Ex-Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zieht zum Ende ihrer Amtszeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung eine positive Bilanz ihrer Arbeit bei den Vereinten Nationen. Zwar sei die internationale Lage von Kriegen und geopolitischen Spannungen geprägt, von einem „Zerfall der internationalen Ordnung“ wolle sie jedoch nicht sprechen, sagte Baerbock in einem Interview mit der „Zeit“. Das würde sie nur sagen, „wenn ich Pessimistin wäre, und dann eignet man sich nicht für die Diplomatie“.

Baerbock sieht weiterhin Erfolge multilateraler Zusammenarbeit, die jedoch oft unbeachtet blieben: „Ein Krieg, der dank des UN-Peacebuildings nicht ausgebrochen ist, macht keine Schlagzeile.“ Auch eine Hungersnot, die durch humanitäre Hilfe verhindert worden sei, schaffe es in der Regel nicht in die Nachrichten. Die Vereinten Nationen würden deshalb häufig nur an ihren Krisen gemessen, nicht aber an den Konflikten, die sie verhinderten.

Die 45-Jährige verteidigte zugleich ihre Bemühungen um Reformen innerhalb der Vereinten Nationen. Als Präsidentin der Generalversammlung habe sie die Aufgabe gehabt, „der Generalversammlung mit ihren 193 sehr unterschiedlichen Mitgliedsstaaten zu dienen“. Deshalb habe sie öffentliche Anhörungen der Kandidaten für die Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres organisiert. „Denn die Mitgliedstaaten haben vor einem guten Jahr gemeinsam in einer Resolution beschlossen, dass die diesjährige Wahl der Generalsekretärin transparenter und inklusiver sein soll“, sagte Baerbock. „Das gefällt offensichtlich nicht allen im Sicherheitsrat.“

Damit spielte Baerbock auf die jüngste Kritik an ihrer Amtszeit an. Die USA und Russland, die in vielen Fragen gegensätzliche Positionen vertreten, gingen auf die frühere deutsche Außenministerin los und warfen ihr vor, ihre Kompetenzen überschritten zu haben.

Trotz der Blockaden innerhalb des UN-Systems sieht die frühere Außenministerin keinen Grund, die Organisation infragezustellen. „Die einfache Antwort wäre, man muss das Veto abschaffen“, sagte sie mit Blick auf die Vetomächte im Sicherheitsrat. Dies sei derzeit jedoch kaum realistisch. Daher habe sie sich für andere Reformschritte eingesetzt. „Aber einfach den Kopf in den Sand zu stecken, ist für mich keine Option.“ Würde die Weltgemeinschaft die Vereinten Nationen aufgeben, wäre das Ergebnis „keine friedlichere Welt, sondern Anarchie. Das Recht des Stärkeren.“

Baerbock will lehren, „bei heftigem Gegenwind standhaft zu bleiben“

Ausführlich sprach Baerbock auch über die teils heftigen Reaktionen auf ihre Entscheidung, nach dem Ende ihrer politischen Karriere vorerst in New York zu bleiben und dort an der Columbia University zu lehren. In sozialen Netzwerken würden Ablehnung und Empörung besonders stark verstärkt, so ihre Einschätzung.

„In diesen durch Social Media getriebenen Zeiten hat nicht nur jeder sofort zu allem eine Meinung, Algorithmen sind auch so programmiert, dass Hass und Hetze deutlich besser klicken“, sagte sie. Das treffe Männer und Frauen gleichermaßen. „Aber die Kombi prominent, meinungsstark und feminin triggert offensichtlich manche ganz besonders – egal in welchem Bereich.“

Ihre Erfahrungen aus Politik und Diplomatie wolle sie künftig an jüngere Generationen weitergeben. Sie habe als Außenministerin, Parteivorsitzende und Präsidentin der UN-Generalversammlung gelernt, „bei heftigem Gegenwind standhaft zu bleiben und vor allem auch unter maximalem Druck Entscheidungen zu treffen“. Denn, so Baerbock: „Ziel dieser Angriffe ist nie nur eine Frau oder ein Politiker. Sondern gerade auch die gesellschaftliche Veränderung, die dahintersteht.“

Auf die Frage nach einer möglichen Rückkehr in die Politik antwortete sie: „Ich bin der Typ: ganz oder gar nicht.“ Mit dem Wechsel nach New York habe sie „ganz bewusst entschieden, erst mal ein neues Lebenskapitel aufzuschlagen. Außerhalb der Politik, als Privatperson. Aber mit der gleichen Leidenschaft, mit der ich 20 Jahre lang Politik gemacht habe.“

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