Es sind nur drei Wörter, doch sie sorgen für Diskussionen: Batuhan Temiz, 30, FDP-Kandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus, wirbt in seinem Wahlkreis Lichtenberg auf Türkisch um Stimmen. Sein Plakat zeigt den Schriftzug „Berlin Temiz olsun“, ein Wortspiel mit seinem eigenen Nachnamen, der auf Deutsch „sauber“ bedeutet, die Botschaft lässt sich also doppeldeutig als „Berlin sauber machen“ lesen. Bereits im Juli hatte er mit einer ähnlichen Aktion für Aufsehen gesorgt, als seine Wahlwerbung an der bulgarisch-türkischen Grenze auftauchte und dort Urlauber auf dem Weg in die Türkei grüßte.

Neu ist mehrsprachige Wahlwerbung in Deutschland nicht. Bereits im Februar warb Jan van Aken von der Linkspartei im baden-württembergischen Landtagswahlkampf in vielen Sprachen, unter anderem auf Türkisch und Arabisch. Nun ist es ein FDP-Politiker, der auf dieses Mittel setzt, in einem politischen Klima, in dem Migration ohnehin ganz oben auf der Sorgenliste vieler Deutscher steht: Laut einer YouGov-Umfrage vom Juli 2026 nannten 32 Prozent der Befragten Einwanderung und Asyl als eines ihrer drei wichtigsten politischen Themen. Im Internet fallen die Reaktionen entsprechend scharf aus: Manche Kommentare sprechen von „Unterwanderung“ und „Islamisierung“.

Der Kandidat weist solche Vorwürfe zurück. „Jeder Vorwurf ist ein Zugeständnis. Alles, was Sie sagen, zeigt, was Sie eigentlich denken, nicht, was ich mache“, sagt der Deutsch-Türke im Gespräch. Auf die Frage, ob sein Plakat Ängste vor Entfremdung nicht eher befeuere, entgegnet er: Das sage mehr über die Person aus, die das behaupte.

Interessant wird es bei der Frage, wie sich seine doppelte nationale Zugehörigkeit mit seinem Amtseid als Bundeswehr-Offizier verträgt. Auf die Frage nach potenziellen Loyalitätskonflikten im Kriegsfall reagiert Temiz nachdenklich. Er hält solche Debatten für wenig zielführend und verweist darauf, dass eine vergleichbare Diskussion über deutsch-russische Soldaten in der Bundeswehr kaum geführt werde – ein doppelter Standard, wie er findet.

Bemerkenswert bleibt ein Punkt, den Temiz nicht ganz auflöst: Wenn er betont, dass die allermeisten Deutschtürken ohnehin bestens integriert seien und ihren Alltag längst auf Deutsch bewältigten, warum dann ausgerechnet ein Plakat auf Türkisch?

Er selbst verweist auf die schnelle Übersetzbarkeit per Smartphone und darauf, dass es sich um ein bewusstes Symbol handle; weniger um sprachliche Notwendigkeit als um ein Zeichen des Respekts gegenüber einer Gruppe, die sich nach Jahren des „Kleinmachens“ endlich sichtbar vertreten fühlen solle. Die Resonanz gebe ihm recht, sagt er, er bekomme überwiegend positive Rückmeldungen: „Die Leute sind stolz.“

Wen wählen Menschen mit Migrationshintergrund?

Wie groß ist die Zielgruppe überhaupt? Laut Mikrozensus leben hierzulande rund drei Millionen Menschen mit Migrationsbezug zur Türkei, die größte Gruppe mit Migrationshintergrund. Mehr als die Hälfte von ihnen besitzt einen deutschen Pass. In Berlin leben rund 200.000 Menschen mit türkischen Wurzeln, etwa sieben Prozent der Stadtbevölkerung – konzentriert vor allem auf westliche Ortsteile wie Kreuzberg, Neukölln oder Wedding. In Lichtenberg liegt der Anteil deutlich niedriger: Gut 115.000 der rund 300.000 Anwohner haben laut Amt für Statistik einen Migrationshintergrund, größtenteils jedoch nicht aus der Türkei.

Temiz begründet seine Kampagne unter anderem damit, dass sich viele Deutsch-Türken von Parteien der Mitte ab- und AfD sowie Linkspartei zugewandt hätten. Bundesweite Wahlforschung zeichnet ein differenzierteres Bild: Traditionell wählten Menschen mit türkischer Migrationsgeschichte mehrheitlich SPD, diese Bindung schwächt sich seit Jahren ab, wie Erhebungen der Konrad-Adenauer-Stiftung und des DeZIM-Instituts zeigen; die SPD bleibt aber weiterhin die Partei mit dem größten Wählerpotenzial in dieser Gruppe. Zugenommen hat die Zustimmung eher zur Linkspartei und zum BSW, die AfD-Sympathie ist bundesweit vergleichsweise gering.

Spezifische Zahlen dazu, wie Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin wählen, gibt es nicht. Bei einer Befragung der Forschungsgruppe Wahlen am Tag der Wiederholungswahl im Februar 2023 schnitt die CDU unter muslimischen Wählern am besten ab: 27,7 Prozent gaben an, die Christdemokraten gewählt zu haben, 24,9 Prozent nannten die SPD. Danach folgten nach Präferenzen die Linke (15,2 Prozent), Grüne (8,3) und AfD (4,4).

Einen indirekten Anhaltspunkt zum Wahlverhalten ausländischstämmiger Menschen liefert zudem der Blick auf Bezirksergebnisse: In Bezirken mit hohem Migrantenanteil kam die Linke bei der Bundestagswahl 2025 auf 22,3 Prozent, die AfD nur auf 12,4. In Bezirken mit niedrigem Migrantenanteil, zu denen auch Lichtenberg zählt, schneidet die AfD dagegen regelmäßig deutlich besser ab.

Das spricht eher dafür, dass der Erfolg der AfD in Temiz’ Wahlkreis vor allem mit der dortigen, überwiegend nicht-migrantischen Wählerschaft zusammenhängt, die sich mit einem türkischsprachigen Plakat kaum ansprechen lässt. Was seine eigene Begründung für die Kampagne zumindest mit Blick auf seinen Wahlkreis relativiert.

Explizit an die türkische Community gerichtete Kleinparteien wie Dava oder die BIG-Partei blieben bislang ohne nennenswerten Wahlerfolg, beide stehen zudem wegen ihrer Nähe zu Präsident Recep Tayyip Erdogan und dessen AKP in der Kritik.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Temiz’ Ansatz auch als Gegenentwurf lesen: Repräsentation innerhalb einer etablierten demokratischen Partei zu suchen, statt über ethnisch definierte Kleinparteien mit fragwürdigen Auslandsbezügen.

Seine eigene Biografie liefert Anschauungsmaterial: aufgewachsen bei der Großmutter in Kreuzberg, acht Personen in einer Dreizimmerwohnung, später Schulwechsel ins wohlhabendere Charlottenburg. Heute ist er approbierter Arzt und Offizier im Bundeswehr-Krankenhaus Berlin.

Politisch bleibt die Ausgangslage für Temiz schwierig: Bei der Bundestagswahl 2025 kam die FDP in Lichtenberg auf 1,4 Prozent, die Linkspartei auf 34 Prozent. Berlinweit sehen aktuelle Umfragen zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September die Liberalen bei rund drei Prozent und damit deutlich unter der Fünf-Prozent-Hürde. Ein Einzug ins Abgeordnetenhaus über die Landesliste erscheint damit unwahrscheinlich, ein Direktmandat in einem traditionell links geprägten Bezirk noch unwahrscheinlicher.

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