das sorgt in ganz Europa für Empörung. Was macht Ihre Regierung dort?
Sützl: Aus unserer Sicht ist das komplett unverständlich. Es ist ein Pull-Faktor für Migranten, die nach Europa wollen. Ermittler haben in WhatsApp-Gruppen gesehen, dass Schleuser mit dem Programm dafür geworben haben, nach Europa zu kommen. Ein spanischer Aufenthaltstitel erlaubt es den Migranten nicht, in ganz Europa zu arbeiten und zu wohnen. Aber er ermöglicht, innerhalb von 180 Tagen für 90 Tage durch den Schengen-Raum zu reisen und natürlich auch woanders zu bleiben.
WELT: Deutschland trägt seit 2015 die Hauptlast der Asylmigration in Europa, dazu kommen viele Flüchtlinge aus der Ukraine. Wie ist die Lage in Spanien?
Sützl: Ein Großteil der Asylbewerber in Spanien stammt aus Lateinamerika. Das liegt an der Sprache und der kulturellen Nähe. Venezolaner zum Beispiel reisen über ein Touristenvisum per Flug ein und beantragen später Asyl. Ein weiteres Thema ist die Migration aus Afrika auf die Kanaren. Trotz Abkommen der EU mit Marokko und Mauretanien zum Grenzschutz versuchen weiterhin Migranten, die EU über die gefährliche Atlantikroute zu erreichen.
WELT: Wie gut läuft die Zusammenarbeit mit anderen Polizeien, auch aus Deutschland?
Sützl: Im gemeinsamen Schengen-Raum sind Zusammenarbeit und auch Zusammenhalt extrem wichtig. Das funktioniert bereits sehr gut. Ich hatte selbst die Möglichkeit, drei Wochen in Bonn stationiert zu sein und mit den Beamten dort auf Streife zu gehen. Diesen Austausch sollten wir weiter intensivieren.
WELT: Wenn Sie eine Empfehlung in der Migrationspolitik an einen EU-Spitzenpolitiker geben könnten, was würden Sie sagen?
Sützl: Polizisten und Grenzbeamte stehen an der Frontlinie und schützen Europa. Dafür brauchen wir ein Gesetz, das sie schützt. Wir haben bereits eine Petition in das EU-Parlament eingebracht. Wir fordern erstens, dass der Polizeidienst in Europa als Hochrisikoberuf anerkannt wird. Zweitens sollte ein Angriff auf uniformierte Beamte als sogenanntes Eurodelikt anerkannt werden. Das würde einheitliche Strafen und beschleunigte Verfahren ermöglichen.
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