„Ein kleiner Junge meinte: ‚Ich gehe jetzt nach Israel und schieße alle tot’“
„Herr Lehrerin“ hat längere Zeit Erwachsenen Deutsch beigebracht, bevor er vor vier Jahren begonnen hat, Willkommensklassen zu unterrichten. Sein Pseudonym ist der Name, den ihm die Kinder in seiner Klasse gegeben haben. Er wolle durch sein anonymes Auftreten vor allem seine Schüler schützen, auch, weil er sich sicher sei, mit seiner Art mancherorts anzuecken, sagt er.
WELT: Sie haben als Quereinsteiger in Ihren Job gefunden – was hat Sie überrascht?
„Herr Lehrerin“: Viele denken, in Willkommensklassen seien ausschließlich geflüchtete Kinder – das ist nicht der Fall. Gerade unterrichte ich auch ein koreanisches Mädchen, dessen Vater Werbeproduzent ist. Die Hintergründe sind bunt gemischt.
Ich habe nicht mit so extremen disziplinarischen Herausforderungen gerechnet. Es gibt Kinder mit Gewalttendenzen oder psychischen Problemen, an die ich kaum herankomme. Im Grundschulbereich ist das zum Glück meist noch händelbar. Meine große Erkenntnis war, dass nur Ruhe hilft. Der Lehrer, der auf den Tisch haut – das fruchtet nicht. Das wäre ja eine einfache Lösung – aber man muss sich schon auf die Kinder einlassen.
WELT: Sie sprechen von einer Kombination aus westdeutscher Kuschelpädagogik und postsowjetischer Autorität. Ist das Ihr Erfolgsrezept?
„Herr Lehrerin“: Ich lerne von meiner ukrainischen Kollegin, mit einer gewissen Autorität aufzutreten. Aber man lernt keine Sprache, weil man dazu gezwungen wird, sondern weil man Lust darauf hat. Ich bekomme von Kolleginnen gesagt, es helfe, dass ich ein Mann bin. Ich werde von präpubertären Jungen aus patriarchalen Strukturen vielleicht ernster genommen.
Es gibt Schüler, bei denen es tatsächlich einen Effekt hat, wenn ich laut werde. Die kennen das. Aber ich sehe diese Kinder dann in sich zusammenfallen: Die haben Angst vor mir. Das will ich nicht. Anfangs war ich voreingenommen gegenüber Ansätzen à la: „Ich bin okay; du bist okay“ im Gesprächskreis. Aber das funktioniert: Man muss zunächst schauen, dass alle überleben, und sie dann zu Wort kommen lassen.
WELT: Können Sie ein Beispiel sagen?
„Herr Lehrerin“: Einmal habe ich gefragt: „Warum wird jemand wütend? Ich bin manchmal aggressiv, wenn ich traurig bin.“ Dann gucken die mich an, als wäre ich völlig verrückt – und fangen an, darüber zu reden: „Vielleicht hat er keine Freunde in der Klasse.“
Wir verbringen auch viel Zeit damit, über Beleidigungen zu sprechen. Die Lebenssituationen einiger Kinder sind so fragil, dass sie sich maximal verteidigen müssen. Das eskaliert, sobald Mutter oder Familie erwähnt werden. Ich versuche langsam zu trainieren, dass man das nicht so ernst nehmen muss.
WELT: Hat dieses Vorgehen einen langfristigen Effekt?
„Herr Lehrerin“: Die Kinder sind ja nur vorübergehend bei uns, viele mit unsicherer Bleibeperspektive und ungewisser Zukunft. Aber wenn zu Hause aggressive Umgangsformen herrschen, lernt das Kind bei mir zumindest etwas anderes kennen. Den humorvollen Umgang miteinander übernehmen einige tatsächlich sehr schnell.
WELT: Spielen Herkunft und Religion eine große Rolle?
„Herr Lehrerin“: Vor kurzem kam eine Schülerin, deren Freundin religiös ist, plötzlich auch mit Kopftuch in die Schule. Bei mir lief sofort der Film: „Das arme Mädchen darf seine Haare nicht mehr zeigen!“ Zwei Monate später kam sie wieder ohne Kopftuch. Meine Tochter meinte: „Das ist doch normal: Mal trägt man Hut, mal nicht.“ So unverkrampft ist es sicher nicht immer, aber vielleicht sollte man zumindest manchmal etwas entspannter auf die Dinge schauen.
Anfangs dachte ich, die unterschiedlichen Nationalitäten würden ein Riesenproblem werden – wurden sie aber nicht. Einmal weinte ein tschetschenischer Junge, weil die Ukraine gerade mit Drohnen zurückgeschlagen hatte. Ich habe ihn getröstet, mache aber kein politisches Fass auf, mit einer Ausnahme: Israel und Gaza waren ein aufgeheiztes Thema, vor allem bei den muslimischen Kindern. Es hieß, die Israelis würden alle Kinder töten. Das kann ich politisch nicht aufarbeiten, aber zumindest ein wenig geraderücken. Ich habe israelische Freunde mit Kind, die nach Deutschland gezogen sind – in einigen Willkommensklassen dürfte das sicherlich nicht angenehm sein; bei ihnen lief aber alles gut.
WELT: Wie fängt man Narrative über Israel ein, wenn man mit kleinen Kindern spricht, deren Familien vielleicht sogar betroffen sind?
