„Heute bedrängen Eintreiber ihre Schuldner so lange, bis die an die Front fahren“
„Geht in den Wald“ – so heißt die russische Organisation, die seit fast vier Jahren Menschen in Russland dabei berät, dem Dienst im Ukrainekrieg zu entkommen. Oder, wie sie desertieren können. Die Organisation entstand im September 2022, nachdem Wladimir Putin in Russland eine Teilmobilmachung ausgerufen hatte. WELT sprach mit Iwan Tschuwilijaew, der für „Geht in den Wald“ arbeitet.
WELT: Laut Motto Ihrer Organisation wollen Sie so vielen Russen wie möglich dabei helfen, „die Teilnahme an einem blutigen Krieg zu vermeiden“. Wie gehen Sie dabei vor?
Iwan Tschuwiljaew: Wir versuchen zu verhindern, dass Menschen an die Front kommen, und helfen ihnen, zu desertieren und der Strafverfolgung zu entgehen. Seit unserer Gründung haben wir viertausend Menschen geholfen, zu desertieren. Zudem haben wir Hunderttausende beraten, damit sie gar nicht erst an der Front landen.
WELT: Wie landen die Männer überhaupt an der Front?
Tschuwiljaew: Wir fragen das natürlich immer. Wir wollen von unseren Klienten wissen, warum sie Verträge unterschrieben haben. Es gibt die, die man dazu genötigt hat: Sie wurden mobilisiert, gedrängt oder mit Gewalt gezwungen. Und es gibt die, die zugeben, zu viel Propagandafernsehen geschaut zu haben – so viel, dass sie vom Einsatz an der Front überzeugt waren.
WELT: Gibt es noch andere Beweggründe?
Tschuwiljaew: Allerdings: Wir prüfen immer, ob unsere Klienten verschuldet waren. Und in 99 Prozent der Fälle stellt sich heraus, dass diese vermeintlichen „Helden und Patrioten“ in sehr ernsten finanziellen Schwierigkeiten steckten. Ich glaube, für Männer ist das ein wunder Punkt. Für sie ist es oft einfacher zu sagen, dass sie aus Heldenmut in den Krieg gezogen sind, nicht aus kompletter Verzweiflung angesichts ihrer Finanzen.
WELT: Und der Kriegsdienst ist eine Option, wenn man Schulden hat?
Tschuwiljaew: Heute wird in Russland an jeder Ecke dafür geworben, als Freiwilliger in den Krieg zu ziehen. Auch dafür, dass es für den Einsatz sofort sehr viel Geld auf die Hand gibt. Da unterschreiben dann Leute, die keine feste Arbeit haben, nicht versichert sind. Praktisch rechtelose Männer ohne soziale Garantien mit lausig bezahlten Gelegenheitsjobs. Diese Leute sind bereit zu sterben, wenn sie nur etwas Geld bekommen, das sie aus der Schuldenfalle befreit.
WELT: Geldsorgen und Armut sind kein Spaß, natürlich. Aber dafür in den Krieg ziehen?
Tschuwiljaew: Wissen Sie, jeder Russe aus dem Plattenbau wird irgendwann einmal einen Nachbarn gehabt haben, dessen Abbild im Treppenhaus aushing. Auf dessen Wohnungstür jemand „Zahl dein Geld zurück, du Bastard“ geschmiert hat. In meinem damaligen Wohnhaus wohnte eine alte Frau, deren Sohn Schulden hatte. Der hatte als Sicherheitsgarantie die Wohnung seiner Mutter beliehen. Weil er das Geld nicht zurückzahle, tauchte eines Tages ein Mann mit einem Koffer vor der Wohnung der Mutter auf und sagte, er zöge jetzt hier ein. Schulden zu haben, kann in Russland grässlich sein. Heute bedrängen die Eintreiber ihre Schuldner so lange, bis die an die Front fahren.
WELT: Sie sagen, manche Menschen habe man gezwungen, an der Front zu kämpfen?
