Auf den Tischen flackern Kerzen, an den Restaurants blinken Lichterketten neben der Leuchtreklame der Spätis und Dönerbuden. Freitagnacht, Berlin-Ostkreuz. Menschenmassen schieben sich über die Straßen, die Tische auf den Gehwegen sind voll besetzt. Es herrscht Wochenendstimmung, Partylaune. Plötzlich erhellt grelles, blinkendes Blaulicht die Straßenzüge. Die Leute schauen irritiert auf.

Eine lange Kolonne von Einsatzfahrzeugen, ein bis zwei Dutzend Fahrzeuge, walzt heran, an der Kreuzung Boxhagener Straße/Neue Bahnhofstraße stoppt sie, Beamte springen aus den Autos. Sie teilen sich auf, laufen zu einem Geschäft und einer Bar. Eine Gruppe stürmt in die Räume, eine andere sichert ab. Die Aktion ist Teil einer Großrazzia der Berliner Behörden. Gegen Steuerbetrüger, Schwarzarbeiter – gegen die kriminellen Clans in der Hauptstadt.

„Wir machen diese Razzien immer wieder, ziehen dafür alle möglichen Behörden zusammen. Strafrecht, Steuer, Gewerbeaufsicht, Schwarzarbeit – an irgendeinem Punkt kriegen wir sie immer“, sagt Stefan Evers (CDU), Finanzsenator von Berlin und damit oberster Dienstherr der Finanzbehörden, auch der Steuerfahndung, WELT. Mit „sie“ meint er Betreiber von Shisha-Bars oder Läden, in denen man E-Zigaretten oder Tabak für Wasserpfeifen kaufen kann.

CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers (l.) begleitete die Razzia

Das sind die Außenposten der Clans, in denen pro Kunde zwar oft nur geringe Umsätze gemacht werden, insgesamt aber Millionen in die Kassen fließen. Mit illegaler Ware, unversteuerten Importen, Produkten unsicherer Herkunft und noch unsicheren Inhaltsstoffen. „Wir lassen die Clan-Strukturen nie zur Ruhe kommen, setzen ihnen mit kleinen und großen Nadelstichen zu“, sagt Evers.

Das Geschäft an der Neuen Bahnhofsstraße, in dem E-Zigaretten und Stapelchips verkauft werden, sieht aus wie aus einem Werbeprospekt. Die weißen Bodenfliesen glänzen wie neu, die langen Reihen mit Schachteln der Vapes und Dosen der Chips sind akkurat ausgerichtet. In die Ausstattung ist viel Geld investiert worden. Am Tresen und der Kasse stehen nun Beamte der Steuerfahndung und prüfen die Einnahmen. Vor der Tür hat sich ein Kripo-Mann der Abteilung Gewerbeüberwachung aufgebaut, abgeschirmt wird das Geschäft von Polizisten der BPE, der Brennpunkt- und Präsenzeinheit. Keiner darf rein oder raus. Dazwischen machen sich Beamte des Zolls und des Ordnungsamts ans Werk.

Der Laden wird komplett durchleuchtet. Die Waren, die Mitarbeiter, die Abrechnungen. Bei Bars wird sogar die Außenbestuhlung auf Korrektheit überprüft, die Lizenz zum Ausschank von Alkohol oder der gesetzesmäßige Betrieb von Spielautomaten. Das sind die „Nadelstiche“, von denen Evers spricht. Vier Jungs aus London sitzen im Restaurant nebenan an einem Tisch, gerade noch haben sie Reis mit Rindfleisch gegessen. Jetzt starren sie die Szenerie an. „Was geht denn hier ab? Das ist ja wie in einem Film“, meint einer. So was erlebe man selbst in London nicht oft.

Das Besondere an einer solchen Razzia ist die Vielzahl der beteiligten Behörden. Weil es so viele unterschiedliche Zuständigkeiten gibt und damit verbundene Befugnisse, können Beamte einer Einheit oft nicht umgehend handeln, wenn sie einen Gesetzesverstoß vor Ort feststellen, der nicht in ihre Kompetenz fällt. Also sind auch diesmal alle Strafverfolgungsbehörden dabei, um jeden Verstoß, den ein Ladenbetreiber begehen kann, ahnden zu können.