„Herr Lehrerin“: Ein kleiner Junge meinte mal: „Ich gehe jetzt nach Israel und schieße alle tot.“ Den habe ich zur Seite genommen und ihm erklärt, dass er das sicherlich nicht machen wird, dass das genauso Menschen sind wie wir und dass das ein Problem ist, das wir beide nicht verstehen – sein Ansatz aber sicher nicht der richtige ist. Sie kennen meine Haltung: Ein Mädchen malte die israelische Fahne in einer verunglimpften Form, versteckte die aber ganz schnell, als ich an den Tisch kam.
Abgesehen davon spielen Politik und Religion kaum eine Rolle. Die Kinder machen sich eher darüber lustig. Zu Ramadan zum Beispiel zogen sie sich untereinander damit auf, sie dürften kein Wasser trinken. Da muss ich gegebenenfalls eingreifen, damit niemand gemobbt wird – normalerweise haben die Kinder aber viel Humor.
WELT: Gibt es andere Themen, die eine größere Rolle spielen?
„Herr Lehrerin“: „Gay“ ist nach wie vor das beliebteste Schimpfwort. Ich thematisiere Homosexualität immer wieder – was zu Unglauben führt, wenn ich erzähle, dass es in Deutschland normal ist, wenn zwei Männer heiraten. Dann werden Witze darüber gemacht, wie man sie auch von homophoben deutschen Männern kennt – aber das Thema endet mit dem Spruch: „Das ist normal in Deutschland.“ Das ist noch keine gelebte Toleranz, aber ein erster Schritt dahin.
Ich versuche, Werte eher mit Humor zu vermitteln. Moderne Aufklärungsbücher mit expliziten Darstellungen sind für meine Schüler völlig skurril. Manche sind schockiert, andere amüsiert – aber wenn man über dieses Amüsement an das Thema herankommt, hat man sie schon fast. Man muss sich vor Augen halten, dass die zum Teil aus Kulturen kommen, wo Homosexualität Teufelszeug ist. Man kann nicht erwarten, dass sie ihre Einstellungen von einem auf den anderen Tag ändern.
Bestimmte Sprüche zu skandalisieren, bringt nichts; dann macht das Gegenüber nur zu. Ich nehme die Kinder lieber auf den Arm. Ein Spruch lautet: „Wer dies oder jenes macht, ist gay.“ Manchmal übernehme ich das: „Wer gay sagt, ist gay.“ Das ist vielleicht nicht politisch korrekt – aber ich finde, wenn es hilft, ein Gespräch anzustoßen, kann man das trotzdem so machen.
WELT: Sorgen Themen wie Homosexualität oder Israel für Stress mit den Eltern?
„Herr Lehrerin“: Komischerweise nicht. Entweder erzählen die zu Hause nichts oder die Eltern denken, ihre Kinder hätten mich falsch verstanden. Aber die Eltern sind normalerweise nicht das Problem; die meisten sind sehr dankbar.
Manchen muss ich erst nahebringen, dass ein Schulbesuch etwas Sinnvolles ist: Es gibt Kulturen, in denen das Familienumfeld viel wichtiger ist als Bildung. Wenn die Kinder in die Schule kommen, ist das dann schon die halbe Miete.
WELT: Wie motiviert man Kinder?
„Herr Lehrerin“: Fremdspracherwerb funktioniert besser über Kommunikation und positiven Umgang als über eine überkorrekte Fehlerkultur. Wir machen viel Musik; und es ist gut, dass die Kinder untereinander oft nur Deutsch sprechen können.
Die Kinder haben außerdem eine gemeinsame Wirklichkeit, zu der ich wenig Zugang habe: das Internet, wobei viele sicher zu viel Zeit am Handy verbringen. Schön ist aber, dass sie so in Kontakt bleiben, sogar dann, wenn jemand gar nicht mehr in Deutschland ist.
WELT: Beschäftigt Sie, was aus den Kindern wird, nachdem sie Ihre Klasse verlassen?
„Herr Lehrerin“: Am Anfang hatte ich dieses romantische Bild: Irgendwann haben sie es geschafft; dann denken sie an mich und erwähnen mich in ihrer Nobelpreisrede. Aber es ist gut, wenn sie irgendwann die Klasse verlassen, weil sie gut genug Deutsch sprechen. Das sollte auch nicht zu lange dauern. Darauf muss man etwas achten, weil manchmal auch Kinder mit Lernproblemen bei uns geparkt werden, die sonst nirgendwo untergebracht werden können.
Es klingt für mich immer absurd, wenn von fehlenden Deutschkompetenzen ganzer Klassen die Rede ist, in denen kein normaler Unterricht möglich ist. Man müsste da doch sofort reingehen und ohne Ende Deutsch-als-Zweitsprache-Lehrer einstellen. Aber das passiert nicht – wahrscheinlich aus finanziellen Gründen.
Natürlich kann die Politik nicht vorhersehen, wann der nächste Krieg und die nächsten Flüchtlingswellen kommen. Dennoch muss besser mit diesen Kindern geplant werden – auch, wenn das sicherlich schwierig ist.
In seinem neuen Buch „Komm, ist Spaß, Herr Lehrerin“ (Heyne) erzählt er von lustigen, schwierigen und emotionalen Momenten im Schulalltag.
Politikredakteurin Uma Sostmann schreibt über gesellschaftspolitische Themen.
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