Tschuwiljaew: Etliche! Die Teilmobilmachung von 2022 ist nie beendet worden. Heute funktioniert sie online. Sie bekommen die Einberufung in Ihr digitales Postfach. Ignorieren Sie die, wird eine Ausreisesperre verhängt. Sie dürfen weder eine Immobilie mehr kaufen oder verkaufen noch ein Fahrzeug bewegen. Wir hatten den Fall eines Mannes, der aus Serbien nach Russland zurückkehrte, um sein Erbe anzutreten. Er wusste nicht, dass er neben einer Immobilie auch einen großen Schuldenberg geerbt hatte. Er durfte nicht mehr ausreisen und wurde praktisch gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben. Ein Klient aus Tschetschenien hatte umgerechnet 100 Euro Schulden. Weil er nicht zahlte, verhaftete ihn die Polizei. Sie schlugen ihn zusammen, folterten und missbrauchten ihn. So lange, bis er den Vertrag unterschrieb.
Iwan TschuwilijaewWELT: Wie schwer ist es, zu desertieren?
Tschuwiljaew: Sehr schwer. Die Propaganda mag noch so oft behaupten, dass die Ostukraine ein Teil Russlands geworden ist. Aber die russisch-ukrainische Grenze von 2014 existiert nach wie vor. Entlang der Grenze gibt es einen Zaun und Kontrollposten. Sie können nicht einfach durchgehen. Zwar gibt es die sogenannten „Taxifahrer“, Einheimische, die sich auskennen und Sie auf Schleichwegen über die Grenze bringen können. Aber das ist riskant und selten. Die zuverlässigste Art, zu desertieren, ist leider der Krankenhausaufenthalt nach einer Kriegsverletzung.
WELT: Heißt das im Umkehrschluss, dass Sie beraten, wie man sich Verletzungen zufügt?
Tschuwiljaew: Natürlich nicht! Das würde auch gar nicht funktionieren. Wenn Sie sich in den Fuß schießen oder sich mit einem Messer ritzen, kann ein Arzt einfach feststellen, dass Sie sich diese Verletzung selbst zugefügt haben. Das hat dann ernste Folgen für Sie. Die Wahrheit ist: Wenn Sie an der Front dienen, ziehen Sie sich irgendwann ohnehin eine Verletzung zu. Dann ist entscheidend, ob Sie zur Behandlung in irgendeinem Lazarett in den okkupierten Gebieten landen, oder in einem vernünftigen Krankenhaus in Russland.
WELT: Wird das nach Schwere der Verletzung entschieden?
Tschuwilijaew: Nein, meistens hängt das davon ab, ob Sie Geld haben oder nicht. Für 300.000 Rubel (3350 Euro, Anm. d. Red.) schickt man Sie in ein Krankenhaus nach Russland. Nach der Behandlung schickt man Sie in den Fronturlaub, der in der Regel 40 Tage dauert. Für diesen Zeitraum dürfen Sie nach Hause fahren. Und dann desertieren Sie.
WELT: Die Soldaten kehren also einfach nicht mehr an die Front zurück. Was macht sie stattdessen?
Tschuwiljaew: 60 Prozent der Deserteure bleiben in Russland und verstecken sich. Auf sie wartet ein Leben in der Illegalität. Sie leben nicht länger an ihrer Meldeadresse, zahlen bar und besorgen sich SIM-Karten über Bekannte, damit man sie nicht ohne Weiteres wiederfindet.
WELT: Wie einfach ist es, sich in Russland zu verstecken?
Tschuwiljaew: Auf Dauer fast unmöglich. Irgendwann laufen Sie der Verkehrspolizei oder einer Streife der Miliz über den Weg. Interaktionen mit dem Staat und seinen Organen lassen sich auf lange Sicht kaum vermeiden. Und selbst wenn: Oft wird Druck auf die Angehörigen ausgeübt. Der Geheimdienst kommt zu Ihren Verwandten nach Hause oder bestellt sie zu Verhören ein. Für die Deserteure wird das unerträglich.
WELT: Russland ist ein riesiges Land. Könnte man nicht in einem sibirischen Dorf abtauchen, fernab der Zivilisation?
