Ole Diehl gehörte zu den einflussreichsten Sicherheitsbeamten Deutschlands. Bis Ende Juni war er BND-Vizepräsident und arbeitete zuvor als Karrierediplomat, unter anderem als Botschafter in Bagdad und Generalkonsul in Afghanistan. Im WELT-Interview ordnet er ein, wie verwundbar Deutschland in Zeiten neuer Sicherheitsbedrohungen tatsächlich ist.

WELT: Herr Diehl, als Sie von dem Vorfall mit der Drohne neben einer ukrainischen Antonow-Maschine in Leipzig hörten: Was war Ihr erster Gedanke?

Ole Diehl: Ganz ehrlich? Die Russen! Und: Da haben wir offensichtlich noch mal Glück gehabt!

WELT: Ab welchem Punkt sprechen Sicherheitsbehörden von einem möglichen Akt hybrider Kriegsführung?

Diehl: Dafür gibt es keine ganz klare Definition. Es geht dabei um Anschlagsziele und Anschlagsmittel – und beides spricht hier eindeutig für einen solchen Akt. Und es geht eben auch um direkte oder indirekte staatliche Urheberschaft – und dazu müsste die Tat natürlich erstmal eindeutig zugeordnet werden können. Aber: Um einen „möglichen“ Akt hybrider Kriegsführung – und das war ja Ihre Frage – handelt es sich hier in jedem Fall.

WELT: Würde ein Angriff auf ein ukrainisches Frachtflugzeug auf deutschem Boden in das Muster russischer Sabotageoperationen passen, das wir derzeit in Europa beobachten?

Diehl: Eindeutig ja! Russland hat in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Sabotageakte auf deutschem Boden vorgenommen. Am bekanntesten der Fall mit den DHL-Paketen – ebenfalls in Leipzig. Dass diesmal allem Anschein nach auch noch ukrainische Frachtflugzeuge, die in Leipzig von den Ukrainern aus Sicherheitsgründen „geparkt“ werden, ins Visier genommen wurden, macht die Sache nur noch eindeutiger. Wenn das Erfolg gehabt hätte, wäre der Anschlag von hoher symbolischer Bedeutung und wäre zudem für die Ukraine, die diese Frachtflugzeuge ja wohl auch für Waffenlieferungen benutzt, auch noch militärisch schädlich gewesen.

Blickt auf eine steile Karriere im BND und im Auswärtigen Amt zurück: Ole Diehl

WELT: Russland setzt zunehmend auf sogenannte „Wegwerfagenten“. Warum sind diese Akteure für westliche Sicherheitsbehörden so schwer zu stoppen?

Diehl: Die „Wegwerfagenten“ sind ja meist ganz normale Menschen, die oft nicht einmal wissen, dass sie für einen russischen Geheimdienst arbeiten. Die wollen mit klein-kriminellen Aktionen etwas Geld verdienen, mehr nicht. Solche Akteure können die Sicherheitsbehörden natürlich nicht vorher identifizieren. Eine mit Sprengstoff bewaffnete Drohne auf einen Flugplatz zu bringen, verlangt aber etwas mehr – mehr Expertise, mehr Engagement und Risikobereitschaft, mehr kriminelle Energie. Man muss die Ermittlungen abwarten, aber mir scheint, ausschließlich durch aus Moskau gesteuerte „Wegwerfagenten“ kriegt man das nicht hin.

WELT: Sehen wir derzeit lediglich Einzelfälle oder bereits eine koordinierte Kampagne gegen kritische Infrastruktur in Deutschland?

Diehl: Russland sieht sich ja selbst ganz eindeutig in einem hybriden Krieg mit dem Westen – und mit Deutschland als wichtigem Ukraine-Unterstützer ganz vorneweg. Russland will uns verunsichern, spalten, und damit die Ukraine-Unterstützung infrage stellen, und unsere Solidarität mit den Partnern in Nato und EU. Dazu gibt es Äußerungen. Und dazu gibt es Taten: Angriffe auf Unterwasserkabel, Drohnenüberflüge, Sabotageakte. Klar, nicht hinter jedem Vorfall stecken die Russen. Wenn wir alles, was in der deutschen Infrastruktur mal schiefläuft, jede S-Bahn, die zu spät kommt, jede Drohne über einem Rollfeld auf „die Russen“ schieben, machen wir es Putin zu einfach. Dann braucht er gar nichts mehr zu machen, um diese Verunsicherung zu erreichen. Nein, unsere Sicherheitsbehörden müssen versuchen, Beweise zu finden, Spuren nach Russland, möglichst wasserdichte Beweise. Aber dabei sollten wir eines vielleicht etwas stärker berücksichtigen: Wir sind hier nicht vor Gericht, sondern inmitten eines hybriden Krieges!

WELT: Welche Rolle spielen Logistikdrehscheiben wie Leipzig/Halle im strategischen Kalkül Russlands?

Diehl: Das sind natürlich Hochwertziele von hoher symbolischer, wirtschaftlicher, aber eben auch ganz praktisch-militärischer Bedeutung.

WELT: Warum sind gerade Flughäfen, Häfen, Bahnverbindungen und Logistikunternehmen für hybride Angriffe besonders attraktiv?

Diehl: Das Ziel der Verunsicherung lässt sich am besten erreichen, wenn möglichst viele im Zielland die Auswirkungen eines solchen Anschlags spüren. Und die Transportlogistik in Deutschland ist wichtig für unsere Wirtschaft, unsere Versorgung, für die Bevölkerung ganz unmittelbar und auch für unsere Verteidigung. Mit einem erfolgreichen Anschlag trifft man da gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe.

