Die evangelische Theologin Margot Käßmann hat den Umgang mit Afghanen, die deutsche Einsatzkräfte in ihrem Land bis zur Rückkehr der Taliban unterstützt haben und noch immer auf Schutz warten, kritisiert. „Das ist doch beschämend für Deutschland“, sagte die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“.

Deutschland habe die damaligen Schutzzusagen bis heute nicht in die Tat umgesetzt, beklagte sie. „Noch heute warten Menschen in Pakistan darauf, dass unser Land endlich seine Schutzzusagen für sie, die in Afghanistan mit unseren Leuten für Freiheit eingetreten sind und sich auf diese Zusagen verlassen haben, in Taten umsetzt“, sagte Käßmann.

Der abrupte Abzug der westlichen Einsatzkräfte vor fünf Jahren sei „chaotisch“ gewesen. „Er hat Menschenleben gekostet und schlicht die alten Machthaber wieder zudem mit den zurückgelassenen Waffen neu ermächtigt.“

Vor fünf Jahren, am 15. August 2021, verließ der Westen Afghanistan in einem chaotischen Rückzug. Damals schlossen die USA und ihre Verbündeten nach beinahe zwei Jahrzehnten den Einsatz ab.

Käßmann war 2010 für eine Predigt scharf kritisiert worden, in der sie gesagt hatte: „Nichts ist gut in Afghanistan“. Sie hält weiterhin daran fest: „Ich würde sie genauso wieder halten.“ Der Westen habe die Menschen in Afghanistan während des Engagements über 20 Jahre nicht ausreichend in den Blick genommen. „Es ging ständig um militärische Strategien.“ Aber es sei mit der Bevölkerung kein konstruktiver Friedensprozess gestaltet worden.

In der SPD wächst die Kritik am Afghanistan-Kurs der Regierung. Die SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt wendet sich gegen die Rücknahme von Aufnahmezusagen für gefährdete Afghanen sowie gegen eine Ausweitung von Abschiebungen.

Für Käßmann liegt die wichtigste Lehre darin, Menschen vor Ort stärker einzubeziehen: „Kommt nicht mit Soldaten, Gewehren und Panzern von außen und erklärt Menschen, was gut für sie ist.“ Wer ein Land unterstützen wolle, müsse sich Zeit nehmen, zuhören und die Sprache und Kultur kennenlernen. Mit Blick auf die heutige Situation in Afghanistan sagte Käßmann: „Besser geworden ist in Afghanistan jedenfalls nichts. Und die Menschen dort, vor allem die Frauen, tun mir unendlich leid.“

Die Bundesregierungen unter Angela Merkel unter Olaf Scholz hatten nach dem Fall Kabuls über verschiedene Programme Schutzzusagen für besonders gefährdete Afghanen getroffen. Die amtierende schwarz-rote Koalition unter Kanzler Friedrich Merz kündigte 2025 an, freiwillige Aufnahmeprogramme weitgehend zu beenden. In der Folge wurden zahlreiche bereits erteilte Zusagen zurückgezogen oder ihre Umsetzung gestoppt. Viele Betroffene warteten zu diesem Zeitpunkt in Pakistan auf Visa und Ausreise.

Das Bundesverfassungsgericht entschied im Juli, dass die Bundesregierung bereits erteilte individuelle Aufnahmezusagen nicht pauschal und ohne Einzelfallprüfung zurücknehmen darf. Die Fälle müssen individuell geprüft werden.

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