Tschuwiljaew: Sehr schlechte Idee. Anders als in der Großstadt leben in einem Dorf kaum Menschen. Da bleiben Sie nicht lange unbemerkt. Und außerdem: Wovon wollen Sie leben? In Moskau finden Sie immer irgendeine Schwarzarbeit. Etwa Taxifahren – da bekommen Sie Bargeld. In einem Dorf können Sie höchstens Kartoffeln anbauen …
WELT: Russland gilt als sehr korrupt. Gefälschte Dokumente sind gegen Geld erhältlich. Kann dieser Umstand helfen, zu desertieren?
Tschuwiljaew: Das ist keine Frage der Korruption. Einen gefälschten Pass bekommen Sie ganz einfach im Darknet. Wir raten immer wieder dazu. Einmal hatten wir einen Klienten, der in die Armee einberufen wurde. Wenn das passiert, wird der Pass meist eingezogen, damit der Wehrpflichtige das Land nicht mehr verlassen kann. Unser Klient besorgte sich einen gefälschten Pass im Darknet, ging dann zu seinem Vorgesetzten und bat ihn, den Pass für ein paar Minuten aus dem Safe zu holen: Er wolle ein paar Daten umtragen. Als der Vorgesetzte kurz wegsah, tauschte er seinen Pass gegen die Fälschung. Der falsche Pass kam zurück in den Safe, unser Klient fuhr zum Flughafen und verließ Russland mit seinem echten Pass. Die meisten versuchen, nach Armenien zu kommen, da Armenien nicht abschiebt.
WELT: Greifen Sie oft zu derartigen Tricks?
Tschuwiljaew: Das ist mein Job. Wir beraten zum Beispiel auch, wie man die grüne Grenze überquert, um sich außer Landes zu bringen. Manche Männer sind mit einem Ausreiseverbot belegt. Ihnen kann es passieren, dass sie am Flughafen nicht durchgelassen werden, auch wenn sie ihren Pass vorlegen könnten.
WELT: In welche Länder fliehen diese Männer dann?
Tschuwiljaew: Man muss vorsichtig sein. Wer etwa ins Baltikum flieht, riskiert die Abschiebung. Die wollen keine Russen bei sich, auch keine politischen Geflüchteten. Man kann das verstehen. Der Marsch nach Finnland ist eine Option. Wir beraten, auf welchen Routen der Übertritt stattfinden kann.
WELT: Machen das viele Deserteure?
Tschuwiljaew: Nach Finnland zu wandern, durch die Wälder Kareliens, ist sehr hart. Sie müssen dutzende Kilometer durch Wald und Sumpf marschieren. Dafür müssen Sie körperlich extrem fit und sehr zäh sein.
WELT: Sie haben verschiedene Wege zur Fahnenflucht dargelegt, die alle sehr kompliziert wirken. Warum begeben sich Männer nicht in ukrainische Kriegsgefangenschaft? Die Ukraine wirbt aktiv damit...
Tschuwiljaew: Am Anfang hatten wir das vor. Aber die Ukraine und Russland tauschen regelmäßig ihre Kriegsgefangenen aus. Das heißt: Sie geraten in Kriegsgefangenschaft, geben der ukrainischen Presse Interviews, in denen Sie bereuen, an die Front gegangen zu sein. Wenn der nächste Gefangenenaustausch läuft, kommen sie dann nach Russland zurück, wo sie gefoltert, erniedrigt und anschließend wieder an die Front geschickt werden.
WELT: Können Sie in Russland Zivildienst machen, um eine Einberufung ins Militär zu vermeiden?
Tschuwiljaew: Natürlich! Das ist das verfassungsmäßige Recht eines jeden russischen Mannes. Den Dienst an der Waffe zu verweigern, ist gar nicht so schwer. Man muss nur wissen, wie. Es ist zwar viel Papierkram, aber lohnt sich: Weil es nur wenige sind, werden sie manchmal schlicht vergessen. Sie treten Ihren Dienst nie an, man lässt Sie in Ruhe. Im Falle einer Mobilisierung sind sie im Vorteil, da Sie nie den Wehrdienst geleistet haben und daher ein ungeeigneterer Kandidat sind. Wenn Sie keine chronische Krankheit haben, die Sie wehruntauglich macht, ist der Zivildienst die beste Vorsorge für junge Leute im heutigen Russland, dem Krieg fernzubleiben.
Julius Fitzke ist seit Juli 2025 Volontär bei WELT im Ressort Außenpolitik.
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