„Scooter“ dirigiert die Truppe

Aus dem hinteren Teil des Ladens kommt „Scooter“, 51 Jahre alt, durchtrainiert, mit Bart und Undercut, an den Oberarmen tätowiert. Er trägt ein Jägermeister-T-Shirt, darüber eine Schutzweste mit der Aufschrift „Polizei“ und seinen Rang: drei Sterne. „Scooter“ ist der Einsatzleiter, er arbeitet verdeckt, deshalb der Name. Er spricht leise, strahlt Ruhe aus. So dirigiert er die Truppe. Aber die meisten wissen ohnehin, was zu tun ist. Sie sind eingespielt. „Scooter“ geht in den Keller des Hauses. Der wurde vor nicht allzu langer Zeit renoviert und ist dennoch völlig verwahrlost. Es riecht nach Unrat und der Hinterlassenschaft nächtlicher Besucher. Der Kriminalhauptkommissar stößt die Tür eines Verschlags auf. In dem Chaos, das sich zeigt, liegen jede Menge Vape-Schachteln. Illegale, weil unversteuerte Ware.

Woher er wusste, dass die E-Zigaretten dort versteckt waren? „Scooter“ lächelt. Dann sagt er: „Die sind ja nicht blöd und bunkern das Zeug in abgestellten Autos oder den Kellern der Läden.“ Mehrere hundert illegale, zum Teil unverpackte E-Zigaretten stellen die Beamten sicher. Der Tatvorwurf lautet Steuerhehlerei. Der Einsatzleiter macht den Laden erst mal 48 Stunden dicht. „Weil das ein Wiederholungstäter ist“, sagt er über den Betreiber.

Das Großaufgebot an Einsatzkräften durchbrach die Partylaune in Berlin

Es klingt unverhältnismäßig, dass Berlin Dutzende Beamte verschiedener Behörden auf die Jagd nach unversteuerten E-Zigaretten oder Shisha-Tabak gehen lässt. „Aber allein mit dem Shisha-Tabak ohne Steuerbanderole machen die Clans schätzungsweise 350 bis 500 Millionen Euro Umsatz pro Jahr in Berlin“, sagt ein Ermittler, der seit vielen Jahren die sogenannten Verbund-Razzien koordiniert. „Im Fall von E-Zigaretten sind es sogar bis zu 500 Millionen Euro pro Jahr.“

An Minderjährige dürfte selbst legale Ware eigentlich nicht verkauft werden, genau das passiert aber in vielen Läden, die die Tabakprodukte führen. „Was dort an Kinder und Jugendliche verkauft wird, ist teilweise reines Gift. Keiner kann wirklich genau sagen, was in den illegal geschmuggelten Vapes und Tabaken alles drin ist“, sagt Finanzsenator Evers, der mit Schutzweste den Einsatz begleitet.

Beamte packen Vape-Kartons ein – Geschmacksrichtung: Blaubeere-Kaugummi

Die Nachfrage sei riesig, das Geschäft mit normalen, unversteuerten Zigaretten dagegen tot, meint der Ermittler. „Die jungen Leute wollen die Stinkestängel immer weniger, sie wollen das bunt aufgemachte süße Zeug, das in den sozialen Netzwerken massiv beworben wird.“ Die süßlichen Shisha-Tabake werden in Hinterzimmer-Werkstätten oder Wohnungen aus Rohtabaken, Parfümstoffen und Holzspänen hergestellt. Die klebrige Masse kommt oft aus Polen oder Tschechien. „In der Herstellung kostet das Kilo im Schnitt circa sechs Euro, verkaufen kann man es für etwa hundert Euro. Und eine Shisha-Bar kann damit 600 Euro Gewinn machen“, sagt der Ermittler.

