Der Kontrollverlust von Ceuta
Als der Ansturm am Donnerstag einsetzte, standen den Hunderten Migranten nur rund 55 Beamte in vorderster Linie gegenüber. So zumindest lauten die Schätzungen der Guardia-Civil-Vereinigung Jucil: 40 Beamte der Guardia Civil und 15 der Policía Nacional.
Kurz vor 13 Uhr tauchten am Wellenbrecher von Tarajal laut „El Mundo“ rund 1000 Menschen auf. „Aus polizeilicher Sicht ist es materiell unmöglich, die Lage unter Kontrolle zu bringen“, sagte Rachid Sbihi, Generalsekretär der Guardia-Civil-Berufsvereinigung AUGC in Ceuta, der Zeitung. „Die Stadt befindet sich derzeit in einem Zustand des völligen Chaos.“
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Bis zum Freitagvormittag hatten nach Angaben des spanischen Innenministeriums binnen 24 Stunden rund 49.000 Migranten die Grenze von Marokko in die spanische Exklave überquert. Am Freitagnachmittag sprachen die Behörden schon von 60.000. Am späten Donnerstagabend hatte die spanische Regierung das Militär an die Grenze geschickt.
Mindestens 34 Menschen starben bei dem Versuch, Ceuta zu erreichen. Viele seien ertrunken, andere im Gedränge am Wellenbrecher ums Leben gekommen, sagte Sbihi. Er sprach von einer „schweren humanitären Krise“.
Die Personalstärke im Hochsommer sei „drei- oder viermal geringer, als man für so etwas bräuchte“, sagte David Gómez, Kommunikationssekretär von Jucil in Ceuta. Ausgeholfen habe der Servicio Marítimo der Guardia Civil mit etwa 15 Booten, von denen mehrere nicht einsatzfähig waren – einige mit Wassereinbrüchen, andere mit Schäden. Das Innenministerium verwies auf Doppelschichten, auf Eingreifkräfte aus Sevilla und auf Verstärkungen bis zu einer Sollstärke von 200 Beamten. Vollständig vor Ort war dieses Kontingent laut „El Mundo“ nicht, als der Andrang begann. Am späten Donnerstagabend entsandte das Ministerium laut „Euronews“ 60 Soldaten und 200 Polizei-Spezialkräfte.
Es geht um die „Verhinderung von Ausschreitungen“
Mehr als Eindämmung war offenbar nicht möglich. Die spanische Polizeigewerkschaft Jupol berichtet, dass sich ihre Bemühungen auf die „Verhinderung von Ausschreitungen“ konzentrierten.
Ein Versuch, den Zustrom zu stoppen, hätte die Sicherheit der Beamten selbst gefährdet. Unter den Ankommenden seien neben jungen Männern auch Mütter mit Kleinkindern auf dem Rücken und Hochbetagte gewesen, sagte Gómez; man habe ihnen zu erklären versucht, wohin sie gehen sollten, „aber sie haben Angst, dass wir sie zurückschicken, hören nicht auf uns und laufen weg“.
Nach dem Massenansturm auf Ceuta fordert Migrationsexperte Gerald Knaus Marokko zur Kooperation auf. Die EU müsse geschlossen auftreten: „Das Wichtigste wäre, Abkommen mit sicheren Drittstaaten zu schließen.“Einige Migranten rufen „Viva España“
Am Freitag kamen weitere Menschen über die Grenze. Die verlegten Soldaten seien vor allem damit beschäftigt, Verletzte zu versorgen und humanitäre Aufgaben zu übernehmen, sagte Sbihi. Tausende Migranten, darunter unbegleitete Minderjährige, hätten keine Unterkunft und schliefen in Parks oder auf Bürgersteigen, andere liefen orientierungslos durch die Straßen. „Es ist chaotisch.“
Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AP beobachtete in der Nacht zum Freitag, wie auf marokkanischer Seite weiter Menschen auf Ceuta zuhielten, während andere den Rückweg antraten. Einige riefen „Viva España“ („Hoch lebe Spanien“).
Regierungschef Sánchez: Angriff auf spanisches Staatsgebiet
Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez sprach von einem „Angriff“ auf das spanische Staatsgebiet. Er würde „das, was geschehen ist, als einen Angriff, eine Verletzung der territorialen Integrität Spaniens bezeichnen“, sagte der Politiker der sozialistischen Partei bei einem Besuch Ceutas am Freitag.
Freitagnachmittag in Ceuta: Premierminister Petro SánchezDer plötzliche Ansturm auf Ceuta ist Sánchez zufolge auf Gerüchte zurückzuführen, die von der Schleusermafia infolge eines aktuellen Gerichtsurteils in Spanien zur Einwanderung verbreitet worden seien. „Aus unseren Gesprächen mit den marokkanischen Behörden geht hervor, dass die Schleusermafia ein für sie vorteilhaftes Verständnis eines Urteils des Obersten Gerichtshofs verbreitet hat“, sagte er. Diese Auslegung habe sich „in den letzten Stunden wie ein Lauffeuer verbreitet“.
Sánchez bezog sich auf ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs von Anfang dieses Monats, wonach die sofortige Rückführung von Migranten, die die Grenze illegal überqueren, nicht für diejenigen gilt, die auf dem Seeweg ankommen.
Die Ereignisse wecken Erinnerungen an den Mai 2021, als innerhalb weniger Tage rund 10.000 Menschen aus Marokko und Ländern südlich der Sahara die Enklave erreichten.
Migranten überqueren die Grenze von Marokko in die spanische Exklave CeutaDer Migrationsforscher Gerald Knaus warnte im Gespräch mit WELT TV davor, die Vorgänge vorschnell zu deuten. „Es gibt ganz viele Theorien in den sozialen Medien, aber man muss da sehr aufpassen, nicht zu spekulieren“, sagte der Gründer der Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative. 2021 sei die Lage eindeutig gewesen: „Da war es glasklar, die Marokkaner waren unzufrieden mit der spanischen Außenpolitik.“ Damals sei es um die Westsahara und die Unabhängigkeitsbewegung Polisario gegangen. Ob Marokko auch diesmal aus außenpolitischem Unmut handele, sei offen. „Wir wissen es nicht.“
Möglich sei ein Zusammenhang mit Spaniens Annäherung an Algerien, den Rivalen Marokkos. Denkbar sei auch, dass Marokko die spanische Souveränität über das Gebiet infrage stelle – „bis jetzt hat es das nicht getan, es gibt keine Anzeichen. Die Spanier sagen, Marokko kooperiert.“ Eine Stellungnahme des marokkanischen Innenministeriums liegt bislang nicht vor.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nannte die Bilder aus Ceuta „schockierend“ und kündigte an, Rom sei zu „außergewöhnlichen Maßnahmen“ bereit, darunter „die Aussetzung des Schengen-Raums mit Spanien“. Spaniens Außenminister José Manuel Albares bestellte daraufhin den italienischen Botschafter ein.
InfografikKnaus wies den italienischen Vorstoß zurück. „Alle Europäer müssen ganz klar sagen: Die Schuld liegt nicht in Spanien.“ Bei der Überstellung irregulärer Migranten im Dublin-System kooperiere Spanien „besser mit Deutschland und Frankreich als jedes andere Land im Mittelmeer“. Im vergangenen Jahr habe Frankreich 1900 Menschen nach Spanien überstellt, Deutschland 900; nach Italien habe Frankreich keinen einzigen gebracht, Deutschland einen. Italien habe im vergangenen wie im laufenden Jahr mehr irreguläre Migration verzeichnet als Spanien.
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