Russland wird für Europa immer mehr zur Bedrohung: die Sprengstoffdrohne am Leipziger Flughafen, der Einschlag einer russischen Rakete in Polen, ein Drohnen-Crash in Rumänien und wiederholte Luftraumverletzungen im Baltikum. Für den früheren US-Verteidigungsminister und Ex-CIA-Chef Leon Panetta sind das Warnzeichen dafür, dass Kreml-Herrscher Wladimir Putin Europas Verteidigungslinien systematisch austestet.

Im Gespräch mit „Bild“ will Panetta selbst ein Schreckensszenario nicht mehr ausschließen: russische Militäraktionen auch auf deutschem Boden. „Die Nato muss äußerst wachsam sein“, warnt er. „Russland wird weiter versuchen, die Verteidigung des Bündnisses auszutesten – das ist die Realität!“

Vor allem wolle Moskau prüfen, ob der Westen wirklich zu seiner Beistandspflicht steht: „Putin will wissen, ob die USA und die Nato tatsächlich zu Artikel 5 stehen!“ Man müsse Russland unmissverständlich klarmachen, „dass militärische Aktionen gegen europäische Staaten nicht toleriert werden – denn wir haben es mit einem Tyrannen zu tun.“

Panetta sieht zwei Gründe für Putins Aggressivität: Der Kreml-Chef steht im Ukraine-Krieg unter enormem Druck – und Spannungen zwischen US-Präsident Donald Trump und Europas Nato-Partnern könnten ihn bei der Suche nach neuen Ablenkungsfronten zusätzlich ermutigen. „Putin reagiert auf Schwäche, und wenn er die bei der Nato und den USA spürt, wird er weiter provozieren und zuschlagen“, warnt Panetta. Der Westen müsse klare rote Linien ziehen.

Rolle der USA im Ukraine-Krieg „zwiespältig“

Auch im Ukraine-Krieg übt Panetta scharfe Kritik an Washington, Trump agiere „zwiespältig“. „Das ist ein Moment, in dem die Vereinigten Staaten alles tun müssten, um der Ukraine die Waffen, Luftabwehrsysteme und Unterstützung zu geben, die sie braucht“, sagt er. Doch wegen des Mangels an Waffen könnten Nato und USA derzeit teilweise „nur dastehen und zusehen“.

Noch härter fällt Panettas Urteil über den Iran-Krieg aus. „Die Vereinigten Staaten hatten in diesem Krieg nie ein wirklich klares Ziel, keine erkennbare Strategie und ganz sicher keinen Endplan.“ Der Konflikt stecke in einer Pattsituation: „Beide Seiten stecken fest.“ Iran wirke inzwischen strategisch gestärkt und glaube, gerade bei der Kontrolle über die Straße von Hormus seine wichtigsten Ziele zu erreichen.

Straße von Hormus als ultimatives Druckmittel

Teheran könne mit der Blockade der wichtigen Ölroute den USA bei Verhandlungen praktisch „die Pistole an den Kopf halten“, sagt Panetta: Die US-Wirtschaftsblockade treffe zwar auch das Mullah-Regime schwer. Doch Washington wirke derzeit „in vielerlei Hinsicht gelähmt“. Panetta: „Der einzige wirkliche Hebel, den wir noch haben, ist, Bomben abzuwerfen.“

Doch selbst dieser militärische Hebel wird schwächer. Die Bestände bei Patriot-, THAAD- und anderen Luftabwehrraketen seien niedrig. Panetta warnt vor globalen Folgen: „Größere Gegner wie China und Russland könnten diese Verwundbarkeit ausnutzen.“ Auch die extrem langen Einsätze von US-Kriegsschiffen wie der „Abraham Lincoln“ kritisiert er scharf: Das schade der Moral der Soldaten, der Wartung der Schiffe und der Einsatzbereitschaft. Sein Urteil: „Dafür gibt es keine Entschuldigung.“

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