„Es fühlt sich an, als würden wir verhöhnt“ – Dieses Szenario will Trump um jeden Preis verhindern
Cristian weiß, dass seine Mutter leblos unter den Trümmern liegt. Die einzige Frage ist, wo. Mit den Händen zeigt der jungenhaft wirkende 22-Jährige, wie das zwölfstöckige Gebäude, in dem er lebte, einstürzte, als Ende Juni zwei Erdbeben Venezuela erschütterten. Zuerst kippte es zur Seite. Dann faltete es sich in sich zusammen, „wie eine Blume, die sich schließt“, sagt er und krümmt dabei die Finger nach innen.
Als es geschah, war er im rund 30 Autominuten entfernten Caracas. Als er am frühen Morgen am Unglücksort eintraf, waren das Gebäude und seine Mutter verschwunden. Weil keine Rettungskräfte zu sehen waren, begann er selbst zu graben.
Einen Monat nach dem tödlichsten Erdbeben in Venezuela seit mehr als einem Jahrhundert haben persönliche Tragödien und eine Reaktion der Regierung, die viele für verpfuscht halten, die politischen Spannungen weiter verschärft. Für viele Venezolaner ist die Katastrophe zu einem Schlüsselmoment geworden.
Sie führt ihnen vor Augen, dass sie trotz der Gefangennahme Nicolás Maduros durch US-Truppen vor mehr als sechs Monaten noch immer unter demselben Regime leben, dem sie Jahrzehnte des Niedergangs anlasten.
„Die Katastrophe markiert ein Davor und ein Danach“, sagt Trino Márquez, Soziologieprofessor an der Zentraluniversität von Venezuela. „Von jetzt an wird es viel schwieriger sein, den Unmut in der Bevölkerung einzudämmen.“ Nach offiziellen Angaben wurden bei den Beben vom 24. Juni mehr als 5000 Menschen getötet und weitere 16.000 verletzt.
Noch immer gleicht die Region „einem Kriegsgebiet“
Diese Zahlen dürften allerdings eher zu niedrig angesetzt sein. Nasa-Satellitendaten deuten darauf hin, dass rund 58.000 Gebäude beschädigt oder zerstört wurden. Ein Bericht der Weltbank beziffert die Schäden an Sachwerten auf 19,6 Milliarden US-Dollar. Damit war es die tödlichste und wirtschaftlich verheerendste Katastrophe in Venezuela seit 1812.
Am härtesten traf es den Bundesstaat La Guaira, in dem es besonders viele Sozialwohnungen gibt. Sie waren infolge der katastrophalen Erdrutsche von 1999 errichtet worden, durch die die Region zum Synonym für eine der tödlichsten Katastrophen in der Geschichte des Kontinents wurde. Vier Wochen nach den beiden Beben gleicht die Küstenregion noch immer, wie ein Bewohner sagt, „einem Kriegsgebiet“.
Zerstörungen in VenezuelaDer Staub von zermalmtem Beton liegt in der Luft. Die verwesenden Leichen, die unter den Trümmern eingeschlossen sind, haben Fliegenschwärme angelockt. Die Landschaft ist übersät von Gebilden, die wie riesige Maulwurfshügel aussehen. Jeder Haufen besteht aus Beton, Bewehrungsstahl, persönlichen Gegenständen und menschlichen Überresten.
Dutzende Freiwillige, überwiegend Männer, durchsuchen die Trümmer. Viele haben kaum mehr als Handschuhe und Schaufeln – wenn überhaupt. Auf eine Leiche zu stoßen, gilt als Grund zur Freude. „Auch wenn sie nicht mehr bei uns sind, verdienen sie es, dort herausgeholt zu werden“, sagt die 24-jährige Lorena Laya.
Sie konnte ihre Stiefmutter und ihre jüngere Schwester aus den Trümmern bergen, sucht aber noch immer nach ihrem Vater und ihrem 15-jährigen Bruder. „Ich habe gesehen, wie manche ‚Profis‘ die Leichen herumwarfen oder sie ohne die nötige Sorgfalt behandelten. Sie mögen tot sein, aber sie verdienen einen respektvollen Umgang. Und die Überlebenden ebenso.“
Mehr als sechs Monate nach der Gefangennahme Nicolás Maduros durch US-Truppen ist das Erdbeben die bislang größte Bewährungsprobe für die Interimsregierung unter der amtierenden Präsidentin Delcy Rodríguez. Die Reaktion der Regierung hat zwei Seiten.
Zum einen hat sie das Land für Dutzende ausländische Journalisten, Hilfsorganisationen und US-Soldaten geöffnet. Die Ehrerbietung gegenüber den Besuchern – Rodríguez zeichnete Rettungshunde persönlich mit Medaillen aus – markiert einen deutlichen Bruch mit dem jahrzehntelangen Misstrauen gegenüber der Außenwelt.
Zum anderen verfiel sie gelegentlich wieder in Reflexe, die ein westlicher Diplomat scherzhaft als „Das Imperium schlägt zurück“ bezeichnete. Als ein spanischer Journalist die Präsidentin auf einer Pressekonferenz mit dem Vorwurf konfrontierte, die staatliche Hilfe sei nach dem Beben nur schleppend angelaufen, fuhr die sichtlich gereizte Rodríguez jene an, die angeblich versuchten, die Tragödie „zu politisieren“. Das sei schändlich, sagte sie.
