Schon um zwei Uhr nachts steigen polnische Kampfjets in die Luft
Die Bilder aus der Vogelperspektive zeigen das Ausmaß des Einschlags: Einen Durchmesser von etwa zehn Metern hat der Krater, fünf Meter tief soll er dem Staatsanwalt der Woiwodschaft Lublin, Grzegorz Trusiewicz, zufolge sein. In der Gemeinde Tarnawa-Kolonia, im Osten Polens, neunzig Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt, ist in der Nacht auf den 30. Juli ein mutmaßlich russisches Flugobjekt eingeschlagen.
Die Untersuchungen an der Einschlagstelle dauern an; es handelt sich um ein Feld, das mehrere Kilometer von der nächstgelegenen Bebauung entfernt ist. Niemand ist zu Schaden gekommen. Polens Premierminister Donald Tusk erklärte während einer Pressekonferenz in Lublin, dass es sich bei dem Flugobjekt wahrscheinlich um einen russischen Marschflugkörper vom Typ Ch-101 handle.
Das Gleiche sagte zuvor bereits der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha. Auch polnische Blogger gingen nach den ersten Fotos von der Einschlagstelle von einem russischen Marschflugkörper aus. Der Ch-101 ist ein luftgestützter Marschflugkörper, er wird also von Flugzeugen gestartet. Er kann auch nuklear bestückt werden, kann besonders tief fliegen und verfügt über Tarnkappentechnologie.
Aufgrund von Täuschkörpern, sogenannten Flares, ist er unter Umständen schwer abzufangen. Der Ch-101 gilt als moderner Marschflugkörper; er wurde erst in den 2010er-Jahren vom russischen Militär eingeführt. Darauf, dass er ausschließlich von Russlands strategischer Bomberflotte eingesetzt wird, verwies auch noch mal der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski auf X, um möglichen russischen Desinformationskampagnen oder Spekulationen vorzubeugen, dass es sich um einen ukrainischen Flugkörper gehandelt haben könnte.
Der polnische Premierminister Donald Tusk bei einer improvisierten Pressekonferenz auf dem FeldImmer wieder werden nach dem Eindringen von Flugobjekten in den polnischen Luftraum Desinformationen in sozialen Netzwerken gestreut. Dabei wird häufig eine ukrainische Urheberschaft behauptet. Das Narrativ: Angeblich will die Ukraine Polen und die Nato in den Krieg hineinziehen.
Es ist nicht das erste Mal, dass ein Flugobjekt aus der Ukraine oder von Osten her in den polnischen Luftraum eingedrungen ist. Immer wieder schlagen polnische Systeme an, Abfangjäger der polnischen Luftstreitkräfte steigen dann vorsorglich auf, etwa wenn Russland den Westen der Ukraine angreift – so wie in der Nacht auf Donnerstag. Russland überzog Städte in der gesamten Ukraine mit Marschflugkörpern, Raketen und Drohnen. Es gab Tote und Verletzte.
Dass Marschflugkörper den polnischen Luftraum schneiden, also eindringen und wieder herausfliegen, ist nicht ungewöhnlich. Bisweilen fliegen sie weiter, schlagen dann in Polen ein. Unklar ist oft, ob es sich um einen vom Kurs abgekommenen Flugkörper oder um eine gezielte Provokation handelt.
Der bekannteste Fall dieser Art ist der vom Dezember 2022. Damals drang ein russischer Marschflugkörper vom Typ Ch-55 in den polnischen Luftraum ein und flog tief ins Land. Erst in Westpolen, in der Nähe der Großstadt Bydgoszcz, stürzte er ab. Er wurde im April 2023 geborgen – mit einer Verspätung also, was den damaligen Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak scharfer Kritik aussetzte.
Kurz zuvor, im November, stürzte eine ukrainische Flugabwehrrakete in der Ortschaft Przewodow in Ostpolen ab. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Als schwerste Verletzung des polnischen Luftraums gilt bislang das Eindringen von 19 russischen Drohnen im September 2025. Es gab keinen Toten oder Verletzten, Teile eines polnischen Abfangflugkörpers beschädigten jedoch ein Haus.
Damals wie auch beim jüngsten Fall war die polnische Luftverteidigung aktiv, im September im Verbund mit Nato-Kräften unter anderem aus den Niederlanden und Deutschland. Dabei scheint sich jetzt eine gewisse Routine eingestellt zu haben. Regierungschef Tusk bestätigte, dass die polnischen Luftstreitkräfte die Flugroute des Ch-101 verfolgten und jederzeit bereit waren, den Marschflugkörper abzuschießen.
Eine Hubschraubereinheit bestätigte den Absturz
„Es gab nie eine direkte Gefahr, da die Rakete in einer ‚unentwickelten‘ Gegend abgestürzt ist“, erklärte Tusk. Tatsächlich erklärte Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosinik-Kamysz, dass schon ab zwei Uhr polnische F-16-Maschinen in der Luft gewesen seien, also vor dem Eindringen des Marschflugkörpers in den polnischen Luftraum. Frühwarnsysteme in der Woiwodschaft Lublin waren aktiv, Aufklärungs- und Tankflugzeuge waren ebenfalls in der Luft.
Eine Hubschraubereinheit bestätigte später, nach drei Uhr, den Absturz des Ch-101. Experten waren sofort vor Ort. Dazu gingen in Lublin Sirenen an, um die Menschen zu warnen. Diese Maßnahme wurde indes von der Opposition kritisiert. Demnach seien viele Menschen mitten in der Nacht verunsichert gewesen, da sie nicht unmittelbar Informationen etwa auf ihre Handys bekommen haben und so nicht wussten, um was für eine Gefahrenlage es sich handelt.
Die Sprecherin des polnischen Innenministeriums, Karolina Galecka, erklärte in dem Zusammenhang auf eine Anfrage des Nachrichtensenders TVN24, dass in dem Moment, in dem eine Warnung über Handys hätte verschickt werden können, der Marschflugkörper bereits abgestürzt gewesen sei.
Der Sirenenalarm in Lublin wurde regional ausgelöst, ging also auf eine Einschätzung der Woiwodschaftsverwaltung zurück. Eine RCB-Meldung, so der polnische Sprachgebrauch, über Mobiltelefone hätte von Warschau aus gesteuert werden müssen. An dieser Stelle lag offenbar ein Problem bei der Abstimmung der Behörden vor.
Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.
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