„Das ist zum Teil lukrativer als das Geschäft mit Kokain“, sagt ein Steuerfahnder, der bei der Freitagabend-Razzia die Kassen prüft. Die Herstellung von Shisha-Tabak ist einfacher und ungefährlicher als die von Rauschgift, und die Transportwege sind kürzer. Das ruft die kriminellen Clans auf den Plan. Shisha-Bars dienen kriminellen arabischen Großfamilien in deutschen Großstädten wie Berlin oft als Rückzugsorte, Statusobjekte und Umschlagplätze. Behörden verbinden diese Lokale regelmäßig mit Geldwäsche, dem Verkauf von unversteuertem Tabak, illegalem Drogenhandel und Verstößen gegen Hygiene- sowie Brandschutz- und Arbeitsschutzgesetze.

„Irgendwas finden wir immer“

In einer Shisha-Bar an der Boxhagener Straße läuft derweil die Kontrolle des zweiten Trosses der Einsatztruppe, bei laufendem Betrieb. Die Kunden bleiben unbehelligt. Drei junge Männer rauchen ungerührt weiter, während die Gruppe von Fahndern ein und aus geht. Der Laden scheint sauber zu sein. Scheint. „Irgendwas finden wir immer“, sagt, „Scooter“. Der Chef der Berliner Steuerfahndung taucht auf. Dann ein Treffer. „Unversteuerter WBT“, Wasserpfeifentabak, wird entdeckt. 2,35 Kilo. Das ist Steuerhinterziehung, der Tabak wird eingezogen und später vernichtet.

Die Fahnder der Verbund-Razzien in Berlin stoßen oft auf mehr als illegale Tabakprodukte. „Wir haben schon moldawische Zwangsprostituierte, Waffen und riesige Mengen Bargeld entdeckt“, berichtet der langjährige Ermittler. Früher hätten sich die einschlägigen Läden auf Neukölln und Kreuzberg konzentriert. „Inzwischen gibt es sie überall in der Stadt und in der Region um Berlin. Weitere Hotspots sind in NRW und Niedersachsen“, sagt der Beamte.

In Kreuzberg, nah am Görlitzer Bahnhof stoppt die Kolonne mit blinkendem Blaulicht vor einem weiteren Laden, der Shisha-Zubehör verkauft. In der Nacht zuvor hatte es einen Brandanschlag auf das Geschäft gegeben. In der Branche wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Fahnder gehen rein, schon kurz danach werden sie fündig. Auf zwei Sperrholztischen liegen Dutzende falsch deklarierter Vape-Schachteln. Ein baumlanger Mann des Ordnungsamts mit Sprechfunkgerät am Hals zählt den Fund, Polizeibeamte transportieren ihn in großen, blauen Müllsäcken ab.

Eine Stunde dauert die Razzia. Während in der Kneipe nebenan laut scheppernd eine Blasmusik spielt, werden 600 Schachteln illegaler Vapes sichergestellt. Steuerschaden: rund 4000 Euro. Der Ladenbetreiber sitzt mit hängendem Kopf zwischen seinen Shishas.

Der Fund war nicht schwer zu machen, die illegalen Vapes lagen für jeden im Laden sichtbar auf den Tischen. „Es ist den Clan-Leuten wirklich völlig egal, ob das entdeckt wird und sie auffliegen. Sie haben genug Ware und nach ein paar Stunden ist der Laden wieder auf“, sagt „Scooter“. Aber er und seine Leute werden wiederkommen. Und wieder fündig werden. Bilanz des Abends: „Wir haben einen Steuerschaden in fünfstelliger Höhe festgestellt und verhindert“, sagt ein Fahnder.

Fürs Erste lässt der Einsatzleiter das Geschäft in Kreuzberg versiegeln. Einer der Clan-Leute, ein Jugendlicher schaltet vor dem Gehen die Alarmanlagen an der Tür des Ladens mit einem Code scharf. „Eh, guck weg“, sagt er zu „Scooter“, als er die Zahlenreihe eintippt.

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