WELT: Nach mehreren mutmaßlichen Sabotagefällen stellt sich die Frage: Ist Deutschland heute ausreichend auf solche Bedrohungen vorbereitet?

Diehl: Ausreichend sicher nicht, aber es wird besser. Mit dem KRITIS-Dachgesetz wurden Mindestanforderungen für die Härtung und die Resilienz von Anlagen der kritischen Infrastruktur geschaffen. Die Wirtschaft wird insgesamt von der Bundesregierung stärker sensibilisiert. Die Sicherheitsbehörden sollen gestärkt werden. Und auch in der Bevölkerung kommt langsam ein Gefühl für die Bedrohung an, mit der wir konfrontiert sind.

WELT: Wo sehen Sie die größten Schwachstellen im Schutz kritischer Infrastruktur?

Diehl: Erstens ist es sehr einfach, viel zu einfach, Standorte und Parameter von Einrichtungen der kritischen Infrastruktur herauszufinden. Das kann letztlich jeder – da muss man nur googeln. Zweitens wird die Infrastruktur ja in den allermeisten Fällen von der Privatwirtschaft betrieben, und muss dann auch von der Privatwirtschaft gehärtet und geschützt werden. Das Zusammenwirken von Staat und Wirtschaft muss da noch besser werden. Aber wir sind dabei auf einem guten Weg.

WELT: Haben deutsche Nachrichtendienste und Sicherheitsbehörden inzwischen genügend rechtliche und technische Möglichkeiten, um solche Angriffe frühzeitig zu erkennen?

Diehl: Die Technik ist meist gar nicht das Problem – aber die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen der aktuellen Bedrohung unbedingt angepasst werden! Und das geschieht ja jetzt auch. Es sollte übrigens meines Erachtens nicht nur darum gehen, solche Angriffe frühzeitig zu erkennen, sondern sie zu verhindern. Und nach Möglichkeit sogar vor solchen dreisten, gefährlichen Angriffen abzuschrecken. Dazu müssten wir dem Aggressor – dem Kreml – zeigen, dass wir selbst auch hybrid agieren können. Und zwar nicht nur passiv, also durch Verbesserung unserer Schutzmaßnahmen und unserer Resilienz, sondern auch aktiv.

WELT: Wie gelingt es Russland, trotz Sanktionen und internationaler Aufmerksamkeit weiterhin operative Netzwerke in Europa aufzubauen?

Diehl: Die russischen Geheimdienste – und die sind im hybriden Krieg die wichtigsten Akteure – sind halt Profis. Gerade die Arbeit mit „Wegwerfagenten“ zeigt ein hohes Maß an Flexibilität, dem man schwer mit klassischen Maßnahmen der Spionageabwehr beikommen kann.

WELT: Wird die Bedrohung durch hybride Angriffe in Politik und Öffentlichkeit noch immer unterschätzt?

Diehl: Leider ja. Wir glauben, solange keine Panzer rollen oder Raketen fliegen, befinden wir uns im Frieden. Die Russen sehen das ganz anders, für die sind die Grenzen zwischen einem militärischen und einem nicht-militärischen Krieg fließend. Der Kreml will uns seinen Willen aufzwingen, unsere Unterstützung für die Ukraine beenden, seine Vorherrschaft über die zerfallene Sowjetunion und die ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten wiederherstellen, und die Amerikaner aus Europa herausdrängen.

Diese Ziele militärisch anzustreben, davon lässt der Kreml sich noch abschrecken, dazu sind die Russen nicht in der Lage. Damit das so bleibt, müssen wir in Deutschland und Europa unsere Verteidigungsfähigkeit weiter stärken, da sind wir auf einem guten Kurs. Aber nicht-militärisch, also durch hybride Angriffe, tun die Russen heute schon alles, um ihre Ziele zu erreichen. Und wir begreifen das erst ganz allmählich. Und sind vor allem weit davon entfernt, die Russen auch von hybriden Angriffen abzuschrecken, so, wie uns das im Militärischen ja gelingt.

WELT: Was müsste die neue Bundesregierung kurzfristig tun, um Deutschland widerstandsfähiger gegen Sabotage und verdeckte Einflussoperationen zu machen?

Diehl: Gegen Sabotage helfen nur gestärkte Sicherheitsbehörden. Gegen verdeckte Einflussoperationen: Aufklärung – im doppelten Sinne des Wortes, also „aufklären“, wer dahinter steckt, und die Bevölkerung „aufklären“, was da wirklich läuft. Aber gestärkte Widerstandsfähigkeit reicht meines Erachtens nicht aus: Wir müssen den Aggressor davon abhalten, solche Angriffe überhaupt durchzuführen. Und das schaffen wir am besten, indem wir ihn davon „abschrecken“, also indem wir die Kosten für den Aggressor selbst erhöhen.

Oder besser gesagt: Indem wir dem Aggressor überhaupt erst Kosten für seine Tat auferlegen. Denn im Moment kann Russland Sabotage- und Desinformationskampagnen vollkommen ohne Risiko immer wieder versuchen. Schlimmstenfalls wird mal etwas aufgedeckt und zugeordnet, also „attribuiert“, und der Botschafter wird einbestellt und getadelt. Oder ein „Wegwerfagent“ wird festgenommen, das tut dem Kreml nicht weh.

WELT: Wenn sich der Leipziger Vorfall tatsächlich als gezielte Sabotage herausstellen sollte: Welche Botschaft würde ein solcher Angriff an Deutschland, die Ukraine und die Nato senden?

Diehl: Aufwachen! Spätestens dieser zum Glück (und nur mit Glück!) verhinderte Anschlag zeigt, dass wir nicht mehr im Frieden sind, sondern längst in einem hybriden Krieg mit Russland.

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