Verbitterung über die Regierung
Innenminister Diosdado Cabello meldete sich auf Instagram zu Wort, um Journalisten, die die Reaktion der Regierung auf das Erdbeben kritisierten, als „bezahlte Propagandisten“ zu denunzieren, die „Desinformation“ verbreiteten. Doch in La Guaira und anderswo ist die Verbitterung über die Regierung weit verbreitet.
„Allein in dieser Gegend gibt es Tausende Polizisten und Angehörige anderer Sicherheitsorgane“, sagt ein Freiwilliger, der sich bei der Nationalgarde freigenommen hatte, um bei der Suche zu helfen. „Wenn jeder von ihnen auch nur zwei Stunden hier helfen würde, wären wir nicht in dieser Lage“, sagt er. Damit riskiere er seinen Arbeitsplatz, fügt er hinzu.
Mehrere Bewohner erzählen mit Genugtuung, wie sie den örtlichen Bürgermeister bei einem Besuch ausgebuht hätten – eine von mehreren offenen Wutbekundungen gegenüber Amtsträgern in den vergangenen Wochen. Ein im Internet weit verbreitetes Video zeigt Bewohner, die Rodríguez bei einem Besuch in einem der betroffenen Gebiete Ende Juni „Verschwinde!“ zurufen.
„Die Menschen haben ihre Angst verloren“, sagt der Soziologe Márquez. „Das könnte der Falkland-Moment der Delcy-Regierung sein.“ Er spielt damit auf den Krieg von 1982 an, der den Zusammenbruch der argentinischen Militärjunta beschleunigte, weil er sie in den Augen der eigenen Bevölkerung als unfähig entlarvte. Die USA allerdings scheinen entschlossen, Rodríguez durch die Krise zu bringen.
Kurz nach dem Beben sagte der US-Geschäftsträger John Barrett venezolanischen Medien, er habe „großes Vertrauen“ in den Umgang der Behörden mit der Katastrophe. US-Generäle haben Cabello bei Besuchen sogar die Hand geschüttelt, obwohl er weiterhin auf einer US-Fahndungsliste steht und sein früherer enger Verbündeter Maduro im Gefängnis sitzt. Das Weiße Haus versucht stattdessen, die Aufmerksamkeit auf für August geplante Gespräche zwischen der Regierung und ehemaligen, der Opposition nahestehenden Abgeordneten zu lenken.
Nach der Katastrophe versuchen die Menschen in Venezuela, den Alltag zu bewältigenBemerkenswerterweise wird Venezuelas populärste Oppositionsführerin María Corina Machado nicht daran teilnehmen. Mehreren Berichten zufolge hinderte das Weiße Haus sie daran, nach Venezuela zurückzukehren. Viele Venezolaner sagen zwar, sie begrüßten jeden noch so kleinen Schritt hin zu freien Wahlen. Zugleich äußern sie jedoch Zweifel daran, wie ernst es den USA mit Demokratie und wirklichem Wandel ist.
„Nach Maduros Gefangennahme im Januar waren wir voller Hoffnung. Doch sieben Monate später geht es nur noch um Ölverhandlungen und sonst nichts“, sagt eine Frau bei einer Kundgebung der Menschenrechtsgruppe Allianz für die Freiheit politischer Gefangener in Caracas. Seit die Regierung Anfang dieses Jahres ein neues Amnestiegesetz verabschiedete, wurden rund 700 Gefangene freigelassen. Hunderte andere sitzen jedoch weiter hinter Gittern.
„US-Diplomaten setzen sich mit genau denselben Leuten an einen Tisch, die unsere Angehörigen als Geiseln halten. Es fühlt sich an, als würden wir verhöhnt“, sagt die Demonstrantin verbittert. Sie möchte anonym bleiben, weil sie fürchtet, dass ihre Äußerungen Folgen für ihren inhaftierten Ehemann haben könnten. „Die Menschen erwarteten, dass Maduros Abgang einen raschen demokratischen Übergang einleiten würde“, sagt Márquez. „Das geschah nicht, weil es nicht Teil von Trumps Plänen war. In den Augen vieler Venezolaner diskreditiert das jedoch die Führung der USA.“
In La Guaira stößt ein Mann mittleren Alters, der neben einer Behelfsunterkunft sitzt, einen durchdringenden Schrei aus. Das könne nur eines von zwei Dingen bedeuten, sagt der Student Cristian. „Entweder überwältigt ihn das Ausmaß der Suche, oder er hat den Menschen gefunden, nach dem er gesucht hat“, sagt er sachlich. Mit jedem weiteren Tag, an dem die Leichen in der drückenden Hitze verwesen, sinkt die Chance der Suchenden, auf etwas zu stoßen, das auch nur entfernt dem Menschen ähnelt, den sie einst kannten.
Nach wochenlanger Suche fand eine Mutter schließlich ihren Sohn in den Trümmern – aber nur seinen Kopf. „Irgendwann nach all dem muss ich wohl zu einem Psychologen oder so“, sagt Cristian. Einen Tag zuvor hatte er zwischen den Trümmern eine Matratze erkannt und plötzlich Hoffnung geschöpft. Das bedeutete, dass er näher kam.
Eva Hartog berichtet für die WELT-Partnerpublikation „Politico“ aus Lateinamerika.
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