Es sei eine deutliche Warnung an die russische Führung gewesen, von einem Angriff auf ein Nato-Land Abstand zu nehmen: Auf dieser Linie wird der Überraschungsbesuch von CIA-Direktor John Ratcliffe am Dienstag in Moskau eingeordnet. Medienberichten zufolge sollen Stellen in der russischen Hauptstadt einen Angriff – eine „begrenzte Aktion“ – auf eines der baltischen Länder in Erwägung ziehen.

Dass Ratcliffes Reise – der Amerikaner flog von der lettischen Hauptstadt Riga nach Moskau – die Menschen im Baltikum ganz besonders umtreibt, ist folglich nachvollziehbar. In Litauen musste das Ereignis von der Staatsspitze eingeordnet werden.

Präsident Gitanas Nauseda bestätigte am Mittwoch öffentlich: „Wir wussten von dem Treffen.“ Weiter sagte er: „Unsere Partner haben uns mitgeteilt, dass uns Informationen zu diesem Treffen, seinen Zielen und Inhalten umgehend – voraussichtlich nächste Woche – zur Verfügung gestellt werden.“

Der am meisten beachtete Flug in dieser Woche: Eine C-17 Globemaster mit John Ratcliffe an Bord landet auf dem Flughafen Riga

In der estnischen Hauptstadt Tallinn hieß es aus Sicherheitskreisen, dass die „Gefahrenanalyse“ sich nicht grundsätzlich geändert habe. „Während der gesamten Dauer der russischen Aggression gegen die Ukraine haben sich US-Beamte regelmäßig mit russischen Vertretern getroffen, weshalb der Besuch des CIA-Direktors nicht als entscheidend angesehen werden sollte“, sagte der estnische Außenminister Margus Tsahkna.

Eine Quelle mit Zugang zu Regierungskreisen in einer baltischen Hauptstadt bestätigte WELT AM SONNTAG diese Darstellung. Und betonte: Das Zusammenziehen von Truppen vor einem Großangriff würde man sehen. Aber die Lage sei dennoch bedrohlich und man gehe von weiteren, aggressiveren Maßnahmen Russlands aus.

„Der Besuch des CIA-Chefs in Moskau mag zwar routinemäßiger Natur sein, ist aber niemals ein gewöhnlicher Besuch“, erklärte Cezary Tomczyk, Polens stellvertretender Verteidigungsminister, der WELT AM SONNTAG. „Die Vereinigten Staaten unterstützen die Ukraine und den Friedensprozess, verfügen über den besten Geheimdienst der Welt und wissen um die russischen Bedrohungen, die auch für ihre Verbündeten bestehen, darunter Polen – ich bin überzeugt, dass sie dieses Wissen gut nutzen können“, so Tomczyk weiter.

Tatsächlich spiegelt die Moskau-Reise des CIA-Direktors Warnungen der Nachrichtendienste der baltischen Länder und Polens wider. Sie sind üblicherweise sehr gut über russische Aktivitäten in ihrer Nachbarschaft, wie etwa den Aufbau militärischer Anlagen oder Truppenverlegungen, informiert. Einen besonders guten Ruf genießt der estnische Auslandsnachrichtendienst, Välisluureamet.

In diesem Jahr waren es indes hauptsächlich litauische Stellen, die öffentlich darauf hinwiesen, dass Russland seinen hybriden Krieg gegen Europa intensivieren könnte. So hieß es etwa aus dem Verteidigungsministerium, Russland bereite mögliche „Provokationen“ gegen ein baltisches Land oder Polen vor.

Zwar hatte das Ministerium in Vilnius betont, dass es derzeit keine Anzeichen dafür gebe, dass Russland einen großangelegten militärischen Angriff auf die baltischen Staaten plane. „Doch die Gefahr von Sabotageakten – Brandstiftung oder andere Angriffe auf kritische Infrastruktur auf litauischem Gebiet – ist weiterhin hoch.“

Pawel Szota, Chef des polnischen Auslandsgeheimdienstes AW, hatte schon vor einigen Wochen gesagt, dass er ein Szenario mit „kleinen grünen Männchen“ im Baltikum für möglich halte, also ein Eindringen russischer Truppen ohne Hoheitsabzeichen, wie 2014 auf der ukrainischen Halbinsel Krim.

Die gestiegene Wahrnehmung einer Bedrohung an der Nato-Ostflanke deckt sich mit der geänderten Lageeinschätzung der amerikanischen Nachrichtendienste, über die US-Medien berichten. Gingen die Amerikaner bisher davon aus, dass Russland ein Nato-Land nicht angreifen werde, solange es in der Ukraine gebunden sei, kommen sie mittlerweile zu einer anderen Beurteilung: Demnach erwäge die Führung in Moskau einen „begrenzten Angriff“, um die Allianz und ihr Beistandsversprechen nach Artikel 5 zu testen – und zwar nicht erst in drei Jahren, sondern ab Herbst 2026, also möglicherweise gar in den nächsten Wochen oder Tagen.

Balten und Polen warnen explizit nicht vor einem großen, konventionellen Überfall. Größere Provokationen schließen sie aber nicht aus – und warnen bereits seit Anfang des Jahres zunehmend davor. Was als Herunterspielen der Ratcliffe-Reise verstanden werden kann, wie etwa die Aussagen des estnischen Außenministers Tsahkna, ist in Wahrheit ein klarer Verweis auf die eigenen Einschätzungen, die sich eben nicht geändert haben.

Russland ist aggressiv und risikobereit, mit einer weiteren Eskalation muss gerechnet werden. Für Warschau oder Vilnius galt diese Aussage auch schon vor dem Moskaubesuch des CIA-Chefs.

Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.

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